Sie war gerade mal 16 Jahre alt. Ihr Name lautete Medine, was soviel wie "Stadt" bedeutet und sich von dem Wort "medeniyet" ableitet, auf deutsch: "Zivilisation". "Zivilisation" wurde – mutmaßlich – von ihrem Vater und Großvater ermordet, während der Staat damit beschäftigt war, eine frühere Beschwerde des Mädchens über den prügelnden Großvater zu untersuchen. Sie unterhielt sich mit Männern – was als Beschmutzung der Familienehre betrachtet wird.
Medine lebte in dem Städtchen Kahta in der Provinz Adiyaman. Den Berichten kann nicht entnommen werden, ob sie die Schule besuchen durfte oder nicht. Der zweite Fall dürfte jedoch wahrscheinlicher sein.
Ihre Leiche wurde in einer mit einem Betonpfropf verschlossenen Grube im Geflügelstall im Garten jenes Hauses gefunden, wo sie mit ihren Eltern und acht Geschwistern lebte. Medine wurde erdrosselt und dann dort verscharrt.
Nach den Erzählungen schickten der Vater und Großvater eines Abends die gesamte Familie weg und behielten einzig Medine unter dem Vorwand im Hause, dass sie die männlichen Verwandten versorgen müsse. Als die Familie am folgenden Tag zurückkehrte, wurde erzählt, Medine sei von zu Hause ausgerissen. Kein Familienmitglied ging zur Polizei um den "Verlust von Zivilisation" anzuzeigen.
Angeblich hatten ihr Vater und Grußvater sie [bereits zuvor] geschlagen, weil sie am Telefon mit Männern gesprochen habe. Manche erzählen sich, sie habe schon einmal Anzeige gegen ihre männlichen Verwandten erstattet. Andere wiederum meinen, dass sie schon dreimal zur Polizei gegangen sei. In jedem Fall gibt es aber gute Gründe davon auszugehen, dass sich Medine mindestens schon einmal an die Polizeiwache gewendet hat, welche letzten Endes den Staat repräsentiert und als Instanz zum Schutze aller Bürger fungieren sollte. Zumindest ist dies in zivilisierten Staaten der Fall.
Der Mord an Zivilisation darf nicht nur als Verbrechen ihrer Familie gewertet werden. Dies ist ein Verbrechen des Staates selbst, welcher keinerlei Strategie und keine effektiven Mittel besitzt, um das Problem der Gewalt gegenüber Frauen auch nur anzugehen.
Ja, es ist wahr. Das türkische Parlament hat ein wunderbares Gesetzespaket für den Schutz von Opfern häuslicher Gewalt verabschiedet. Aber wie viele andere gesetzliche Änderungen, die zum Zwecke der Angleichung an die EU- Richtlinien durchgeführt wurden, erfuhren auch diese Gesetze keine vollständige Anwendung und Durchsetzung.
Selbstverständlich behaupten diese Politiker und Bürokraten, dass die gesetzlichen Änderungen ausschließlich im Interesse aller Bürger und für die Verbesserung ihrer Lebensqualität vorgenommen worden seien. Für deren Umsetzung sei aber nun mal viel Zeit vonnöten. Und sie erklären sie darüberhinaus, dass sie allein ja auch nichts weiter unternehmen könnten… die Türkei brauche halt Zeit für einen Mentalitätswandel und bla… bla… bla…
Was sie jedoch vernachlässigen hinzuzufügen, ist, dass sie nicht sonderlich viel für den geistigen Wandel tun, der für die Umsetzung der Gesetze einschließlich der Rechtsvorschriften zur Verhinderung von Gewalt an Frauen derart grundlegend ist.
Die jüngste Überlegung des Staates war es abzuwägen, ob für die Gewaltopfer ein Formular für eine eventuelle Erklärung über ein Zurückziehen der Anzeige angefertigt werden sollte, wovon dann Frauen Gebrauch machen könnten, die ihre Aussagen zurücknehmen möchten. Dies sei natürlich nur für jene Betroffenen angedacht, die eine freiwillige Aussagerevision vornehmen wollten.
Welch brillante Idee, diesen ganzen Prozess zu untergraben und die gesamte Verantwortung auf die Schultern der Opfer von Gewalttätigkeiten abzuladen! Dann kann der Staat wieder einmal rhetorisch fragen, was er denn sonst noch mehr tun könne…
Unter den Außendienst leistenden Polizisten befindet sich keine
einzige weibliche Sicherheitskraft. Leute, die sich mit den Folgen häuslicher
Gewaltdelikte befassen, wissen serh wohl, dass viele Frauen nicht mal in der
Lage sind, die erste Hürde in einer Polizeistation zu überwinden und dort
tatsächlich eintreten.
Wenn Sie das Problemfeld häusliche Gewalt und die Diskussionen dazu betrachten, werden sie wahrscheinlich denken, dass sehr wohl viel unternommen wird um die Situation zu bessern. Aber wissen Sie was? Dem ist nicht so.
Ein ernst zu nehmender Staat würde zuerst einmal ein umfassendes Programm zur Bekämpfung häuslicher Gewalt entwickelt haben. Zufluchts- und Beratungszentren würden errichtet zur Unterstüzung der Opfer von häuslicher Gewalttätigkeit und rund um die Uhr geöffnet sein. Jeder einzelne Polizist, Staatsanwalt und Richter würde nicht nur für die Anwendung der Gesetze ausgebildet, sondern auch darin, wie wie sie eine Frau ansprechen müssen, die als Opfer bereits eingschüchtert ist. Vor allem das medizinische Personal der Notaufnahmestationen würde geschult, ins Krankenhaus kommenden Frauen nicht leichtgläubig abzunehmen, sie seien die Treppe heruntergestürzt.
Es würden Massenkampagnen gestartet zur Information der Frauen, wie sie sich im Falle häuslicher Gewalt verhalten sollten. Kommunen mit über 50.000 Einwohnern, welche die gesethlich geforderten Schutzräume nicht einrichten, müssen bestraft werden. Allein: Schutzhäuser zu errichten genügt aber noch nicht. Den Frauen muss beigebracht werden, auf eigenen Beinen zu stehen.
Die Türkei debattiert momentan über viele Dinge, die allesamt sehr wichtig sind: die Demokratisierungsinitiative, Pressefreiheit, Putschversuche, organisiertes Verbrechen und die Entsendung von Truppen nach Afghanistan. Sie alle hängen mit der Zivilisation zusammen… doch das Problem ist: – [die] Zivilisation wurde ermordet.
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Dieser Kommentar von Ayşe Karabat erschien unter dem Originaltitel "The Murder of Civilization" am 6. Dezember 2009 in "Sunday's Zaman". Für Kurdmania aus dem Englischen übersetzt von Helime Y. und Mario S.
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