Während des Bürgerkrieges in Spanien wurde der  Dichter Federico Garcia Lorca von den Schergen Francos gefangen genommen. Sie verfrachteten ihn in einen Militärtransporter und brachten ihn aus der Stadt heraus. An ihrem Zielort befand sich schon eine große Menge Gefangener. Gräber wurden ausgehoben. Die Soldaten kontrollierten der Reihe nach die Schulterbereiche rechts an den Jacken der Gefangenen (ob es dort Spuren von Gewehrriemen gäbe, d. Red.).
Ein Mann wurde an ein Grab geführt, schrie lauthals um sein Leben: "Ich verkaufe Straßenbahntickets, der Fleck an meiner Schulter stammt vom Verrutschen des Gurtes meiner Ticketbox." Noch während er schrie, knallten die Gewehre. Niemand hatte ihm auch nur zugehört. Der Ticketverkäufer fiel ins Grab.

Als ich die Polizisten in Diyarbakir sah, welche die Hände eingefangener kurdischer Kinder betrachteten, erinnerte ich mich an das faschistische Spanien Francos. Kinder, an deren Händen Abdrücke von Steinen waren, wurden wegen "Bandenmitgliedschaft" inhaftiert. Die Kinder sind im Alter von 12, 13, 14 Jahren. Die Strafe, die sie aufgrund der Steinabdrücke erhalten sollen, soll bis zu 40 Jahre betragen. Haben sie Abdrücke von Steinen an ihren Händen, so endet damit ihr Leben.

Erkan, der das Ereignis kommentiert, fragt: "Was ist mit den Kindern, die zu Boden stürzten, während sie vor der Polizei wegliefen? Wenn wir als Kinder hinfielen, dann hatten wir an unseren Händen Abdrücke von Steinen."

Genauso wie niemand dem Ticketverkäufer zugehört hatte, wird wahrscheinlich auch niemand das Kind anhören, das sagt: "Ich bin beim Wegrennen gestürzt".

Aber nehmen wir an, das Kind hat den Steinabdruck auf der Hand nicht von seinem Sturz sondern weil es einen Stein auf einen Polizisten geworfen hat. Wessen Gewissen könnte es verantworten, dass ein 12-jähriges Kind 40 Jahre im Gefängnis verbringen muss, weil es einen Stein auf einen Polizisten geworfen hat? Das sind Kinder!

Das Gewissen, das zu Recht rebelliert, wenn in Gaza Kinder ermordet werden, empört sich nicht, wenn im eigenen Land Kinder zu 40 Jahren Haft verurteilt werden? Das Ermorden von Kindern ist schrecklich. Ein 12-jähriges Kind jahrelang zu einzusperren, ist etwa nicht schrecklich? Schalten wir unser Gewissen ab, wenn es sich bei dem Kind, dessen Leben zerstört wird, um ein kurdisches Kind handelt? Ein kleines Kind in einem Gefängnis einzusperren ist nur einen Schritt entfernt vom Töten; was wir erleben, ist einen Schritt entfernt vom Mord.

Werden Sie auf den Tod der Kinder warten, bis Sie einschreiten? Haben wir kein Gewissen, das uns für unsere Mitmenschen Mitleid haben lässt? Oder misst Ihr Gewissen mit verschiedenem Maß für türkische Kinder, kurdische Kinder und palästinensische Kinder? Ist es nicht gewissenlos, jeden Menschen anders zu bewerten? Sehen Sie, wenn wir eine Sache nicht richtig lösen können, dann verändert sich das Leben zu sinnlosem Blutvergießen und Leiden. Denn das genau ist es, was wir heute erleben.

Da wir das Kurdenproblem nicht menschlich lösen konnten, entfernen wir uns immer mehr von der Menschlichkeit. Wir haben es so weit kommen lassen, dass wir sogar Kinder ins Gefängnis bringen, weil sie Steinabdrücke in den Handflächen haben.

Stellen Sie sich vor, Sie schauen einen Film an. Stellen Sie sich vor, es gäbe in dem Film demonstrierende Kinder. Und nun stellen Sie sich vor, dass in dem Film Polizisten Kinder einfangen und ihre Handflächen auf Steinabdrücke untersuchen. Während Sie so einen Film sehen, für welche Seite würden Sie Partei ergreifen? Für die Polizisten oder für die Kinder?

Auf diejenigen, die für die Polizisten Partei ergreifen, möchte ich nicht weiter eingehen. Diejenigen, die für die Kinder Partei ergreifen, möchte ich fragen: Wenn Sie im Film für die Kinder sind, wieso sind Sie dann im wahren Leben nicht für die Kinder?

Meiner Meinung nach müssen wir eigentlich darüber diskutieren, weshalb diese Kinder auf die Straßen rennen und die Polizisten mit Steinen bewerfen. Wieso sind die Straßen der Südosttürkei voller steinewerfender Kinder? Jetzt werden einige sagen: "Die Älteren haben sie dazu angestiftet."

Dann will ich diese fragen: „Glauben Sie das Gleiche, wenn Sie an palästinensische Kinder denken, die Israelis mit Steinen bewerfen?“ Oder gibt es etwas anderes außer Anstiftung, ein anderes Leid, welches sogar Kinder mit hineinzieht? Im Südosten schmeißen diese Kinder Steine.

Wir reden von dem Flecken der Türkei, wo die JITEM auf den Straßen, in Parks und aus Justizgebäuden Menschen entführt hat und ihnen hinterrücks in den Nacken geschossen hat. Wir reden von dem Flecken, wo die Menschen ermordet, verbrannt und in Gruben entsorgt wurden. An so einem Ort, sammelt sich da nicht auch bei den Kindern viel Leid und Zorn an? Wenn Sie einem Menschen eine Ehrenmedaille geben und ihn als "Held" bezeichnen, der dort Menschen ermordet hat...?

Bei der Beerdigung dieser Person (Abdülkerim Kırca, d. Red.) hielten die Kommandeure Ihres Landes eine Trauerfeier und erweisen ihm die letzte Ehre. Dürfen die Kinder dieser Region keine Steine auf diese (hohen) Soldaten und Angehörige der Polizei schmeißen? Ist es nicht normal für die Kinder dieser Region zu meinen, dass das Militär und die Polizei ihr "Feind" sind?

Wir haben den Kurden viel Leid zugefügt.

Nun versuchen wir als letztes, 12-, 13-jährige Kinder wegen "Steinabdrücken" ins Gefängnis zu bringen. Wenn wir mit solchen Methoden, mit solchen Schonungslosigkeiten dieses Problem nicht lösen konnten, wie wollen wir es jetzt so lösen?

Um die Kurdenfrage zu lösen bedarf es eines Gewissens vor der Politik.

Ein Gewissen, das gegenüber Kindern, gegenüber Erwachsenen, gegenüber den Verstorbenen Mitleid verspürt.

Das ist das eigentliche Problem! Haben Sie ein solches Gewissen?

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Originalkommentar "Taş izi" von Ahmet Altan, erschien am 17. Februar 2009 in "Taraf", aus dem Türkischen übersetzt von SiWan.