Krieg gegen Kurden„Alavere dalavere Kürt Mehmet nöbete“ lautet ein türkischer Spruch, der sinngemäß aussagt, dass die Kurden für die Drecksarbeit zuständig sind.

Die Ereignisse der letzten Tage scheinen zu bestätigen, dass die Kurden sowohl aus türkischer Sicht als auch aus der Perspektive der USA und der Europäer nur eine Rolle spielen dürfen: die Rolle des Handlangers, den man bei Bedarf auch fallen lassen kann. Die Rolle des willenlosen, unterwürfigen Glaubensbruders. Die Rolle des Helden, den man gerne unterstützt, aber nur solange er nicht seinen eigenen Interessen dient(1).

„Friedensprozess“

Aktuell (29.07.2015) arbeitet R.T. Erdogan an einer Eskalation der Gewalt auf Kosten der kurdischen Zivilbevölkerung. Der sogenannte Friedensprozess zwischen der PKK und Erdogan war von Anfang an undurchsichtig und erschien wie ein taktischer Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit. Details der Vereinbarung zwischen Erdogan und der PKK wurden nie veröffentlicht.

Klar ist, dass Erdogan sich als Friedenstaube profilieren konnte und darauf spekulierte, die HDP, den politisch-legalen Arm der PKK, für den Aufbau seines Präsidialsystems nutzen zu können. Sowohl die PKK als auch kurdische Islamisten lieferten sich kleinere Scharmützel und Reibereien. Doch die rote Linie wurde aus türkischer Sicht nicht überschritten, obwohl es auf beiden Seiten Tote gab. Überschritten wurde die rote Linie erst, als die HDP sich sehr klar gegen Erdogan stellte.

„Freunde des Kurdischen Volkes“

Während der Belagerung von Kobani durch den IS gab es in Bezug auf die Kurden interessante Beiträge. Als sehr kurios kann nicht zuletzt die Heroisierung des syrischen PKK-Ablegers YPG bezeichnet werden. Ausgerechnet die BILD-Zeitung, die in den 1990er Jahren eine gezielte Diffamierung der PKK betrieb, trug 2014/2015 zu einer Heroisierung der gegen den IS kämpfenden YPG bei(2). Und das, obwohl die YPG der militärische Arm einer aus der westlichen Sicht kommunistischen Bewegung ist und die BILD-Zeitung sich immer als Feind kommunistischer Bewegungen positionierte. Kurios ist auch, dass Massenmedien dieser Art das politische System des syrischen PKK-Ablegers als „ansatzweise demokratisch“ einstufen. „Als ansatzweise demokratisch konnte sicherlich auch die Deutsche Demokratische Republik (DDR) bezeichnet werden“, könnte man sagen, wenn man dem Zynismus westlicher Propaganda etwas entgegensetzen wollte. Der springende Punkt ist jedoch, dass es den Europäern im Wesentlichen nicht um gemeinsame Werte gehen kann. Im Kern geht es insbesonder der deutschen Bundesregierung um die Bekämpfung des IS.

Da weder die Amerikaner noch die Europäer mit Bodentruppen am Kampf gegen den IS teilnehmen möchten, fungiert die YPG aus Sicht der Europäer als nützlicher und kostengünstiger Handlanger.

Doch welche Haltung würden die Europäer in Bezug auf die PKK und die Kurden insgesamt einnehmen, wenn der IS vernichtet und die sekulären Diktaturen im Nahen Osten wiederhergestellt wären und die Türkei nicht mehr von der AKP sondern bspw. von der CHP regiert werden würde?

Welche Haltung würde das Assad-Regime in Bezug auf Syrisch-Kurdistan einnehmen, wenn alle oppositionellen, bewaffneten Gruppen besiegt wären? Zugegebenermaßen handelt es sich hier um unrealistische Annahmen, jedoch reduziert sich das komplexe Geschehen durch diese Fragen auf folgende Tatsache: die Kurdenpolitik der AKP, des Assad-Regimes, der Europäer und der USA läuft darauf hinaus, daß man die Kurden unterstützen kann im Sinne der eigenen Ziele, nicht jedoch im Sinne kurdischer Interessen.

Robert Fisk hat kürzlich festgestellt, dass es niemanden überraschen dürfte, wenn die Kurden nicht zuletzt von ihren westlichen „Freunden“ erneut verraten werden würden(3). Klar ist, dass eine Berichterstattung dieser Art der AKP-Propaganda Freude bereiten dürfte. Für die AKP-Propaganda ist es ohnehin wichtig, der westlichen Propaganda die kurdische Karte aus den Händen zu reißen. Klar ist jedoch auch, dass in der Vergangenheit der Verrat bspw. der USA an den irakischen Kurden verheerende Folgen hatte und die Kurden sich gerade deswegen den Fehlern der Vergangenheit stellen müssen. Der 182.000 fache Mord an den Kurden während der Anfal-Kampagne durch Saddam Hussein wurde erst möglich durch den Verrat der USA an den irakischen Kurden.

Verraten wurden die irakischen Kurden auch nach dieser Tragödie mehrmals, wieder von den USA. Dies zeigt, dass die Führung der irakischen Kurden die Sache nie klar genug beim Namen nannte. Und dies erklärt, warum inzwischen der Einfluss der Türkei auf den westlichen Teil Irakisch-Kurdistans so groß ist, während der Iran im östlichen Teil Irakisch-Kurdistans so viel an Einfluss gewonnen hat. In Bezug auf Europa und insbesondere Deutschland kann die Schein-Diskussion um Menschenrechte nicht vom Grundsatz deutscher Kurdenpolitik ablenken, und die lautet wie immer: Nette Worte für die Kurden, Waffen für die Türken.

"Billiges kurdisches Blut"

Es ist so einfach, mit dem Finger auf die USA, Europa, die Türkei oder den Iran zu zeigen. Ist es zielführend, diese Akteure zu verurteilen, während wir uns selbst zu Objekten dieser Akteure degradieren? Dumme westliche Schriftsteller verbreiten Klischees vom wilden Kurdistan, entwerfen Opfer-Rollen. Dumme kurdische Menschen fügen sich diesen unvorteilhaften Rollen.

Wir sind die Nachfahren von Ehmedê Xanî, des Philosophen und Denkers. „Ger dê hebûwa me ittifaqek, vek ra bi kira me inqiyadek“ sagte er und es ist unsere Aufgabe, den Weg der Einheit und der Solidarität zu gehen. Wir müssen uns wehren, damit wir nicht nur zu Kanonenfutter degradiert werden.

Wir sind nicht immer staatenlos gewesen. Nicht nur Deutsche und Italiener hatten in der Vergangenheit Fürstentümer. Kurden haben in der Vergangenheit Staaten errichtet, vor über Tausend Jahren bspw. das Reich der Scheddadiden im Äußersten Norden, im Süden das Reich der Marwaniden. Alles, was wir heute als kurdisch bezeichnen ist ein Relikt aus diesen Zeiten.

Wir sind die Nachfahren von Saladin. Die Kurden Saladins verteidigten nicht nur Jerusalem, sie übernahmen damals die Führung der gesamten islamischen Welt. Und das, ohne Köpfe abzuschneiden, Minderheiten zu unterdrücken oder sich zum Handlanger des damaligen Imperialismus zu reduzieren. In diesem Sinne sollte folgendes Gedicht von Eskerê Boyîk gelesen werden:

Kurdisches Blut sollte nicht so billig sein.

Arzan nedin

Serok û rêvabirên Kurdan ra
(Dewsa gotarê)

Arzan nedin, xûnê arzan nedin
Xûna keçan e, xûna lawan e,
Xûna ezîz û delaliyê malan e,
Xûna kezeba dayik û bavan e,
Xûna here paqij, xûna here pîroz,
Xûna here şîrin, xûna here giran e

Arzan nedin, xûnê arzan nedin
Xûn bîranîn e, bîranîna hezaran salan e
Xûn nav e, xûn namûs e, xûn xîret e
Xûn ax e, xûn erd e, xîn şert e
Welat e...
Welat arzan nedin

Xûna mêrxwes, egît û xweşmêran e,
Xûna feqîrî, hêsîrî, bindestiya kal-bavan e,
Xûna inkarkirina nav, birrîna ziman e,
Gund-warê şewitî, hêsîrê bê cî û sitar,
Xeribên serê riyan e,
Girtiyên hebsan e,
Kapê usityê mêrxwes û mêran e
Xûnê arzan nedîn...

Xûn sond e, xûn duea ye,
Xûn agir û alava dilê ye,
Kilam e, dîlan e, dîrok e, ruhê pêşiya ye,
Nalîna birîndara, hêsirê dayîka, giriyê sêwiya ye,
Dewa bê despêk, bê dewî ji dewra ma ye...
Xûnê arzan nedin...

Îro roja hesabkirina hesaba ye...

Ev dewa nû nîne, dewa bi seda salan e,
Neyar li me bûne belan e,
Xûn rêtine wake çeman e
Ku navê me undakin ji nava navan e

Îro ewqas xûn rêtine, ku navda gut bûne, mane,
Xûn wan difetisine,
Difetisin, dewya wane
Ji xûnê nikarin xilasbin
Kes nikare ji xûnê xilasbe
Eger dîsa hûn wan xilas nekin
Kes nikare

Bi dewranan tol, bêxîret, xweyîn- xwefiroşan
Pirr cara xûna pîroz firotine,
Arzan firotine,
Bi hestuya firotin e , bi avê guhertîn e
Ew xilaz kirine,
Bi xwe jî
Bêrûmet, di nav nelet û nifirada mane

Hûn nekin,
Hûn nekin,
Nemerda bawar nekin
Ber diniyayê dîsa me rezîl nekin!

Xûnê arzan nedin
Xûna lawên xwe,
Xûna kal û bavên xwe
Mêranî, namûs û navên xwe,
Cî-warên şewitandî
Goristanên hilşandî,
Zindanêên xezebe tarî
Laşên şihîdaye bê serî
Zarok, kal-pîrên li rêyên xerîbiyê bêxweyî,
Mizgevt-zyaretên bê duea mayî

Bîra nekin

Arzan nedin, xûnê arzan nedin

Eskerê BOYÎK


Notiz:

(1) "Deutschland liefert Waffen gegen IS, Steinmeier warnt vor kurdischem Staat", N-TV, 01.09.2014

(2) „Liebe Kurden“, BILD, Franz Josef Wagner, 26.10.2014

(3) "Turkey-Kurdish conflict: Every regional power has betrayed the Kurds so Turkish bombing is no surprise", The Independent, Robert Fisk, 28.07.2015