Eigentlich hat "der Führer" im Deutschen die Bedeutung "der Wegweiser" und kennzeichnet – wenn man die absolute Gehorsamkeit ausblendet – eine "positive" Eigenschaft eines Amtsinhabers.
Als ich gestern die Rede des Generalstabchefs hörte, musste ich an die Bezeichnung "der Führer" denken.
Denn General[-oberst] İlker Başbuğ schien seine Berufsbezeichnung, die übrigens fast seinem Nachnamen entspricht [Anm. d. Übersetzerin: 'başbuğ' bedeutet im Türkischen 'Oberbefehlshaber'] vergessen zu haben. Er überschritt die Grenze des "Armeegenerals" und sprach wie ein "Gesellschaftsgeneral".
Er schrieb Politikern, Akademikern, Journalisten und Staatsanwälten vor, was sie zu tun haben; er schmähte jeden, der sich Mühe gab, die dunklen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit dieses Landes ans Tageslicht zu bringen; er befahl uns allen, wo wir stehen bleiben, wo wir hingehen und was wir nicht anrühren sollten.
Es schien so, als hätte Başbuğ vergessen, dass er "der Kommandant der Soldaten" ist und sprach so, als wäre er der Kommandierende über Politiker, Akademiker, Journalisten und Staatsanwälte dieses Landes, als wäre er der Führer und Wegweiser der Zivilisten.
Sein "Tarnanzug" stand Başbuğ wirklich, aber seine Worte passten nicht zu dieser Uniform und einem General, sie gaben ihm eine faschistoide Haltung, die "den Führer" herausstellte.
In Wirklichkeit beschränkt sich in einer "Demokratie" die Macht eines Generals in Uniform, der Oberbefehlshaber hunderttausender Soldaten mit schweren Waffen ist, nur auf das Militär…
In Demokratien können Generäle nur dann zu guten Führern oder angesehenen Wegweisern werden, wenn sie Rücksicht auf diese Grenzen nehmen.
Denn, jedes Wort oder jede Haltung wirkt asymmetrisch, wenn sie diese Grenze überschreitet und auf Zivilisten zielt. Eine Person, die Waffen und eine Armee hinter sich hat, sollte sich von politischen Äußerungen und Eingriffen ins zivile Leben fernhalten, weil ihre Äußerungen und Eingriffe eine asymmetrische Kraft besitzen.
Leider bewies Başbuğ mit seiner gestrigen Rede ein weiteres Mal, dass er die demokratischen Grenzen nicht wirklich akzeptieren möchte…
Genau wie in der Vergangenheit wies Başbuğ die Zivilisten dreist "zurecht" mit seiner Rede, die außer haltlosen Vorwürfen und unrechtmäßigen Befehlen auch eine schwere und gefährliche Symbolik enthielt.
Was "haltlose Vorwürfe" angeht, startete der General eine Schmutzkampagne gegen diejenigen, welche die fahrlässigen Handlungen der TSK [trk. Streitkräfte] und ihre Eingriffe in zivile Lebensbereiche kritisieren, warf ihnen "Vorurteile" und "Lügen" vor und behauptete, die Kritiker würden "ihr Volk nicht lieben".
Ziel der "unrechtmäßigen Befehle" Başbuğs waren Journalisten, Akademiker, Politiker und Staatsanwälte.
Man merkt dem General sichtlich an, dass er sich darüber aufregt, dass nun wieder über "die Sache mit den 33 Soldaten" recherchiert wird, die nach dem kürzlichen PKK-Angriff in Reşadiye [Hauptort des gleichnamigen Landkreises in der zentralanatolischen Provinz Tokat] an Aktualität gewann [gemeint ist ein PKK-Anschlag in Çewlik, türk.: Bingöl, aus dem Jahre 1993, der immer noch nicht vollkommen aufgeklärt wurde]. Darüber sagte der General: "Nur PKK-Unterstützer bringen derartige Anschläge mit der TSK in Verbindung. Jedoch sollen weder Politiker, noch Akademiker und die Medien, solche Verbindungen behaupten oder dementsprechende Anspielungen machen".
Als hätte das nicht gereicht, feuert er mit der folgenden Aussage auf jene Staatsanwälte, welche gegen Ergenekon und den "Aktionsplan zur Bekämpfung der Fortschrittsfeindlichen" [Sabotagepläne gegen die AKP-Regierung seitens einiger Militärs] sowie gegen den Aktionsplan "Käfig" [Militärs sollen Mordanschläge auf Christen und Juden geplant haben, um sie den Anhängern der AKP in die Schuhe zu schieben] ermitteln: "Justizbehörden sollten bezüglich Anzeigebriefen und Aussagen von anonymen Zeugen vorsichtiger sein; in solchen Fällen sollte es zu einem Informationsaustausch zwischen ihnen und der TSK kommen, das Gegenteil könnte zu Konflikten zwischen den Behörden führen".
Als wäre die Zusammenarbeit mit den Staatsanwälten nicht seine Aufgabe. Als hätten wir Äußerungen wie "Zettel" [so wurde Beweismaterial von Ilker Başbuğ genannt] und "Rohre" [so bezeichnete Ilker Başbuğ ausgegrabene Panzerabwehr-Abschussvorrichtungen] nicht von ihm gehört. Als wüsste die Bevölkerung nicht, was in Şemdinli abging [kurd. Şemdinan, Kreisstadt in der Provinz Colemêrg, türk.: Hakkâri. JITEM, der Nachrichtendienst der türkischen Gendarmerie, verübte dort 2005 einen Bombenanschlag auf einen Buchladen]. Als hätten wir seinen bedeutsamen Besuch bei einem Ergenekon-verdächtigen Kommandanten vergessen.
Başbuğ wird wohl gedacht haben, wir hätten all das vergessen; so hat er uns für den Fall, dass wir es "möglicherweise nicht verstehen", die Symbolik des ausgesuchten Ortes für seine mündliche Note noch einmal deutlich gemacht: "Es hat einen bestimmten Grund, weshalb ich mich auf der Fregatte "Oruç Reis" zur asymmetrisch-psychologischen Kriegsführung äußere. Ich nehme an, jeder weiß, was ich offen sagen möchte". Damit grüßte er die "Junta"-Häftlinge der Marine…
Wer den Gruß des Paschas erwidern möchte, soll dies tun, wer sich an seine Befehle halten möchte, soll dies tun, aber..
Es tut uns leid, wir können ihn nicht mit “heil” begrüßen.
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Dieser Kommentar von Yasemin Çongar erschien unter dem Originaltitel "Der Führer" am 18. Dezember in "Taraf". Für Kurdmania aus dem Türkischen übersetzt von Anatolie.
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