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Autor Thema: PKK: Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes v. Dr. Nikolaus Brauns u. Brigitte Kiechle  (Gelesen 3606 mal)
Amos | Beiträge: 4300
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« Antworten #11 am: 07. Jun 2010, 16:17 »

Geteilte Freude ist aber bekanntlich doppelte Freude!  Lächelnd
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Peskevin | Beiträge: 359
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« Antworten #12 am: 07. Jun 2010, 21:36 »

Zitat
Der Repression zum Trotz

Die PKK: Vom Überleben der kurdischen Guerilla zwischen Angriff und Selbstverteidigung. Nikolaus Brauns und Brigitte Kiechle legen mehr als ein Organisationsporträt vor

Von Gerd Schumann



Ausbildung bei der PKK-Frauenguerilla in den südkurdischen Kandilbergen
Foto: AP


Auf Seite 99 kommt den Autoren ihr Objekt abhanden. Die Partiya Karkaren Kurdistan (Arbeiterpartei Kurdistan/PKK) verschwindet von der politischen Bühne. Sie habe »ihre historische Mission vollendet«, so der Beschluß des Parteikongresses. Ab dem 4. April 2002 seien »alle Tätigkeiten unter dem Namen PKK einzustellen«. Das geschah dann auch zeitweilig. Aus Gegnersicht indes blieb die Organisation das, was sie vorher gewesen war: »terroristisch«. Der Westen hielt an ihrer Ächtung fest, NATO-Mitglied Türkei setzte seinen seit Jahrzehnten praktizierten Vernichtungskurs fort. Vergeblich. Die PKK existiert immer noch, und die verbotenen drei Buchstaben werden zwar hinter vorgehaltener Hand, aber ebenso ehrfürchtig wie vor 20 Jahren gezischelt.

500 breitformatige Seiten widmen Nikolaus Brauns, Historiker und jW-Autor, und Brigitte Kiechle, Rechtsanwältin und Irak-Spezialistin, der Partei. In der Tat wäre das komplexe Thema auf weniger Raum nur schwer faßbar gewesen: Äußerst widersprüchlich stellen sich Geschichte, Gegenwart und Perspektive dieser zumindest in Nordkurdistan – den kurdischen Gebieten in der Türkei – wohl einflußreichsten politischen Kraft dar. Brauns und Kiechle betrachten deren Entwicklung dorthin, leuchten auch die politischen Rahmenbedingungen gründlich aus. Sie machen so sagenhafte Erfolge, aber auch Niederlagen und Flügelkämpfe, Metamorphosen und Umorientierungen nachvollziehbar, die die PKK im Laufe ihres über 30jährigen Bestehens erlebte.

Gegründet im November 1978 überstand die Organisation die »Periode des Großen Terrors« nach dem Militärputsch 1980 ebenso wie den schmutzigen Krieg in den 1990er Jahren, als die türkische »Konterguerilla« Tausende Aktivisten verschwinden und die Armee in ungezählten kurdischen Dörfern keinen Stein auf dem anderen ließ. Es folgten: Die Verschleppung von Parteichef Abdullah Öcalan 1999 durch den türkischen Geheimdienst und der Abzug der Befreiungskräfte nach Südkurdistan (Nordirak). Es folgten außerdem immer wieder einseitig erklärte Waffenstillstände mit jeweils weitreichenden Friedensangeboten. Diese scheiterten sämtlich, und der Eindruck, daß Ankara nichts außer einer vollständigen Kapitulation akzeptiert, zog sich durch die Jahre – bis in die Gegenwart. Dabei hatte die Guerilla, getragen von den Sympathien der Bevölkerung, den türkischen Streitkräften zeitweise »ein strategisches Gleichgewicht« (Brauns/Kiechle) abgerungen.

Nach 1980 formierten sich im libanesischen Exil jene Kräfte, denen die Flucht aus dem Folterstaat Türkei gelungen war. Etwa 300 Kader schulten sich dort unter Öcalans Führung auch militärisch, erste Propagandaeinheiten kehrten »zur Quelle« nach Nordkurdistan zurück. Angesichts des staatlichen Terrors blieb – außer der Aufgabe – keine Alternative, als »mit der Waffe in der Hand zu kämpfen, um welchen Preis auch immer«, analysierte die PKK und stand damit unter den verbliebenen linken Organisationen allein da. Mit mutigen Angriffen auf Einheiten und Einrichtungen der türkischen Kolonialisten wurden Zeichen gesetzt. Die opferreiche, führende Rolle im Gefängniswiderstand trug ein übriges zum Ansehen der Arbeiterpartei, die sich eher als Bewegung der Unterdrückten verstand, bei. Anderthalb Jahrzehnte später wurde die PKK-Guerilla auf eine Stärke von einigen zehntausend Männern und Frauen geschätzt. Derzeit ist von zwischen 3000 und 8000 Bewaffneten die Rede.

Programmatiken der Anfangszeit – von der Schaffung eines vereinten unabhängigen Kurdistan bis zum sozialistischen Charakter eines solchen Gebildes – veränderten und verformten sich. Neue Konzepte wurden präsentiert und wieder verworfen. Hammer und Sichel wichen der Fackel. Vieles blieb im Fluß, und manchmal schienen weder Weg noch Ziel eindeutig. Brauns/Kiechle nähern sich diesem Phänomen durch gründliches Zitieren: Sie nennen Positionen und Entscheidungen der PKK im O-Ton, ordnen sie ein und – wo besonders dringend nötig – helfen bei der Interpretation. So werden die Autoren dem eigenen Anspruch gerecht, »eine solidarische Auseinandersetzung mit der PKK zu führen«. Diese solle jenseits des Totschlagarguments »Terrorismus« oder der kritiklosen Unterstützung der Partei geschehen.

Konsequent sachlich behandeln Brauns/Kiechle alle heiklen Themen. Erklärungsansätze für den ausgeprägten Personenkult um Abdullah Öcalan beispielsweise werden nicht diffamiert, sondern dargestellt und hinterfragt. Das gilt auch für Öcalans eigenartige, selbst hinter Gittern ausgeübte Rolle als »Serok Apo« (Führer Apo) und Ideenvorgeber. Waren dessen »Beschlüsse« 1999 nach seiner Isolierung auf der Gefängnisinsel Imrali von der Parteiführung zunächst als »nicht mehr bindend« angesehen worden, nahmen sie schon wenig später wieder den alten Rang ein. Entscheidende Strategiewechsel wurden aus der Zelle heraus vorgegeben, darunter die Einstellung des bewaffneten Kampfes im Januar 2000.

2003, als die USA und deren »Koalition der Willigen« den Irak überfielen, schien die Exguerilla »auf die Kriegslügen der Neokonservativen reingefallen« (Brauns/Kiechle) zu sein. Washington sei zu einer »Überwindung« des kapitalistischen Systems entschlossen, hatte die Führung einen Monat nach Kriegsbeginn »eingeschätzt«. Auch deren Haltung zur EU als eventuell »zivilisatorischer« Kraft sowie die dubiosen Kontakte des PKK-Ablegers im Iran muten seltsam an. Doch war und bleibt das große Verdienst der Organisation, die kurdische Frage – insbesondere in Folge des 15. August 1984, als der bewaffnete Kampf eröffnet wurde – erstmals nach Jahrzehnten der Depression und Repression wieder auf die politische Agenda in der Region gebracht zu haben. Gleiches gilt für die Frauenfrage, die von den Autoren als Kernpunkt jeglicher Politik der Befreiung in einem gesonderten Kapitel behandelt wird. Lesenswerte Beigabe zudem die – jeweils zuerst in der jungen Welt gedruckten – Reportagen von Brauns aus Kurdistan.

Nikolaus Brauns/Brigitte Kiechle: PKK, Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes - Zwischen Selbstbestimmung, EU und Islam. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2010, 510 Seiten, 26,80 Euro

Buchvorstellung mit den Autoren, jW-Ladengalerie, Dienstag, 8. Juni 2010, 19 Uhr


Quelle: http://www.jungewelt.de/2010/06-07/001.php
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« Antworten #13 am: 05. Nov 2010, 22:28 »

Zitat
***Veröffentlichung sowie Weiterleitung gerne erwünscht!***


http://www.neues-deutschland.de/artikel/183357.marx-statt-mohammed.html
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Von Peter Nowak 04.11.2010 / Literatur
Marx statt Mohammed
Eine Anatomie des kurdischen Freiheitskampfes

 

PKK – diese drei Buchstaben stehen für die kurdische Arbeiterpartei, die in Deutschland noch immer mit Gewalt und Fanatismus in Verbindung gebracht wird. Die Partei und alle ihre ihr nahestehenden Organisationen sind in Deutschland verboten. Und immer wieder werden deren Aktivisten zu hohen Haftstrafen verurteilt.
 
Wer sich über die Hintergründe der kurdischen Nationalbewegung informieren will, kann jetzt auf ein umfangreiches wie informatives Buch zurückgreifen, das von zwei Autoren verfasst wurde, die sich seit Jahren mit der kurdischen Frage und dem kurdischen Freiheitskampf befassen: von der Karlsruher Rechtsanwältin Brigitte Kiechle und dem Berliner Historiker Nikolaus Brauns.
 
Brauns geht ausführlich auf die Vorgeschichte und Gründung der PKK ein, die ihre Wurzeln in der radikalen Linken der 60er und 70er Jahre hat. Von Anfang an war Abdullah Öcalan die zentrale Figur der Bewegung. 1972 war er beim Verteilen linker Flugblätter verhaftet und musste sieben Monate in einem Militärgefängnis verbringen, wo er seine endgültige politische Prägung erfuhr. Nach der Haft verkündete der junge Öcalan: »Mohammed hat verloren, Marx hat gewonnen.«
 
Brauns berichtet, wie sich die PKK nach dem Militärputsch von 1980 politisch festigen konnte, während die Linke weitgehend zerschlagen wurde. Vor allem junge Aktivisten mit proletarischem Hintergrund stießen damals zur PKK. Darin sieht der Historiker auch eine Begründung für die Militanz, mit der diese auf vermeintlichen Verrat reagierte. Dutzende junger Männer und Frauen, die sich der PKK anschließen wollten, wurden willkürlich als vermeintliche Spione getötet. Darunter waren auch ein Dutzend Studierende aus Eskisehir, die nach ihrer Ankunft im Guerillacamp exekutiert wurden, nur weil eine junge Frau unter ihnen als Tochter eines Polizisten ausgemacht wurde. Mittlerweile ist ein großer Teil der Mitbegründer der PKK ermordet, einige von den eigenen Genossen. Es spricht für das Buch, dass dieses dunkle Kapitel in der PKK-Geschichte nicht verschwiegen, zugleich jedoch die kurdische Bewegung nicht auf diese oder andere Verbrechen reduziert wird.
 
Brauns verweist darauf, wie der Kampf der PKK auch die unterdrückte kurdische Bevölkerung in Syrien und Iran mobilisierte. Aktivisten der iranischen Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK) sind vom Mullah-Regime in Teheran besonders bedroht. Mehrere der in den letzten Monaten hingerichteten Oppositionellen sollen dieser Strömung nahegestanden haben. Während das iranische Regime die PJAK als von den USA gesteuert diffamiert, bekämpft die Administration in Washington diese wiederum wegen mangelnder Distanz zur PKK.
 
Ausführlich setzen sich Brauns und Kiechle mit der islamischen AKP-Regierung auseinander. Sie diskutieren, wie sich ein EU-Beitritt der Türkei auf die Lage der Kurden auswirken würde. Sie zeigen sich im Gegensatz zu anderen Autoren diesbezüglich skeptisch. Im letzten Kapitel bilanzieren Brauns und Kiechle, dass die kurdische Bewegung die Inhaftierung Öcalans und nachfolgende innerparteiliche Machtkämpfe, Umbenennungen und Neugründungen relativ gut überstanden habe. Eine Emanzipation der Kurden hält das Autorenduo jedoch nur im Rahmen einer internationalen antikapitalistischen Bewegung für möglich. Brauns und Kiechle verweisen darauf, dass zahlreiche kurdische Organisationen innerhalb der türkischen Linken eine wichtige Rolle spielen. Das aktuelle Wiederaufleben der Kämpfe in Kurdistan ist auch eine Folge der Enttäuschungen über die gegenwärtige Politik in Ankara.
 
In einem speziellen Kapitel geht Brigitte Kiechle auf die Rolle der Frauen in der kurdischen Bewegung ein. Ihr Fazit: »Im Vergleich zu anderen Parteien und politischen Strömungen in der Türkei, in Kurdistan und in dem gesamten Nahen und Mittleren Osten fällt die PKK durch eine hohe Beteiligung von Frauen im politischen und militärischen Bereich und eine intensive Diskussion über die Geschlechterverhältnisse und die Befreiung der Frau auf.« Dies ist nur ein Aspekt, der in der hierzulande üblichen einseitigen Beurteilung des kurdischen Freiheitskampfes ignoriert wird oder schlichtweg nicht bekannt ist.
 
Nikolaus Brauns/Brigitte Kiechle: PKK – Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes. Zwischen Selbstbestimmung, EU und Islam. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2010. 510 S., geb., 26,80 €.
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