Einige türkische Intellektuelle starteten eine Unterschriftenaktion zum Gedenken an das Massaker an den Armeniern 1915.

Es gab unterschiedliche Reaktionen auf diesen Aufruf. Während einige sagten, dass ihnen auch leid tue, was geschehen war, sie sich aber als Person nicht für etwas  verantwortlich fühlten, woran sie nicht beteiligt waren, usw., haben einige Ultranationalisten unter uns heftig gegen den Aufruf angeschrieben und versuchten, milde ausgedrückt, die Unterzeichner als geistig unterbelichtet darzustellen.

Aber es gab eine Reaktion, die verdient  ins Rampenlicht gerückt und detailliert behandelt zu werden, nämlich die von der CHP-Abgeordneten Canan Arıtman aus Izmir.

Präsident Abdullah Gül wurde in der vergangenen Woche nach seiner Meinung zu der Aktion befragt und gab zur Antwort, dass es Redefreiheit im Lande gäbe und jede(r) zu  einer Meinungsäußerung berechtigt sei. Frau Arıtman betrachtete diese Stellungnahme als offizielle Zustimmung zu dem Aufruf und sagte, Herr Gül sollte für das trk. Volk sprechen und nicht für die armenische Nation. Dann sagte sie es gäbe wohl einen Grund für Herrn Güls sogenannte proarmenische Neigung und riet der Presse, nach den Vorfahren von Herrn Güls Mutter zu forschen, mit dem Hinweis, dass Herr Gül armenisches Blut in sich trüge.

Frau Arıtman tut der trk. Demokratie einen Dienst, wenn sie das Interesse auf das rassistische und faschistische Erbe ihrer Partei lenkt, der CHP, welche die ideologischen Nachfolgeorganisation der Partei für Einheit und Fortschritt (Ittihad ve Terakki) aus der osmanischen Ära ist. Diese Partei und ihre Führer – Enver Paşa, Cemal Paşa and Talat Paşa – gelten als verantwortlich für das Massaker an den Armeniern aus der östlichen Türkei, das zum Tode vieler Tausend dieser Armenier führte wegen der harten Lebensbedingungen und mörderischer Angriffe von "Ergenekon"-ähnlichen Banden.

Die Einheits- und Fortschrittspartei wurde gegründet von einer Untergrundorganisation übereifriger Jungtürken, welche entweder Studenten oder Absolventen von Medizin- oder Miltärakademien waren. Die meisten dieser Jungtürken waren trk. Nationalisten im multiethnischen osmanischen Staat. Ähnlich den heutigen Radikalislamisten, welche zumeist Absolventen technischer Studienfächer sind, hassten diese Jungtürken die Ulemas (Religionsgelehrte) wegen deren gemäßigter Haltung zu den osmanischen Herrschern. In ihrer überwiegend positivistischen Grundeinstellung glaubten sie zwar an keinerlei Religion, waren aber bereit sie zu instrumentalisieren zur Mobilisierung der Massen gegen die Herrscher. Die Jungtürken glaubten, dass das Land in Gefahr war, und das war es wohl wirklich. Aber sie glaubten auch, dass neben der Rettung des Landes alles andere eine Nebensache wäre. Beim Blick zurück auf ihre Taten in dieser Hinsicht wird verständlich, dass in den Augen dieser Jungtürken  Demokratie, Menschenrechte, Rechtsgebundenheit, die Unantastbarkeit unschuldigen Lebens etc. zu vernachlässigende Details waren. Nachdem sie das Regime unter Abdülhamid II ständig als undemokratisch kritisierten, zwangen diese Jungtürken den Sultan zur Ausrufung einer zweiten Periode einer konstitutionellen Monarchie.

Nach den Wahlen kam die Partei "Einheit und Fortschritt" an die Macht. Nach kurzer Zeit veranstaltete sie einen Militärputsch gegen die gesellschaftlich führende Schicht, stürzten den Sultan, schlossen alle Oppositionsparteien und errichteten eine Diktatur. Sie folgte radikalnationalistischen politischen Philosophien und erlaubte Nichttürken nicht in ihren inneren Kreis zu gelangen. Unter ihrer Führung wurde der osmanische Staat demontiert, und sie ließ uns 1914 zur Unterstützung des Deutschen Reiches in den Krieg eintreten. Ihre nationalistische Ausdrucksweise desillusionierte viele staatstreue Araber und andere ethnische Gruppierungen. Als die Armenier in der östlichen Türkei einen Aufstand zur Erlangung der Unabhängigkeit begannen, reagierten die Jungtürken mit Härte und vertrieben die Armenier gewaltsam aus dieser Region. Nach der Einrichtung der Republik setzte sich diese Ideologie, wenn auch in gemäßigter Form, mit der CHP fort. Was Frau Arıtman also heute tut, ist einfach eine Form von Verehrung gegenüber ihrer ideologisch-politischen jungtürkischen Vätergeneration und deren "Errungenschaften".

Jahrzehntelang versuchten Leute wie Frau Arıtman den Westen zu überzeugen, dass sie die einzigen vollgültigen Menschen im Lande wären und versuchten die dummen und abergläubischen Massen zu modernisieren. Sie haben immer noch Freunde in jenen westlichen Kreisen, von denen die Führer der Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) als Islamofaschisten bezeichnet werden. Wir sollten Frau Arıtman danken, dass sie aufzeigte, wo die wirklichen, blutbesessenen Faschisten und Rassisten waren in der Türkei. Wenn wir diese Geschichte kennen, sollten wir nicht überrascht sein über die ultranationalistische und rassistische Rhetorik der Ergenekonianer und ihrer Unterstützung in Kreisen der Eliten des Landes.


Originaltitel des Kommentars von İhsan Yılmaz in "Sunday's Zaman", Ausgabe vom 21.12.2008: "We should thank the racist CHP deputy", übersetzt von Karl G. Mund
Notiz:

Für Kommentierungen zu diesem Artikel empfehlt die Redaktion das Forum-Thema "Und Atatürk ist ihr Prophet..." zu nutzen und weist ferner auf frühere Magazin-Artikel zur Thematik hin, welche sich intensiver damit befassten:

KEMALISMUS: Ein Bastard fremder Väter (I)


Kemalismus – Ein Bastard fremder Väter (2)

"Wie ist der Türken Vaterland"

"Anatolien - Flickendecke der Völker und Kulturen"


"Die gar nicht so göttlichen Rechte von Kemalisten"

"Die Lösung Said-i Kurdis ( Said Nursi )"

"Türkentum ist eine Religion - und Atatürk ist ihr Profet, Teil 01"

"Türkentum ist eine Religion - und Atatürk ist ihr Profet, Teil 02"

"Türkentum ist eine Religion - und Atatürk ist ihr Profet, Teil 03"


"Entwicklung einer kollektiven Monarchie nach dem Tod des Staatsgründers"