Die weltweiten Reaktionen auf das Unabhängigkeitsreferendum vom 25.09.2017 in Irakisch-Kurdistan waren offenbar eine Enttäuschung für manche Kurden.

Die Europäer, insbesondere Deutschland, Großbritannien und Frankreich betonten die Wichtigkeit der „Einheit des Irak“. Die Unabhängigkeit der Region Kurdistan lehne die Bundesregierung ab, sagte bspw. der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung. Bundesaußenminister Gabriel warnte vor einseitigen Schritten und sprach davon, die territoriale Integrität des Irak sei unverzichtbar. Deutschland beteiligte sich daraufhin an der Isolation Irakisch-Kurdistans.

Der Gottesstaat Iran als Eigentümer des Irak sprach fast täglich „gut gemeinte“ Drohungen gegen die Kurden aus, ein eigener Staat – außerhalb iranischer Kontrolle - sei „nicht gut für die Kurden“. Parallel dazu forcierte der schiitische islamische Staat die Isolation Irakisch-Kurdistans.

Auch das Erdogan - Regime, das eigentlich enge wirtschaftliche Beziehungen zu Irakisch-Kurdistan pflegt, fand keine freundlichen Worte für die Kurdische Führung in Erbil. Man werde den Kurden kein Öl abkaufen und die Grenzen schließen, so Erdogan.

Aus den Ländern der Arabischen Welt gab es unterschiedliche Standpunkte, jedoch folgten die arabischen Regierungen den Aufforderungen der Irakischen Zentralregierung, Kurdistan zu isolieren. Alle Flüge aus arabischen Ländern in die Region Kurdistan im Irak wurden daraufhin gestrichen.

Die USA sprachen sich offiziell gegen ein Referendum aus, dies sei nicht der richtige Zeitpunkt. Die Probleme zwischen der Zentralregierung und der Region Kurdistan müssten innerhalb der Grenzen des Irak gelöst werden.

Israel sprach sich wiederholt klar für einen Kurdischen Staat aus.

Die Unteilbarkeit des geteilten Irak

An der Haltung der Europäer darf es eigentlich nichts zu kritisieren geben. Es ist völlig legitim, dass die Europäer emotional sehr an den von ihnen künstlich gezogenen Grenzen hängen. Und es ist ein Geheimrezept der Kolonialherren, verschiedene Volksgruppen in einem künstlichen Staat zusammenzufassen, mit dem die betroffenen Volksgruppen eigentlich überhaupt nicht glücklich sind. Der Vorteil eines solchen Staates ist schließlich eine eher schwache Regierung, die man so leicht unter Druck setzen kann. Doch kann das heute noch funktionieren? Sind die Europäer in der Ukraine nicht kläglich gescheitert, als sie glaubten, es gäbe nur eine Ukraine, nämlich die „prowestliche“ Ukraine? Der große Irrtum der Europäer im Irak ist, dass sie glauben, die Kurden seien der Klebstoff, um den sunnitischen Irak mit dem schiitischen Irak zusammenzuhalten. Doch dieser Irak ist inzwischen ein anderer Irak (man ersetze „k“ durch „n“).

Der Traum von einem Osmanischen Großstaat

Sowohl aus Teheran als auch aus Ankara wurde behauptet, ein unabhängiges Kurdistan käme einem 2. Israel gleich. Kurioserweise sind die Türkei und der Iran die ersten beiden Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, die den Staat Israel anerkannt haben. Und Israel wiederum ist der Staat, der die türkische Führung immer wieder daran erinnern musste, dass das Ottomanenreich längst untergegangen ist.

Wie sehr sich die AKP-Führung inzwischen von der Realität abgekoppelt hat, sieht man am Beispiel der Turkmenen im Irak. Die AKP-Führung ist heute um die Sicherheit der Turkmenen in Kirkuk „besorgt“. Die Solidarität mit den Turkmenen außerhalb von Kirkuk jedoch hielt sich in Grenzen, als viele Turkmenen vom IS abgeschlachtet wurden und es nicht die Türkei, sondern die Peschmerga waren, die zahlreiche Turkmenen aus Tal Afar, Mossul und anderen Regionen retteten. Der jetzige CHP-Spitzenpolitiker Öztürk Yilmaz war damals türk. Generalkonsul in Mossul und wurde insbesondere durch die Mitwirkung der Irakischen Kurden aus der IS-Gefangenschaft gerettet. Jetzt ist ausgerechnet der ehem. türk. Generalkonsul von Mossul einer derer, die eine härtere Gangart gegenüber den Kurden fordern. Doch wie realistisch ist eine solche Forderung?

Fakt ist, dass Irakisch-Kurdistan von der Türkei abhängig ist. Fakt ist aber auch, dass die Türkei einen wichtigen Absatzmarkt verlieren würde und die türkische Wirtschaft Verluste in Höhe von 6-8 Mrd. USD hinnehmen müsste. Doch nicht nur einen Absatzmarkt würde die Türkei mit einer kurdenfeindlichen Politik verlieren.

Die Mullahkratie Iran, die wahre Macht im Nahen Osten

Eine Isolation Kurdistans würde dem Iran nicht schaden, im Gegenteil. Der Große Verlierer einer Isolationspolitik wäre die Türkei, die nicht nur einen Absatzmarkt, sondern auch einen Verbündeten verlieren würde. Und auch wenn die Türkei gerne mit der Turkmenen-Karte spielt, die Turkmenen-Karte ist längst im Besitz des Iran. Während sich 3 turkmenische Parteien offen für einen Kurdischen Staat ausgesprochen haben, ist der langjährige verlängerte Arm Ankaras im Irak, die sog. Turkmenen-Front, längst zu Teheran übergelaufen. Dies sollte Ankara zu denken geben, insbesondere was die zukünftigen Ambitionen des Iran in Bezug auf die Türkei betrifft.

Was man nicht vergessen darf: die Außenpolitik Erdogans in Syrien hat bisher nicht der Türkei genützt, sondern dem Iran. Kein anderer Staat konnte in Syrien so viel Einfluss gewinnen wie der Iran. Man kann sagen, Erdogan hat Syrien in die Arme der Iraner getrieben. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich im Irak ab, wo die Türken ganz im Sinne des Iran agieren. Sultan Selim würde im Grab rotieren ...