Der Menschenrechtler und Schriftsteller Doğan Akhanlı , der nach 19 Jahren Aufenthalt in Deutschland nun erstmals wieder den Boden der Türkei betrat, wurde [noch] am Sabiha-Gökçen-Flughafen [Istanbul] verhaftet.
Obwohl zwei Zeugen erklärten ihn nicht zu kennen, wird Akhanlı verdächtigt an einem 1989 in einer Wechselstube in Tahtakale (Istanbul) erfolgten Überfall und Mord beteiligt gewesen zu sein und wird deshalb seit 20 Tagen in einem Gefängnis in Tekirdağ [Provinzhauptstadt ca. 150 km westlich von Istanbul] gefangen gehalten.
In einem Vorfall in Istanbuls Stadtteil Tahtakale wurde vor 21 Jahren die Wechselstube Ibrahim Yaşar Tutums von Räubern überfallen. Während der Besitzer an den Wunden starb, als er den Bewaffneten Widerstand leistete, konnten seine Söhne Mustafa und Ünay Tutum ohne jedwede Verletzung überleben. In diesem Handgemenge ließen die Verdächtigen ihre Tasche liegen und flohen, sodass man durch eine anschließende Untersuchung auf den in einer Mappe aus der Tasche enthaltenen Namen Hamza Kopal stieß. Unter Folterungen, die später mit Gutachten belegt wurden, nannte Kopal zwei Namen, wovon einer der in Deutschland lebende Schriftsteller Doğan Akhanlı war.
Die Zeugen: „Wir kennen ihn nicht“
Haydar Erol, der Anwalt Doğan Akhanlıs, der seinen Klient unglücklich in den Vorfall einbezogen sieht, sagt: "Kopal, der unter Foltereinsatz gestand, nannte seinen Freund Akhanlı, weil er glaubte, dass dieser von der Polizei nicht aufgefunden werden könnte, da er im Ausland weilte". Der einzige Beweis, der für eine Verhaftung Akhanlıs vorliegt, sind die Aussagen der Söhne des während des Überfalls verstorbenen Ibrahim Yaşar Tutum als Augenzeugen. Zu einem 3 Tage nach seiner Verhaftung erstellten Foto in der Ermittlungsakte zu Akhanlı, gegen den seit 1992 ein Haftbefehl vorlag, sagten die Zeugen Mustafa und Ünay Tutum: "Wir kennen ihn nicht". Einen Widerspruch gegen Akhanlıs Verhaftung lehnte das Strafgericht in Istanbul dennoch ab.
Er schrieb das Buch der Meere
Doğan Akhanlı, 1957 in Şavşat (Artvin) geboren, wanderte 1991 aufgrund der durch den Militärputsch am 12. September 1980 erlittenen Folter von der Türkei nach Deutschland aus. Akhanlı, der sich in Deutschland mit Menschenrechtsfragen und Literatur beschäftigte, veröffentlichte im Jahr 1998 sein erstes Buch "Warten auf das Meer" der Trilogie "Die verschwundenen Meere", erschienen im Belge Verlag [in Istanbul]. Die anderen beiden Bücher seiner Trilogie "Die verschwundenen Meere" waren 1999 "Das Mohnblumenfeld" und "Die Richter des jüngsten Gerichts". Sein Buch "Die Richter des jüngsten Gerichts" wurde anschließend über Deutschland in ganz Europa verbreitet. Akhanlıs letztes Buch "Der letzte Traum der Madonna" wurde von Kritikern und Schriftstellern unter die 10 besten Büchern des Jahres 2005 eingereiht.
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Dieser Artikel von Dicle Baştürk erschien am 30. August 2010 in "Taraf" unter dem Originaltitel "Tanıklar ‘bu değil’ dedi, ama o hâlâ cezaevinde". Für Kurdmania aus dem Türkischen übersetzt von X e m x w a r .
Für die Forumdiskussion, siehe:
Kölner Schriftsteller und Menschenrechtler Dogan Akhanli in der Türkei inhaftiert
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Für deutschsprachige LeserInnen: "Die Richter des jüngsten Gerichts" ist auch auf deutsch erschienen, alle anderen Werke des Autors gibt es bislang nur in türkischer Sprache:
Doğan Akhanlı: Die Richter des Jüngsten Gerichts. Roman. Aus dem Türkischen übersetzt von Hülya Engin. Mit einem Vorwort von Edgar Hilsenrath und einer Einführung von Tessa Hofmann. Kitab-Verlag, Klagenfurt 2007, 240 S., 22 EUR
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Presseerklärung
Schriftsteller und Menschenrechtler Dogan Akhanli zu Unrecht in Haft
Am 10.8.2010 wurde der in der Türkei bekannte Schriftsteller Dogan Akhanli, deutscher Staatsbürger seit 2001, am Flughafen in Istanbul verhaftet und in die Haftanstalt Metris verbracht. Seit dem 20.8.2010 wird er in einer Haftanstalt in Tekirdag festgehalten. Akhanli ist zum ersten Mal seit seiner Flucht 1991 in die Türkei gekommen. Er wollte seinen kranken Vater besuchen.
Die türkische Staatsanwaltschaft wirft Akhanli vor, er sei im Oktober 1989 an einem Raubüberfall auf eine Istanbuler Wechselstube beteiligt gewesen, bei dem ein Mensch getötet wurde. Akhanli hat diesen Vorwurf und jegliche Verbindung zu dem Überfall entschieden zurückgewiesen. Seine Anwälte, Haydar Erol (Istanbul) und Ilias Uyar (Köln), halten die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweismittel fürbvöllig haltlos.
Tatsächlich hat der erste Zeuge, der Akhanli 1992 belastete, unter schwerer Folter ausgesagt (medizinisches Gutachten liegt vor) – seine, zudem widersprüchliche, Aussage ist nach rechtsstaatlichen Kriterien nicht verwertbar. Außerdem hat er vor wenigen Tagen gegenüber den Anwälten von Akhanli seine damalige Behauptung zurückgenommen.
Nach der 1992 durch Folter erpressten Beschuldigung hat die Polizei dem Tatzeugen, Sohn des Opfers, seinerzeit Fotos ausschließlich von Akhanli vorgelegt und ihn in suggestiver Weise zu der Aussage gebracht, der Mann auf den Fotos sei möglicherweise einer der drei Täter. Auch diese Aussage würde in einem rechtsstaatlichen Verfahren nicht zur Inhaftierung von Dogan Akhanli ausreichen; dem Zeugen hätten, auch nach türkischem Recht, zumindest die Fotos von mehreren Personen vorgelegt werden müssen, damit er überhaupt eine Auswahl hätte vornehmen können. Das hat die Polizei am 13.8.2010 nachgeholt. Der Zeuge hat an diesem Tag auf der Polizeiwache, ebenso wie sein Bruder, zu Protokoll gegeben, er könne Herrn Akhanli nicht als Täter identifizieren.
Eine Woche lang sind diese entlastenden Zeugenaussagen vom zuständigen Staatsanwalt Hüseyin Ayar weder der Hauptakte beigefügt noch dem Haftrichter übermittelt worden. Ob verschlampt oder unterschlagen: der Haftrichter, der am 20.8. 2010 über eine Haftbeschwerde zu entscheiden hatte, urteilte in Unkenntnis der aktuellen Zeugenaussagen und lehnte die Haftbeschwerde ab.
Akhanli wusste von vagen Vorwürfen gegen ihn durch die türkischen Behörden. Deshalb hat er vor seiner Abreise vorsorglich Anwälte und einige Freunde gebeten, ihn im Falle einer Inhaftierung zu unterstützen. Als diese Freunde, Kollegen und engagierte Bürger erkennen wir das Recht der türkischen Justiz an, zum besagten Raubüberfall zu ermitteln.
Was wir nicht anerkennen, ist die willkürliche Haft auf Grundlage fragwürdigster staatsanwaltlicher Ermittlungen. Ein solcher Vorgang passt nicht in eine demokratische Türkei. Wir erwarten, dass die für das türkische Justizwesen Verantwortlichen die Einhaltung rechtsstaatlicher Standards durch ihre Bediensteten gewährleisten und etwaigen politischen Revanchismus gegen einen ehemaligen missliebigen Bürger ihres Landes unterbinden.
Wir fordern die sofortige Freilassung von Dogan Akhanli.
Dogan Akhanli war nach dem Militärputsch von 1980 im Untergrund. 1985-1987 war er als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul inhaftiert und wurde dort gefoltert. Er floh 1991 nach Deutschland, wurde hier als politischer Flüchtling anerkannt und später von der Türkei ausgebürgert.
Seit Mitte der 90er Jahre lebt er als Schriftsteller in Köln. Seitdem hat er sich in Romanen, Aufsätzen und Interviews und in Projekten in Deutschland immer wieder für den offenen Umgang mit historischer Gewalt und für die Unteilbarkeit der Menschenrechte eingesetzt. Schwerpunkt seines zivilgesellschaftlichen Engagements sind das Gedenken an die Genozide des 20. Jahrhunderts (unter Einschluss des Völkermords an den Armeniern) und der interkulturelle, auf Versöhnung orientierte Dialog. Akhanlis Projekte wurde unter anderem von der Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gefördert und vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Akhanlis Romane wurden zu den wichtigsten Roman-Veröffentlichungen in der Türkei gewählt (Madonna'nin Son Hayali, 2005). Er erhielt 2009 den Literaturpreis der Zeitung "Hürriyet". Dogan Akhanli hat sichintensiv für die Aufklärung des Mordes an Hrant Dink eingesetzt und erinnert an die friedensstiftende Arbeit dieses Journalisten und Autoren.
Dogan Akhanli ist Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins „Recherche International“. Der Verein befasst sich vorrangig mit der bildungsorientierten Aufarbeitung von genozidalen Gewalterfahrungen; der Verein ist u.a. Träger des Projekts „Die 3. Welt im 2. Weltkrieg“ (www.3www2.de).
Spenden zur Finanzierung von Akhanlis Verteidigung werden auf das unten angegebene Konto Nr. 23 812 043 - Stadtsparkasse Köln - BLZ 370 501 98 erbeten. Stichwort: „Dogan Akhanli“.
Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an Albrecht Kieser (Albrecht.Kieser@rjb-koeln.de) Tel. 0178/903 99 98.
Weitere Kontakte:
Rechtsanwalt Ilias Uyar, Köln, mobil 0177.8440.745
Rechtsanwalt Haydar Erol, Istanbul, mobil 0090.532.263.7735
Auswärtiges Amt Berlin, Pressereferat: 030.5000.2056
Türkisches Generalkonsulat in Köln: 02233.78 091.97 41 80; Fax : 02233.75 572;
E-mail : turk.genkon.koeln@t-online.de
Justizministerium der Republik Türkei in Ankara: Tel. 0090.312.218.78 01; Fax: 0090.312.219.45 23;
E-mail: uhdigm@adalet.gov.tr
Weitere Informationen zur Arbeit von Dogan Akhanli:
Kanat Kitap; Türkischer Verlag von Akhanli: http://www.kanatkitap.com/index.php.
http://de.wikipedia.org/wiki/Do%C4%9Fan_Akhanl%C4%B1
http://kulturserver.de/-/kulturschaffende/detail/14518
http://www.buehnederkulturen.de/pages/de/inszenierungen/487.htm
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Brief von Ulla Jelpke, MdB, "Die Linke" an den türkischen Justizminister Sadullah Ergin:
Sehr geehrter Herr Justizminister,
am 10. August 2010 wurde der Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist Dogan Akhanli in Istanbul verhaftet und seitdem im Gefängnis Metris festgehalten.
Herrn Akhanli, der nach seiner Flucht aus der Türkei 1991 in Deutschland als Flüchtling anerkannt wurde und die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hat, wird seine an-gebliche Beteiligung an einem Raubüberfall im Jahr 1989 vorgeworfen.
Die angeblichen Beweise für eine Beteiligung Akhanlis sind durch schwere Folter und Manipulation von Zeugen erpresst worden und rechtsstaatlich nicht verwertbar. Die Söhne des bei dem Raubüberfalls getöteten Mannes konnten Herrn Akhanli bei einer Vernehmung am 13.August 2010 nicht als Täter identifizieren. Diese entlastenden Zeugenaussagen wurden bislang vom zuständigen Staatsanwalt Hüseyin Ayar dem Haftrichter vorenthalten, so dass dieser jede Haftbeschwerde bislang zurückwies.
Entgegen völkerrechtlicher Verpflichtungen wurde das Deutsche Konsulat auch zwei Wochen nach der Verhaftung des deutschen Staatsbürgers Akhanli nicht von dem Fall informiert. Obwohl Herr Akhanli 1998 durch den türkischen Ministerrat zwangsausgebürgert wurde, sieht ihn die türkische Staatsanwaltschaft weiterhin als türkischen Staatsbürger.
Selbstverständlich hat die türkische Justiz die Pflicht, den Raubüberfall und Mord von 1989 aufzuklären. Doch es besteht in meinen Augen der Verdacht, dass Herr Akhanli nicht deswegen, sondern aufgrund seines politischen Engagements und seiner schriftstellerischen Tätigkeit festgehalten wird. Offenbar ist der Einsatz von Herrn Akhanli in Projekten, die sich mit den Genoziden des 20.Jahrhunderts, darunter auch dem türkischen Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, beschäftigen, Teilen der türkischen Justiz ein Dorn im Auge.
Bald jährt sich der Militärputsch vom 12. September 1980 zum 30.Mal. Die in meinen Augen unrechtmäßige Haft von Dogan Akhanli, der bereits in den 80er Jahren wegen seines Engagement gegen das Putschistenregime inhaftiert und gefoltert wurde, zeigt, dass der Geist dieser Zeit offensichtlich immer noch in Teilen der türkischen Justizbehörden am Leben ist. Ihre Regierung hat dazu aufgerufen, mit dem Ungeist des 12.-September-Regimes zu brechen.
Wenn diese Absicht ernst gemeint ist, sollten Sie rechtsstaatliche Standards im türkischen Justizwesen sicherzustellen. Dies bedeutet, dass die unrechtmäße Haft von Dogan Akhanli beendet werden muss.
mit freundlichen Grüßen
mit freundlichen Grüßen,
Ulla Jelpke







