Anlässlich des von der türkischen Luftwaffe begangenen Massakers in der Nähe des Dorfes Roboski in der kurdischen Provinzstadt Şırnak, bei dem 36 Zivilisten starben, hielt die stellvertretende BDP-Vorsitzende Gültan Kisanak am 3. Januar 2012 im türkischen Parlament folgende Rede:

"Als wir die Leichen der Kinder bargen, lagen da ein Kind aus der Familie eines Dorfhüters und ein Kind aus einer anderen Familie Hand in Hand. Sie haben gedacht, dass sie vielleicht dem Tod entkommen, wenn sie sich an den Händen halten. So sehr waren sie noch Kinder. Wer das nicht versteht, wer vor diesem Bild keine Gänsehaut bekommt, wer vor diesem Bild nicht auf die Idee kommt, sich zu entschuldigen, wer vor diesem Bild sein Gewissen nicht befragt, an dessen Menschlichkeit hege ich große Zweifel.

Wer, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, auf seinen eigenen Ländereien zwei Kilometer von seinem Dorf entfernt arbeitet, ist ein Schmuggler? Ist das euer Gewissen? Geht und schaut euch diese Dorfbewohner an, damit ihr es versteht. Seht es euch an! Die Häuser der Dorfbewohner liegen innerhalb der türkischen Grenzen, während ihre Ländereien sich in der Region befinden, die als [türkisch-]irakische Grenzregion bezeichnet wird. Diese Dorfbewohner gehen also tagtäglich nach eurer Ausdrucksweise als "Schmuggler" über die Grenze, um ihre Ländereien zu beackern, um ihr Vieh zu weiden. Von was für einer Grenze redet ihr? Was für ein Schmuggel soll hier betrieben worden sein? Habt ihr denn gar kein Gewissen? Habt ihr keine Menschlichkeit?

Und seit Jahren findet das vor den Augen des dortigen Militärs statt. Mit dem Wissen aller behördlichen Beteiligten geht ihr am helllichten Tag ganz offenkundig hin, um eine Militäroperation durchzuführen, die dann mit [Aussagen wie] "wir wussten nicht", "wir haben nicht gesehen", "wir haben sie für Terroristen gehalten" verdeckt werden. Ist euer Gewissen derart verkommen, eure Menschlichkeit derart erblindet?

In einem Moment, als 35 Menschen starben, von denen 19 noch Kinder waren, kann unmöglich ein Mensch, selbst wenn es ein Autounfall gewesen wäre, über die Lippen bringen: "Was soll‘s, es war ein Unfall." Zuerst befragt man sein Gewissen. Zuerst befragt man seine Menschlichkeit. Zuerst weiß man, das Leid miteinander zu teilen. Zuerst fühlt man Trauer.

Aber wir haben von diesem Staat 20 Stunden später das Wort "Unfall" gehört. Wer seid ihr denn? Wer seid ihr? Wie könnt ihr gegenüber dem Massaker, den Tod von 35 Menschen, derart ignorant, derart vermessen, derart jenseits jeglicher Menschlichkeit sein?

Zuallererst einmal müsst ihr aufstehen und euch entschuldigen! Werdet ihr um Verzeihung bitten! Werdet ihr Reue empfinden, soweit ihr Menschen seid, soweit ihr denn ein Gewissen habt! Aber ohne das getan zu haben, tut ihr, als wären zwei Fliegen gestorben, als wären zwei Hühner gestorben und redet von einem "Versehen". Schämt euch! Schämt euch! Schämt euch vor euch selbst! Welcher Terror? Welche Terrorbekämpfung? Seit 90 Jahren gibt es kein Massaker, das ihr nicht unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung durchgeführt habt. Seit 90 Jahren![…] Dabei bekämpft ihr ein ganzes Volk, ihr vernichtet ein Volk, ihr versucht, das kurdische Volk zu vernichten. Es gibt hier kein Terrorismusproblem! Jeder weiß das sehr gut. Jeder weiß das sehr gut. Wie es gibt keinen Zusammenhang? [zu dem Kommentar einer Person vor Ort] Was erleben wir hier denn seit 30 Jahren? Wessen Kinder sind es denn, die getötet werden? Wo kommen sie denn her? Woher gehen sie? Habt ihr das mal euer Gewissen gefragt?

Sogar der Generalstab dieses Landes, der Vorsitzende des Generalstabs dieses Landes ist aufgestanden und hat selbst gesagt: "Wir haben 40.000 Menschen getötet, ganze fünfmal haben wir die Berge geleert, aber dieses Problem wird nicht gelöst." Habt ihr diese Wirklichkeit immer noch nicht verstanden? Da ist ein Volk. Ein Volk! Die Rechte eines Volkes! Die geleugneten Identitätsfragen eines Volkes! Und kein Terrorismusproblem! Und außerdem ein Menschlichkeitsproblem, und ein Problem der Gewissenlosigkeit! Das ist das Problem. Das müsst ihr sehen!

Wir werden dafür Rechenschaft verlangen! Wir werden dafür Rechenschaft verlangen! Wer dieses Massaker, das ganz bewusst offenen Auges an Menschen, die am helllichten Tag an 35 Menschen beging, die mit ihren Maultieren vor den Augen des Militärs weggingen und auf dem Rückweg massakriert wurden, werden sehen, wird selbst unter diesem Massaker begraben werden! Keiner hat Angst vor dem Tod! Geht es denn weiter als zum Tod? Das Wichtigste ist, sein Gewissen nicht zu verlieren, seine Menschlichkeit nicht zu verlieren. Das Wichtigste ist, sagen zu können, dass wir in diesem Land in Frieden geschwisterlich, aber gleich an Rechten leben können. Dieses Gleichheitsgefühl auch akzeptieren zu können. Welche Überlegenheit wollt ihr uns gegenüber aufwiegen? Was habt ihr, das euch überlegen macht? Welche Überlegenheit haben die Türken gegenüber den Kurden? Welche Überlegenheit hatte Hitler, hatten die Deutschen gegenüber den Juden? Wir sind alle Menschen. Menschen! Das ist es, was wir gemeinsam haben. Und die Menschen haben Rechte. Das Recht auf eigene Identität ist eines dieser Rechte. Das werdet ihr akzeptieren! Das werdet ihr sehen! In diesem Land wird jeder mit seiner Identität als gleichberechtigter Bürger in Freiheit leben, im Besitz seiner Bürgerfreiheiten ein Leben in Würde führen.

Aber die Würdelosigkeit werden wir niemals akzeptieren. Niemals! Auch wenn ihr uns 1.000 Mal massakriert, werden wir das nicht akzeptieren. Wir werden nicht auf unsere Freiheit, nicht auf unsere Identität verzichten. Nicht unsere Menschlichkeit vergessen, auch wenn ihr uns massakriert. Das solltet ihr sehr gut wissen, das sage ich denjenigen, die kein Gewissen haben, die keine Menschlichkeit haben, denen die gegen dieses Verbrechen schweigen.

Einige sagen zu uns: "Wir werden nicht zulassen, dass ihr [in der Türkei] Wurzeln schlägt." Was für ein Wurzelschlagen? Wir sind seit Tausenden von Jahren in diesem Gebiet, unsere Wurzeln sind in den tiefsten Tiefen dieser Hügeln dieser Steine, von Cudi, von Gabar, von Agiri, von Munzur verwoben. Wir sind hier. Seit der frühesten Geschichte sind wir hier und werden es noch weiterhin sein. Unsere Wurzeln sind hier. Von welchem Wurzelschlagen redet ihr? Unsere Ahnen sind hier, unsere Wurzeln sind hier, unsere Großeltern, unsere Gräber, unsere Sprache, unsere Kultur… Welches Wurzelschlagen wollt ihr verhindern? Haltet eure Grenze ein! Was sind das für Sätze? Diejenigen, welche diese Sätze gebildet haben, sollten sich schämen. Diese Sätze sind das heutige Ergebnis einer Denkweise, die die Existenz des kurdischen Volkes leugnet, das seit Tausenden von Jahren in diesen Gebieten lebt.

Ich sehe diese Wut in mir als berechtigt an, als ein Mensch, als eine Frau, als eine Mutter. Ich bin hingegangen. Ich habe es gesehen, ich habe es erlebt. Ich habe die Frauen dort getröstet, ich habe dort junge Mädchen getröstet, die drei ihrer Brüder verloren hatten. Ich weiß sehr gut, was sie gerade durchmachen. Wenn ihr ein Herz habt, wenn ihr Menschlichkeit habt, werdet ihr euch entschuldigen, werdet ihr ihren Schmerz teilen, werdet ihr ebenfalls hingehen und sie trösten. Aber mit Floskeln wie  "Versehen" oder "Terrorbekämpfung", "es wird fortgesetzt"  und "Wurzelschlagen verhindern" könnt ihr euch diesem Volk nicht annähern. So klar ist das, so einfach ist das. Ihr müsst wissen, wo ihr steht. Jeder Mensch muss entscheiden, wo sein Platz ist. Mit seiner Haltung, mit seinen Worten, mit seiner Politik, mit dem, was er tut, mit seiner Menschlichkeit wird jeder selbst seinen Platz bestimmen. Das hier ist ein Verbrechen, das gegen die Menschlichkeit begangen wurde. Wir werden es nicht auf sich beruhen lassen, alle Möglichkeiten, welche die internationale Gerichtsbarkeit zulässt, bis zum Ende ausschöpfend, werden wir Rechenschaft verlangen, wer diese Tat befohlen, wer es genehmigt, wer die Bombardierung durchgeführt hat. Wer diese Kinder, die jungen Knospen, zerstückelt und vernichtet hat, wird vor diesem Volk Rechenschaft ablegen müssen.

Einige stehen auf und sagen: "Es gibt keine Entschuldigung und keine Reue, aber es gibt eine Entschädigung." Ihr solltet euch schämen. Schämt euch! Wisst ihr, wie man das bei uns nennt? Das nennt man Blutgeld; wer das Geld hat, der ermordet und zahlt das Geld dafür und lässt es verdecken. Und jetzt sagt der Staat: "Ich bin stark, ich habe das Geld, ich werde ermorden und das Geld zahlen, um es zu verdecken oder wie?" Schämen solltet ihr euch! Diese noch nicht einmal im Mittelalter akzeptierte "Blutgeldmethode", die von der heutigen Gesellschaft abgelehnt wird und auf den Gedanken beruht, ich habe die Macht, ich habe das Geld…" [Unterbrechung der Rede]

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Notiz:
Aus dem Türkischen übersetzt von Cihan B.
Redaktionelle Bearbeitung: Amos, Dilan, Xemxwar

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