Giftgasopfer müssen entschädigt werden - Salam Ibrahim (CHAK)Firmen, die Saddam Husseins Krieg gegen kurdische Zivilbevölkerung unterstützten, sind immer noch gut im Geschäft. Gespräch mit Salam Ibrahim

Salam Ibrahim ist Journalist aus der kurdischen Stadt Khanaqin im Irak und Mitbegründer des »Halabja-Zentrums gegen die Anfalisierung und den Genozid am kurdischen Volk« (CHAK)

Was bedeutet Anfalisierung? 

Anfalisierung bezieht sich auf die nach einer Koransure »Anfal« (Kriegsbeute) genannten Militäroperationen des Regimes von Saddam Hussein gegen die Kurden im Irak, denen 1988 bis zu 180000 Menschen und 4500 Dörfer zum Opfer fielen. Der Giftgasangriff der irakischen Luftwaffe auf Halabja am 16.März 1988, bei dem über 5000 Zivilisten ermordet wurden, war ein Teil davon. Was sind die Ziele des Halabja-Zentrums?

CHAK ist eine nichtparteigebundene Organisation, die seit ihrer Gründung durch Kurden im Exil im Jahr 2002 für die internationale Anerkennung des Genozids am kurdischen Volk eintritt. Der 16. März soll als Tag des Genozids an den Kurden festgeschrieben werden. Eines unserer Ziele ist es, alle Staaten und Privatfirmen, die an diesem Massenmord beteiligt sind, vor nationale und internationale Gerichte zu bringen. Die beschuldigten Staaten und Firmen müssen die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen entschädigen und sich beim kurdischen Volk entschuldigen. Wir setzten uns für ein weltweites Verbot chemischer Waffen ein.

Ist es CHAK bereits gelungen, Täter vor Gericht zu bringen?

In Holland schafften es unsere Aktivisten, daß der Todeskrämer Frans van Anraat, der in den 80ern Tausende Tonnen Grundstoffe für die Herstellung von Giftgasen in den Irak geliefert hatte, vor Gericht gestellt und 2004 wegen Mittäterschaft an Kriegsverbrechen zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.

Welche Rolle spielten die deutsche Wirtschaft und Regierung bei den Verbrechen am kurdischen Volk im Irak?

Halabja ist immer noch das faktische Symbol für die Zusammenarbeit des aus meiner Sicht faschistischen Baath-Regimes mit Deutschland. Am besten fragen Sie die Herren von Siemens, MBB, den Nachfolgern der IG Farben, Züblin, Karl Kolb und vielen anderen Firmen, was sie für ihren Freund Saddam Hussein getan haben. Fragen Sie die Polizeispezialeinheit GSG9, wie sie die Wächter von Saddam Hussein ausgebildet hat. Diese Firmen und die Bundesregierung müssen sich beim kurdischen Volk entschuldigen und Entschädigungen zahlen.

Machen deutsche Firmen, die an der militärischen Aufrüstung von Saddam beteiligt waren, heute wieder Geschäfte in Kurdistan?

Ja leider. So mußte ich beispielsweise feststellen, daß die Baufirma Züblin ein Büro in Sulaimaniya eröffnet hat. Diese Firma war während der Baath-Diktatur am Aufbau von vielen militärischen Einrichtungen im Irak beteiligt. Übrigens ist Züblin heute auch beim Bau des Ilisu-Staudamms am Oberlauf des Tigris in der Osttürkei engagiert, durch den 55000 Kurden von ihrem Land vertrieben werden und die kurdische Autonomieregion im Irak regelrecht ausgetrocknet wird.

Wie ist die soziale und ökonomische Situation in Halabja heute?

Halabja gehört zu den ärmsten Gebieten der Region Kurdistan. Es gibt immer noch viele durch Giftgas Verletzte, die ärztlich behandelt werden müssen. Erst kürzlich ist wieder einer an den Spätfolgen des Giftes gestorben. Die Bevölkerung von Halabja ist wegen der unzureichenden Infrastruktur sehr sauer auf die kurdische Regierung. Die Menschen haben bislang fast keine Unterstützungszahlungen erhalten. Die Angehörigen der Opfer bekommen eine monatliche Rente, die nicht einmal ausreicht, um eine Katze zu ernähren. Wir merken nun, daß wir zwar keinen Völkermord mehr erleiden, aber dafür müssen wir jetzt soziale Kämpfe führen. Korruption ist hier alltäglich. Die Barbarei der freien Marktwirtschaft bringt weltweit Arbeitslosigkeit, Armut, Prostitution mit sich. Da ist Kurdistan keine Ausnahme.

Seit Monaten bombardieren türkische Kampfflugzeuge Ziele im kurdischen Nordirak. Ist das auch ein Thema für CHAK?

Wir versuchen jetzt, zusammen mit der Gewerkschaft der kurdischen Rechtsanwälte, den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan wegen Mordes an Zivilisten vor Gericht zu bringen. Die islamische Mörderregierung in Ankara ist aufgrund ihrer Luftangriffe auf die Region Kurdistan verantwortlich für den Mord an einer Dorfbewohnerin und die Amputation des linken Beines einer weiteren Frau in dem Dorf Leuje in den Kandil-Bergen. Erdogans Luftwaffe hat die Schule und das Krankenhaus des Dorfes dem Erdboden gleichgemacht.

Originalquelle: Nick Brauns für die "junge Welt" vom 10.03.2008