Peshmerga
Peshmerga, Armee der KRG.

Nach der Einnahme von Mosul am 10. Juni rückte ISIL [Islamischer Staat in Irak und der Levante, auch ISIS genannt = Islamic State for Iraq and Shams (kurz für Damaskus, Syrien)] auf Tikrit vor, die Hauptstadt der Provinz Salah ad-Din, dann nach Baiji mit der dortigen Raffinerie.

Am 11. Juni kam es auch zu Kämpfen mit der irakischen Armee (ISF) westlich von Baghdad, in Abu Ghraib und Zaidan, wodurch ein weiteres Mal die Fähigkeit der Gruppierung aufgezeigt wurde, gleichzeitig mehrere Aktionen zu führen mit vielfältigen untergeordneten Kommandoebenen. Nicht bestätigte Berichte weisen darauf hin, dass ISIL erneut Samarra angriff, wohin zurückweichende ISF-Kräfte sich angeblich gesammelt hatten. ISW ist um 03 Uhr GMT am 12. Juni noch nicht in der Lage einzuschätzen, ob es ISIL hauptsächlich um Kontrolle der Stadt Samarra geht oder um die Einnahme des dortigen "Al-Askari" Schreins.

ISIL-Aktivitäten um Samarra während dieser Phase ihrer nordirakischen Offensive wird als Anzeiger für das Endziel dieser Gruppe und ihre Einschätzung der eigenen Stärke betrachtet. Falls ISIL einen "Blitzkrieg" gegen Baghdad plant würde die Gruppe Samarra eher umgehen um Beweglichkeit aufrecht zu erhalten und kräftesparend zu operieren. Aber Samarra selbst ist extrem wichtig, denn Al-Qaidas Brandanschlag auf den "Al-Askari" Schrein entzündete den damals schon lange köchelnden Bürgerkrieg von 2006. Premier Nouri al-Maliki fühlt sicher starken Druck, die Wiederholung eines solchen Ereignisses nicht zuzulassen und könnte versuchen, Streitkräfte zusammenzuziehen, um dies zu verhindern. Irakische Truppen und Milizen – auch solche, die iranische Interessen vertreten – sind schon seit längerem genau zum Schutz des Schreins in Samarra stationiert, daher könnte ISIL den Schrein aus unterschiedlichen Gründen angreifen. Es könnte z.B. versucht werden, ISF-Kräfte in einen Kampf zu locken in der Hoffnung, sie Stück für Stück zu zermürben. Es könnte auch beabsichtigt sein den wiedererrichteten Schrein zu zerstören, um erst recht einen Bürgerkrieg anzuheizen. Sie könnten auch den Aspekt unwiderstehlich finden, iranische Truppen und Stellvertreterkräfte zu bekämpfen, die in dieser Stadt vermutet werden. Eines oder auch alle dieser Szenarien könnten zu einer größeren Schlacht führen, aber die ISIL-Führung könnte immer noch den Schrein in der Stadt außeracht lassen und weiter nach Süden vorrücken.

ISIL-Führer könnten aber auch glauben, dass sie die ISF-Truppen und Milizen in Samarra schon so weit demoralisiert hätten, dass ein Angriff auf die Stadt relativ einfach wäre. ISIL hatte ja die ISF-Kräfte und die öffentlichen Gebäude in Samarra schon seit Mitte März durch VBIED-Angriffe = Vehicle Borne Improvised Explosive Device, also: Autobombe, Anm. d. Übers.], Kombinationsattacken, andere improvisierte Sprengmittel und Versuchsfahrten mit bewaffneten Fahrzeugen getestet. Zusätzlich verbrannte ISIL mehrere Tausend Hektar erntereifer Felder. Der vorherige ISIL-Angriff auf Samarra am 6. Juni 2014, welcher der Nordoffensive auf Mosul vorausging, könnte auch dazu gedient haben, vor Ankunft der Hauptmacht aus nördlicher Richtung die Verteidigung Samarras zu verwirren.

Ein anderer Grund für zusätzliche ISIL-Angriffe auf Samarra könnte der Wunsch sein, die Aufmerksamkeit der ISF von anderen Operationen abzulenken. Eine größere Schlacht um Samarra birgt das Risiko, dass die ISIL-Truppen sich dort festfahren und damit die Offensive vorzeitig beenden können, solange ISIL keine Verstärkungen heranführen kann.

Aber ISIL mag durchaus über operationale Reservekräfte verfügen. Fallujah und Jurf as-Sukhar, die ISIL-Hochburgen in den Provinzen Anbar und Babel, blieben seit Beginn der umfassenden ISIL-Operationen am 5. Juni relativ ruhig. Daher könnte ISIL Samarra angreifen, um ISF-Kräfte und Verstärkungen dort zu binden, um von Anbar oder Babel (oder von beiden) her auf Baghdad vorzurücken. Autobomben in Sadr City und Khadimiya (mit einem weiteren wichtigen Shi’a Schrein) könnten Ablenkungsmanöver sein oder Tests zur Zermürbung der Verteidigung Baghdads.

Bislang hat ISIL noch keine derart große Offensive im Irak unternommen. Es ist durchaus möglich, dass die Gruppe einer überschwänglichen Freude zum Opfer fällt, wie es nicht selten vorkommt bei Erfolgen von Militärs jenseits des Erträumten. ISIL könnte sich verheben in dieser Angelegenheit, was die Gruppe verwundbar macht gegenüber schnellen Gegenoffensiven oder selbst gegenüber dem Aufstehen einer verärgerten Zivilgesellschaft in den Rückräumen, ein Phänomen, das wir in gewissem Maße schon in Mosul beobachten können und stärker noch in der syrischen ISIL-Hochburg ar-Raqqa. Aber ISIL führte auch mehrphasige raffinierte Operationen im syrischen Deir ez-Zour durch, und zeigte damit die Fähigkeit integrierte Täuschungsmanöver aus der Bewegung heraus zu unternehmen, um die gesetzten Ziele zu erreichen.

Die hier zu beantwortende wichtigste Verständnisfrage ist: Verfolgt ISIL einen gründlich vorbereiteten Plan oder wird das Anfangsglück schließlich überstrapaziert? Ferner: Handelt es sich immer um die gleichen vorrückenden ISIL-Truppen, oder werden vorher eingesickerte Kräfte aktiviert für einen simultanen Vormarsch? Die Antwort auf diese Fragen ist wesentlich für die Einschätzung der Stärke und Zusammensetzung der ISIL-Kräfte im Einsatz während der Nordoffensive. Analysen vor Ort ergaben, dass ISIL Mosul mit 150 Fahrzeugen angriff, ausgerüstet mit darauf montierten und von den aufsitzenden Mannschaften bedienten Waffen, bei einer Mannschaftsstärke von 500 bis 800 Kämpfern. Unklar ist, ob Teile dieser Truppe weiter vorrückten auf Sharqat, Qaiyara, Baiji und Tikrit, oder ob bereits andere Kräfte in der Nähe dieser Orte in Bereitschaft lagen, um dann nacheinander besagte Orte zu erobern. ISW sucht intensiv nach Anzeichen für die Beantwortung dieser Kernfrage, wie es ISIL gelingen konnte die drei Städte anzugreifen und die Kontrolle zu übernehmen. Hatte ISI vorher eingeschleuste Kräfte zur Verfügung, dann würden eben diese die gegenwärtigen Zielzonen besetzt halten, was der Hauptmacht von ISIL den weiteren Vormarsch erlauben würde.

Wenn aber stattdessen ISIL eine Stadt erobern würde und eine rückwärtige Truppenpräsenz zur Absicherung des Erreichten dort belassen würde, während die Angriffsspitzen weiter vorrückten, wäre ISIL am Höhepunkt der Macht angekommen, bevor Baghdad erreicht würde, je nachdem, wie groß die rückwärtigen Kräfte bemessen wurden. Bemüht sich ISIL um Beziehungen zu den örtlichen Stämmen, um die neu eroberten Städte halten zu können? Sind kürzlich entlassene Gefangene mit wenig militärischem Training Teil jener Truppe? In welchem Umfang verbündete sich ISIL mit den baathistischen Truppen des früheren Generals Izzat Ibrahim al-Douri und der Jaysh Rijal al-Tariqa al-Naqshabandia (JRTN)? Es gibt Nachrichten, dass JRTN-Kräfte und al-Duri Unterstützer in Mosul und Tikrit aktiv wären, aber wir können dies jetzt noch nicht mit hinreichender Genauigkeit einschätzen.

Es sollte in den nächsten 24 – 48 Stunden möglich sein einzuschätzen, ob die gegenwärtige ISIL-Offensive ununterbrochen fortgesetzt wird oder ob es eine Pause gegen wird, in der ISIL sich neu aufstellen und umgruppieren wird. Das Niveau der ISIL-Aktivität nordwestlich wie südwestlich von Baghdad wird vermutlich der wichtigste Indikator dafür sein.


Notiz:

Der Originaltext von Jessica Lewis, Kimberley Kagan und Ahmed Ali wurde am 11. Juni 2014 veröffentlicht unter dem Titel "The ISIS Battle Plan" im Blog des Pentagon-nahen "Institute for the Study of War" (ISW) in Washington. Für Kurdmanis übersetzt von Karl Mund.


ISW-Karte zur Einnahme von Mosul durch ISIS-Truppen am 9./10.06.2014


ISW-Karte zum Vorrücken der ISIS-Truppen am 11.06.2014


ISW-Karte zu Einfluss- und Angriffszonen in Syrien und Irak im Juni 2014