"Mein Gesicht errötete, als in den ersten Sekunden des Neujahrs das Feuerwerk anfing über Istanbul zu explodieren.
Ich fühlte Wut und Scham.
Ich tat mich schwer mit der Tatsache, dass eine Gesellschaft, welche vor Kurzem 35 Angehörige eben dieser Gesellschaft begraben haben, freudig feierten.
Ich rede nicht von einer vorgespielten Trauer, ich rede auch nicht über sich amüsierenden Menschen. Jedoch sind diese prunkvollen Feierlichkeiten, die förmlich „Uns sind die Gestorbenen gleichgültig.“ schreien, stark abschwächend gesagt unmenschlich.
Um die Realität in der Türkei zu sehen, reicht es, eine ganz simple Frage zu stellen...
„Was, wenn die PKK 35 türkische Zivilisten  zwei Tage vor Neujahr in einem Bus in die Luft gesprengt hätte? Hättet ihr genau gleich gefeiert?“

Wir alle wissen ganz genau, ihr hättet nicht genau gleich gefeiert.

Basiert die ganze Problematik nicht auf der Tatsache, dass der Verstand der Türken die Türken und die Kurden anders gewichtet und wertet?

Die Kurdenproblematik ist so einfach.

In diesem Land werden Türken und Kurden anders gewichtet.

Als kein Staatsmann und keine Türken an der Trauerfeier teilnahmen, sagte der kurdische BDP-Abgeordnete Selahattin Demirtaş: „Wir wurden geteilt, hier ist Kurdistan.“ Ich denke, er hatte Recht.

Die allein gelassenen Toten, die pompösen Feierlichkeiten und diese Gleichgültigkeit zeigen ganz offensichtlich die Trennung in den Köpfen der Türken.

Was wollt ihr von diesen Menschen, denen ihr Leben und ihr Tod euch gleichgültig ist?

Was wollt ihr von den Kurden?

Auf die Forderung von Leyla Zana „Machen wir eine Volksbefragung. Es soll sich herausstellen, ob wir eine Selbstverwaltung, eine Föderation oder eine Trennung wollen.“, zeigt ihr eure Waffen und sagt: „Komm zur Kampfarena, und hol dir, was du willst.“

Wenn sie „Wir wollen gleichberechtigt sein.“ sagen, reagiert ihr mit „Kurdische Schulbildung spaltet das Land.“ Ihr gesteht den kurdischen Kindern nicht das gleiche Recht, das euren Kindern zusteht.

Ihr wollt nicht gleichberechtigt sein, wollt nicht gespalten werden, teilt nicht ihre Leiden.

Was wollt ihr?

Eigentlich liegt es auf der Hand, was ihr wollt. Ihr wollt Herr sein und die Kurden wollt ihr als Diener haben.

Kurden werden keine Diener sein.

Ihr könnt das nie in die Tat umsetzen.

Mit diesem Egoismus, dieser Selbstüberschätzung, dieser Unhöflichkeit, dieser Führermentalität sät und erntet ihr Hass in den Herzen der Kurden. Wenn ihr so weiter macht, hört der Krieg in diesem nie auf.

Warum wollt ihr es nicht begreifen?

Die Kurden gehen in die Berge, um ihre Auflehnung, ihre Wut, ihren Widerstand gegen „diese Demütigung“ zu zeigen.

Dafür nehmen sie den Tod, das Sterben, das Umbringen in den Kauf.

Ihr bringt diese Menschen um und entschuldigt euch nicht

Ihr bringt diese Menschen um und es ist euch gleichgültig.

Wenn Türken sterben, weint ihr. Wenn Kurden sterben, lacht ihr an Feiern mit Feuerwerk.

Seit 30 Jahren gehen diese Menschen in die Berge.

Was denkt ihr, warum sie gehen?

„Sie werden angelogen und angeworben“ behauptet ihr. Sie werden nicht angeworben. Sie gehen mit dem eigenen Willen, mit der eigenen Wut. Sie wollen den Türken zeigen, dass es sie gibt, dass sie eine Würde haben, dass sie mit der Knechtschaft nicht verstanden sind. Darum gehen sie in die Berge.

Statt euch selber zu ändern, versucht ihr die Kurden zu ändern, ihnen dieses „Bürger zweiter Klassen“ aufzuzwingen. Ihr versucht ihnen Angst zu machen.

Ihr könnt ihnen keine Angst machen.

Du kommst, tötest meine Mutter, meinen Vater, mein Kind, meinen Geschwister und entschuldigst dich nicht mal. Ohne meinen Schmerz, den Schmerz, den du verursacht hast zu berücksichtigen, gehst du feiern. Du zwingst mich, mein Verhängnis zu verstecken. Wenn ich meine Wut zur Aussprache bringen will, wirfst du mir „Aufrührer, Undankbarkeit“ vor. Du nimmst mich zu Gerichtshöfen, verhaftest mich, verurteilst mich. Falls ich „Wenn du mich so nicht haben willst, trennen wir uns.“ sage, zeigst du mir deine Waffe, dein Heer, deinen Flugzeug, deinen Panzer. Du weigerst dich, mit mir gleichgestellt zu sein. Und danach fragst du noch „Warum geht ihr in die Berge?“

Begreift ihr wirklich nicht, warum diese Menschen in die Berge gehen?

Wenn einer nach diesen Erfahrungen immer noch nicht begreift, warum Kurden in die Berge gehen, der hat seinen Anteil an Würde, Stolz und Ehre nicht abbekommen. Wer nicht begreift, warum die Kurden in die Berge gehen, der würde – bei dem gleichen Verhalten ihm gegenüber – schweigen, sich ducken, Angst haben und sich mit der Würdelosigkeit zufrieden geben.

Wenn ihr die Kurden nicht respektiert, trennt euch.

Wenn ihr euch nicht trennen wollt, zeigt den Kurden Respekt.

Während sie trauern und ihr gleichzeitig überall in Istanbul flimmernde Feuerwerkskörper platzen lasst, könnt ihr keinen Frieden und Seelenruhe finden.

Ansonsten legt sich das farbenfrohe Feuerwerk in Istanbul wie ein pechschwarzer Kummer über das ganze Land. Und wir alle werden von diesem Kummer unseren Anteil abkriegen."

Quelle: "Kürtlerden ne istiyorsunuz?", Taraf, 03.01.2012
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Notiz:
Aus dem Türkischen übersetzt von swisskurd.ch