Keinen Euro, keinen Mann, für den Krieg in Kurdistan!

Als vor gut 43 Jahren US-amerikanische Truppen in Vietnam mit immer größeren Truppenkontingenten eingriffen, war ich während eines Studienaufenthaltes in Israel in einer Lerngruppe mit Gleichaltrigen, die überwiegend aus USA stammten. Viele ahnten, dass sie nach ihrer Heimkehr zur Armee eingezogen und nach Vietnam geschickt würden. Die Mehrzahl nahm das als Schicksal hin, aber einige begehrten auf, wollten da nicht mitmachen. Ein Jahr zuvor war ich als Bundeswehr-Soldat einer US-Einheit als Sanitäter zugeteilt worden und kannte mich etwas aus mit dieser Armee.

Einige der Studienkollegen überlegten, wie sie dem "draft" entgehen könnten, und der beste Weg schien zu sein: Auswandern. Einige wollten in Israel bleiben, aber da begann, zwei Jahre vor dem "6-Tage-Krieg", die Luft auch schon bleihaltiger zu werden. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland wurde die Krise für die jungen US-Amerikaner immer deutlicher. Die Zahl der in Vietnam eingesetzten Soldaten schien unaufhörlich zu steigen und viele wollten da nicht mitmachen. Ein Kommilitone entwickelte ernsthaft Pläne, wie er desertierte GIs per Segelboot nach Schweden, außerhalb des NATO-Gebietes, bringen könnte.

In diesem Jahr 1966 wurde auch die Bundesregierung zur Hilfeleistung für den Bündnispartner aufgefordert. Truppenkontingente kamen nicht in Frage. So wurde dann ein Schiff als schwimmendes Krankenhaus ausgebaut und vor der vietnamesischen Stadt DaNang stationiert. Die ersten Demos der späteren 68-er fanden dann bei der Abreise dieses Schiffes statt: "Keine Mark und keinen Mann für den Krieg in Vietnam" skandierten damals die Demonstranten.

"Sag, wo die Soldaten sind
Wo sind sie geblieben?
Sag, wo die Soldaten sind
Was ist geschehn?
Sag, wo die Soldaten sind
Über Gräber weht der Wind
Wann wird man je verstehn?
Wann wird man je verstehn?"

Und dann war da diese Stimme. Eigentlich eine ganz leise Stimme, aber sie drang durch, drang überall hin, und die ganze Welt hörte auf diese Stimme aus dem anderen Amerika: "Where have all the flowers gone", nach einem alten ukrainischen Volkslied nachgedichtet von Pete Seeger, die von vielen SängerInnen gesungen wurde, in der deutschen Fassung "Sag mir, wo die Blumen sind", wie in der englischen erst durch Marlene Dietrich hierzulande bekannt wurde, auch recht deutsch im englischen Text. Und dann hörten wir die Stimme von Joan Baez mit diesem Lied, weich, schmeichelnd. Da spürten wir, dass Frieden nicht darauf wartet, dass Marlene uns befiehlt Frieden zu machen, sondern dass wir einsehen, dass das Leben einfach schöner ist, wenn wir Frieden schaffen können und dürfen.

Es gab noch viele andere Lieder gegen den Krieg vor gut 40 Jahren. "We don't gonna study war no more", zum Beispiel. Daran musste ich denken, als ich hörte, was Bülent Ersoy vor einer Woche ihrem Millionenpublikum sagte. Das war wirklich etwas Unerhörtes für eine Nation, die vor 85 Jahren im Krieg und durch Krieg geboren wurde und fortan von eher gefühlter als realer Existenzangst lebte, meinte sich nur mit ständigem Kommissgeist vor Angriffen schützen zu können.

Wenn dann eine Künstlerin auftritt und sagt, dass sie, hätte sie denn einen Sohn, diesen nicht in solch einen Krieg ziehen lassen würde, wie er just drei Tage vor ihrer Sendung mit der Invasion in die Region Kurdistan der Bundesrepublik Irak begann. 

 Denk mal: Sie machen Krieg in Kurdistan - und keiner geht hin

 Das ist schon eine Provokation. Da wollten die Zuschauer leichte Unterhaltung, und nun das. Kommt dieser Paradiesvogel und sagt, was gegen alle Regeln dieses Staates verstößt, geht ans Eingemachte, rüttelt am Selbstverständnis der Nation. Die nimmt zuerst einmal kollektiv übel. Schnell ist der Staatsanwalt zur Hand und konstatiert ein Vergehen: das Abspenstigmachen des Volkes von seiner Armee. In der Sprache "LTI", der Sprache des dritten deutschen Reiches, hieß das "Wehrkraftzersetzung" und wurde mit dem Tode bestraft. Dies traf 1943 auch Elfriede Remark, die jüngere Schwester des Schriftstellers Erich Maria Remarque (Im Westen nichts Neues), die wie einige Tausend andere Deutsche mit der Axt hingerichtet wurde als "ehrlose fanatische Zersetzungspropagandistin unserer Kriegsfeinde", wie es im Urteil des Berliner "Volks"gerichtshofs hieß. Einige der Reaktionen auf Bülent Ersoys Worte zeigen auch schon in diese Richtung.

Als der "Kalte Krieg" in Europa zu beiden Seiten der ideologischen Grenzziehung jederzeit in einen heißen sich wandeln konnte, kam in der (west)deutschen Friedensbewegung der Slogan auf: "Denk Dir, sie machen Krieg, und keiner geht hin!" Auch dieser Satz ist heute in der Türkei wieder aktuell.