Kirkuk, Irak - Darawan Salahadin schlendert in seinem schwarzen Oberhemd und in Blue Jeans von seinem Elternhaus im kurdischen Teil dieses ethnisch gemischten Stadtviertels in den arabischen Sektor zur hellbraun getünchten Schule mit dem flachen Dach. Bis dahin muss er Betonbarrieren passieren und einen von einem kurdischen Kämpfer bewachten Kontrollpunkt.Foto: Kristiina Koivunen, Sahmaran-Weblog
Im Klassenraum trifft er nur auf kurdische Schüler. Die arabischen Schüler treffen ein, wenn die kurdischen Schüler gehen und anschließend kommen die Turkmenen an die Reihe. Die Schule hat drei Namen, drei Lehrkörper und drei Direktoren.
"Ich habe keine arabischen und turkmenischen Freunde. Ich habe nur kurdische Freunde", sagt Salhadin, ein dünner 17-jähriger mit dicken, gegelten schwarzen Haaren. "Ich kann nicht Arabisch oder Turkmenisch sprechen, Deshalb kenne ich sie nicht."
Die Unterteilungen der Schule illustrieren die Spannungen, welche dieses Stadtviertel wie ganz Kirkuk durchziehen, im Ausgangspunkt des irritierendsten Konflikts im Irak um Land, Öl und Identität. Der Kampf darüber, wer in Kirkuk regieren darf, ist ein wichtiger Test dafür, ob die irakische Regierung die internen Streitigkeiten des Landes lösen kann, wenn sich die US-Militärmacht zurückzieht.
Im Gegensatz zu den Verbesserungen der Sicherheit in anderen Teilen des Landes, bleiben die arabischen, kurdischen und turkmenischen Bewohner Kirkuks Ziele politischer Gewalt, da ihre politischen Anführer um die Kontrolle dessen konkurrieren, das sie als ihr angestammtes Land betrachten. Letzte Woche starben mindestens 57 Menschen durch einen Selbstmordanschlag am Rande der Stadt - der tödlichste Anschlag im Irak seit 6 Monaten.
"Kirkuk könnte der Eckstein sein im Haus der Freiheit, oder es kann der billige Faden sein, der den Anzug auseinanderfallen lässt, sobald man an ihm zieht", sagte Oberstleutnant David Snodgrass, stellvertretender Kommandant der 3. Brigade der 25. Infanteriedivision, welche die Stadt überwacht.
Kurdische Parteien erheben historische Ansprüche auf die Stadt, wollen ihre autonome Region ausdehnen und die Stadt dort eingliedern. Die überwiegend arabische Zentralregierung des Iraks ist ggen eine kurdische Kontrolle über Kirkuk, dessen Ölfelder für 40 Prozent der irakischen Fördermenge sorgen, ebenso wie Kirkuks turkmenische Minderheit und ihre Unterstützer in der Türkei.
Irakische Führer und die Vereinten Nationen bemühen sich, zumindest eine vorübergehende Lösung für die Frage zu finden, wer die Stadt kontrollieren soll. Zu einem Zeitpunkt, da die Regierung von Premierminister Nouri al-Maliki und die kurdischen Führer zunehmend um Öl-Einnahmen und anderen Probleme streiten, haben die kurdischen Parteien Truppen in der Stadt und der Umgebung stationiert, was , wie sie sagen, ein Versuch ist, die kurdische Bevölkerung vor Angriffen zu schützen.
Sogar der Name von Salahadins Wohnviertel ist umstritten. Die arabischen und turkmenischen Bewohner nennen es Hay al-Wasiti, wie es bis zum US-Einmarsch im Jahr 2003 hieß. Die Kurden haben es umbenannt in Nowruz, nach dem kurdischen Neujahrsfest.
Politik durchtränkt praktisch jede Debatte in diesem Viertel - ein sich ausbreitendes Durcheinander von Häusern, Läden und Moscheen, verbunden durch staubige, ungepflasterte Straßen im südlichen Teil von Kirkuk. Rund 120 kurdische Familien scharen sich zusammen hinter Sandaufschüttungen, Schutzmauern und Kontrollpunkten inmitten arabischer und turkmenischer Häuserzeilen.
Viele Jahrzehnte lang verkehrten Araber, Kurden und Turkmenen freizügig miteineander, heirateten untereinander und betrieben gemeinsam Unternehmen. Heute gibt es nur selten ethnisch gemischte Aktivitäten der Gemeinden.
Die Trennung ist nicht nur physisch. Im Geographie-Unterricht erfährt Salahadin, dass Kirkuk ein Teil von Kurdistan ist, wie Kurden ihre autonome Region nennen und noch weiter gefasst des unabhängigen Staates, den sie noch nie hatten. Sein Lieblingsfach ist kurdisch, weil, wie er begründet "es unsere Sprache ist", und er lernt die Geschichte der alten kurdischen Städte und kurdischen Helden.
Wenn er und andere kurdische Schüler die Schule verlassen, während die arabischen Schüler die Schule betreten, begrüßen sie sich mit "Salaam" - Frieden. Dann gehen sie getrennte Wege.
Für die Araber: Angst und Zweifel
Am 24. November wartet auf der anderen Straßenseite von Hay al-Wasiti ein roter Pickup über einem frischem Blutfleck auf eine letzte Reise. Vierzig Minunten sind vergangen seit ein Bewaffneter einen einzigen Schuss in den Kopf von Hamoud Halaf al-Jubouri gab, als der arabische Anwalt gerade aus seiner Einfahrt kam. Seine Tochter fand ihn gebeugt über dem Lenkrad liegend.
Nun liegt sein Körper in seinem graubraun gestrichenen Haus, bedeckt mit einer dicken, roten Decke und erwartet den Beginn der Beerdigungsrituale.
"Verdammt die Kurden" schreit ein Sohn Jubouris. "Ich weiß, es waren die Kurden, die meinen Vater getötet haben."
Jubouri, ein 58-jähriger Vater von fünf Kindern, arbeitete im Brennpunkt des Konfliktes und erhob gesetzlichen Anspruch auf umstrittene Gebiete, die den Arabern gehören sollten.
Die Ermordung hat Abid al-Jubouri nicht überrascht, einen arabischen Einwohner von Hay al-Wasiti. "Viele arabische Personen sind auf mysteriöse Weise gestorben", sagt Jubouri, ein kleiner Mann mit dünnem Schnurrbart und einer ernsten Haltung, welcher mit dem Anwalt nicht nahe verwandt ist.
Jubourie, ein ehemaliger Oberst in Saddam Husseins Armee, lebt seit 1995 in diesem Viertel. Er ist sehr empfindlich gegenüber den kurdischen Beschuldigungen, dass die arabischen Ansprüche auf Kirkuk illegitim seien und dass die meisten Araber als Folge der Arabisierungspolitik Saddam Husseins nach Kirkuk gekommen seien. "Die Regierung gab mir das Ladn, weil ich ursprünglich aus Kirkuk bin", sagt Jubouri, Vater von 11 Kinden, dem eine Immobilienagentur gehört.
Jubouri betrachtet Kirkuk als einen wichtigen Punkt für die irakische Einheit und befürchtet Diskriminierung, wenn die Stadt unter kurdische Kontrolle gerät. Viele der neu angekommenen Kurden hätten gefälschte Ausweise, mit denen sie an Wahlen teilnehmen und Dienstleistungen erhalten könnten, so Jubouri.
"Das Ziel ist aus Kirkuk eine kurdische Stadt zu machen", sagt sein Sohn Laith al-Kabi.
"Wir sind völlig umgeben von ihnen", fügt Jubouri hinzu. "Sie kontrollieren alles."
Viele Araber des Viertels sind in andere Gebiete oder zurück in ihre Dörfer gezogen. Allein in diesem Jahr hat Jubouri 20 arabische Häuser vermietet, zumeist an aus den kurdischen Gebieten vertriebene Turkmenen.
Kurden haben leitende Positionen in der Polizei, dominieren das Stadtrat und haben US-Verbündete. "Wenn wir uns beschweren, wenden sich die Kurden an die Amerikaner und sagen, dass diese Araber Terroristen seien. Und dann kamen Amerikaner und verhaften sie", sagte Kabi.
Kurdische Beamte gaben an, dass sie Razzien mit US-Truppen durchführen, aber nur gegen mutmaßliche
Aufständische, die meistens Araber sind. "Wir sind nicht hierher gekommen, um jemanden ungerecht zu behandeln", sagt Ibrahim Mardan, ein hoher Funktionär der vom irakischen Präsidenten Jalal Talabani geleiteten Patriotischen Union Kurdistans bei einer Rede im befestigten Stützpunkt der Partei in diesem Viertel.
Nicht-kurdische höhere Polizeibeamte beklagen, dass kurdische Geheimdienste in vielen Enklaven neue Büros eröffnen, die den Sicherheitsapparat (Saddam) Husseins wiederspiegelten.
"Wir haben ein Gesetz: Jede bewaffneten Gruppe einer bestimmten Partei sollte als Miliz betrachtet werden. Also ist ihre Existenz hier illegal. Aber sie sind zu einer Realität geworden an diesem Ort", sagt Generalleutnant Torhan Yousef Abdul Rahman, Kirkuks stellvertretender Polizeipräsident.
Seine Männer, sagt er, können nicht einmal die Viertel betreten um auf irgendwelche Beschwerden gegen Kurden zu reagieren, weil "sie das Gebiet kontrollieren." Auf die Frage warum nicht, antwortet Abdul Rahman mit dünnem Lächeln: "Politische Angelegenheiten".
Jubouri besucht nie den kurdischen Teil seines Viertels. Und die Spannungen haben seine Beziehung zu seinen langjährigen kurdischen Nachbarn vergiftet, die er als "alteingesessene" Kurden" bezeichnet.
"Ich habe Angst vor ihnen. Ich traue ihnen nicht", sagt Jubouri. "Ich behalte die Freundschaft mit ihnen aufrecht, um mich zu schützen."
Unter einem Orangenbaum im Innenhof des toten Rechtsanwalts tauchen zwei Männer mit weißen Scheitelkappen ein weißes Tuch in Wasser und reinigen mit sanften Berührungen den blassen, blutleeren Körper.
Stammesangehörige Jubouris legten die Leiche in einen einfachen schwarzen Sarg und trugen ihn zum roten Pickup. Staubaufwirbelnd fahren sie in Richtung eines arabischen Friedhofs.
Für die Kurden: "unser Jerusalem"
An einem Eingang zum Nowruz-Viertel blicken kurdische Kämpfer über eine Straße, die als "Bomben-Straße" genannt wird. Auf der anderen Seite befinden arabische und turkmenische Häuser.
"Wir sind von ihnen eingeschlossen", sagt Salahadin Mahadeen, Darawans Vater. Im Gegensatz zu seinem Sohn überquert er nie die Straße.
Er floh 1991 aus Kirkuk, nachdem Husseins Truppen einen kurdischen Aufstand im Anschluss an den (1.) Krieg am Persischen Golf niedergeschlagen hatten. Für die nächsten zwölf Jahre lebte er in der Bergstadt Rania, in Iraks nördlicher kurdischer Region. Am 20.Juni 2003 kam Mahadeen mit seiner Familie zurück nach Kirkuk, wie Tausende anderer Kurden, die Kirkuk betraten, um das Land als ihnen gehörig zu beanspruchen.
Er sagte, Araber des ehemaligen Regimes hätten seinen Vater gefoltert und ermordet. Seine turkmenischen Nachbarn hätten Mahadeen beschuldigt die kurdische Widerstandsbewegung unterstützt zu haben und zwangen ihn zur Flucht.
Als er zurückkam, besetzte der Vater von fünf Kindern, mit dicker Brille und heiserer Stimme, das Haus eines Offiziers jener Regierung, die ihn gezwungen hatte Kirkuk zu verlassen.
"Es war wie als ob man wiedergeboren wird", sagt Mahadeen, auf einem kurdischen Teppich in seinem Wohnzimmer sitzend und an seinem süßen Tee nippend. Draußen glänzt sein gepflegter Rasen mit vielen Rosen.
2006 explodierten zwei massive LKW-Bomben in der Nähe seines Hauses. Fliegende Splitter haben zur Erblindung seines rechten Auges geführt. Seitdem ist die Gewalt ein wenig zurückgegangen, aber sie dauert immer noch an: Vor zehn Tagen traf eine Mörsergranate den kurdischen Abschnitt. "Dieses Gebiet war einst Saddams Offizieren zugeteilt, nun leben hier die Kurden. Das ist der Grund, warum sie uns angreifen", sagt seine Frau, Zaitoon Sharif, 43.
Zwei arabische Familien leben noch immer an ihrem alten Ort. Der Kontakt beschränkt sich auf freundliche Grüße. "Sie sind Muslime, genau wie wir", erklärt Mahadeen.
"Ich kann ihnen nicht trauen", sagt Sharif. "Sie leben unter Kurden. Also müssen sie nett zu uns sein. Aber wenn sie wieder mächtig werden, dann behandeln sie uns anders.
Mahadeen ist besorgt über Malikis Plan Stammesräte zur Unterstützung der Zentralregierung einzuführen. Er sieht Ähnlichkeiten zu Saddams Pflege der irakischen Stämme. "Nun gibt es einen neuen Diktator, aber mit einem anderen Namen", sagt Mahadeen. "Er will die Araber mächtiger machen.
"Kurden haben viel Blut für Kirkuk vergossen - alles, was unter Saddam passierte, die Hinrichtungen, die Gefängnisstrafen, die Vergewaltigungen, das Blut - all das war für Kirkuk", sagt Mahadeen. "Wenn das Problem das Öl ist, dann geben wir ihnen das Öl. Wir wollen das Land."
Wie können wir ohne unser Jerusalem, ohne unser Herz, leben?
Ein paar Minuten später lässt eine explodierende Mörsergranate die Fenster vibrieren.
Verdrängung der Turkmenen
Amjad Abu al-Najafi, en 61-jähriger Turkmene saß in einem Café als er die Nachricht vom Tod Hamoud Khalaf al-Jubouris hörte. Er war ein Freund und lebte einst in Jubouris Bezirk.
1983 vertrieb Husseins Regierung Najafi und Tausende turkmenischer Familien unter dem Vorwand einen neuen Bahnhof zu bauen. Ihre Nachbarschaft wurde dann mit Arabern aus anderen Teilen des Iraks besiedelt.
"Nun ereignet sich die selbe Politik durch die Kurden", sagt Najafi, groß, mit einem massigem Körperbau und breitem Gesicht.
Der schiitische Turkmene Najafi sagte, dass er daran glaubt, dass die Turkmenen die ursprünglichen Bewohner Kirkuks seien. In Wahrheit, waren all die kurdischen Enklaven und das gesamte Hay al-Wasiti im Besitz der Turkmenen. "Es ist alles turkmenisches Land, 100 prozentig."
Najafi lebt in der Nähe des örtlichen kurdischen Geheimdienstbüros, gegenüber dem Haus der kurdischen Partei und dem Haus Mahadeens. Die Straße ist auf beiden Seiten von Betonbarrieren eingerahmt. Freunde und Bekannte kommen nur selten zu Besuch, da sie die Kleinlichkeit der kurdischen Kontrollen fürchten.
"Wenn es eine Spannung bei Arabern und Turkmenen gegenüber den Kurden gibt oder politische Probleme, am Ende des Tages sind die Kurden schuld," sagt Najafi. "Wenn sie eine falsche Bewegung machen, werden sie sie sofort getötet."
Im Juli kam es zu Zusammenstößen zwischen Kurden und Sicherheitskräften einer turkmenischen politischen Partei, nach einem Selbstmordattentat auf eine Kundgebung. Zwei Dutzend Menschen starben. Najafi blieb für eine Woche eingesperrt in seinem Haus.
Najafi betont seine turkmenische Identität und behauptet stolz, dass einige der größten Philosophen der arabischen Sprache Turkmenen waren. Er schaudert jedes Mal, wenn er eine Karte von Kurdistan erblickt, welche die kurdischen Bestrebungen porträtiert, ein Verkaufsschlager auf den Märkten hier. Die dort gezeigten Grenzen umfassen weite Teile des Iraks, der Türkei, Syriens und des Iran.
"Wir haben ein Sprichwort hier: Wenn sie den Kurden Kirkuk geben, werden sie ganz Irak beanspruchen. Wenn sie ihnen den Irak geben, werden sie die gesamte arabische Welt beanspruchen. Und sie wollen das Öl Kirkuks, um ihre Zukunft zu sichern."
Er geht nie in den kurdischen Teil auf der anderen Straßenseite. "Wenn sie einen Fremden sehen, dann würden sie mich nicht reinlassen", sagt er.
Er ist auch auf der Hut vor einigen Arabern. "Wir haben Terroristen in unserem Bezirk. Die meisten von ihnen sind Araber", sagt Najafi. "Eines Tages könnte ich in ihr Visier geraten, weil ich Schiite bin.
Kurden "werden nie gehen"
Abid al-Jubouri sind nicht optimistisch über die Pläne der irakischen Regierung die festgefahrene Lage für die Stadt zu beenden. "Solange die Zentralregierung schwach ist und die Kurden stärker sind als sie, wird sich nichts ändern", sagt Najafi.
Im nächsten Monat stehen die Kommunalwahlen im Irak an, aber nicht in der Provinz Tamim, deren Landeshauptstadt Kirkuk ist. Kurdische Führer und Gesetzgeber in Bagdad lehnten die Teilung der Macht über Kirkuk ab, was die Durchführung von Wahlen erlaubt hätte.
"Die Kurden leben in einem großen Traum und dieser Traum wird von den amerikanischen Truppen genährt", sagt Jubouri. Wenn die Amerikaner sich zurückziehen, werden sie schwach sein und weggehen.
Im Parteisitz der kurdischen Partei, steht der Soldat Luqman Majid nahe dem verkohlten Wrack eines Lastwagens, der 2006 zu einem Bombenanschlag benutzt wurde Wache. "Sie müssen zuerst über unsere Leichen laufen, um uns dazu zu bringen diesen Ort zu verlassen", sagt Majid. "Wir werden nie von hier weggehen, auch wenn dieser Ort unser Grab wird. Dies ist Kurdistan."
____________________________________________
Originalartikel von Sudarsan Raghavan, erschienen zwischen 19. und 21.12.2008 in verschiedenen leicht unterschiedlichen Versionen bei "Washington Post" und "Atlanta Journal - Constitution", Übersetzung von SiWan nach dem Artikel in der "WaPo" vom 20.12.2008 unter dem Titel "Ethnic Divide in Iraqi City a Test for Nation"







