Ein persönlicher Rückblick in die 1950-er Jahre nach der Lektüre eines aktuellen Zeitungsartikels: Sollten Kinder oder gar Ausländer von einem Staatsstreich erfahren? Oder, schlimmer noch von einem Pogrom? Das könnte ja den Glauben an die Güte und Größe der nationalen Führer erschüttern. Und Ausländer, gar ausländische Kinder: die ziehen dann eventuell jetzt oder später die Ehrenhaftigkeit unserer Staatsführer oder die internationale Kreditwürdigkeit unseres Staates in Zweifel.

Daran sollten wir uns immer dann erinnern, wenn unser Staat Anstalten macht, die Religiösität unserer Mitmenschen in der einen wie der anderen Richtung unnötig zu dirigieren, aber auch, wenn ein riesiger Damm gebaut werden und unter anderem damit die Zeugnisse der Geschichte eines ungeliebten Volkes in den Grenzen des Staates ausgelöscht oder vergessen gemacht werden sollen:


 Das Leichentuch des Adnan Menderes und Erdoğans Jackett

Von Orhan Kemal Cengiz
Turkish Daily News, Sonnabend 29. März 2008

In diesem Lande wurde ein demokratisch gewählter Ministerpräsident hingerichtet, bevor man Straßen und einen Flughafen nach ihm benannte. Dies ist das Land, wo die Menschen ihren Ministerpräsidenten zuerst enthusiastisch feierten, um ihn dann in die Hände einer Militärjunta fallen zu lassen.

Vor 47 Jahren wurde Adnan Menderes hingerichtet. Die Militärjunta war über Menderes so verärgert, dass sie ihn jede mögliche Art von Erniedrigung erleiden ließen. Er musste eine (gründliche) medizinische Untersuchung über sich ergehen lassen, bevor er gehängt wurde. Die Junta wollte sicher gehen, dass er "fit" war für die Hinrichtung. Man unternahm sogar eine Rektoskopie, damit die Ärzte bestätigen konnten, dass der gestürzte Ministerpräsident kein Problem mit der Prostata-Drüse hatte, gerade bevor er gehängt wurde!  

Was bewirkte diesen Groll der Militärjunta gegen ihn? War es wegen seiner anti-demokratischen Tendenzen? Keineswegs. Denn schließlich hatte die "Demokratische Partei", die Menderes anführte, all diese antidemokratischen Tendenzen irgendwie geerbt aus der Zeit gerade jener Ein-Parteien-Periode, welche die Militärjunta gerade wieder herstellen wollte. Worum ging es also wirklich?  

Menderes war sehr populär, die Menschen liebten ihn! So etwas finden unsere "Eliten" untragbar! Sie werden nicht geliebt. Sie werden gefürchtet, und das betrachten sie als angemessen im Rahmen ihrer Beziehung zur (übrigen) Gesellschaft. Sie möchten, dass die Gesellschaft sie fürchtet, weil sie selbst eine tödliche Angst vor dieser Gesellschaft haben. Und doch, sie verstehen nicht, warum die Leute sie nicht lieben! Sie reden immer über Feinde! Sie veruchen immer der Gesellschaft Angst einzujagen! Sie haben keinen Respekt für die Wünsche der Leute!  

Sie beleidigen die Menschen, sie denken die Menschen, die das Staatsvolk der Türkei ausmachen, seien ungebildete Bauern, die geführt werden müssen. Wenn man diese "ungebildeten Leute" frei (entscheiden) lässt, könnten sie ja irgendwelchen "umstrittenen" Führern folgen und falsche Richtungen einschlagen! Die Gesellschaft sollte immer unter strenger Kontrolle gehalten werden. Menschen, welche von diesen Leuten geliebt werden, sind sehr gefährlich, weil sie die Gesellschaft auf Abwege führen und in gefährliche Untiefen locken könnten. Gefährlich für wen, für die Gesellschaft? Nein, aber natürlich für die "Eliten"!  

Nun hat Recep Tayyip Erdoğan unsere Eliten sehr verärgert. Sie wünschten, dass sie ihn aufhängen könnten, wie sie es mit Menderes gemacht hatten. Aber "unglücklicherweise" sind die (äußeren) Bedingungen dafür nicht günstig. Die Außenwelt schaut zu penibel auf die Türkei. Sonst würden sie ihn wohl hängen, um der Gesellschaft eine ernsthafte Lektion zu erteilen. Erdoğans "Sünden" sind schließlich größer als die von Menderes begangenen. Schließlich kommt Erdoğan aus der untersten Schicht dieser Gesellschaft. Er ist der Sohn eines armen Mannes; er wuchs auf als Straßenkind! Und was das schlimmste ist: die Menschen lieben ihn. Der Fehler liegt in seiner "Existenz". Er hat nichts falsch gemacht. Aber es ist falsch, dass es ihn gibt, ebenso wie seine Wähler. Sie alle sind ein Fehler. Aber den werden unsere staatlichen Eliten sicher schon bald korrigieren.  

Erdoğans Jackett  

Ich hatte Erdoğan persönlich vor knapp 10 Jahren getroffen. Das war das erste und letzte Mal, dass ich Angesicht zu Angesicht zu ihm sprach. Er sollte gerade eine Haftstrafe antreten wegen des berüchtigten Gedichtes, welches er in Siirt zitiert hatte. Er lud mich ein, mögliche Strategien für eine Revision seines Falles vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit seinen Beratern zu diskutieren. Vor dem Treffen gab es eine kurze Pause, in welcher Zeit für mich war zu einem freundlichen Plausch mit seinen Beratern. Ich wollte gern herausfinden, was sie über dieses hässliche Ereignis dachten, wie sich fühlten, dass ihr Anführer bald daruf ins Gefängnis gehen müsste. So fragte ich einen seiner Berater: "Ist dies das Ende der politischen Laufbahn von Hernn Erdoğan?" Denn infolge der Gefängnisstrafe würde ihm politische Betätigung verboten werden. Sein Berater war scheinbar ein großer Erdoğan-Fan und sagte mir: "Niemand kann Erdoğans politischen Werdegang abwürgen; wenn er nur seine Jacke schwenkt, macht er Politik." Der Berater war im Recht. Erdoğan kam aus dem Gefängnis und wurde Ministerpräsident.  

Aber "das System" will ihn wieder einmal aus der Politik herausnehmen. Man möchte ihn auf eine symbolische Art hinrichten. Man denkt, wenn man den Hirten schlägt, wird die Herde auseinander laufen. Wird das so sein? Ich weiß es nicht. Aber eins weiß ich auf jeden Fall: Sie wollen ihn von seiner Partei und ihren Wählern trennen und uns unser naturgegebenes Recht nehmen, ihn für seine Fehlhandlungen zu kritisieren! Sie sollen nicht vergessen, dass es viele Menschen mit einem Gewissen in diesem Lande gibt und dass sie zahlreicher sind als jene Opportunisten, die einen politischen Rivalen aus dem Weg räumen wollen, den sie nicht schlagen können, wenn sie das Politikspiel anständig und ehrlich betreiben. 


Quelle:  Turkish Daily News, 29.04.2008 (Übersetzung aus dem Englischen von Karl G. Mund) 


Amos erinnert sich:
Vor rund 50 Jahren, eben zur Regierungszeit des Adnan Menderes, war eine frühere Kollegin meines Vaters als Gouvernante im Hause eines Istanbuler Bauunternehmers beschäftigt, der überwiegend für öffentliche Auftraggeber arbeitete. Seine Söhne sollten vernünftig Deutsch lernen, damit sie das Deutsche Gymnasium in Istanbul erfolgreich absolvieren konnten. Zu diesem Zwecke brachte "Onkel Abdülhak" die beiden Kinder auch manchmal in den großen Ferien zu uns und später besuchte meine "kleine Schwester" die Familie in Istanbul. Aber wenn Onkel Abdülhak zu Besuch kam, wurde natürlich nicht über Politik gesprochen, vor allem nicht, wenn wir Kinder dabei waren. Aber natürlich fiel der Name Menderes öfter in solchen Gesprächen, da mein Vater eben auch immer viel über Politik erfahren wollte. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass je ein schlechtes Wort über Menderes fiel.  

Bevor ich heute diesen Text übersetzte, las ich ihn "roh" meinem Freund Ereb vor. Der Name "Menderes" sagte ihm gar nichts, schließlich hing der ja auch lange vor Erebs Geburt am Galgen auf İmralı (!!!) Genauso wenig wie der des Generals Cemal Gürsel, der Gallionsfigur jenes Putsches vom 27. Mai 1960, der bald danach zum Präsidenten der TC gewählt wurde. Ich wusste zu jener Zeit ja trotz aller Besuche aus und in Istanbul auch kaum mehr als diese Namen, denn natürlich sprach Onkel Abdülhak auch nach dem Putsch in meiner Gegenwart nicht darüber, obwohl ich da als 16-jähriger durchaus schon einiges verstanden hätte. Und er sprach natürlich auch nicht über die Nacht vom 6. auf den 7. September 1955, als unter tatkräftiger Mithilfe der Regierung Menderes fast vor Onkel Abdülhaks Haustür in der Spor Çaddesı in Beşiktaş in diesem staatlich gelenkten Pogrom zwar nur 11 oder 15 Menschen getötet, jedoch ca. 3500 Wohnungen und über 4000 Läden zerstört wurden, durchaus vergleichbar mit dem "Vorbild" vom 9./10. November 1938 in Nazi-Deutschland, auch wenn das quantitativ natülich weit schlimmer war. Allein aufgrund dieser Untat hätten viele Menschen in Istanbul Grund gehabt, dem Ministerpräsidenten den Henkersstrick zu wünschen. Stattdessen wurde er 2 Jahre später wiedergewählt, wenn auch mit knapperer Mehrheit. Es kann darum auch nicht meine Aufgabe sein, ihm hier viele Tränen nachzuweinen. 

Wodurch wurde ihm dann aber doch der Strick gedreht? Nun er ging wohl, trotz ähnlicher Westorientierung wie R.T. Erdoğan mit der Wieder-Einführung des Gebetsrufs in Arabisch wohl doch einen (unüberlegten Schritt weiter als RTE, vor allem mit jener provokativen Begründung:

"Wir haben unsere bis jetzt unterdrückte Religion von der Unterdrückung befreit. Ohne das Geschrei der besessenen Reformisten zu beachten, haben wir den Gebetsaufruf wieder auf das Arabische umgestellt, den Religionsunterricht an den Schulen eingeführt und im Radio die Rezitation des Koran zugelassen. Der türkische Staat ist muslimisch und wird muslimisch bleiben. Alles, was der Islam fordert, wird von der Regierung eingehalten werden.“ (zitiert nach: [Ahmet N. Yücekök, Türkiye’de Örgütlenmiş Dinin Sosyo-Ekonomik Tabanı, Ankara 1971, S. 93], Übersetzung aus: Wikipedia, Hervorhebungen von Amos)

Notiz:

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