BedirxanVor 114 Jahren, am 22. April 1898, wurde die erste Ausgabe der kurdischsprachigen Zeitung "Kurdistan" zum ersten Mal in Kairo von Miqdad Mithad Bedirxan veröffentlicht. Nach der 5. Ausgabe emigrierte die Zeitung wegen der politischen Lage in Ägypten schließlich nach Europa.



Bild: Miqdad Midhat Bedirxan (stehend, 3. von links)


Die Nachkommen kurdischer Fürsten, die nach den gescheiterten Aufständen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Kurdistan bzw. das Osmanische Reich verlassen mussten, spielten eine wichtige Rolle in der Entwicklung des kurdischen Nationalismus. Einer von ihnen, Miqdad Midhat Bedirxan, gründete die erste kurdische Zeitung namens "Kurdistan" 1898 in Kairo.

Als Herausgeber der Zeitung schrieb Miqdad Midhat Bedirxan im Editorial der Zeitung:
Kurdistan

"Sie (die Kurden) sind sich nicht bewusst, was in der Welt und in ihrer Nachbarschaft passiert. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht diese Zeitung - so Gott will - alle 15 Tage zu veröffentlichen. Ich habe sie "Kurdistan" genannt. Ich hebe die Bedeutung der Bildung und Wissenschaft hervor. Wo es auch immer bedeutende Schulen und Institutionen gibt, werde ich den Kurden davon berichten. Ich werde den Kurden auch über die Kriege, die stattfinden, berichten, ebenso über die Taten der großen imperialistischen Mächte, wie sie kämpfen und wie sie handeln. Niemand veröffentlichte (zuvor) eine Zeitung wie diese, daher ist diese Zeitung ein Bahnbrecher."

Auch in einem weiteren Artikel stellte Miqdad Bedirxan seine Absicht für die Herausgabe der Zeitung dar:

"Ich, als angesehenes Mitglied der kurdischen Elite, habe diese Zeitung veröffentlicht, gemäß eines Befehls des Propheten 'Ihr als Hirten seid verantwortlich für eure Herde', um meine Pflicht zu erfüllen, in der Hoffnung die Kurden in Bildung und Wissenschaft zu unterrichten und ihr Bewusstsein zu einem modernen Niveau zu erhöhen."

Im Untertitel der Zeitung stand geschrieben: ,,Zeitung in kurdischer Sprache… zur (Wieder)erweckung der Kurden und zur Förderung des Studiums der Künste". Neben dem Kurdischen erschienen auch Artikel in osmanischer Sprache. Gleichwohl ist die Charakterisierung der Zeitung als ,,kurdisch" gerechtfertig, weil diese und andere kurdische Zeitungen, die in den folgenden zwei Jahrzehnten im Osmanischen Reich erschienen, speziell die Kurden ansprachen. In "Kurdistan" wurden zum ersten Mal Prosa-Texte in kurdischer Sprache gedruckt, und zwar im Subdialekt des Kurmancî aus Botan.

Am 30. April 1898 - also 8 Tage nach der 1. Ausgabe - wurde bereits der Export der 2. Ausgabe der kurdischen Zeitung ins Osmanische Reich von Sultan Abdulhamid II verboten.

In den 4. und 5. Ausgaben der Zeitung bat Miqdad Bedirxan in offenen Briefen um Aufhebung des Verbots. Nach der 5. Ausgabe der Zeitung wurde schließlich Abdurrahman Bedirxan, der jüngere Bruder des Miqdad Bedirxans, der Herausgeber und Verantwortliche der Zeitung.

Die Zeitung bestand aus vier Seiten und erschien unregelmäßig. Die erste Auflage lag bei 2000 Stück. Die ersten 5 Ausgaben wurden in Kairo veröffentlicht, die Ausgaben 6-19 in Genf, die Ausgaben 20-23  in London, die Ausgaben 24-29 in Folkstone und schließlich die Ausgaben 30 und 31 erneut in Genf. 1902 wurde die Zeitung nach 31 Ausgaben eingestellt

Die Herausgeber und Autoren, die zur jungtürkischen Opposition gehörten, wandten sich vor allem gegen die Autokratie Sultan Abdulhamids und verteidigten liberal-demokratische Ansätze. Sie beschuldigten ihn, durch die Einrichtung der Hamidiye-Regimenter Zwietracht unter den Kurden gesät und sie gegen die Armenier aufgehetzt zu haben. Die in den Spalten der Zeitung beklagte Rückständigkeit Kurdistans wollte man vor allem durch die Bildung bekämpfen. Dazu gehörte das Wissen um kurdische Geschichte und Kultur, das der Herausbildung eines Patriotismus ,,unter dem tapfersten und klügsten der orientalischen Völker" dienen sollte. Das Epos "Mem û Zîn", das mit der Zeit als einer der wichtigsten Bausteine nationaler Bewusstseinswerdung Berühmtheit erlangte, wurde in Fortsetzungen abgedruckt. Religion, das soziale und moralische Bezugssystem der breiten Masse, spielte eher eine untergeordnete Rolle in den Artikeln. Das zeigt, wie groß die Kluft zwischen denjenigen war, die "Kurdistan" schrieben, und den Kurden, die in Kurdistan lebten.

Während der Zeit der Zeitung in London und Folkstone wurde in den gleichen Buchdruckereien auch "Osmanli", die Zeitung der Jungtürken - die später das "Komitee für Einheit und Fortschritt" (Ittihat ve Terakki Cemiyeti) gründeten -, gedruckt. In "Osmanli" wurden sogar Artikel zugunsten "Kurdistan" geschrieben; die Nähe der beiden Zeitungen wurde vor allem ersichtlich, als "Kurdistan" in der 30. Ausgabe der Zeitung, am 14. März 1902, zum Tode des Mitgründers von "Osmanli", Ishak Sukuti, eine Beileidsbekundung verfasste. Abdullah Cevdet, der kurdischstämmige Ideologe der Jungtürken, der "Osmanli" zwischen den Jahren 1896-1898 führte, verfasste seinerseits in verschiedenen kurdischen Zeitungen Artikel in kurdischer Sprache.

Inwiefern in der Zeitung die kurdische Identität mit einem (Staats-)gebiet verknüpft war, beschrieb Abdurrahman Bedirxan in einem Artikel:

"Menschen leben notwendigerweise in Gruppen. Daher hängt das Wohlbefinden des Einzelnen stark von einer Gesellschaft ab, zu welcher er in Beziehung steht...die Beständigkeit einer Gesellschaft hängt von dem Land ab, in welchem die Bürger (Mitglieder dieser Gesellschaft) sich versammeln...daher verteidigt die aufrechte Person [insan-i hakiki] dieses Land, in welchem er aufwuchs und welches ihm ermöglichte sich zu ernähren, mit seinem Leben."

Bei näherer Betrachtung von "Kurdistan" kann man festhalten, dass der kurdische Nationalismus nur innerhalb der osmanischen Grenzen verteidigt wurde und Forderungen nach Unabhängigkeit marginal waren. Abdurrahman Bedirxan besuchte gar die Tagung des "Komitee für Einheit und Fortschritt" 1902 in Paris als Delegierter. Trotz der breiten Unterstützung von "Kurdistan" auf der Tagung erschien danach nur noch eine Ausgabe der Zeitung.

 In Deutschland hat die Stadtbibliothek von Marburg mit Ausnahme von fünf Ausgaben originale Exemplare der Zeitung. Mehmed Emin Bozarslan transkribierte die Zeitung in das lateinische Alphabet und veröffentlichte sie 1991 in zwei Sammelbänden.

Weitere herausgegebene Zeitungen und Zeitschriften der Bedirxan-Familie waren "Hawar" (Damaskus / Şam, 1932), "Ronahî" (Damaskus / Şam, 1942) und "Roja Nû" (Beirut / Bêrût, 1943).

Heute wird der 22. April in Kurdistan als "Tag des Journalismus" gefeiert.
Notiz:

Martin Strohmeier und Lale Yalcin-Heckmann: Die Kurden - Geschichte, Politik, Kultur, München 2003

Hüseyin Akyol: Kürt Medyasında Yirmi Yıl, Evrensel Basım Yayınları

Malmîsanij: İlk Kürt gazetesi Kurdistan'ı yayınlayan Abdurrahman Bedirhan, Vate Yayınları

Hakan Özoglu: Kurdish Notables and the Ottoman State - Evolving Identities, Competing Loyalties, and Shifting Boundaries, SUNY Press, 2004

Baran Ruciyar: www.kurdica.com