Mîraz Bêzars Spielfilm "Min Dît – Die Kinder von Diyarbakir" erregte nicht nur in der Türkei Aufsehen, rückte das Schicksal der Straßenkinder in Amed / Diyarbakır, in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Die Armut der Menschen in ihrer Heimat vor Augen versuchen zunehmend Diaspora-Kurden u.a. von Deutschland aus ehrenamtlich humanitäre Hilfe in Kurdistan zu leisten.

So wurde 2008 Sarmaşık-Efeu Europa e.V. gegründet, deren Vorsitzende, Güllü Güler, Kurdmania für ein Interview zur Verfügung stand.

Hallo Güllü, kannst du dich unseren Lesern bitte kurz vorstellen?

Ich heiße Güllü Güler, bin 21 Jahre alt und engagiere mich liebend gern für humanitäre Zwecke.

Kannst du uns bitte mehr über die Hintergründe erzählen, die euch dazu bewegt haben, Sarmaşık-Efeu Europa e.V. zu gründen?

Wir, der heutige Vorstand von Sarmaşık-Efeu Europa e.V., haben in kleinen Gruppen auf kommunaler Ebene in Deutschland Projekte für die Straßenkinder in Amed [Diyarbakır] oder in anderen Städten im Osten der Türkei durchgeführt, um Spenden zu sammeln.

In Grevenbroich haben wir beispielsweise mit dem Kurdischen Jugend- und Kulturverein und Bündnis90/Die Grünen 2007 ein Jugendfestival unter dem Slogan "Grenzenlos" veranstaltet. Mit der Veranstaltung haben wir versucht, Jugendliche aller Nationen aus Grevenbroich zusammen zu bringen, um die Stimme gegen Rassismus zu erheben.

Dabei haben wir auch versucht, die Aufmerksamkeit auf die Straßenkinder in Kurdistan zu ziehen. Dies ist uns ganz gut gelungen, da wir durch die Veranstaltung mehrere tausend Euro Spenden sammeln konnten.

Nach dieser erfolgreichen Veranstaltung kam schnell die Frage auf, wie und an wen wir die Spende schicken sollten. Nach vielen Recherchen haben wir den Verein "Sarmaşık Yoksullukla Mücadele ve Sürdürülebilir Kalkınma Derneği" gefunden und kontaktiert. Zu der Zeit war der Verein Sarmaşık gerade erst gegründet, doch sie hatten in kurzer Zeit sehr starke Projekten gestartet und uns alle überzeugt.  Überzeugt hat Sarmaşık auch andere aktive Gruppen in Deutschland.

Nach intensiven Gesprächen mit den Gruppen aus Deutschland haben wir uns als kleine eigenständige Gruppen unter der Initiative von Sarmaşık im Mai 2008 in Frankfurt getroffen und kennengelernt. Bereits bei unserem ersten Treffen haben wir feststellen können, dass wir alle das gleiche Ziel haben: humanitäre Hilfe aus Deutschland in Kurdistan zu leisten. Des Weiteren haben uns die Umstände in der Heimat sehr interessiert, vor allem die Umstände, in denen die sozial schwachen Kinder und Familien leben müssen. Unser jetziger Kooperationsverein "Sarmaşık Yoksullukla Mücadele ve Sürdürülebilir Kalkınma Derneği Diyarbakır" wurde von dem Treffen benachrichtigt.

Beim zweiten Treffen hat auch ein Vertreter von Sarmaşık aus Amed teilgenommen und uns zu einer Vereinsgründung ermutigt. Nach diesem Treffen wurde eine Satzung geschrieben, der Vorstand gewählt und Ziele für den neugegründeten Verein Sarmaşık-Efeu Europa e.V. formuliert.

Kannst du uns etwas über die Arbeit von Sarmaşık in Amed erzählen?
Welche Strategie wird verfolgt, um die Armut zu bekämpfen?

Der Verein Sarmaşık in Amed verfolgt in erster Linie die Strategie, die vorhandene Armut zu bekämpfen. Dafür werden spezifische Projekte entwickelt und mit vielen Fachleuten und Partnern wird zusammen gearbeitet.

Sarmaşık hatte, bevor die Arbeit begonnen hat, mit Unterstützung der Studenten vor Ort eine Statistik der sozialen Lage in der Millionenstadt Amed entwickelt.
Anhand dieser Statistik hat man schnell feststellen können, was die Belange der Einwohner sind und was ihnen fehlt. Die Einwohner der Millionenstadt klagen in bestimmten Stadtgebieten vor allem über das Fehlen von Grundnahrungsmitteln.

Somit wurde als Erstes "Gıda Bankası", die Lebensmittelbank, mit 32 Kooperationspartnern vor Ort gegründet.
In der Lebensmittelbank können die Bedürftigen sich anmelden und eine Lebensmittelunterstützung erhalten. Die Lebensmittelbank ist so aufgebaut, dass die Menschen auf eine würdige Art ihre Bedürfnisse selbst "einkaufen" können.

Gida BankasiFoto: medamed21


Des Weiteren wurden Ausbildungsstellen für Jugendliche geschaffen und Kinderförderkurse organisiert.
In den Ausbildungsmaßnahmen wurden hauptsächlich Gas- und Wasserinstallateure ausgebildet. Die Kinder können in den Förderkursen Hausaufgabenhilfe erhalten, an Freizeitangeboten teilnehmen und darüber hinaus werden sie individuell gefördert.

Welche Rolle spielen die türkischen Behörden?
Unterstützen sie die Arbeit von Sarmaşık, ignorieren sie sie oder legen sie ihnen gar Steine in den Weg?

Die Arbeit von Sarmaşık wird von vielen Handelskammern, Politikern, Geschäftsmännern, Vereinen und Verbänden unterstützt. Der Oberbürgermeister von Amed, Osman Baydemir, war bis vor ein paar Wochen der Vorstandsvorsitzende von Sarmaşık in Amed und hat mit allen Mitteln den Verein unterstützt. Leider ist der Gouverneur der Stadt mit der Arbeit des Vereins nicht zufrieden, da er die Meinung vertritt, dass man den Menschen einfach nur Lebensmittelunterstützung geben sollte, ohne bestimmte Fördermaßnahmen. Jedoch stößt seine Ansicht auf Protest, da diese Art von Hilfe kein Ende hat, nicht Hilfe zur Selbsthilfe ist.

Was wollt ihr mit eurem Verein Sarmaşık-Efeu Europa e.V. hier in Deutschland bzw. in Amed erreichen?

Als Sarmaşık-Efeu Europa e.V. sowie Sarmaşık in Amed haben wir begriffen, dass Armut nur nachhaltig bekämpft werden kann. Die Grundbedürfnisse der Menschen vor Ort müssen gedeckt sein, damit man die Zukunft gesund vorbereiten kann. Wir setzen uns dafür ein, dass ortsbezogene Projekte entwickelt werden. Für Sarmaşık-Efeu Europa e.V. besteht daher in erster Linie die Aufgabe darin, dass wir die Projekte von Sarmaşık hier in Deutschland bekannt machen und um Unterstützung dafür werben.

Wie gestaltete sich die Gründungsphase?
Verlief alles reibungslos oder hattet ihr erste Hindernisse zu überwinden?

Es lief alles sehr positiv und reibungslos. Nur die bürokratischen Hindernisse haben viel Zeit und Geduld gekostet.

Wie viele Mitglieder habt ihr zurzeit und wo in Deutschland kann man euch treffen?
Wie kann man euren Verein unterstützen?

Unser Verein hat aus finanziellen Gründen keine Geschäftsstelle. Wir versuchen, uns regelmäßig als Arbeitsgruppen in verschiedenen Städten zu treffen. Da wir Mitglieder deutschlandweit haben, ist es sinnvoll, die Sitzung immer in einer anderen Stadt abzuhalten. Zueist mieten wir dafür städtische Räume oder finden eine Unterkunft in kurdischen Vereinen.

Auf unserer Webseite, http://sarmasik-efeu.de/, kann man immer nachlesen, wann und wo unser nächstes Treffen ist. Unseren Verein kann man über das Kontaktformular auf unserer Webseite oder auch telefonisch erreichen. Da wir noch ein relativ junger Verein sind, können wir jede Art von Unterstützung nur begrüßen.


Wie müsste man die kurdischen Jugendlichen deiner Meinung nach ansprechen, um sie für soziales und/oder politisches Engagement zu motivieren?
Welche Rolle kann bzw. sollte Kurdmania dabei spielen?

Wenn die Möglichkeit besteht, sollte man allen kurdischen Jugendlichen aus Europa eine Kurdistanreise ermöglichen. Man lernt viele Menschen und Lebensumstände kennen, die man vielleicht vergessen hat. Ich habe 2007 meine erste Kurdistanreise gemacht, erst dann ist mir bewusst geworden, in welcher Realität die Menschen in Kurdistan leben. Da habe ich den starken Willen entwickelt, etwas an den Umständen ändern zu wollen.

Man muss sich mit der Thematik beschäftigen und darf nicht wegschauen.
Kurdmania sollte mehr über die Lebensumstände der Menschen und vielleicht persönliche Schicksale berichten, damit man eine Vorstellung davon bekommt, welche Unterschiede zwischen unserem Leben in Deutschland und dem Leben der dortigen Menschen bestehen.

Gibt es noch etwas, was dir auf dem Herzen liegt und du abschließend loswerden möchtest?

Sagen wir gemeinsam der Armut und sozialen Benachteiligung den Kampf an. Geben wir den Menschen die Chance, ihre Armut durch unsere Unterstützung nachhaltig zu bekämpfen.

Liebe Güllü, wir danken dir sehr für die interessanten Einblicke in eure Arbeit und wünschen dir sowie Sarmaşık-Efeu Europa e.V. für die Zukunft alles Gute und hoffen auf die tatkräftige Unterstützung unserer Leserinnen und Leser bei der Umsetzung eurer Ziele.


Kontakt:
Sarmaşık-Efeu Europa e.V. - Verein zum Kampf gegen Armut und für die nachhaltige Entwicklung
Postfach 50 14 09
41502 Grevenbroich
Tel.: +49 (0)2182 69 89 996
Mob.: +49 (0)173 71 17 104
Web: http://sarmasik-efeu.de/

Kontodaten für Spenden:
Sarmasik-Efeu e.V.
Konto-Nr.: 00 93 34 98 84
BLZ: 305 500 00
Bank: Sparkasse Neuss
BIC: WELADNXXX
IBAN: DE89 3055 0000 0093 349884


Das Interview führte Dilan Khoshnaw.