Der Aufstand des Naqşîbendî-Sheichs Ubeydullah Nehrî aus Hekarî wird häufig als Beispiel für die erste nationalistisch gesinnte kurdische Erhebung der Neuzeit genannt.
Für dieses Argument spricht ein von Scheich Ubeydullah verfasster Brief: Das wohl am häufigsten zitierte Schreiben von Sheich Ubeydullah Nehrî, welches auch deskriptiv für seine Bewegung im Jahre 1880 gilt, wurde am 05. Oktober 1880 von U. Nehrî  an den amerikanischen Missionsarzt Joseph Cochran geschrieben. Laut M. Firat Kiliç (s. Anhang) soll der Brief jedoch nicht an Cochran, sondern an William Abbot, den britische Generalkonsul in Täbriz adressiert worden sein. 


Bild: Missionar Joseph Cochran (sitzend links) und Scheich Ubeydullah Nehri (sitzend rechts), aus 'Altemur Kilic: "Büyük Kürdistan, Kücük Türkiye" S. 306'


Scheich Ubeidullah Nehri, der einflussreiche kurdische Scheich, wurde 1831 in Şemzînan (im Dorf Nehri) geboren und starb 1883 in Mekka (Saudi-Arabien). Er entstammte einer einflussreichen Familie von geistlichen Führern, die ihre Herkunft auf Abd al-Qadir al-Dschilani, den Gründer des Qadiriyyaordens aus dem 11. Jh., zurückführten. Scheich Ubeydallahs Vater war Scheich Sayyid Taha, der als führender Scheich seinen Onkel Scheich Abdullah beerbte. Scheich Sayyid Taha hatte als Scheich großen Einfluss auf die Kurden im Grenzgebiet des Osmanischen Reiches und des Irans. Ihm folgte nach seinen Tod sein Bruder Salih nach. Ubeydallah selbst folgte dann seinem Onkel Salih nach. 

Der amerikanische Missionar Joseph Cochran charakterisierte Ubeydallah als einen charismatischen, tiefgläubigen und aufrechten Menschen. S. G. Wilson beschrieb ihn als den wichtigsten religiösen Führer unter den sunnitischen Kurden. Er hatte eine fundierte theologische Ausbildung und war ein Kenner arabischer und iranischer Literatur.

Mit dem Niedergang der Wirtschaft und der Kriege in Kurdistan wurde auch die Steuerlast für die Bevölkerung größer, ebenso nahm die Gesetzlosigkeit zu. Der Scheich machte die Osmanen und Perser für die prekäre Lage in Kurdistan verantwortlich. Die Regierungen schafften es nicht den Banden Einhalt zu gebieten. In einem Briefwechsel mit dem persischen Gouverneur Ikbal ud-Daula von Urmia schrieb der Scheich:

„Im Lichte dieser Staatsbeziehungen haben die Kurden unter persischer und türkischer Herrschaft beschlossen sich zusammenzuschließen und ein Volk zu werden. Sie werden versuchen die Ordnung selbst herzustellen....“

In dem Brief an Dr. Cochran beklagte er genau diese Zustände:


Der Brief

„Die kurdische Nation, die aus mehr als 500.000 Familien besteht, ist ein selbstständiges Volk. Ihre Religion, ihre Bräuche und Gesetze unterscheiden sich von den anderen Völkern, von denen sie als boshaft und minderwertig angesehen werden. Derart wird Kurdistan falsch dargestellt. 

Wenn einer unter ihnen etwas Teuflisches tut, bekommen Tausende friedliche und ordentliche Kurden einen schlechten Ruf.

Ich sage Ihnen, dass dies alles durch die türkische und persische Regierungen verursacht wird; weil Kurdistan zwischen diesen beiden Ländern liegt und diese beide Regierungen nicht gut von böse unterscheiden können.

Daher, während die schlechten Menschen sich retten können, werden die ordentlichen Kurden durch falsche Anschuldigungen ruiniert. 

So haben Sie sicherlich schon von dem Stamm des Ali Agha Shekak gehört, der für seine bösen und ruinierenden Taten sowohl gegen jene anderer Glaubensrichtungen, gegen Muslime und Fremde, aber auch gleichermaßen gegen Einheimische bekannt ist. Beide Regierungen haben ihn immer wieder zu Untaten angestiftet.

Wegen Vernachlässigung und der Gier nach Macht in diesem Teil Persiens werden diese Menschen niemals zivilisiert werden und verbleiben so in einem wilden Zustand. Auch der auf türkischem Gebiet angesiedelte Herki-Stamm teilt diesen schlechten Ruf. Genau wie die persische Regierung hat auch die osmanische Regierung entweder nicht die Mittel diese Menschen zu zivilisieren oder sie werden einfach vernachlässigt. 

Kurdistan hat einen schlechten Ruf und ist in Ungnade gefallen und es wird zwischen guten und bösen Menschen kein Unterschied gemacht. Die Clanoberhäupter und Lineages von Kurdistan, egal ob auf persischem oder türkischem Gebiet, und deren Bevölkerung sind alle einig darin, dass dieses Problem nicht von diesen beiden Ländern gelöst werden kann. Etwas muss getan werden, und damit die europäischen Länder diese Angelegenheit verstehen, sollte man Erkundigungen über unsere Nation einziehen. 

Wir sind eine geteilte Nation. 

Wir wollen unsere (inneren) Angelegenheiten selbst regeln, unsere Sünder selbst bestrafen, wir wollen souverän und unabhängig werden, denn wir wollen, dass uns die gleichen Rechte zustehen, wie sie alle anderen Nationen auch besitzen.

Was unsere Sünder betrifft, bin ich bereit zu versprechen, dass kein anderes Volk durch sie belästigt werden wird.

Genau mit diesem Ziel und aus diesem Grund ist mein Sohn auf dem Weg nach Souj Boulak (Mahabad), nämlich um die Situation in Kurdistan zu untersuchen; daher darf ihm nichts widerfahren. Andererseits wird sich ganz Kurdistan erheben, denn das Volk kann nicht für alle Zeiten gegenüber der Unterdrückung und Erniedrigung durch beide Nationen schweigen.“


Im Jahre 1879 erhob sich Scheich Ubeydallah gegen die Osmanen. Auslöser war eine Strafexpedition des osmanischen Kaymakams (Landrat) von Gever (heute Yüksekova) gegen den Stamm der Herki. Nach diesem Zwischenfall rief Scheich Ubeydallah die Kurdenführer der Region zu einem Aufstand auf und erklärte, dass er die osmanische Regierung nicht mehr anerkenne.

Mehr über den Aufstand von Ubeydullah Nehrî:

Kurdmania: Die Revolte von 1880: Scheich Obeidullah Nehri


Notiz:

Joseph, John: The Nestorians and their Neighbours, A Study of Western Influence on their Relations, Princeton, 1961, s. 109 f. 

Kilic, Firat: Sheikh Ubeydullah’s role in 1877-1878 Ottoman-Russian War, abgerufen am 18.04.2012

Jwaideh, Wadie: Correspondence respecting the kurdisch invasion of Persia, Turkey No. 5 (1881), S. 49

Baran Ruciyar: www.kurdica.com