Wie mein Dorf entstanden ist und aufgebaut wurde, weiß ich nicht. Doch die Geschichte von Kop reicht zurück bis ins 3. Jahrtausend vor Christus, vielleicht sogar noch weiter. Wer weiß? Viele fremde Völker kamen hierher, ließen sich hier nieder und zogen später weiter. Die letzten Ankömmlinge werden möglicherweise auch einmal verschwinden...
Kop mit all seinen umliegenden Dörfern leidet [bis heute] unter den Besatzern. Seine Bewohner sind dennoch fröhlich und tragen ein Meer von Hoffnungen in sich. In dieser Gegend kam ich vor 50 Jahren auf die Welt. Ristemgêdûk liegt am Ufer des Flusses Mûrad (trk.: Murat), der dem größeren Euphrat Kraft gibt. Gäbe es nicht die kleinen Flüsse, könnten sich die Größeren nicht ins Meer ergießen – dies ist ein Naturgesetz.
Mein Onkel Cemal war der "Mele" unseres Dorfes. Auch mein Vater Ramazan war ein Geistlicher, hat seinen Beruf jedoch nie ausgeübt. Ich war 5 - 6 Jahre alt, als mein Vater beschloss, nach Kop zu ziehen. Später zog auch mein Onkel weg und zwar in eine weit entfernte Stadt in Anatolien. Als kleiner Junge und Heranwachsender lebte ich in Kop. Der Fluß Mûrad und mein Dorf Ristemgêdûk übten eine große Anziehungskraft auf mich aus. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Familie meines Onkels von hier wegzog, pendelte ich oft zwischen den beiden Orten Kop und Ristemgedûk. Bei Wind und Wetter legte ich als Kind 8 Kilometer zurück, manchmal in Begleitung von Freunden, manchmal allein.
Unterwegs verspeiste ich unzählige Male verschiedene essbare Pflanzen wie "sping" und "kereng". Ich kann mich gut erinnern, wie ich dann in meinem Dorf ankam und im Vorbeigehen die Älteren von Ristemgêdûk grüßte. Auf der linken Seite befand sich das Haus von Hecî Resûl, dem Onkel von Hecî Xelîl. Wem auch immer ich dann begegnete, man grüßte sich und umarmte sich. Wie Vater und Sohn, Onkel und Neffe. Wir kannten einander, wir standen uns alle nah. Wir waren wie ein großes Volk.
Eilig lief ich auf den Fluß Mûrad zu und begab mich an einer schmalen, geeigneten Stelle ins Wasser. Eine tiefe Stelle? Nichts für Weicheier! Denn in den Tiefen des Flusses kamen viele Menschen um, viele junge Mädchen erfroren im Mûrad. Wie alle unseren heiligen Flüsse, die der Region Leben gaben, gibt es auch für den Fluß Mûrad ein Volkslied. Wie das Volkslied von Hesenîko und Asê, in dem der segenreiche und gleichzeig auch todbringende Fluss untrennbar ist mit Klagen und Hilfeschreien: "Hesenîko heyran vî Mûradê Lemeleme…" "Oh, Hesenîko hilf, der Mûrad wird mein Verderben! ..."
Die Abenteuer unserer Großeltern, die sich in Ristemgêdûk niederließen, begannen in anderen Orten unserer alten Heimat. Mein Abenteuer dagegen begann in Ristemgêdûk. Dort liegen meine Wurzeln, da, wo Ristemgêdûks Erde blüht. Es ist, als würde ich in diesem Moment den Duft der Erde meiner Heimat riechen, der Fluss Mûrad rauscht in meinen Ohren, ich sehe den Schatten der dunklen Wolken und es ist, als hätte ich den Berg Bilêcan vor meinen Augen, auf dem Sîpan sehe ich den Schnee ..!
Zu meiner Kinderzeit gab es im Dorf keine Schule. In der Kreisstadt Kop gab es drei Grundschulen und eine Mittelschule. In den 1970er Jahren wurde dazu noch ein Gymnasium errichtet. Der türkische Staat beschleunigte den Bau von Schulen auch in den Dörfern, um mein Volk schneller assimilieren zu können. Gezwungenermaßen schickten die Menschen ihre Kinder in die Schulen der Besatzer und es hieß dann:
"Lies und werde ein Mann"
Aus diesem Grund schickten sie auch mich zur Schule. Ich war sieben Jahre alt, als ich die Stimmen in einer fremden Sprache hörte, die mir sehr kalt vorkam. Unser Lehrer war ein Mann Names Camisab, ein Unmensch von Kemalist, dessen Worte ich kaum verstand. Mit isolierten Stromkabeln, die er stets in seiner Hand trug, schlug er auf meinen Kopf und fluchte:
"Ulan kani bozuk türkçe konuş!" (tr.: Rede auf Türkisch, Verfluchter!)
Meine Nase blutete. Ich schrie auf und lief nach Hause. Es schneite und bis ich zu Hause in Kop ankam, waren meine Tränen und das Blut aus der Nase angefroren. Furcht, Auflehnung und Flucht begannen schon in meiner Kindheit. Im Kindesalter erfahrene Furcht und Auflehnung kann man nicht vergessen. Mit Furcht, Auflehnung und Flucht geht es weiter in meiner Leben. Ich wurde etwas, indem ich studierte, aber nicht etwa einer, wie sie ihn sich gewünscht hatten. Später folgten in meinem Leben Folter, Gefängnisse, Exil und die Sehnsucht nach der Heimat.
Sechzehn Jahre lebe ich nun als Flüchtling in Berlin. Die Sehnsucht nach der Heimat ist nicht zu ertragen. In Berlin lebe ich mit Heimweh und dem Schmerz der Sehnsucht. Wenn die Stimmen unserer Barden Reso und Şakiro nicht ausreichen, um diesen Schmerz zu lindern, suche ich im Internet nach den Städten meiner Heimat – zu allererst nach den Orten, wo meine Wurzeln liegen...
Ich tippe die Namen der Orte in Google ein: "Bulanik Belediyesi" (trk.: Stadtverwaltung Bulanik) und "Rüstemgedik Belediyesi" (trk.: Stadtverwaltung Rüstemgedik) - alle Webseiten auf Türkisch! Trübsal.
Ich suche auf Fotografien nach Erinnerungen. Wieviele Erinnerungen finde ich auf diesen Fotos wieder? Weder den Fluß Mûrad, noch Avakor, noch den Weg nach Kop und Ristemgêdûk ... Es sind so wenige Bilder auf diesen Websites. Was soll´s? Die wenigen Bilder reichen aus, sie machen mich glücklich!
Das Logo der Website von Kop: Ein alter Mann mit einer Tüte in den Armen, einige schöne Kinder mit großen Augen – wie schön! Ich fühle mich, als wäre ich bei ihnen. Wie vor 54 Jahren! Und wenn ich diese Videodateien abspiele, fliege ich regelrecht vor Freude: Ein Mädchen meines Dorfes spielt Tambur, ein Junge singt dazu. Ein anderer Junge singt das Lied "Sîpana Xelatê, bilindî çiqas li te tê" – einige Jugentliche tanzen "Şemame".
Die Lieder sind auf Kurdisch – was für eine Freude! Auf einem anderen Foto sehe ich die Frauen meines Dorfes in einem Salon. Eine von ihnen hält in ihren Händen ein Mikrofon und spricht zu den Frauen. Meine verstorbene Mutter kommt mir in den Sinn. Unter dem Foto eine Bekanntmachung der Stadtverwaltung: "Wir wollen in Ristemgêdûk gesundheitliche Aufklärung für Frauen und Kinder einführen - in kurdischer Sprache". Vor Freude tränen mir die Augen. Und vor Ärger vertrocknet meine Kehle, weil ich nicht in das Dorf meiner Kindheit zurückkehren kann, um mich für den Rest meines Lebens dem Unterrichten in kurdischer Sprache widmen zu können. Wenn ich ihnen wenigstens ein paar kurdische Bücher schicken könnte?
Dass ich sie nicht erreichen kann, betrübt mich sehr.
Ich surfe weiter auf der Website, klicke auf den Link "Grundschule und Schüler". Das Ristemgêdûk meiner Kindheit hatte keine Schule, nun gehen sogar 18 Mädchen und 20 Jungen aus meinem Dorf auf die Universität. Eines dieser Mädchen studiert Medizin in Istanbul. Ein bitteres Glücksgefühl erdrückt mein Herz. Ich bin glücklich über den Erfolg unserer Jungen und Mädchen und zutiefst traurig, über die Art, wie sie ihren Weg beschreiten, dass sie sich zunehmend von ihrer schönen Muttersprache Kurdisch entfernen.
Früher schickten sie unsere Kinder in weit entfernte Schulen, um sie zu assimilieren, und nun tun sie es sogar vor Ort – in unseren Heimatdörfern. Die Gefahr ist groß, der "Daf" der Gefahr ertönt in alarmierender Lautstärke. Aber neben der Gefahr ist auch die Hoffnung groß. Die zahlreichen kurdischen StudentInnen, die wegen ihres Engagements für Unterricht in kurdischer Sprache aus ihren Universitäten exmatrikuliert wurden, sind ein tröstender Hoffnungsschimmer für mich. Diejenigen, die bei vollem Bewusstsein und Selbstkenntnis für die Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Heimat kämpfen, sind wie Medizin für meinen Schmerz und meine Wunden!
Weiter unten auf der Website eine Nachricht über eine Entscheidung der Stadtverwaltung: "weil er sich eine Zweitfrau genommen hatte, wurde er aus seiner Partei ausgeschlossen..."
Soll ich lachen, soll ich weinen? Ich lese weiter. Die Einwohnerzahl meines Dorfes stieg von 700-800 auf 7.000 Menschen. Die Einwohnerzahl von Kop stieg von 5.000 auf 17.000. Die Einwohnerzahl aller Dörfer meiner Region übersteigt die 100.000. Zu meiner Jugendzeit war die gesamte Provinz Mûş etwa so groß wie Kop heute. Meine gesegnete Heimaterde blüht, wie meine gesamte Heimat Kurdistan im Nahen Osten.
Ich schließe die Websites von Ristemgêdûk und Kop, surfe auf anderen Websites. Manche auf Kurdisch, manche auf Kurdisch und Türkisch. Nur wenige nützliche Dinge finde ich auf diesen Internetseiten – aber vielleicht irre ich mich und ich und meinesgleichen sind nicht in der Lage, den Nutzen mancher Dinge zu erkennen. Immer die gleichen Dinge – entweder es werden Führer und Parteien gelobt, oder man macht die andere Seite nieder und rechtfertigt das als "Kritik" oder die Welt wird neuentdeckt mit den Ratschlägen von irgendwelchen Neunmalklugen, von denen man so langsam genug hat. Nun kommen mir meine "Ratschläge" in den Sinn, Schweiß läuft mir über die Stirn.
Ich suche auf den anderen Websites, lese die Weltnachrichten und informiere mich über technische und wissenschaftliche Fortschritte. Und vor Scham sinke ich zu Boden: Völker werden zu Staaten, die kaum 60 - 70 Tausend Menschen zählen, also kaum größer sind als Kop...
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"Ristemgêdûk" von Evdîla Dirêj, erschien in "Kurdistan-Post" am 9.10.2008, aus dem Kurdischen übersetzt von Qers als Folge 4 der Reihe "Gesichter Kurdistans".
Kop (Bulanık) kam dieser Tage in die Schlagzeilen der Weltpresse, als ein Ladenbesitzer von hinten auf Teilnehmer einer Demonstration gegen das Verbot der "Partei für eine Demokratische Gesellschaft (DTP)" schoss, zwei von ihnen tötete und weitere verletzte.
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- Notiz:
Notizen:
"Rustengêdûk" bei Wikipedia (kurdî)
Homepage "Bulanık", Artikel "Tarihçe" und "Beldelerimiz"
In "Tarihçe" wird die Einwohnerzahl von Ristemgêdûk aktuell mit 11.278 angegeben, die des Kreises mit 139.023, in "Beldelerimiz" hatte Ristemgêdûk im Jahr 2000 "nur" 6587 Einwohner. Der Umgang mit Statistiken ist wohl wirklich ein Problem in der Republik Türkei. Auf der Website des Kaymakan (Klicken auf: İLÇEMİZ >> Genel Bilgiler >> Nufus ve dağılımı) von Kop sind für das Jahr 2000 zwei recht unterschiedliche Tabellen zu lesen, davon eine bezüglich der Bevolkerungsentwicklung seit 1985, was natürlich vermuten lässt, dass auch andere Angaben zumindest widersprüchlich sind. Diese Art der von oben gelenkten zentralisierten Kommunalverwaltung scheint neben den Tücken politisch motivierter Bürokratie auch noch inkompetent zu sein in einfachster Verwaltungstechnik.
"Google Earth": 1470 Meter über NN, 39°09'01,04" nördliche Breite / 42°18'19,89" östliche Länge (zentraler Platz in Ristemgêdûk)
In der Reihe "Gesichter Kurdistans" erschienen bisher im Magazin von Kurdmania.com:
Gesichter Kurdistans: Hikmet Fidan
Abdullah Demirbaş – Gesichter Kurdistans – 2
Rojbîn Tugan Kalkan / Gesichter Kurdistans – 3







