In meinem letzten Artikel zitierte ich eine Aussage des türkischen Premierministers Erdoǧan, in der er meinte, die Türkei müsse ihre Vergangenheit im Auge behalten. Zugleich kritisierte ich den Mythos des "nationalen Einheitsstaates", demzufolge die Türkei ein "rein türkischer und sunnitischer Staat" sei. Die Schlussfolgerung war, dass dieses Modell zu Ausgrenzung, Diskriminierung und letztendlich zu bewaffneten Konflikten führt. Heute möchte ich einen weiteren Teil türkischer Geschichte beleuchten:


1934: Die Ereignisse in (Ost-)Thrakien ("Trakya Olayları")
Judenverfolgung in der Türkei und die Rolle des Staates


Im Jahr 1934 lebten in Ost-Thrakien (dem europäischen Teil der Türkischen Republik), allen voran in Çanakkale, Edirne, Kırklareli und Keşan, rund 45.000 Juden. Sie hatten vor allem im Finanz- und Handelswesen eine besondere Schlüsselstellung inne. Im Sommer 1934 begann sich in Ost-Thrakien ein gefährlicher Antisemitismus auszubreiten. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, jüdische Händler zu boykottieren, führende Mitglieder der jüdischen Gemeinde erhielten Morddrohungen, Gerüchte wurden in Umlauf gebracht, wonach Juden in ihren Wohnungen heimlich Türken ermorden würden. Hinzu kamen judenfeindliche Zeitungsartikel, wie die des ultra-nationalistischen Journalisten Hüseyin Nihal Atsız, der die Juden der "Untreue gegenüber dem türkischen Staat" bezichtigte und ihnen vorwarf, "heimliche Versammlungen in Beyoğlu  [Stadtbezirk von Istanbul] abzuhalten". Selbst in Frankreich würden sie als "einziges Kompliment" die Bezeichnung "dreckige Juden" ("Pis Yahudi ") erhalten. Außerdem schrieb Atsız: "Genauso, wie wir es nicht glauben, dass sie sich türkisieren werden, würden wir das nie akzeptieren. […] So sehr sich der Jude auch bemüht, er kann kein Türke werden."

Als die Stimmung zunehmend gegen die Juden umschlug und die Diskriminierungen im öffentlichen Leben immer mehr zunahmen, wandte sich die jüdische Gemeinschaft an die lokalen Behörden. Diese gaben zur Antwort, dass sich die Juden nicht zu fürchten bräuchten und der Staat entsprechende Schutzmaßnahmen treffen werde. Doch kurz darauf kam es am 21. Juni 1934 zu ersten Übergriffen in Çanakkale, wo 7.000 Juden lebten. Um zu verhindern, dass bei Juden eingekauft wurde, wurden vor einigen Einkaufsläden Wachen aufgestellt. Einige Juden erhielten Briefe, in denen es hieß, sie würden ermordet werden, wenn sie die Stadt nicht verließen. Erste Juden begannen, ihr Hab und Gut zu verkaufen und Çanakkale und Gelibolu ["Gallipoli", namensgebender Ort einer verlustreichen Schlacht 1915, Ausgangspunkt des militärischen Ruhmes des damaligen Siegers Mustafa Kemal] zu verlassen. Am 28. Juni breiteten sich die Übergriffe auf Edirne, Keşan, Uzunköprü, Lüleburgaz und Kırklareli aus. Am schlimmsten war die Lage jedoch in Edirne. Hier wurde zunächst jüdischen Schlachthäusern ihr traditionelles Schlachtritual verboten. Am 2. Juli 1934 tobten türkische Demonstranten, die Parole "Tod den Juden" skandierend, durch die Gassen und plünderten jüdische Wohnungen und Geschäfte aus. Immer mehr Juden gerieten in Panik und flohen. Diejenigen, die zurückblieben, wurden weiterhin öffentlich verfolgt. Bäcker und Lebensmittelhändler weigerten sich, ihre Waren an Juden zu verkaufen oder verkauften sie nur zu völlig überhöhten Preisen. Am 3. Juli bewarfen Gymnasiasten in Kırklareli jüdische Häuser mit Steinen. Hier wurden außerdem 65 Häuser ausgeraubt. Die Behörden sahen dem Treiben tatenlos zu. Viel schlimmer noch: Am 3. Juli wurde den Juden befohlen, die Stadt innerhalb von 48 Stunden zu verlassen.

Welche Rolle spielte die Einparteiendiktatur der CHF (heute CHP)?

Ist der Thrakien-Pogrom einfach so mir nichts dir nichts ausgebrochen oder steckt mehr dahinter? Reicht eine anti-jüdische Stimmung in der Bevölkerung aus, damit die Lage derart ausartet? Wie lässt es sich erklären, dass die Übergriffe beinahe zeitgleich in verschiedenen Städten ausbrachen? Wie lässt es sich erklären, dass die Behörden nicht eingriffen, zumal es sich um die Phase der Einparteiendiktatur der CHF handelte, in der Beschlüsse sofort umgesetzt wurden. Der türkische Schriftsteller Zafer Toprak unterstellt der damaligen CHF-Diktatur, bei der Planung des Thrakien-Pogroms mitgewirkt zu haben. Er verweist auf Briefe des damaligen Vorsitzenden der CHF, Recep Peker, die an alle örtlichen Niederlassungen der CHF in Thrakien gesandt wurden und in denen er sich darüber beschwert, wieso die Partei so schlecht über die "Planung und Durchführung der Sache informiert" worden sei ("[…] meselenin telkin, hazırlık ve tatbik devirlerinde fırka katibi umumiliğine haber vermek vazifesi ne için yapılmadı?"). Selbst wenn die Parteiführung der CHF nichts von den Ereignissen mitbekommen haben sollte, steht fest, dass die lokalen Niederlassungen der Parteien hiervon in Kenntnis waren. Darüber hinaus stellt sich die Frage, weshalb der Staat nicht auf die Beschwerden der Juden reagiert hat.

Auseinandersetzen sollte man sich auch mit den staatlichen Umsiedlungsprojekten: Am 27. Mai 1934 verabschiedete die türkische Regierung das "Besiedlungsgesetz" ("Isan Kanunu"), welches die Gesellschaft homogenisieren sollte. Nicht-türkische und nicht-islamische Gesellschaftsgruppen sollten durch dieses Gesetz assimiliert werden. Außerdem verfolgte die Regierung das Ziel, "die Ökonomie in die Hände nationaler Elemente zu legen" und "von fremden Elementen zu befreien". 

Nach den Ereignissen von 1934 haben sich die soziologischen, ökonomischen und demographischen Verhältnisse vollkommen verändert. Nach der Vertreibung der Juden entstand in Thrakien eine neue Bourgeoisie, die sich "die Reichen von Thrakien" ("Trakya Zenginleri") nannte und aus sunnitischen Türken bestand.

So sehr auch behauptet wird, dass ein aufgehetzter, nationalistischer Mob für die Ereignisse in Thrakien und die Vertreibung Zehntausender Juden verantwortlich sei: Die Systematik, die sich hinter diesem Pogrom verbirgt, die Tatenlosigkeit der türkischen Obrigkeit und die Assimilierungsvorhaben derselbigen offenbaren, dass die damalige Regierung eine große Mitschuld an der Judenvertreibung trägt.


Heute fordern viele Aleviten, dass aus dem Madımak Hotel in Sivas ein Museum gemacht wird, um jenet zu gedenken, die dem „Sivas-Massaker“ (bei dem 1993 bei religiös motivierten Pogromen 37 Personen zumeist alevitischen Glaubens ums Leben kamen) zum Opfer fielen. In dieser Reihe werden wir versuchen, einen Teil türkischer Geschichte aufzudecken. Begonnen haben wir mit der Gründungsideologie der Türkei ("nationaler Einheitsstaat"). Als nächstes in dieser Reihe werden der "Pogrom von Istanbul" (1955) und die Massaker an den Aleviten (Maraş 1978, Çorum 1980 und Sivas 1993) thematisiert. Es wird sich herausstellen, dass die Türkei mehr Gedenkstätten als "Madımak" benötigen wird, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.


Quellen:
Hüseyin Nihal Atsız
Zeitungsartikel von Hüseyin Nihal Atsız aus dem Jahr 1934:
Ins Deutsche übersetzte Schriften von Hüseyin Nihal Atsız:
Zafer Toprak, Trakya Olaylarında hükümetin ve CHF’nin sorumluluğu
Atilla Akar, Türkiye Komplolar ve Provokasyonlar Tarihi
Haluk Karabatak, 1934 Trakya Olayları ve Yahudiler

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Dieser Artikel ist der zweite in einer Reihe unseres Autors "SiWan", weitere werden in kurzer Folge erscheinen.