KM: Hallo Abdul. Ich freue mich, dass du Zeit für uns gefunden hast.
Wie geht es dir? Kannst du unseren Lesern etwas zur Gründungsgeschichte von KurdSV sagen?

Abdul (KurdSV): Zuerst einmal bedanke ich mich im Namen von KurdSV für das Interviewangebot. Ich hoffe wir können unseren Beitrag zur Verständigung und zur besseren Kommunikation leisten. Nun zur Gründungsgeschichte:

Im Februar 2008 haben sich parallel mehrere Studenten darum bemüht, einen kurdischen Studentenverein in Bielefeld zu gründen. Über StudiVZ haben sich dann Harzal Sidik, Özkan Aksoy und meine Wenigkeit (Anm. d. Red.: Abdulvahap Celebi) kennen gelernt. Wir haben dann spontan beschlossen, es doch einfach gemeinsam zu versuchen. Über StudiVZ und diverse Foren haben wir dann die Gründungsversammlung im April 2008 angekündigt. Zur Versammlung sind insgesamt acht Personen erschienen. Kurze Zeit später haben wir dann eine Satzung geschrieben und uns offiziell in der Uni angemeldet. Nachdem unser Antrag von der Unileitung akzeptiert wurde, haben wir uns noch einmal getroffen. Zu Dieser Veranstaltung sind dann schon 15 Personen erschienen, darunter fünf aus Paderborn, so dass wir an dem Tag beschlossen haben, in Paderborn die Schwestergruppe KurdSV Paderborn zu gründen.

KM: Es existiert also eine Schwestergruppe in Paderborn?

Abdul (KurdSV): Genau. Diese ist bisher leider nur im ersten Jahr aktiv gewesen. Nach dem Netzwerktreffen im Dezember 2008, an dem sie noch teilgenommen hat, ist sie wohl momentan inaktiv. Zumindest werden keine Veranstaltungen organisiert.

KM: Du sagtest, es begann ursprünglich mit 3 StudentInnen. Wie viele Mitglieder zählt KurdSV jetzt?

Abdul (KurdSV): Der engere Kreis zählt 5-6 StudentInnen. Also wirklich Aktive, die immer dabei sind. Des Weiteren 4-5 weitere Mitglieder, die hier und da mal mitarbeiten, sich aber vor allem bei Veranstaltungen zeigen und immer auf dem Laufenden gehalten werden wollen.

KM: Wie würdest du KurdSV beschreiben? Habt ihr eine ideologische oder religiöse Ausrichtung, ein Wertesystem dem ihr folgt? Welche Ziele habt ihr euch in der Gründungsphase gesetzt?

Abdul (KurdSV): Nun wir sind ein sowohl parteipolitisch, als auch religiös ein unabhängiger Verein. Das heißt aber nicht, dass wir keine Ideologie haben. Wir verstehen und als kurdische Interessenvertretung, die versucht alle kurdischen Interessen zu vertreten. Wir möchten durch unsere Unabhängigkeit in keinen Interessenkonflikt geraten und möchten niemanden ausschließen.

Unser Hauptanliegen, warum wir eine unabhängige Gruppe sein wollten, war der: Unserer Ansicht nach werden viele Kurden durch eine Bezugnahme auf eine politische Richtung oder eine Religion davon ferngehalten sich zu engagieren. Denn ein Yezide wird kaum in einen Islamischen Kurdenverein eintreten und andersrum. Ein Barzani-Anhänger eher nicht zu einer Talabani Gruppe oder der YXK. Zumindest so wie wir das sehen. Wir möchten alle KurdInnen unter einem Dach vereinen. Deshalb sind wir durch unsere Unabhängigkeit offen für alle. Das heißt auch SozialistInnen oder NationalistInnen können bei uns Mitglied werden. Jede(r) von uns hat zu bestimmten Themen eine Meinung, aber wir müssen uns nun mal einigen und da sehen wir als zentralen Bezugspunkt die kurdische Identität. Deshalb ist das unser gemeinsamer Nenner. Als unabhängiger Verein haben wir übrigens auch den Vorteil alles und jede(n) kritisieren zu können. Auf der anderen Seite sind wir natürlich auch immer für Kritik offen.

KM: "Das heißt nicht, dass wir keine Ideologie haben". Welcher Ideologie würdest du dich selbst zuordnen?

Abdul (KurdSV): Ich selber würde mich eher als Linken einordnen, der sich auch für Umwelt-Themen interessiert. In der deutschen Parteienlandschaft wären das also die Grünen. Man könnte sagen wir bei KurdSV sind Patrioten, die aber nicht nationalistisch sind. Die Kurdische Identität steht bei uns im Vordergrund. Alles andere ist eine Einschränkung.

KM: Welche Ziele habt ihr euch in der Gründungsphase gesetzt? Welche Bilanz würdest du im Hinblick auf Eure Arbeit in der Vergangenheit ziehen? Welche Ziele werdet ihr in Zukunft verfolgen?

Abdul (KurdSV):1. Da wir neu waren, mussten wir uns natürlich erst einmal einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeiten. Deshalb haben wir viele Infostände gehabt, um Präsenz zu zeigen und neue Mitglieder oder Interessierte zu werben. Hierzu hatten wir dann z.B. auch eine große Gründungsfeier mit ca. 60 Gästen u.a. mit den eingeladenen Gruppen YXK, KSU und Raman.

2. Eine gespaltene...einerseits, weil wir jetzt immer besser werden durch unsere Erfahrung. Auf der anderen Seite könnten wir uns in vielen Dingen natürlich noch verbessern. Wir haben auch den einen oder anderen Fehler gemacht, der uns heute noch verfolgt, wie das Missgeschick auf der Gründungsfeier. Aber vor Allem durch das sehr erfolgreiche letzte Semester würde ich uns eine 2- bescheinigen.

3. Ziel ist es natürlich, in jedem Semester neue Mitglieder zu werben und immer mehr Zuschauer und Interessierte für uns zu gewinnen. Des Weiteren natürlich mehr Interesse bei den Studenten zu wecken. Als eines der großen Ziele für das nächste Semester ist die Verbesserung der Kommunikation mit den anderen Gruppen beim Netzwerktreffen und die kontinuierliche Zunahme von Veranstaltungen zu nennen

KM: Insgesamt scheint es, dass sich die Veranstaltungen aller Gruppen kurdischer Studierender sehr ähneln. Fast alle Gruppen haben Diskussionsrunden und Kurdischkurse. Es geht sogar so weit, dass zeitnah dieselben Filme vorgeführt werden. Was denkst du darüber?

Abdul (KurdSV): Nun ich denke zu den Kurdischkursen muss ich nichts weiter sagen. Das sollte sich auch jede Gruppe auf die Fahne schreiben, auch wenn es sehr schwierig ist. Zu den anderen Veranstaltungen: Natürlich ähneln sich viele Veranstaltungen, da die Gruppen sich natürlich auch immer auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation beziehen müssen. Außerdem werden auf Grund der knappen Ressourcen die Vereine natürlich sich auf die Kernprobleme beziehen. Aber Gute Ideen wie Filmabende werden natürlich gerne übernommen. Vor allem weil sich ein Filmabend vergleichsweise leicht organisieren lässt. Dass teilweise die gleichen Filme gezeigt werden, hängt mit der Verfügbarkeit der Filme zusammen. Wir z.B. wollen eigentlich immer möglichst Filme in kurdischer Sprache und mit deutschem Untertitel. Deswegen scheitern oft viele Filmwünsche. Natürlich hängt das auch mit den Kosten zusammen. Wenn ein Film im freien Verleih zu haben ist, wird er eher nicht gekauft werden.

KM: Auf eurer Website unterstützt ihr die Kampagne für den Erhalt von ROJ-TV. Habt ihr keine Bedenken, einen Sender zu unterstützen, der von der türkischen Regierung als „terroristisch“ bezeichnet wird? Kann man in diesem Fall überhaupt unparteiisch oder überparteilich sein?

Abdul (KurdSV): Was oder wen die türkische Regierung als terroristisch bezeichnet ist uns eigentlich egal. ROJ-TV ist einer der wenigen kurdischen Sender, der die Ereignisse auch aus kurdischer Sicht darstellen. Mit einem Verbot werden kurdische Interessen verletzt und die kurdische Meinungsfreiheit eingeschränkt. Da ist es uns auch egal, welcher Partei oder Gruppe ROJ-TV nahe steht oder nicht. Wir setzen uns generell für kurdische Interessen ein. Und da haben wir auch alle Freiheiten. Ich könnte mir z.B. denken, dass Talabani-nahe Organisationen erst einmal nicht wissen, wie sie mit so etwas umgehen sollten. Für uns stellt sich diese Frage nicht. Durch unsere Unabhängigkeit können wir kurdische Interessen vertreten ohne dass wir uns um eine Parteidoktrin kümmern müssten.

KM: Beim 2. Vernetzungstreffen meinte ein KurdSV-Mitglied, der Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK) werde vom Verfassungsschutz beobachtet. Auf eurer Eröffnungsfeier sagte ein Vorstandsmitglied von KurdSV, eine Zusammenarbeit mit YXK sei ausgeschlossen. Ist nun – nach dem Aufruf von Haydar Işık – ein Neuanfang möglich? Kann man eure Unterstützung für ROJ-TV auch als eine Geste an YXK werten?

Abdul (KurdSV): Ich beantworte mal zuerst die 2. Frage: Ich hatte dies auch schon im Forum erwähnt und möchte dies auch richtig stellen: Unsere Moderatorin, die mittlerweile nicht mehr im Verein ist, hat da leider ihre Antipathie zur YXK offen gezeigt, was nicht geplant und auch nicht gewollt war. Wir haben uns unter anderem auch sofort und öffentlich dafür entschuldigt und ich tue dies hier auch noch einmal. Aber ich finde es schon ein bisschen komisch, dass man uns aufgrund der Verfehlung einer Einzelperson und nicht nach unseren Leistungen bewertet. Auch wenn es richtig ist, dass wir natürlich nicht zu 100% mit der YXK kompatibel sind. Müssen wir ja auch nicht sein, um auch in einzelnen Projekten mit der YXK zusammen zu arbeiten.

1. Das war meine Äußerung. Aber die kann eigentlich nur im Kontext verstanden werden, auch wenn ich schon beim Vernetzungstreffen klargestellt habe, dass ich mich da unglücklich ausgedrückt habe. Es ging in der Diskussion darum, ob die YXK der PKK nahe steht und sie damit als Ansprechpartner für z.B. Institutionen wegfällt. Es wurde von den Anwesenden gesagt, dass YXK zwar mit der PKK sympathisiert, aber nicht zu ihr gehört. Daraufhin habe ich geantwortet, dass der Verfassungsschutz davon ausgeht, dass die YXK zur PKK gehört. Wie gesagt wollte ich damit keinem zu nahe treten. Für mich ist das in der Hinsicht auch kein Problem, weil die PKK für mich nicht terroristisch ist. Ich sympathisiere ja auch mit ihr. Aber ich hege eben Sympathien für alle kurdischen Parteien und Gruppen. Eine Zusammenarbeit mit der YXK ist deswegen also nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Auch wenn die Zusammenarbeit mit einem unabhängigen Verein sicher einfacher ist.

3. Natürlich ist ein "Neuanfang" möglich. Auch wenn ich es nicht Neuanfang nennen würde, sondern als Prozess der weiter geführt wird. Die Geschichte mit ROJ-TV ist unabhängig von der YXK zu sehen.

KM: Ihr habt vor nicht all zu langer Zeit ein Seminar über die patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen in Kurdistan abgehalten. Über die Beziehung zwischen den einzelnen Gruppen kurdischer Studierender schrieb kürzlich ein Kurdmania-User in unserem Forum folgendes: "Anders denken und handeln bedeutet in der kurdischen Gesellschaft, ein Kollaborateur zu sein. Als ein Verleumder gebrandmarkt zu werden, genügt die divergente Betrachtung der Geschehnisse. Und genau diese Problematik erschwert, dass neue Blüten sich entfalten. Der Versuch ist strafbar, so die Sittenjustiz. Entweder fügt man sich ein oder man wird zu einem Treulosen". Inwiefern teilst du die Auffassung, dass KurdInnen im Grunde genommen immer noch viel zu feudal sind, um einem zeitgemäßen Umgang miteinander zu finden?

Abdul (KurdSV): Es ist sicherlich in unserer Gesellschaft schwierig, neue Ideen und Vorstellungen durchzusetzen. Aber es ist sicherlich nicht unmöglich. Man muss aber dies mit Geduld erreichen. Es bringt nichts, wenn man stur gegen eine Wand anrennt und keinen Millimeter von seiner Meinung abrückt. Gewisse Dinge wie Ehrenmord, Zwangsehe etc. gehören natürlich sofort abgeschafft. Da muss man dann sich auch zu Wehr setzen. Aber es bringt nichts, wenn man versucht eine Kultur von heute auf Morgen zu verändern. Mann muss das behutsam angehen.

KM: ... definiere zeitgemäß?
ohne Feind-Freund-Schema

Abdul (KurdSV): Ich denke solche Strukturen lassen sich leider nur über Generationen verändern, Es ist wichtig, dass wir Kurden einen gewissen Tick an Patriotismus hinzu gewinnen, um als Einheit etwas zu erreichen. Dies ist aber nun vor allem Aufgabe unserer Generation. Unsere Eltern können nichts für ihr denken. Aber wenn wir uns trotz besseren Wissens genauso verhalten wie unsere Eltern, sind wir viel schlimmer.

KM: Wie beurteilst du die Ergebnisse der Vernetzungstreffen zwischen den verschiedenen Gruppen von Studierenden aus Kurdistan? Gibt es Hoffnung, dass trotz aller Differenzen ein neuer, konstruktiver Ansatz gefunden wird?

Abdul (KurdSV): Grundsätzlich bin ich der Meinung, es kann keine kurdischen Feinde geben, nur verschiedene Interessen und Ansichten. Ich kann nur das 2. Treffen bewerten, und das ist sicherlich hinsichtlich der Kommunikation nicht optimal gelaufen. Da waren wir Veranstalter aber durch die Themenwahl auch mit daran schuld. Wobei natürlich alle Gruppen wussten, was auf dem Plan stand. Kritik oder Verbesserungswünsche hätten schon vorher gestellt werden können. Grundsätzlich bin ich aber optimistisch, dass wir zueinander finden. Schließlich sind wir alle Kurden und wir sollten nicht dieselben Fehler wie unsere Eltern machen und wegen Lappalien streiten. Vor allem da wir als Studenten immer auch ein wenig Kritikempfänglich sein sollten.

KM: Was hältst du von der Idee einer gemeinsamen Plattform, auf der die einzelnen Gruppen bei bestimmten Themen zusammenarbeiten? Wäre es beispielsweise denkbar, dass Repräsentanten verschiedener Gruppen eine Art „Task Force“ bilden um gemeinsame Interessen nach außen zu vertreten? Beispielsweise eine „Task Force PR“? Wie siehst du die zukünftige Rolle von KurdSV bei einer regionalen und ggf. bundesweiten Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen kurdischer Studierender?

Abdul (KurdSV): Ich denke die Netzwerktreffen sind schon eine gemeinsame Plattform. Wir müssten und jetzt aber auch einigen, was wir gemeinsam machen können und wie das auszusehen hat. Aber ich denke wir haben am Beispiel Dortmund schon bewiesen, dass wir schnell z.B. einen gemeinsamen Protest auf die Beine stellen können...

KM: Mit einer "Task Force" meinte ich eine organisatorisch eigene Arbeitsgruppe, die sich auf ein bestimmtes Sachthema konzentriert.

Abdul (KurdSV): Ich denke wir wären auf jeden Fall dabei. Denn wir gehören auch jetzt schon zu den größten Befürwortern eines Zusammenschlusses der unabhängigen Vereine. Eine Task-Force wäre zwar gut, ist aber finde ich in meinen Augen momentan noch nicht realisierbar, auch wenn es natürlich wünschenswert wäre.

KM: Engagierte und interessierte Studierende werden sich nun fragen: Worauf müssen sich kurdische Studierende einstellen, wenn Sie in ihrer Hochschule eine politische Gruppe organisieren wollen? Mit welchen Problemen wurde KurdSV bisher konfrontiert? Welchen Nutzen hat es überhaupt, sich in einer politisch orientierten Gruppe für Studierende aus Kurdistan zu engagieren?

Abdul (KurdSV): Drei Fragen auf einmal? Dann stell dich auf einen langen Text ein. Zuerst einmal: Es ist gar nicht so schwer, etwas auf die Beine zu stellen und es kostet auch nicht so viel. Theoretisch reichen 2-3 Personen. Die Anmeldung in der Univerwaltung ist leicht und schnell gemacht. Finanziell muss man natürlich ein bisschen investieren. Aber der Großteil der Kosten für Veranstaltungen wird oft vom Asta getragen. Lediglich wenn man etwas Essen oder anderes für z.B. Feiern machen will muss man es selbst bezahlen. Nach der Gründung muss man ein bisschen Aufmerksamkeit erregen, z.B. durch einen Stand in der Unihalle, übers Internet (Foren wie Kurdmania, Studivz, Facebook etc.) und durch Plakate auf sich aufmerksam machen. Und dann muss man sich natürlich Gedanken machen, was man will und welche Veranstaltungen überhaupt realisierbar sind. Wichtig ist Entschlusskraft; reden und nichts tun bringt wenig. Großartige Probleme hatten wir bisher nicht. So werden wir z.B. nicht von Türken oder anderen behindert oder gestört. Man muss aber frühzeitig beim Asta melden, was geplant ist und welche Kosten entstehen. Sonst bleibt man auf den Kosten sitzen. Auch z.B. Raumanmietungen, Tische, Stühle Stellwände etc. müssen früh organisiert werden, verbrauchen aber nicht viel Zeit, da ein Gang zur Univerwaltung reicht. Grundsätzlich muss man natürlich aber auch die nötige Zeit aufbringen können. Wenn die Arbeit im Verein auf Kosten des Studiums gschieht, wird man mit dem Verein nicht glücklich.

KM: Eure Plakate an der Uni werden also von türkischen Studenten nicht zerrissen?

Abdul (KurdSV): Nein werden sie nicht. Als Volk ohne Staat sollte es eine Gewissensfrage sein. Ich finde wir haben eher die Pflicht uns zu engagieren als z.B. ein Russe oder Chinese. Vor allem unsere "Elite" sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn man es nötig hat, kann man das ja auch für den Lebenslauf gut gebrauchen. Soziales Engagement sieht auf dem Lebenslauf immer gut aus. Auch wenn für mich das persönlich keine Rolle spielt. Bzgl. der Resonanz unter den kurdisch-stämmigen Studierenden hast du vor Kurzem folgendes geäußert: "Das Problem ist doch eher, dass sie (Anm. d. Red.: gemeint sind die kurdischen Studenten) selbst bei den Veranstaltungen nicht kommen, obwohl die meisten Veranstaltungen sowohl von der YXK, als auch von den Unabhängigen kostenlos sind und keinem finanziell weh tun können".

KM: Bist du enttäuscht von den KurdInnen? Was meinst du sind die Gründe für das fehlende Interesse Studierende kurdischer Herkunft? Mit welchem Ansatz ließe sich diesbezüglich etwas ändern?

Abdul (KurdSV): Nun auf eine gewisse Art und Weise bin ich schon ein bisschen von den StudentInnen enttäuscht. Die meisten sind hier, weil ihre Eltern aus ihrer Heimat fliehen mussten. Ich kann noch nachvollziehen, dass nicht alle sich in einem Verein engagieren wollen. Oder dass einige aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht zu kostenpflichtigen Veranstaltungen gehen. Aber das betrifft nur die wenigsten. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass sich die kurdischen StudentInnen nicht für ihre Kultur und ihre Heimat, also sich selbst interessieren. Selbst bloße Unterhaltungsverastaltungen wie Filmabende werden nicht besucht. Es wird zwar oft Interesse geheuchelt, aber das auch nur zum Schein. Als kleines Beispiel: Uns wurde oft gesagt, dass viele gerne besser kurdisch lernen würden. Deswegen hatten wir Im WS 08/09 einen Kurdischkurs auf die Beine gestellt. Aber man konnte noch keinen Schein machen. Also hieß es, nö ohne Schein lohnt es sich nicht zum Kurs zu gehen. Nun hatten wir letztes Semester sogar zwei hochoffizielle Kurse an der Uni. Es konnten auch Leistungspunkte erworben werden und Bescheinigungen. Aber die Resonanz war trotzdem schwach. Im Anfängerkurs hat es 8! Deutsche gegeben aber nur drei KurdInnen. Und in dem Anfängerkurs schwankte die Zahl der Studenten auch zwischen 8-12. Auch wenn der Kurs besser besucht war, da wir auch Schüler und ältere Leute dabei hatten, u.a. einen Arbeiter aus einer 30km entfernten Stadt. Aber die StudentInnen vor Ort hatten keine Zeit?! Seltsam, für die zahlreichen Uni-Partys haben ja alle Zeit.

KM: Haydar Işık schrieb kürzlich einen an die kurdischen Studierenden gerichteten Beitrag auf "Özgür Politika". Ich zitiere: "Ob ihr nun ein großer, umfassender Verein seid und glaubt ihr tut die beste Arbeit für euer Volk oder ob ihr nun ein kleiner Verein seid: Dieses Volk erwartet von euch, dass ihr euch gegenseitig in die Arme nehmt" Wie realitätsnah ist Haydar Işıks Wunsch deiner Meinung nach? Gibt es jenseits der großen Worte und Versprechungen eigentlich schon Beispiele für eine erfolgreiche Zusammenarbeit?

Abdul (KurdSV): Da die unabhängigen Vereine alle sehr jung sind, gibt es leider noch nicht die umfassende Zusammenarbeit. Aber Netzwerktreffen und die Kommunikation über E-Mails sind eigentlich erste positive Signale. Es gibt ja über einen E-Mailverteiler eine rege Kommunikation der Vereine untereinander. Wir informieren uns z.B. gegenseitig über Veranstaltungen und leiten diese Infomails auch an unsere Mitglieder weiter. Auf unserer Seite haben sich, bisher z.B. knapp 150 Benutzer angemeldet, die aus ganz Deutschland kommen, weitere buchten den E-Mail-Verteiler. So erreichen allein wir ca-250 Personen mit unserem E-Mail-Verteiler. Das wird bei den anderen Gruppen ähnlich sein. So helfen wir uns gegenseitig, um unsere Veranstaltungen populärer zu machen. Die YXK ist da natürlich immer inbegriffen, auch wenn ich sie nicht speziell erwähne

KM: Sonstige Beispiele für erfolgreiche Zusammenarbeit?

Abdul (KurdSV): Filme und neu geknüpfte Kontakte werden ausgetauscht. Aber bis auf das Netzwerktreffen gab es bisher leider keine gemeinsamen Aktionen. Das Netzwerktreffen wurde gemeinsam von Raman Bonn, KSU Duisburg und KurdSV Bielefeld organisiert.

KM: Was kannst du uns zum 3. Netzwerktreffen sagen, das bald stattfinden wird?

Abdul (KurdSV): Anhand der E-Mails, die bisher dazu ausgetauscht wurden, denke ich, es wird wesentlich besser laufen, da jetzt die Kommunikation per E-Mail deutlich besser läuft, so dass auf dem Treffen evtl. nicht nur geredet wird, sondern auch gehandelt. Ansonsten ist der Rest Interna, die ich nicht preisgeben kann. Ein passender Veranstaltungsort wurde bisher nicht gefunden. Deshalb wird es denke ich frühestens Ende des Jahres stattfinden. Ich denke auch, dass nun deutlich mehr zum Treffen kommen werden, da die Treffen u.a. auch wegen Kurdmania bekannter geworden sind. Besucher sind natürlich immer herzlich willkommen.

KM: Gibt es schon ein Exposê des Vernetzungstreffens? Was meinst du mit "handeln"?

Abdul (KurdSV): Nun es wird momentan darüber diskutiert, worüber gesprochen werden wird. Mehr kann ich dazu leider nicht sagen, da ich hierfür nicht legitimiert bin. Aber ich kann ja schon mal verraten, dass wir aus Respekt vor der YXK und einigen anderen Unabhängigen, die Vereinigung wollen, nicht über die Gründung eines Dachverbandes der Unabhängigen reden werden. Darüber reden momentan diejenigen, die so was wollen separat, u.a. wir.

KM: Bist du enttäuscht von den KurdInnen? Was meinst du sind die Gründe für das fehlende Interesse Studierender kurdischer Herkunft? Mit welchem Ansatz ließe sich diesbezüglich etwas ändern?

Abdul (KurdSV): Ich hatte ja schon angedeutet, dass ich mir sicherlich mehr Interesse erhoffe. Insofern bin schon vom Desinteresse schon etwas enttäuscht. Ich denke aber, das ist auch ein generelles Problem bei den heutigen Studenten. Sicherlich vom Land und den Unis durch die übervollen Stundenpläne im Bachelor beabsichtigt. Wenn ich aber sehe wie viel Freizeit einige doch noch sinnlos durch Teetrinken bei uns vergeuden, zählt bei mir das Argument "keine Zeit" nicht in allen Fällen. Es wächst momentan eine entpolitisierte Jugend auf, die nur auf Konsum und blinden Gehorsam ausgerichtet ist. Und ich sehe das mit Besorgnis. Dennoch müssen wir uns als Verein auch immer hinterfragen, was wir evtl. falsch machen bzw. besser machen können. Einer der Ansatzpunkte, war ja, über die "Unterhaltung" wie z.B. Filmabende das grundsätzliche Interesse zu wecken.

Weitere Ideen wären:

1. Durch unpolitische Veranstaltungen, wie Tanz, Sport, Koch- und/oder Gesangsgruppen etc. auch das private Interesse wecken. Jemand der sich nicht für kurdische Kultur interessiert möchte evtl. trotzdem tanzen lernen für die nächste kurdische Hochzeit oder spielt eben gerne Fußball.

2. Eine größere Vielfalt an Gruppen. Auch wenn das natürlich für uns mehr Konkurrenz bedeutet und unsere KurdInnen bei Konkurrenz immer die fehlende Einheit beschwören. Einheit kommt nicht zu Stande, nur weil es eine Partei gibt. Das ist ein falscher Gedankengang. Einheit ist, Vielfalt unter einem Dach zu bekommen. Es ist wichtig die vielen Gruppen, die es schon gibt, dazu zu überreden zusammen zu halten. Aber wir brauchen eine noch größere Vielfalt unter den kurdischen Gruppen, um so viele wie möglich auch aktiv werden zulassen.

3. Die fertigen Akademiker und Intellektuellen dazu bringen, sich mehr zu engagieren. Ich habe bei vielen kurdischen Intellektuellen das Gefühl, dass sie sich in ihrer "Intellektualität" suhlen und nichts mit dem "einfachen Volk" zu tun haben wollen. Über soviel Ignoranz rege ich immer wieder auf. Denn unsere Intellektuellen haben anscheinend nicht verstanden, dass sie durch das "einfache Volk" zu Intellektuellen werden. Ich will damit sagen, dass z.B. ein kurdischer Schriftsteller nur dann Ansehen unter den Kurden hat, wenn sie ihn verstehen. Ohne kurdisches Volk ist ein kurdischer Schriftsteller nur ein einfacher Schriftsteller. Vor allem wenn dieser Schriftsteller in kurdisch veröffentlicht. Unsere "Führer" vergessen immer gerne, dass es auch jemanden braucht der "geführt" werden muss, wenn man ein "Führer" sein will. Will damit sagen: keine Bauern - keine kurdische Intellektualität oder Agha.

4. Den Aktionsradius nicht nur auf die Uni beschränken. Wenn man in der Uni eine Veranstaltung hat, sollte man dies auch z.B. im kurdischen Zentrum oder in Schulen bekannt machen. Schüler haben mehr Zeit und sich noch oft eher dazu bereit, sich zu engagieren.

KM: Würdet ihr kurdischen Studierenden Hilfe leisten, wenn Sie eurem Vorbild folgend die Initiative ergreifen und eine eigene Hochschulgruppe gründen würden? Wie sähe solch eine Hilfe im Konkreten aus?

Abdul (KurdSV): Natürlich würden wir helfen. Selbst wenn hier bei uns zur Gründung einer neuen Gruppe kommen sollte. Schön wäre es natürlich, wenn man unter einem Dach arbeitet. Aber das ist uns nicht so wichtig. Wenn die Studenten eine neue Gruppe wollen, würden wir trotz neuer Konkurrenz helfen. Denn die neuen werden neue Ideen mitbringen und werden letztlich auch etwas für die Kurdische Sache tun, so dass es auch in unserem Interesse wäre.

Hilfe könnte dann In Form von Hilfe bei:

- Gründung einer neuen Gruppe und Anmeldung bei der Univerwaltung

- Organisation von Veranstaltungen

- Erfahrung austauschen.

- wichtige Anlaufstellen und Personen mitteilen.

- Kontakte und Adressen austauschen

- finanzielle Hilfe und Möglichkeiten der Geldbeschaffung etc.

Wir würden helfen wo es geht und was für uns auch möglich ist.

KM: Gibt es etwas, was du noch auf dem Herzen hast, Abdul?

Abdul (KurdSV): Da der Schluss ja immer für die großen Worte bestimmt ist: Wir alle sind Kurden und wir sollten das niemals vergessen. In diesem Sinne: Ich bin Zuallererst kein Alevite, Yezide, Sunnit, Schiit, Atheist. Nein ich bin Kurde. Ich bin auch kein Apo-Anhänger, kein Barzani-Anhänger, kein Talabani-Anhänger und kein Anhänger Ahmet Turks. Ich bin Kurde. Ich bin kein Konservativer, Liberaler, Demokrat, Sozialist, Kommunist der Nationalist. Ich bin Kurde. Bevor wir Kurden Kurdistan unter uns verteilen und uns darüber streiten, welches Staatsmodell wir wollen wer Führer sein soll, sollten wir erst einmal ein Kurdistan erkämpfen. Innerhalb Kurdistans können wir uns dann immer noch die Köpfe einschlagen, wer der schönste, Klügste und Größte ist. In diesem Sinne last uns vereinen und gemeinsam etwas für Kurdistan erreichen nicht darüber streiten, wer besser ist.

KM: Vielen Dank für das Interview!