Mit dem neuen Jahr wird auch der neue kurdische Sender von TRT an den Start gehen. Hieß es am Anfang noch der Sender soll den Namen "TRT 8 (heşt)" erhalten, so scheint man sich nun auf den Namen "TRT 6 (şeş)" geeinigt zu haben. Wenige Tage vor dem Sendestart scheint es noch einige Probleme zu geben. Die Betreiber von TRT sind bei ihrer Suche nach "Personal mit weißen Westen" bisher noch nicht ausreichend fündig geworden.Das Personal soll perfekt kurdisch sprechen können und politisch nicht "befleckt" sein bzw. nicht für den verbotenen kurdischen Sender Roj TV tätig gewesen sein, entweder als Künstler/in oder Korrespondent/in. Leider ist TRT bei dieser Suche nur geringfügig fündig geworden und scheint nun seine Anforderungen geändert, d.h. heruntergefahren zu haben. Als Moderatorin soll die kurdische Sängerin Nilüfer Akbal bereits feststehen. Auch Sivan Perwer soll ein Angebot erhalten haben für TRT zu arbeiten. Dies wurde jedoch schnell zurückgezogen, nachdem der Sänger Bedingungen gestellt hatte, die dem politischen Zweck des Senders entgegenstanden.
Die Ankündigung des neuen Senders sorgte für Freude wie Skepsis zugleich. Jahrzehntelang durften kurdische Mütter ihren Kindern keine kurdischen Namen geben; gegen die Buchstaben Q, X und W wird immer noch in der Türkei massiv diskriminiert, da sie im türkischen Alphabet nicht vorkommen; türkische "Sicherheitskräfte" passten Jahrzehntelang auf, dass in den kurdischen Provinzen zumindest öffentlich kein Kurdisch gesprochen wird. Ja, die kurdische Identität musste gar jahrzehntelang in der Türkei geleugnet werden und wer sich trotzdem dazu bekannte, wurde im Namen des Staates schikaniert, misshandelt, mitunter auch getötet. Nun will dieser Staat plötzlich einen kurdischen Sender nicht nur erlauben, sondern etabliert ihn auch im Rahmen – und natürlich unter Kontrolle – der staatlichen Rundfunkbehörde (RTÜK)?
Der Sender bietet aber auch eine kleine Chance, er könnte für eine Belebung der kurdischen Kultur sorgen. Tausende Kurden wurden inhaftiert und gefoltert, weil sie eine verbotene Sprache sprachen. Kurdische Sänger wurden von den Bühnen verjagt, weil sie in ihrer Muttersprache Lieder sangen. Kurdische Musik und Literatur waren verboten, wird sich das mit dem 1. Januar 2009 wirklich so drastisch ändern? Der neue Sender könnte für den Abbau von Vorurteilen sorgen, denn viele Türken verbinden mit dem Wort "Kurde" sofort Terror. Der Sender könnte also dafür sorgen, dass der kurdischen Kultur nicht mehr Hass und Vorurteile zuteil werden und dass diese Kultur endlich von der türkischen Bevölkerung anerkannt wird. Vergessen wir auch nicht, dass die kurdische Sprache durch die Jahrzehntelange Assimilierungspolitik des türkischen Staates in ihrer Weiterentwicklung schwer behindert wurde. "TRT şeş" könnte also dafür sorgen, dass die kurdische Sprache wieder mehr in den Alltag der kurdischen Bevölkerung rückt.
Auf der anderen Seite bleibt natürlich viel Skepsis übrig, was den neuen Sender anbelangt. So sorgt die Tatsache, dass "TRT şeş" ein Projekt der AKP ist, für ernsthafte Vorbehalte. Viele betrachten dies als Wahlkampfstrategie der AKP. Der kurdische Sender könnte sich genauso wie die kurdischen Sprachschulen Erdoğans als Flopp herausstellen. Ein Blick in die aktuelle Tagespolitik der Türkei verstärkt diese Skepsis. Unzählige Male wiederholt Erdoğan die Parole "ein Volk, eine Sprache, ein Staat" und gibt so wenig Grund für Hoffnung auf eine mögliche Anerkennung der kulturellen Rechte des kurdischen Volkes. Für weiteres Misstrauen sorgt die Gesetzgebung des Landes, wonach türkische Sender täglich nur 45 Minuten kurdische Sendungen ausstrahlen dürfen. Von dieser Einschränkung scheint "TRT ses" ausgenommen zu sein, anscheinend unter Zuhilfenahme des legalistischen Tricks, dass der Sender ja auch für die Kurden außerhalb der Türkei senden, also vor allem türkische Propaganda nach Südkurdistan tragen soll. Zunächst wird der Sender 12 Stunden auf kurdisch senden und später die Sendezeit auf 24 Stunden erhöhen.
Auch die Koma Civakên Kurdistan (KCK) zeigte sich wenig überzeugt vom neuen Sendermodell. Die KCK wies in einer Kundgebung darauf hin, dass auch Saddam Hussein einst einen kurdischen Sender besaß und das zu Zeiten Halabadschas, in der tausende Kurden den Giftgasattacken Saddam Husseins zum Opfer fielen. Auch im Iran gäbe es seit Längerem einen kurdischen Sender und dort sei die Kurdenfrage genauso ungelöst wie in der Türkei. Wie solle man den neuen Sender ernst nehmen, wenn wieder und wieder versucht wird jegliche eigenständige und eigenverantwortliche politische Bewegung der Kurden zu unterdrücken, wenn der Staat noch immer nicht den Newroz-Feiertag der Kurden tolerieren könne, wenn Sicherheitskräfte bei Demonstrationen auf kurdische Menschen schießen, wenn in türkischen Metropolen Lynchkampagnen gegen die dort lebenden Kurden geführt würden, wenn die Kurden noch immer kein freies Volk seien. Tayip Temel, Redakteur der Azadiya Welat sah ebenfalls Anlass für Kritik. "Auf der einen Seite werden sie die politischen Forderungen des kurdischen Volkes unterdrücken, auf der anderen Seite werden sie sagen, dass sie einen neuen kurdischen Sender aufmachen. Wer wird ihnen da glauben?", so Temel. Sami Tan, der Vorsitzende des kurdischen Instituts von Istanbul ist auch wenig angetan von dieser Vorstellung. "Die kurdische Sprache und das kurdische Alphabet sind noch immer nicht offiziell anerkannt worden. Solange die kurdische Bevölkerung nicht als ethnische Minderheit anerkannt ist, kann man dieses Projekt nicht ernst nehmen."
Wie Sivan Perwer trat TRT auch an andere international bekannte kurdische KünstlerInnen heran. Da stellt sich natürlich die Frage, wie TRT plant das verbotene "w" in Perwers Namen zu ersetzen, und ob Lieder wie "Kurdistan", "Pêşmerge" oder "Halepçe" auf "TRT şeş" abgespielt werden. Am Ende bleiben für diesen Sender, der sich an ein Volk wendet, dessen Existenz als Minderheit in der Republik Türkei wie neulich im Bericht des Außenministers Babacan immer noch regierungsoffiziell geleugnet wird, dann von den auftretenden KünstlerInnen nur die politisch unbedarften übrig oder "Erdoğans willige Helferlein", also "Hiwis" vom Schlage eines Joopie Heesters.
Karikaturcollage von Ferrus, exklusiv für Kurdmania
- Notiz:
Vorschlag der Redaktion für Kommentierungen: Bitte im Forum in das Thema "Türkei erlaubt kurdischsprachige Sendungen" einbringen.







