Dank einer jüngst vorbereiteten und von einer Gruppe Intellektueller unterzeichneten Petition haben wir erneut eine Diskussion über die armenische Thematik. Es scheint, dass nicht nur die Anerkennung der Genozidansprüche, sondern auch die Tatsache der Massaker gegenüber den Armeniern während des osmanischen Reiches ein Tabu ist. Denn die Unterzeichner der Petition wurden des Verrats beschuldigt.Sogar der türkische Präsident Abdullah Gül, der das Recht eines Einzelnen auf Ausarbeitung einer jeglichen Petition anerkannte, wurde zum Ziel eines rassistischen Angriffs durch die CHP-Abgeordnete Canan Arıtman, dte argumentierte, Gül’s Vorfahren könnten armenischen Ursprungs sein. Diese skandalöse Aussage war in der Tat ein logisches Resultat der Fremdenfeindlichkeit, die sich in den säkularen Kreisen der Türkei entwickelt hat.
Aber es gibt ebenso einen historischen Aspekt dieses Hasses gegenüber “Ausländern”. Wir dürfen nicht vergessen, dass nicht nur die armenische sondern auch die moderne türkische Identität durch die Ereignisse von 1915 geformt wurde. Entsprechend gestand Verteidigungsminister Vecdi Gönül einen Monat zuvor ein, dass er wie viele Leute in der Türkei glaube, die Zwangsdeportation der Armenier und Griechen hätte erst die Errichtung eines “Türkischen Nationalstaates” in Anatolien möglich gemacht.
Unterm Strich: Alles wird gerechtfertigt, was eine Garantie des Überlebens als “Nation” gewährleistet und als notwenig angesehen wird, um einen Staat ganz gleich welcher Art zu bilden.
Deshalb riefen Ultranationalisten in den letzten Jahren danach, die Notwendigkeit eines neuen Unabhängigkeitskrieges zu erkennen, wohl wissend, dass solch eine Situation alles rechtfertigen würde, einschließlich eines Militärputsches. Ihr Motto verdeutlichte dies eindrücklich: “Wenn das Vaterland auf dem Spiel steht, ist der Rest nur noch Nebensache.” So versuchten diese Ultranationalisten einen Konsens über die “wesentlichen Elemente” der nationalen Existenz zu bilden: der Schutz des Staates (auf dessen Merkmale es überhaupt nicht ankäme) gegenüber dem Angriff der globalen Kräfte und ihrer inländischen Kollaborateure. Das war die Grundlage, auf der Netzwerke wie Ergenekon errichtet wurden.
Es ist wirklich erstaunlich, jetzt zu sehen, dass diejenigen, die so hart gegen solche “Hauptsache-Strategen” gekämpft haben und deren Pläne offenlegen, nun zu Verteidigern der Vorgänger Ergenekon-artiger Organisationen mutieren. Die Säkularisten und die “konservativen Demokraten”, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eingeschlossen, haben sich zum Schutze dessen vereint, was das Komitee für Einheit und Fortschritt [İttihat ve Terakki Cemiyeti] 1915 tat.
Wir müssen und sollten auch nicht akzeptieren, dass die Ereignisse von 1915 einen Genozid darstellten, aber wir müssen aufhören, immer wieder Ausreden für das Massaker an den Bürgern des Osmanischen Reichs mit armenischem Ursprung zu finden. Ansonsten können wir auch Ausreden für die Unterdrückung von Kurden, islamischen Derwischorden, von Kopftuch tragenden Mädchen, u.a. finden. Wenn wir der Staatsräson zu kommandieren erlauben, wird alles erklärbar und gerechtfertigt werden.
Die Debatte über die Entschuldigungskampagne hat offengelegt, dass viele in der Türkei, einschließlich Islamisten, Konservative, Linke und sogar Liberale, weiterhin innerhalb des Konzeptes von Nationalstaat und Nationalismus denken.
Fakt ist, dass während der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert alle Völker des Balkans und Anatoliens durch die Hand von Nationalisten gelitten haben, egal, ob dies bulgarische, griechische, türkische oder armenische Nationalisten waren. Folglich gibt es heute keinen Grund für die Aufrechterhaltung und Reproduktion derselben nationalen Sentimentalitäten. Daher ist ein Prozess der Versöhnung wirklich notwendig, der aber sicherlich nicht dadurch entsteht, dass Verbrechen, begangen vor einem Jahrhundert von Nationalisten jeglicher Art, gerechtfertigt werden.
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Kommentar von Ihsan Dagi, Originaltitel: "From apology to reconciliation", veröffentlicht von "Today's Zaman" am 22.12.2008, übersetzt von Rewsen







