Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich die mich gegen die Verwendung der Bezeichnung „ISIS“ oder gar „IS“ sträube. Ich bin nicht der Meinung, dass diese Terrorbande als „islamisch“ oder „sunnitisch“ bezeichnet werden kann, da sich diese besonders widerliche Variante des Terrors schon früh gegen Muslime richtete, als westliche Medien den Vormarsch dieser Bande noch ignorierten.

Meydana Çarçira

Vom Terror waren damals vereinzelt moderate sunnitische Muslime betroffen, insbesondere aber sufistisch orienterte sunnitische Muslime und dann insbesondere kurdische Sunniten und später auch arabische Schiiten und seit einigen Monaten arabische und nichtarabische Christen sowie kurdische Êziden.

Es stellt sich also die Frage: Wem dient dieser Terror, wenn er sowohl die Kurden als auch die Araber trifft? Wem dient dieser Terror, wenn er sowohl die Sunniten als auch die Schiiten trifft? Wem dient dieser Terror, wenn er sowohl die Muslime als auch die Nichtmuslime trifft?

Es begann mit einer Lüge

Es begann mit einem Krieg der USA gegen den Irak, bei dem die Medien eine merkwürdige Rolle spielten. Die Mainstream-Medien der USA behaupteten, der Irak sei in Besitz von Massenvernichtungswaffen und der irakische Diktator Saddam Hussein sei in die Anschläge vom 11. September verwickelt. Die westeuropäischen Medien dagegen zeichneten ein Bild von einem Amerika, das unter dem angeblich nicht sehr intelligente Präsidenten George W. Bush nicht zurechnungsfähig sei und unüberlegt und wild um sich schieße. In den islamischen Ländern und linken europäischen Medien dagegen dominierte die Meinung, es ginge bei diesem Feldzug gegen den von Saddam Hussein regierten Irak vorrangig um Öl.

Heute wissen wir u.a. folgendes: Weder war der Irak vor der US-Invasion in Besitz von Massenvernichtungswaffen noch unterhielt das Regime bedeutete Kontakte zur Al Qaida. Und die USA haben vom Ölreichtum des Irak nicht annähernd so viel profitiert, wie man es damals vermutet hätte. Wenn wir davon ausgehen, dass die Folgen des Irak-Krieges nicht als „Versehen“ oder „Mißgeschick“ zu werten sind, fassen wir jedoch folgendes zusammen:


- Der Iran konnte sein Einflussgebiet sehr weit ausweiten.

- Der sunnitisch-schiitische Konflikt hat sich zu einem erbarmungslosen Krieg mit zahlreichen

Massakern und Terroranschlägen entwickelt.

- Eine staatliche Ordnung existiert nicht mehr.

- Der irakische Zentralstaat ist de-facto zerfallen. Al Qaida und ähnlichen Terrorgruppen haben ein Land gefunden, in dem sie ihre Vorstellungen verwirklichen konnten.


Der letzte Punkt dürfte uns bekannt vorkommen. Wir erinnern uns: die USA unterstützten in den 1980er Jahren sogenannte„Glaubenskrieger“ in Afghanistan gegen Russland bzw. die damalige Sowjetunion. Die Folge war eine erhebliche Schwächung der Sowjetunion und in den Folgejahren Chaos und Terror in Afghanistan.

Der nächste Stellvertreterkrieg des Westens gegen Russland fand in Tschetschenien statt, wo „Glaubenskrieger“ (Terroristen) langjährige Kampferfahrungen sammeln und globale Kontakte knüpfen konnten. Die nächsten verheerenden Stellvertreterkriege des Westens gegen Russland fanden in Libyen und Syrien statt. Den europäischen Medien war dabei nicht entgangen, dass die Türkei bei diesem hässlichen Spiel eine unheilvolle Rolle spielte, sie ignorierten jedoch die Rolle Frankreichs und Italiens bei der Vernichtung des Ghaddafi-Regimes in Libyen, d.h. den Aufstieg des Terrors in Nordafrika, der bis heute den gesamten afrikanischen Kontinent beeinflusst.

Was hat dies alles mit der „IS“ / „ISIS“ und Kurdistan zu tun?

Nun, die Kurden in Aleppo wissen, wie erbarmungslos Terroristen aus Tschetschenien gegen die muslimische Zivilbevölkerung in der Region vorgehen. Die Kurden wissen, dass die Terroristen, die ihre Verwandten und Angehörigen entführen und foltern und dann Lösegeld fordern, oft aus Libyen, Tschetschenien, Afghanistan und Ländern stammen, in denen die Gesinnung des Terrors gefördert bzw. geduldet wird.

Die Kurden wissen, dass die Diskussion um deutsche Waffenlieferungen an die Kurden ein jämmerliches Schauspiel ist, bei dem allen Ernstes darüber diskutiert wird, wie vertrauenswürdig die Kurden denn überhaupt seien. Im Vorfeld jedoch gab es umfangreiche Waffenlieferungen des Westens und nicht zuletzt Deutschlands an die Golfstaaten, die den sunnitisch-schiitischen Konflikt in einen fürchterlichen Krieg verwandeln können.

Der nahe Osten könnte den Kurden doch egal sein?

Nun, die Kurden leben im Nahen Osten, auch wenn sie sich soweit wie möglich von einem schiitischsunnitischen Konflikt heraushalten möchten. Ob Sie als autonome Region innerhalb der Grenzen des Iraks bleiben wollen oder ob Sie als unabhängiger Staat existieren wollen, hängt davon ab, welche der beiden Optionen im Interesse der Kurden und der Region ist.

Die USA und ihre westlichen Verbündeten haben in den letzten Jahren zugesehen, wie die Maliki-Diktatur die autonome Region Kurdistan (KRG) ökonomisch stark geschwächt hat. Vor wenigen Monaten mussten die Kurden mit ansehen, wie Öllieferungen aus der KRG immer wieder von den USA sabotiert wurden, bis am Ende die Israelis Fakten schufen, in dem Sie kurdisches Erdöl importierten und sich demonstrativ für die Gründung eines kurdischen Staates aussprachen. Die Glaubwürdigkeit der der USA wurde nicht zuletzt durch diesen Vorfall in Zweifel gezogen.

Inzwischen exportiert die KRG Erdöl in mehrere Länder, was ökonomisch angesichts der Flüchtlingsströme in die KRG umso wichtiger ist. Besorgniserregend ist jedoch, dass die Politik des Westens mit ihrem widersprüchlichen und gefährlichen Umgang mit extremistischen Gruppen in Tschetschenien, Libyen etc. sowie ihre Vorstellungen von einem utopischen irakischen Zentralstaat die KRG immer mehr in Gefahr bringt.

Besorgniserregend ist ebenfalls die zunehmende kritiklose Übernahme von KRG-feindlicher Propaganda durch die westlichen Medien. Es mehren sich die unerfreulichen Vorfälle mit den „Freunden“ aus dem Westen und die Kurden sind mehr denn je daran interessiert, dass der Nahe Osten nicht im Chaos versinkt.