Im Interview mit der kurdischen Zeitung Rudaw sagt der ehemalige US-Diplomat und Berater der kurdischen Regionalregierung, Peter Galbraith, dass die Zeit für die kurdische Unabhängigkeit reif sei, dank der blühenden Ölindustrie, den internationalen Investitionen und der Tatsache, dass die Kurden die einzigen verlässlichen amerikanischen Verbündete in der instabilen Region seien. Galbraith sagt weiter, dass der Premierminister Al Maliki nicht der Verfassung folge und die Rechte Kurdistans nicht achte.


Das Interview führt HAWAR ABDULRAZZAQ

Rudaw: Glauben Sie, dass die Verfassung die Wiederauferstehung der Diktatur im Irak verhindern kann?

Peter Galbraith: Die Verfassung schafft eine schwache Zentralregierung, verteilt gleichermaßen die Macht an Iraks unterschiedlichen Gruppen (Schiiten, Sunniten und Kurden) und gibt der Kurdistan Region eine de facto Unabhängigkeit. Die Verfassung als solche ist entworfen worden, um einen zentralistischen Staat, welcher in der Vergangenheit zur Diktatur geführt hat, zu verhindern. Aber keine Verfassung kann eine Diktatur verhindern. Es liegt an den Leuten selbst.

Rudaw: Glauben Sie, dass Verfassungun im Nahen Osten etwas bedeuten? In diesen Staaten haben oftmals die Herrscher die gesamte Macht.

Peter Galbraith: Ja, sie sind von Bedeutung. Aber es liegt an den Menschen und an ihren Regierenden die Verfassung durchzusetzen.

Rudaw: Zurzeit ist der Irak in politischem Aufruhr und die meisten Parteien beschuldigen den Premierminister Al Maliki der Verletzung der Verfassung. Glauben Sie, dass er die Verfassung verletzt hat?

Peter Galbraith: Selbstverständlich, (denn) er befolgt nicht die Verfassung. Er respektiert nicht Kurdistans Rechte, einschließlich die Rechte über die natürlichen Ressourcen und er hält sich nicht an das verfassungsrechtlich bedingte Referendum über Kirkuk und andere umstrittene Gebiete.

Rudaw: Kurdische Führer beschuldigen Maliki, dass er die Macht nicht teile und dafür arbeite die gesamte Macht an sich zu reißen. Denken Sie, dass die Beschuldigungen zutreffen?

Peter Galbraith: Ja. Sie sind korrekt.

Rudaw: Barzani sagt, dass Maliki nur Zeit schinde und die wichtigen Themen, wie zum Beispiel Artikel 140, welcher die umstrittenen Gebiete und die Rechte über das Erdöl und -Gas betritt, nicht lösen möchte. Er sagt auch, wenn die Situation andauert wie jetzt, werde er die Menschen in Kurdistan durch ein Referendum über ihre Zukunft entscheiden lassen. Gibt die irakische Verfassung den Kurden das Recht sich vom Irak zu trennen?

Peter Galbraith: Die Kurden haben zugestimmt, auf Grundlage der Verfassung, im Irak zu bleiben. Wenn die Regierung in Bagdad seinem Teil der Abmachung nicht nachkommt, dann existiert die Basis für die weitere Mitgliedschaft Kurdistans im Irak nicht mehr.

Rudaw: Als die Verfassung geschrieben wurde, hatten sie daran geglaubt, dass sie die Themen wie Artikel 140 und Peshmerga lösen würde?

Peter Galbraith: Ich wusste, dass diese Themen schwierig werden würden, weil sich die Mentalität derer, die ein zentralisiertes Irak wollen, nicht geändert hat. Aber ich hoffte, dass die Verfassung befolgt würde.

Rudaw: Als die Balkan-Staaten die Unabhängigkeit erlangten, waren Sie der US-Botschafter in dieser Region. Basierend auf ihre Erfahrungen, denken Sie, dass der richtige Zeitpunkt für die Unabhängigkeit Kurdistans gekommen ist?

Peter Galbraith: Ja. Die Kurden versuchen seit 90 Jahren ein Teil des Iraks zu sein und der Irak ließ sie im Stich. Ich habe im Balkan gelernt, dass etwas Schlimmeres als der Zerfall eines Staates existiert, nämlich der Versuch Menschen gegen ihren Willen in einem Staat zu halten.

Rudaw: Was sind ihrer Meinung nach die Hindernisse für einen kurdischen Staat in Irak-Kurdistan?

Peter Galbraith: Präsident Massud Barzani und der Ministerpräsident Necirvan Barzani haben die meisten Hindernisse einer völligen Unabhängigkeit eliminiert. Sie haben enge politische und wirtschaftliche Beziehungen mit der Türkei entwickelt. Sie haben eine Ölindustrie in Kurdistan entwickelt, die zum finanziellen Basis für eine Unabhängigkeit wird. Und sie haben internationale Unternehmen dazu ermutigt in Kurdistan zu investieren. Sie haben gezeigt, dass Kurdistan der einzige verlässliche Partner Amerikas in einer instabilen Region ist.

Rudaw: Denken Sie, dass die USA ein unabhängiges Kurdistan unterstützen wird?

Peter Galbraith: Für gewöhnlich unterstützt die USA den Status quo und wird die Sezession nicht unterstützen, bis sie dann stattfindet. Die USA hat keine so guten Freunde wie die Kurden, daher werden sie keine Alternative außer der Anerkennung der Unabhängigkeit Kurdistan haben, wenn diese stattfindet.

Rudaw: Kurdische Führer waren glücklich, als der amerikanische U.S. Gigant ExxonMobil nach Kurdistan kam. Was ist ihre Sicht hinsichtlich dieses Themas?

Peter Galbraith: Es gibt keinen größeren Vertrauensbeweis in Kurdistans Ölindustrie als die Investition des weltweit größten Erdöl-Unternehmens.

Rudaw: Was denken sie über Kurdistans Erdöl-Politik?

Peter Galbraith: Es macht den jahrhundert alten Traum von der Selbstständigkeit realistisch und bietet den Menschen in Kurdistan großartigen Wohlstand.

Rudaw: Generell bewundern die Kurden ihre Unterstützung durch Sie,  aber vor drei Jahren wurden Sie mit kurdischen Erdöl-Verträgen in Zusammenhang gebracht, welche manche westliche Medien als skandalös bezeichneten. Können Sie dies näher ausführen?

Peter Galbraith: Vor 2004 war Kurdistan völlig abhängig von Baghdad und ausländischer Hilfe. Ich habe dabei geholfen das erste Erdöl-Unternehmen nach Kurdistan zu bringen und infolgedessen hat Kurdistan heute eine florierende Erdöl-Industrie. Zum ersten Mal profitieren die Menschen in Kurdistan von ihren eigenen Ressourcen und Kurdistans Regierung hat die Ressourcen, um ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln. Einige westliche Medien kritisierten meine Arbeit, weil sie der Idee von einem zentralisierten Irak, wo alles durch Bagdad kontrolliert wird, zutiefst zugetan sind. Ich bin stolz darauf, dass ich meinen Beitrag zu einem Kurdistan, das sich selbst verwaltet und wohlhabend ist, geleistet habe.

Notiz:

Dies ist die von der Kurdmania-Redaktion revidierte Fassung der in der Webseite "Die Kurden" (Ehemaliger US-Diplomat Galbraith: Die Zeit ist reif für die kurdische Unabhängigkeit - 02.05.2012) veröffentlichten deutschen Übersetzung des Interviews mit Peter W. Galbraith. Das Original-Interview wurde von "Rudaw" (Former US Diplomat Says Time is Ripe for Kurdish Independence - 30.04.2012) geführt.


Mehr zu Peter W. Galbraith auf Kurdmania: Zerfällt der Irak am Ende in drei Teile?

1. Einleitungsbeitrag: "Türkei wird ein Kurdistan akzeptieren" -  NTV MSNBC (18.07.2006)

2. Beitrag # 7: "Der Irak ist zerbrochen" - Interview mit taz (12.10.2006)

3. Beitrag # 16: "The End of Iraq" - Buchrezension, Cosmopolis (01.12.2006)

4. Beitrag # 17: "Peter Galbraith unterstützt ethnische Aufteilung Iraks" / Original: "Peter Galbraith backs ethnically divided Iraq" - Kurdish Globe (16.11.2008)