Werbeplakat für ein turkmenisches Festival in Kirkuk im November 2008.

Die Turkmenen Kirkuks sind den Türken nicht so ähnlich, wie der türkische Staat vorgibt, dass sie es seien. Am 11.12.2008 ereignete sich während des Eid al-Adha Festes ein verherender Bombenanschlag, bei dem 50 Menschen ums Leben kamen.



Die internationalen Massenmedien bringen Nachrichten aus Kirkuk immer so: große Bombenexplosion, kleine Bombenexplosion, Angriff, Mord. Über den Alltag hingegen wird nie berichtet.

Während dieses vergangenen Jahres habe ich Kirkuk fünfmal besucht. Im Herbst 2008 verbrachte ich sechs Tage in der Provinz Kirkuk.

Was ich dort gesehen habe? Menschen, die trotz der starken Militärpräsenz versucht haben, die normale alltägliche Routine aufrecht zu erhalten. Sie warten verzweifelt darauf, dass der Artikel 140 umgesetzt wird.

Trotz seiner riesigen Ölresourcen ist Kirkuk ein armes Niemandsland: Die Regierung in Bagdad überwacht Kirkuk zwar, entwickelt jedoch dessen Infrastruktur nicht, da sie befürchtet, dass Kirkuk den Kurden in die Hände fallen könnte. Die KRG führt dort zwar einige Sozial- und Gesundheitsprogramme wie zum Beispiel “Roz” durch, doch ist dieses Budget für die  Provinzen Dohuk, Erbil (Hewlêr) und Sulaymania (Slemanî) bestimmt und nicht für kurdische Provinzen außerhalb dieser Region.

Viele Menschen haben mir von dem Kirkuk vor Saddam erzählt. Es war eine schöne multikulturelle Stadt mit viel Toleranz und Respekt gegenüber allen ethnischen Gruppierungen. Ursprünglich sind die meisten der Einwohner Kirkuks Kurden und Turkmenen; die vielen Araber sind erst kürzlich dorthin gezogen, (waren ebenfalls Opfer von Saddams Terror, denn sie wurden aus dem Deltagebiet im Südirak hierhin zwangsumgesiedelt). Viele Kurden und Turkmenen sprechen beide Sprachen und gemischte Eheschließungen sind üblich.

Die Menschen betonten wiederholt, dass die Probleme und die Spannungen in Kirkuk von außerhalb gesteuert werden. Die Einwohner Kirkuks wollen ein friedliches Leben führen, es sind in Kirkuk jedoch zu viele fremde Gruppierungen am Werk.

Ich habe auch mit vielen Turkmenen gesprochen. Als Sie einen Ausländer Türkisch sprechen hörten, fingen sie an, mir ihre Verzweiflung zu offenbaren. Wie kann es sein, dass die Welt nicht weiß, was die Turkmenen von Kirkuk wollen: Sie wollen Frieden. Turkmenisch ist eine andere Sprache als Türkisch – was ich nicht sehr gut beherrsche. Ich habe nicht sehr viel von Ihrem Vorbringen verstanden außer, dass sie sehr verzweifelt waren.

Seit dem kurdischen Aufstand 1991 unterstützt die Türkei die Turkmenische Front Irak in Kirkuk um zu verhindern, dass Kurdistan anhand der Ölresourcen von Kirkuk unabhängig wird. Information und Erfahrung hätten in die entgegengesetzte Richtung fließen sollen: das Kirkuk vor Saddam war eine moderne, multikulturelle Stadt, in der verschiedene ethnische Gruppen Jahrhunderte lang friedlich und harmonisch nebeneinander existiert haben. Der türkische Staat ist auf einer fehlgeleiteten Ideologie einer mononationalen Identität aufgebaut und die Türken haben Angst vor Multikulturalismus. So sollte es nicht nicht sein: das Kirkuk vor Saddam ist ein Beispiel hierfür.

Das türkische Volk sollte aus der Geschichte Kirkuks lernen und die Erfahrungen einer friedlichen Koexistenz nutzen um die Türkei in einen ähnlichen Ort wie Kirkuk vor der Zerstörung durch die Baath-Partei  zu verwandeln. Aber anstatt von anderen zu lernen, wollen die Türken ihre unterdrückende türkische Mentalität nach Kirkuk bringen und führen praktisch Saddams "Werk" zum Abbau turkmenischer wie kurdischer Identität in Kirkuk weiter fort.
Notiz:
Foto und Originalartikel "Kirkuk, a multicultural city" von Dr. Kristiina Koivunen, Kurdologin aus Finnland,
erschienen am 21.12.2008 in ihrem Blog "SAHMARAN", übersetzt von Rewsen für Kurdmania