Das ist es wohl, was man als "Macht der Straße" bezeichnet. Der seit 25 Jahren zwischen zwei bewaffneten Kräften in einem bestimmten Gebiet des Landes andauernde, kostspielige und trotz allem in einer gewissen Weise kontrolliert in den Bergen ablaufende Krieg, versetzte Türken und Kurden in große Angst, als er sein Gesicht auf der Straße zeigte.
Alle sind schockiert, dass die Straße außer Kontrolle geraten konnte, dass zivile Gewalt die Legende "wir sind seit tausend Jahren Brüder wie Haut und Nagel, bei uns kann es keine ethnischen Kämpfe geben" zerstören würde, dass nach den Bergen dieses Landes auch die Straßen in Blutbäder verwandelt werden können. Schaut man sich seine letzten Stellungnahmen an, dann hat sogar Apo Angst davor bekommen, die Kontrolle über die Straße zu verlieren.
Und vielleicht ist die Türkei das erste Mal zum Frieden verurteilt, weil ihr der Krieg Angst eingeflößt hat. Auch wenn es im Friedensprozess künftig zu Stockungen kommt und zu Bemühungen, "den Gang runterzuschalten", fürchten nun Türken und Kurden gleichermaßen einen Bürgerkrieg in diesem Land, und dessen Weg zum Frieden wird unvermeidlich fortgesetzt werden müssen. Dieses Zeichen wurde auch von denen gegeben, die auf derselben Basis wie die PKK Politik betreiben. Die Abgeordneten der geschlossenen DTP revidierten ihre Entscheidung, das Parlament zu verlassen und die Politik von nun an auf der Straße zu machen, und kehren in das Parlament zurück. Sie werden ihre demokratische Politik mit der Partei für Frieden und Demokratie fortführen.
Wieso haben sie doch darauf verzichtet ihre Ämter niederzulegen? Haben sie durch Apos Einfluss ihre Entscheidung geändert? Was werden sie von nun an in der Politik unternehmen und was nicht? Wann wird die Partei für Frieden und Demokratie im Parlament eine Fraktion bilden? Wird die neue Partei die "kurdische Öffnung" der Regierung unterstützen? Was wird ihre Definition einer demokratischen Politik sein? Was halten sie von der AKP? Wenn von der AKP-Regierung eine Einladung folgt, werden sie diese annehmen? Werden sie den Friedensprozess unterstützen? Werden sie die Straßenkämpfe anhalten?
All diese Fragen haben wir mit Selahattin Demirtaş besprochen, einen der Abgeordneten der geschlossenen Partei DTP für die Provinz Diyarbakır. Bevor er im Jahr 2007 ins Parlament gewählt wurde, war Selahattin Demirtaş als Anwalt tätig, war Ortsvorsitzender des Menschenrechtsvereins (IHD) in Diyarbakır und Mitglied der Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV) sowie der Türkeigruppe von Amnesty International.
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Düzel: Nachdem das Verfassungsgericht verfügte die DTP zu schließen, haben die DTP-Parlamentarier beschlossen, aus ihren Ämtern auszuscheiden. Wieso hat man diesen Beschluss getroffen?
Demirtaş: Als im Jahr 2007 das Schließungsverfahren gegen die DTP eröffnet wurde, haben wir als Parlamentsfraktion eine Grundsatzentscheidung getroffen: "Wird unsere Partei geschlossen und auch nur eine[r] unserer Abgeordneten [in ihren/seinen Rechten] angetastet, dann ist das nicht hinnehmbar. In einer solchen Situation werden wir uns als Gruppe einheitlich aus dem Parlament zurückziehen." Als das Verfassungsgericht die Schließung der DTP verkündete, haben wir uns an diese vor zwei Jahren gefällte Grundsatzentscheidung gehalten, offiziell unseren Rücktritt verkündet und gesagt, dass unsere Rücktrittsschreiben schon bereitliegen. Denn die demokratische politische Vertretung der Kurden erwartet nun endlich eine allgemeine Akzeptanz. Sie will in Freiheit Politik betreiben, ohne Druck, Schließungs- und Haftandrohungen begegnen zu müssen.
Hat Ihre Entscheidung dazu beigetragen, der demokratischen Politik den Weg zu bereiten?
Wir wollten die Kanäle [also die Bewegungsspielräume, d. Red.] der demokratischen Politik [in der Türkei] austesten. Wir wollten, dass alle sehen, mit welchen Unannehmlichkeiten die kurdisch-demokratische Politik konfrontiert ist.
Anschließend haben Sie mitgeteilt, dass Sie auf den Rücktritt verzichten. Wieso haben sie auf den Rücktritt verzichtet?
Die Realisierung unseres Beschlusses zum Rückzug aus dem Parlament hat national und international für viel Resonanz gesorgt. Das Volk hat uns sehr unter Druck gesetzt. In Diyarbakır haben uns über 50 Zivilorganisationen besucht.
Wollte das kurdische Volk nicht, dass Sie sich aus dem Parlament zurückziehen?
Es wollte, dass wir im Parlament verbleiben. Das, was wir als "demokratische Öffentlichkeit" bezeichnen, die Kreise, die uns beeinflussen, reagierten anfänglich zwiespältig, aber mit der Zeit waren jene Stimmen in der Mehrheit, die unseren Verbleib im Parlament befürworteten. Es wurden Unterschriftaktionen für unseren Verbleib im Parlament gesammelt. Wir hätten die immer stärker werdende Reaktion der Öffentlichkeit nicht einfach ignorieren können.
Apo hatte gesagt, dass ein Rücktritt der DTP-Abgeordneten nicht richtig wäre. Hat diese Stellungnahme die Revidierung des Rücktritts beeinflusst?
Welchen Einfluss Öcalan, vor allem auf unsere Wählerbasis hat, ist allen bekannt. Auch das hätten wir nicht missachten können. Selbstverständlich war dieser Aufruf Öcalans ein einflussreiches Element für unsere Entscheidung im Parlament zu bleiben.
Emine Ayna hatte gesagt, "das Volk will, dass wir in die Berge gehen". Aber das Volk wollte, dass Sie im Parlament bleiben. Hat sich die Meinung des Volkes geändert, oder gibt es zwei Völker?
Es gibt ein Volk. Und dieses Volk will Frieden. Es will, dass die Beschränkungen für die demokratische Politik aufgehoben werden. Auch Frau Ayna betrachtet das Parlament als den Ort für die demokratische Politik. Sie wollte dies zum Ausdruck bringen: "In unserer Wählerbasis gibt es Leute, die uns in den Bergen sehen wollen. Aber wir sind trotz dessen in der demokratischen Politik. Man muss auch diese Empfindungen unseres Volkes sehen." Frau Ayna hat nicht gesagt, dass die Berge ein Mittel zum Kämpfen sind, sondern auf eine Gefahr hingewiesen.
Die DTP-Abgeordneten treten in eine neue Partei ein. Wie wird ihr politisches Auftreten von nun an sein?
Die Partei für Frieden und Demokratie zielt darauf ab, sich mit allen auf einer Plattform zu vereinigen, die sich als Benachteiligte dieses Systems verstehen, unabhängig von ihrer ethnischen Wurzel, Sprache oder Religion. Wenn wir in unsere neue Partei übergegangen sind, dann werden wir für dieses Ziel noch mehr Anstrengungen investieren und werden versuchen eine Rhetorik wählen, die allen unterschiedlichen Kreisen, welche Demokratie fordern, sanft und sympathisch erscheint. Wie Sie wissen, gibt es in der Türkei sehr viele diskriminierte Gruppen, wie zum Beispiel Aleviten, Frauen oder Arbeiter, deren Stimme nicht angemessen gehört wird. Die Kurden sind, da sie gut organisiert sind, in einer besseren Lage sich Gehör zu verschaffen.
Die Co-Vorsitzende der DTP, Emine Ayna, hatte gesagt, dass die "Öffnung zu Ende ist". Sie hatte sogar "was ist das für ein Mist, der sich Öffnung nennt" gesagt und gezeigt, dass sie gegen die Öffnung ist. Apo hingegen hat in seiner letzten Stellungnahme die Öffnung befürwortet. Welche der beiden Ansichten vertritt Ihre Partei? Sind Sie für eine Öffnung oder dagegen?
Frau Ayna hat große Anstrengungen unternommen, damit die Öffnung vorankommt. Der Ort, an dem sie die Öffnung als "Mist" verdammte, war die Bestattungszeremonie des Studenten Aydın Erdem. Wir würden eine wahre Öffnung bis zum Ende unterstützen. Aber momentan hat die AKP kein uns zufriedenstellendes Öffnungsprojekt, Weg, Mittel oder Art. Aber wir müssen beachten: Diese Phase wurde von der AKP noch nicht für beendet erklärt. Die AKP kann ihre Fehler berichtigen und die Öffnung mit Inhalten füllen. Sie kann die demokratischen Kreise und uns zufriedenstellen.
Nach welchen Schritten der AKP würden Sie die Öffnung unterstützen?
Zunächst muss die AKP aufhören, das Ziel zu verfolgen, den politischen Willen der Kurden zu liquidieren. Sie haben es gesehen... die AKP hat beide Augen zugedrückt, als die DTP liquidiert wurde. Sie hat seit 7 Jahren keinen Schritt unternommen, der das Verbot politischer Parteien erschwert oder die Meinungsfreiheit stärkt.
Apo sagt, "der Frieden kann nur mit einer demokratischen Politik kommen". Was ist die Definition einer demokratischen Politik?
In der Türkei gibt es unterschiedliche Gesellschaftsschichten. Jede gesellschaftliche Schicht muss sich frei organisieren , in der Politik existieren können und jede Art von Diskussionen führen können. Diese Freiheit darf nur eine Beschränkung haben: Keine politische Bewegung darf Rassismus lancieren oder befürworten. Sie darf also Gewalt nicht als Mittel betrachten. Aber so eine demokratische Politik ist in der Türkei noch immer nicht möglich. Denn die türkische Republik verfolgt wegen ihrer Gründungsphilosophie eine Politik, alle zu türkisieren und zu vereinheitlichen. Jeder, der sich außerhalb dieser staatlichen Ideologie befindet, wird als Bedrohung angesehen. Schauen Sie... in der Türkei ist es sehr einfach eine politische Partei zu gründen. Eine kleine Zahl von Menschen kann zusammenkommen und durch einen Antrag an den Innenminister alles klären. Aber in diesem Land ist es sehr schwer eine politische Partei am Leben zu erhalten. Heute gibt es in der Türkei knapp 30 Parteien. Von diesen erhalten aber nur drei finanzielle Unterstützung aus der Staatskasse.
Die AKP, CHP und MHP... oder?
Diese drei Parteien ändern das Parteiengesetz nicht. Jedes Jahr teilen diese Parteien Milliarden an Staatsgeldern unter sich auf. Die übrigen Parteien versuchen mit ihren eigenen Mitteln mit Mühe und Not auf den Beinen zu bleiben. Das ist eine große Ungleichheit. Außerdem sind diese drei Parteien untereinander zu einem Einvernehmen gelangt, die Wahlhürde nicht zu senken. Die dritte Hürde vor der demokratischen Politik ist die "Meinungsfreiheit". Während gegen eine Partei, welche die Ergenekon-Bande verteidigt, keine Ermittlung eingeleitet wird, werden gegen eine andere, wegen ihrer Aussagen hunderte von Ermittlungsverfahren eingeleitet. Auf diese Weise werden der demokratischen Politik die Wege versperrt.
Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Schritt beim Lösen der Kurdenfrage?
Einer der wichtigsten Schritte ist, dass der demokratischen Politik die Wege geöffnet werden. Erst dann wird das Kurdenproblem von einer gewalttätigen Ebene auf eine demokratische Basis verschoben werden. Meine KollegInnen und ich sind entschlossen, trotz aller Verbote gegenüber der Politik auf der demokratischen Ebene zu verbleiben, aber ... Unter den heutigen Bedingungen fällt es schwer, alle davon zu überzeugen, auf dieser Ebene zu verbleiben. Das ist eben unser Problem. Das Kurdenproblem kann nur in den Lösungsprozess geraten, wenn die politischen Kanäle geöffnet werden. Selbst wenn die PKK noch weitere hundert Jahre in den Bergen bleibt... Im Endeffekt ist der Lösungsweg, dass die Kanäle der demokratischen Politik geöffnet werden.
Wenn sie geöffnet werden, werden sie dann aus den Bergen runterkommen?
Das wäre sehr wirkungsvoll, beim Versuch sie runterzuholen... Um die Menschen aus den Bergen runterzuholen, müssen die Kanäle der demokratischen Politik offen und die Basis sehr stark sein. Erst dann können Sie sagen: "Freundchen, es hat keinen Sinn, dass ihr in den Bergen verbleibt. Ob ihr eure Waffen benutzt habt oder nicht, verbleibt nicht mehr mit der Waffe in der Hand in den Bergen. In diesem Land gibt es Demokratie. Die Institutionen und Regeln der Demokratie funktionieren in diesem Land". Und wenn Sie das sagen, dann bedeutet das, dass Sie sich bereits im Lösungsprozess der kurdischen Frage befinden.
Apo sagt, dass "das Mittel der demokratischen Politik offengehalten und der Kampf auf diese Weise fortgesetzt werden soll". Die demokratische Politik wurde für die DTP vom Verfassungsgericht versperrt, aber ... Es ist eine Wahrheit, dass die PKK durch ihre Aktionen den Weg der demokratischen Politik erschwert hat. Welchen Beitrag leisten Protestaktionen mit Molotow-Angriffen und der Reşadiye-Überfall [der PKK, d. Red.] für die Demokratie?
Diese Aktionen darf man nicht so beurteilen, dass sie deshalb gemacht wurden, um die politischen Kanäle zu öffnen. Auch wir haben es nicht so bewertet. Aber, wenn Öcalan sagt, dass "die Lösung in der demokratischen Politik liegt", ist das nicht nur für uns eine wichtige Feststellung, sondern auch für die Türkei. Schließlich reden wir von einer Organisation, von einer Bewegung, die sich seit 25, 30 Jahren mit dem Staat im Krieg befindet. Der Anführer dieser Organisation sagt: "Die Lösung liegt in der demokratischen Politik".
Die DTP, allen voran Emine Ayna und Personen, die der gleichen Meinung waren wie sie, waren der Friedensöffnung gegenüber negativ gesinnt. Wie stehen sie nun zur Öffnung zum Frieden?
Bitte schreiben sie das. Innerhalb der DTP kann es abweichende politische Manieren geben, aber es gibt keine Linie, die gegen den Frieden steht. Frau Ayna hat nur eine Wahrheit erwähnt, die für manche unerträglich, für die Erringung des Friedens aber unabdingbar ist. Die Türkei befindet sich nun auf der Friedensroute. Ahmet Türk bezeichnete dies wie folgt: "Der Teufel ist aus der Flasche ausgebrochen". Ehrlich gesagt, hat der Teufel zuerst die DTP getroffen, aber von nun an kommt uns allen eine wichtige Aufgabe zu, dass sich dieser Weg unfallfrei zum Frieden umkehren kann.
Werden sich die alten DTP-Funktionäre trotz der Friedensgegner für den Frieden einsetzen?
Unsere gesamten Bemühungen werden auf den Frieden hinauslaufen. Im Osten und Westen der Türkei sind zwei verschiedene Erscheinungen hervorgetreten. Ein Türke aus Kütahya wird einen Kurden aus Diyarbakır nicht hassen, aber es gibt eine Wahrnehmung, als bewegten wir uns in diese Richtung. Wir müssen dagegen kämpfen, dass sich eine solche Wahrnehmung etabliert. Es ist eine sehr gefährliche Atmosphäre, dass sich die Menschen aufgrund ihrer ethnischen Identitäten misstrauisch begegnen. Wir hätten in zweieinhalb Jahren das Parlament besser benutzen können, wir hätten eine Rhetorik wählen können, die alle Probleme der Türkei und Reformvorschläge beinhaltet. Wir haben keinen Abgeordneten in Kütahya, aber wir hätten die Probleme Kütahyas im Parlament laut schreiend ansprechen können. In der neuen Phase können wir das besser in die Realität umsetzen und dann versteht mich ein Türke aus Kütahya vielleicht ein wenig besser.
Es gab eine Nachricht, dass die Regierung mit den ehemaligen DTP-Angehörigen zusammenkommen wolle. Wenn eine Einladung von der Regierung erfolgt, werden Sie diese dann annehmen?
Schließlich werden wir in 10-15 Tagen im Parlament eine Fraktion bilden. In der Vergangenheit hatten wir viele Appelle bezüglich eines Dialogs. Allerdings hat sich der Premierminister erst nach 2 Jahren mit uns getroffen. Wieso sollten wir denn jetzt Gespräche ablehnen?
Damit solche Gespräche passieren können, müssen gewaltvolle Protestaktionen ein Ende finden. Werden Sie sich gegen solche Protestaktionen aussprechen?
Selbstverständlich... Wir haben doch bis zum heutigen Tage diese Taten nicht befürwortet... Wir haben immer dies betont: "Ein Türke soll bitte nicht einem Kurden gegenüber Hass empfinden, weil er Kurde ist. Und ein Kurde soll auf keinen Fall denken, dass er einen Beitrag für den demokratischen Kampf leistet, indem er Geschäfte oder Busse beschädigt." Wir haben immer gesagt, dass "es falsch ist, Gewalt als Mittel des demokratischen Kampfes darzustellen". Die gewalttätigen Aktionen wurden in den Medien immer mit der DTP in Verknüpfung gebracht. Wenn Gerichtsverfahren eingeleitet werden, dann wird immer nachgewiesen, dass die DTP mit diesen Taten nichts zu tun hat. Wir als DTP halten eine äußerst disziplinierte Friedensveranstaltung, aber am Ende der Veranstaltung oder wenn sich die Versammlung auflöst, kommt es immer irgendwie zu Ausschreitungen. Und wenn es zu harten Eingriffen kommt, dann breiten sich die Ausschreitungen auf die Straßen aus. Und dann heißt es: Die DTP hat Steine geworfen, die DTP hat Molotow-Cocktails geworfen. Die DTP kann alleine diese Aktionen nicht verhindern.
Wie kann man dann Straßenschlachten anhalten Ihrer Meinung nach?
Der Premierminister muss darauf verzichten Demonstranten als Terroristen zu bezeichnen. An keinem Ort der Welt werden Demonstranten als Terroristen gebrandmarkt. In Paris wurden tausende Autos in Brand gesetzt, aber die Menschen wurden [von Regierungsseite] nicht als Terroristen bezeichnet. In Griechenland herrschte wochenlang das Chaos, niemand hat die Jugendlichen als Terroristen bezeichnet. Auch die kurdischen Jugendlichen dürfen nicht so schnell als Terroristen abgetan werden. Wieso sind sie auf den Straßen? Man muss fragen, wieso sie keinen anderen Ort finden, wo sie ihrer Stimme Gehör verschaffen können... Wir sind bereit mit der Regierung zusammenzuarbeiten, damit die Demokratie sich weiterentwickeln kann.
Befürchten Sie, dass die Jugendlichen gegeneinander polarisiert werden?
Selbstverständlich. Das ist das Gefährlichste an der Sache. Die türkische Jugend muss, was das betrifft, sehr aufmerksam und vorsichtig sein. Sie können nationalistisch sein. Das ist ihre eigene Entscheidung. Aber eine Ausdrucksweise und Mentalität, die an Rassismus grenzt, ist sehr gefährlich. Auch in der kurdischen Jugend genießt der Nationalismus an Auftrieb. Einen übertriebenen Nationalismus kann es sowohl bei Kurden als auch bei Türken geben. Im Endeffekt ist Nationalismus eine gefährliche Sache. Man sollte sich nicht in den Nationalismus verstricken. In diesem Land entwickelt sich ein Hass gegen ethnische Identitäten. Es gibt Menschen, die Repressionen ausgesetzt sind, nur weil sie Kurden sind. Wir haben nach der kurdischen Familie in Çanakkale / Bayramiç nachgeforscht, die einem Übergriff ausgesetzt war. Es war eine kurdische Familie, die einer rechten Partei angehörte.
War sie Anhänger der MHP?
Ja. Der Übergriff erfolgte aufgrund ihrer ethnischen Identität. Das türkische Volk muss sich dieser Tatsache bewusst werden. Die Kurden sind nicht die Feinde der Türkei oder der Türken und werden es auch nie werden. Damit die Türken sich dessen sicher sein können, müssen wir große Anstrengungen unternehmen.
Was muss die Regierung für den Frieden unternehmen?
Wenn die demokratische Öffnung nicht für das Volk und für den Staat gemacht wird, sondern um eine Organisation zu liquidieren, dann benebelt das die Köpfe. Wenn dein oberstes Ziel die Liquidierung einer Organisation ist, dann wird die Basis dieser Organisation jeden deiner Schritte mit großem Misstrauen begegnen. Das erste Ziel muss die demokratische Öffnung sein. Eine demokratische Öffnung sorgt im Endeffekt dafür, dass die Gewalt liquidiert wird.
Was genau sind die Forderungen der Kurden?
Als erstes eine neue Verfassung. Das ist nicht nur die Forderung der Kurden. Das ist nötig für die Lösung der kurdischen Frage. Das ist nötig für alle grundlegenden Probleme der Türkei. Denn mit der Putsch-Verfassung kann die Demokratie in der Türkei keinen Platz finden. Und die Kurdenfrage lässt sich nicht lösen, ohne dass in diesem Land Demokratie herrscht. Solange diese Putsch-Verfassung herrscht, wird die Kurdenfrage noch nicht einmal dann gelöst, wenn die PKK von den Bergen herunterkommt. Die AKP muss diese Verfassung an den Pranger stellen und sagen, dass sie diese Verfassung ändern wird. Ihre Betonung diesbezüglich war anfänglich sehr stark, aber sie wurde mit der Zeit immer schwächer. Außerdem darf die Verfassung nicht eine Struktur für die türkische Gesellschaft definieren. Dies darf nur das Volk festlegen, und Unterricht in der Muttersprache sollte ohne Zwang gewährt werden. Aber jeder, der in der jeweiligen Muttersprache unterrichtet wird, muss zugleich türkisch lernen. Denn die offizielle Amtssprache muss türkisch sein.
Ist das Kurdenproblem im Grunde ein Sprachproblem?
Selbstverständlich ist es ein Sprachproblem. Denn die Sprache ist die wesentlichste Ausdrucksweise der Identität. Deshalb ist Unterricht in der Muttersprache sehr wichtig. Eine andere Forderung ist die Stärkung der regionalen Verwaltungen. Das ist nicht nur für die Kurden notwendig, sondern für die gesamte Türkei. Während der Änderungen der Verfassung und der Gesetze darf die PKK auf keinen Fall Operationen durchführen. Wie Hasan Cemal bereits sagte: Die Hände müssen Weg vom Abzugshebel der Waffen. Denn in einer Atmosphäre, in der Angriffsoperationen durchgeführt werden, können keine demokratischen Schritte getätigt werden. Die Regierung muss sagen: "Ich will die Gewalt liquidieren, sie von der Tagesordnung streichen". Sie muss darauf verzichten zu sagen, "ich werde die PKK komplett auslöschen, ihre Kader und Symphatisanten gefangen nehmen, ins Gefängnis werfen, ins Exil schicken".
Die größte Kritik bezüglich Ihrer Person ist, dass Sie die Lösung des Problems allen voran in Öcalan und in der PKK sehen.
Die drei größten Ausschreitungen, die wir in den letzten Jahren erlebten, wurden wegen Öcalan erlebt. Wie können Sie einen Menschen ignorieren, der in einem Augenblick dafür sorgen kann, dass Millionen Menschen auf die Straße strömen, und sagen "ich werde diese Sache lösen". Wenn jemand das behauptet, dann ist er – mit einem Wort: ein Lügner. Wir wollen keine Lügner sein. Wir verweisen nur auf eine Realität. Wir machen niemandes Propaganda, wir rühmen niemanden. Die Regierung muss einsehen, dass das Thema Öcalan ein empfindliches Thema ist. Wenn die demokratische Öffnung richtig arbeitet, dann müssen wir nicht auftreten und sagen: "Ja schaut, es gibt Öcalan und es gibt noch die PKK". Der Demokratisierungsprozess löst das.
Werden sie im Parlament mit Ufuk Uras' Teilnahme eine Fraktion bilden?
Ja, das sind unsere momentanen Überlegungen. Ja.
Haben Sie Hoffnung auf Frieden?
Ja, ich habe große Hoffnungen. Denn in Krisenzeiten merken wir, wie wichtig der Frieden ist. In einem Monat sind in Istanbul Serap Eser, in Tokat sieben Soldaten, in Diyarbakır Aydın Erdem und in Muş zwei Mitbürger gestorben. Hätten wir Politiker über den Frieden noch besser reden können, dann wären diese elf jungen Menschen noch am Leben. Jeder Politiker soll die Sache aus dieser Sicht betrachten und sich vor jedem Schlafengehen fragen, welchen Anteil trage ich daran, dass diese 11 Menschen tot sind? Als wir in der Lage waren sie leben zu lassen konnten. Während wir auf Podesten Reden hielten und uns gegenseitig anschwärzten, sind in einem Monat 11 Jugendliche gestorben.
Was wird Ihre Fraktion für den Frieden machen?
Der Frieden fällt nicht vom Himmel. Wir müssen den Frieden organisieren. Wenn irgendwo Krieg herrscht, dann gibt es auch ökonomische Kreise, die den Krieg nähren, dann gibt es politische und internationale Kräfte, die daran interessiert sind. Der Krieg bedeutet für manche einen Gewinn. Und die größte Gefahr für den Frieden ist, dass Zivilisten Gewalt anwenden. Eines Tages können sich PKK und Militär einigen und die Waffen schweigen. Den Krieg in den Bergen anzuhalten ist um einiges einfacher, als den Krieg in den Straßen. Den Krieg in den Straßen anzuhalten ist sehr schwer...
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Dieses Interview von Neşe Düzel mit Selahattin Demirtaş wurde am 21. Dezember 2009 in "Taraf" veröffentlicht unter dem Originaltitel: Selahattin Demirtaş: "Sokak savaşı dağdakine benzemez". Für Kurdmania aus dem Türkischen übersetzt von SiWan.
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