Ein Jahr lang sass der türkische Journalist Ahmet Sik im Gefängnis, weil er angeblich Mitglied eines Terrornetzwerks sei. Letzte Woche kam er frei. Er sagt, sein Land kenne keine unabhängige Presse.

Von Kal Strittmatter

Erstveröffentlichung im Schweizer Onlineverbund "Newsnet". Gedruckt erschienen am 19. März 2012 im "Tagi" und der "BaZ"

Herr Sik, jetzt, da Sie frei sind, werden Sie auch bald wieder an der Bilgi-Universität in Istanbul Journalismus lehren. Wie steht es um die türkische Presse?

Im Gefängnis habe ich etwas getan, was ich sonst nie tun würde: Ich habe mir die unzähligen politischen Talkshows angetan. Die Qualität der Debatte ist so armselig – es ist eine Qual. Die türkischen Medien sind wirklich in einem grauenhaften Zustand. Jetzt sitzen noch immer 100 Journalisten hinter Gittern. Aber wissen Sie: Das grösste Problem hier sind nicht die Journalisten im Gefängnis, sondern die, die draussen sind. Die stecken in einem noch grösseren Käfig.


Wieso?

Das Problem ist ein strukturelles: Die Verlagsbesitzer kommen nicht aus der Medienbranche. Es waren hier immer die grossen Mischkonzerne, die ihr Geschäft in anderen Branchen gemacht haben und die sich Zeitungen anschafften, um so politischen Einfluss zu gewinnen. Die Journalisten schreiben dann das, was ihr Boss von ihnen will. Die Selbstzensur ist hier wichtiger als die Zensur durch den Staat. Die Medienbosse und die Regierung kungeln miteinander.


Viele Ihrer Kollegen haben für Sie demonstriert.

Ja. Bei den letzten Protesten gingen sogar Leute auf die Strasse, die einst als Redakteure meine Berichte zensierten. Und warum? Weil sie Angst haben. Aber wenn ich mir die Slogans anschaue: «Die freie Presse kann man nicht zum Schweigen bringen», muss ich lachen. So etwas wie eine unabhängige Presse kennt die Türkei nicht.


Aber die Meinungsfreiheit hat doch auch Fortschritte gemacht. Heute wird in der Türkei lebhaft diskutiert über Tabuthemen wie die Kurdenfrage oder den Völkermord an den Armeniern.

Das stimmt. Natürlich können wir auch deshalb über die Armenierfrage sprechen, weil der Einfluss des Militärs zurückgedrängt wurde. Aber ein anderer Auslöser dafür war der Mord an Hrant Dink (der armenischstämmige Journalist wurde 2007 in Istanbul von Nationalisten ermordet, die Red.). Das ist eine grosse Wunde in mir. Wir können heute über die Armenierfrage sprechen, indem wir den Einzigen vernichteten, der unser Gesprächspartner hätte sein können. Man sagt ja immer, in diesem Land gebe es ein «Kurdenproblem» oder ein «Armenierproblem». Nein. In diesem Land gibt es ein Türkenproblem.


Wie funktioniert denn investigativer Journalismus in der Türkei?

Das Wort mag ich nicht. Recherchiert denn nicht jeder Journalist? Ich will einfach die Stimme jener sein, die zu leise sind, um gehört zu werden, jener, die ihrer Rechte beraubt werden. Ich stehe politisch links, jeder weiss das.


Sie haben schon in den 90er-Jahren über Folter in der Türkei geschrieben.

Dabei habe ich Hanefi Avci kennengelernt, er war 1997 Vizechef des Polizeigeheimdienstes. Er hatte einst meine Freunde gefoltert, damals aber an der Aufklärung eines Skandals mitgearbeitet. Er hat in allen wichtigen Stellen des Polizeiapparats gearbeitet und vor zwei Jahren seine Memoiren geschrieben. Darin sagt er etwas Wichtiges: «Der tiefe Staat ...»


... gemeint sind Verschwörernetzwerke in Armee und Staat, die hier seit Jahrzehnten mit Manipulation und Morden die Demokratie untergraben ...

«... ist dabei, den Besitzer zu wechseln». In seinem Buch beschrieb er als Erster, wie die Fethullah-Gülen-Gemeinde die Polizei unterwandert. Kurze Zeit später wanderte er ins Gefängnis.


Der sogenannte Ergenekon-Prozess, der seit vier Jahren läuft, wird von der Regierung als Schlag gegen diesen «tiefen Staat» verkauft, als Kampf gegen die undemokratischen Kräfte. Hunderte Offiziere sitzen in Haft.

Am Anfang habe ich auch applaudiert. Als Brigadegeneral Veli Kücük festgenommen wurde, der für so viele Morde verantwortlich ist, da weinte ich. Aber bald kamen mir Zweifel. Ich habe die Ergenekon-Akten Seite für Seite studiert, Tausende von ihnen. Ich habe zwei Bücher darüber geschrieben. Irgendwann fragte ich mich: Warum eröffnet der Staatsanwalt nicht einen Prozess gegen den Gendarmeriegeheimdienst Jitem?


Jitem wird für Tausende von Morden an kurdischen Zivilisten verantwortlich gemacht.

Genau. In den Akten finden sich Hinweise auf die Untaten von Jitem. Zum Beispiel, wie Jitem-Leute – als PKK-Rebellen verkleidet – kurdische Bauern abschlachteten. Die Dokumente aber, die diese Taten dokumentierten – die finden sich nicht in der Anklageschrift. Und wissen Sie, warum? «Aus Gründen der nationalen Sicherheit.» Der schmutzige Krieg gegen die Kurden aber war das grösste Spielfeld des «tiefen Staates». Und ausgerechnet das soll bei diesem Prozess nicht ernsthaft untersucht werden? Keine der grossen Zeitungen thematisiert das.


Dafür wurden Sie festgenommen als angebliches Mitglied von Ergenekon.

Dieser Prozess hat die Bahnen des Rechts verlassen, es ist ein politischer Prozess. Mir vorzuwerfen, ich sei ein Ergenekon-Terrorist? Absurd. Damit haben sie dem ganzen Ergenekon-Prozess eine Kugel durch den Kopf gejagt.


Warum also nahm man Sie fest?

Wir alle wissen, dass die Anhänger der Gemeinde des Predigers Fethullah Gülen sich seit den 70er-Jahren in der Polizei organisieren. Als ich die Akten durchsah, fiel mir etwas auf. Viele der Ergenekon-Angeklagten haben etwas gemeinsam: Sie haben sich irgendwann der Gülen-Gemeinde in den Weg gestellt. Da habe ich mich gefragt: Was machen die da? Sie untersuchen angeblich den «tiefen Staat» – und begleichen nebenbei alte Rechnungen? Also setzte ich mich hin, um ein Buch über die Gülen-Gemeinde und ihren Einfluss in der Polizei zu schreiben. Ein Kapitel meines Manuskripts trägt dabei die Überschrift: «Wer sie anrührt, verbrennt sich.» Jetzt habe ich mich verbrannt.


Der Prozess gegen Sie läuft weiter.

Dem Ermittlungsrichter, der mich festnehmen liess, sagte ich damals: Sie haben einen guten Beschluss für die Demokratie gefasst. Auf diese Weise werden den Leuten die Augen geöffnet.


Wie war es im Gefängnis?

Ein Jahr lang habe ich nur meine zwei Zellengenossen gesehen. Und einmal in der Woche meine Frau. Einer der Wärter brachte mir ein Transistorradio. Aber wegen der dicken Mauern hatte ich keinen Empfang, so streckte ich das Radio mit der Hand aus dem Fenster – und wissen Sie, welchen Sender wir so hören konnten? Samanyolu – den Sender der Gülen-Gemeinde.


Die Gülen-Gemeinde wird oft dämonisiert. Wie mächtig ist sie wirklich?

Die Bewegung macht ja jetzt grosse Anstrengungen, sich der Welt zu erklären. Sie veranstalten Seminare, sie kaufen sich Autoren, die über sie Bücher schreiben. Gut, dass man sie jetzt kritisch hinterfragt. Warum sind sie nicht transparent? Sie sollen doch offen zeigen, wo sie aktiv sind: Okay, wir bauen hier Schulen, wir schicken Ärzte dorthin. Wunderbar. Ich bin manchmal auch ein wenig nervös. Weil wir sie in ihrer Wichtigkeit natürlich auch aufbauschen. Aber eines ist klar: Sie besetzen mächtige Schaltstellen in Polizei und Justiz, ihre Leute leiten die Operationen gegen Ergenekon und gegen die angeblichen PKK-Terroristen in der Zivilgesellschaft, Operationen, die total aus dem Ruder gelaufen sind.


Und Premier Tayyip Erdogan?

Viele in der Regierung kennen das Problem, aber sie lösen es nicht. Weil wir de facto eine Koalitionsregierung haben. Es ist eine Koalition aus AKP und der Fethullah-Gülen-Gemeinde. Die Gülen-Bewegung sagt, sie habe 5 Millionen Anhänger – das sind Wähler, auf die die AKP nicht verzichten möchte.


Warum sind Sie nun frei und 100 andere Journalisten noch hinter Gittern? Tagesanzeiger

Mein Kollege Nedim Sener und ich wurden zu Symbolen. Die Regierung musste unseretwegen viel Kritik einstecken. Mit unserer Freilassung hat sich aber in Wirklichkeit nichts geändert.


Sie wollen bald eine erweiterte Version des Buches veröffentlichen, derentwegen Sie im Gefängnis gelandet sind.

Wer kein Risiko eingeht, der bewegt auch nichts. Ich las unlängst das Stück eines Kolumnisten, der sich rühmte, noch nie im Leben vor Gericht gestanden zu haben. Was ist denn das für einer? Der Mann ist über 60 Jahre alt, hat in diesem Land drei Putsche durchlebt und hatte noch nie einen Prozess am Hals? Mit so einem Journalisten stimmt was nicht.


Originalartikel: Tagesanzeiger