Die neuesten Meldungen aus Irak, dass die Region Kurdistan eine erste Ladung Rohöl nach Israel verkauft habe, löste eine schnellere Reaktion aus Baghdad aus als der Angriff an allen Fronten durch den "Islamischen Staat für Irak und Syrien" (ISIS). Noch bevor bewiesen war, ob kurdisches Öl wirklich Israel erreicht hatte, sagten kurdische Amtsträger diese Meldungen seien "grundlos und nicht bewiesen", während ihre israelischen Kollegen den Handel noch nicht einmal bestätigt hatten. Alle Beweise dort beziehen sich auf Aussagen ungenannter Beamter oder irgendeine Art von Schiffsverfolgung, wie sie von irgendwelchen Leuten im Internet betrieben wird.

Aber die entscheidende Frage bleibt doch: warum gibt es eine solch kontroverse Debatte um Verkäufe nach Israel? Kurdistan hatte bereits Öl verkauft in die Türkei, nach Indien, Österreich und Russland. Der Grund dahinter mag sein, dass Irak mehr dahinter vermutet als gerade eine Schiffsladung Rohöl. Denn Baghdad weiß, dass jedes Mal, wenn ein Schiff mit Öl aus Kurdistan einen Hafen verlässt, segelt Kurdistan weg vom Irak.

Die Schiffe sind eine symbolische Geste, und wenn es stimmt, dass sie nach Israel geschickt wurden, ist dies eine mächtige Botschaft. Irak war immer eines der feindlichsten Länder gegenüber Israel, und wenn nun ein Teil dieses Landes dem jüdischen Staat Öl verkauft, könnte das darauf hindeuten, dass Irak und dessen Außenpolitik irrelevant geworden sind.

Es könnte aber auch sein, dass Iraks Führer lediglich ihre alte Redeweise über kurdisch-israelische Beziehungen erneuern, um das geringe Maß an Sympathie abzutöten, das einige arabische Staaten neuerdings gegenüber Kurdistan zeigen. Wenn Sie in der muslimischen Welt jemanden angreifen oder verteufeln wollen, müssen Sie nur eine Verbindung nach Israel herstellen.

Die Kurden haben allerdings ein anderes Verständnis des jüdischen Staates. Kurdische Führer betonten ein ums andere Mal, dass sie Israel nicht durch die arabische Brille betrachteten. Sie erwarten aber auch, dass die Auswahl ihrer Freunde bzw. Feinde nicht an ihrer Stelle in Baghdad getroffen wird.

Nun sucht Baghdad verzweifelt nach einem Ausweg, während die dortige Regierung aus allen Richtungen durch ISIS in die Enge getrieben wurde. Die sunnitischen Angreifer zogen es vor, die Kurden nicht in diesen Krieg hineinzuziehen, aber durch die Thematisierung der Ölverkäufe nach Israel hoffen Iraks shiitische Führer, die Kurden ins Fadenkreuz der Jihadisten zu ziehen. Also wieder einmal die alte Geschichte: nach dem Muster der meisten arabischen Führer vergangener Zeiten suchen irakische Führer inmitten einer schweren Krise nach einem Sündenbock, um die Schuld für ihr politisches Versagen und die Not auf die Kurden, Israel und den Westen zu schieben.

Gibt es also inzwischen wirklich Beziehungen zwischen Israel und der Region Kurdistan? Schwer zu sagen. Eingekeilt in eine politisch wechselhafte Region müssen sowohl Erbil wie Jerusalem mit Klugheit auf einem dünnen Seil balancieren. Selbst wenn Kurdistan sich morgen unabhängig erklärt, wird es lange dauern, bevor die beiden Länder Botschafter austauschen können, nachdem sie einander anerkannt haben.

Bis dahin haben beide einander aber viel zu bieten. Kurdistan ist ein energiereiches Land und Israel ein wesentlicher Energiekäufer nahebei. Da sollten Kurdistans muslimische Nachbarn verstehen lernen, dass es sich hier um einen freien Markt handelt, wo Sie Ihr Produkt allen verkaufen, die bereit sind zu zahlen.

Die Welt sollte auch wissen, dass Erbil kein Öl verkauft, um Nuklearwaffen bauen zu können. Kurdistan verkauft Öl, um die Gehälter bezahlen zu können für Ärzte, welche Opfer des irakischen Bürgerkriegs in kurdischen Krankenhäusern behandeln, und für Lehrer, welche kurdische Kinder in abgelegenen Bergdörfern unterrichten.

Der Nahe Osten wandelt sich, und ein Ergebnis könnte die Geburt eines unabhängigen kurdischen Staates sein. Die Länder der Region sollten sich auf einen solchen Tag einrichten. Es ist ihre Sache, einen kurdischen Staat anzuerkennen oder abzulehnen, aber sie sollten den Willen des kurdischen Volkes respektieren.

Ein unabhängiger kurdischer Staat dient nicht nur den Kurden. Die gesamte Region wird die Früchte davon ernten. Kurdistan ist nicht interessiert an den Religionskriegen, welche die Nahostregion seit Jahrhunderten im Griff haben. So, wie nachgewiesen wurde, dass eine autonome Region der stabilste Teil Iraks wurde, so kann ein solcher Staat ein Stabilitätsfaktor werden. Israel mag in Zukunft niemals ein Fass Öl aus Kurdistan erhalten, aber ein freundlich gesonnener unkriegerischer Staat in der Region mag sich als größerer Gewinn erweisen.


Notiz:

Der Artikel mit dem Originaltitel "Kurdish oil to Israel, a new Mid-East" erschien am 23. Juni 2014 in einem Blog der "Times of Irael“ und wurde verfasst von Ayub Nuri, Chefredakteur der englischen Ausgabe der kurdischen Zeitung "Rudaw". Ayub Nuri schrieb in den letzten Jahren zudem für führende Medien Nordamerikas und Großbritanniens.

Für Kurdmania übersetzt von Karl Mund.