|
Amos
|
« Antworten #22 am: 21. Nov 2008, 01:38 » |
|
Volk-ohne-Staat:
Ich stimme auch zu, dass Jammern eine der unproduktivsten Aktivitäten ist. Und auch als ich noch zwischen Hermannplatz und Kotti wohnte, habe ich mich seit ca. 1985 den "Hoch-die - nieder-mit" Demos konsequent verweigert, da ich den Eindruck gewann, dass es dabei häufig um eine Art politische Selbstbefriedigung der Organisatoren geht, ihnen aber mehr oder weniger egal ist, ob damit eine Information der Öffentlichkeit verbunden ist. Selbst, als ich noch einmal "Flagge zeigen" wollte, bei der Demo in Berlin im Spätsommer 2007 zum Gedenken an die Opfer des Massakers im Shingal, hatte ich hinterher kein gutes Gefühl, dass da was bewegt worden wäre. Das positive war halt ein paar alte Freunde zu treffen, aber darum der ganze Aufwand?
Das mag manchen UserInnen hier ketzerisch erscheinen, aber ich kann dem wirklich nichts abgewinnen, dass als Alternative zum Jammern die "Heldentaten" bei Rangeleien mit der Polizei bejubelt werden und die dabei empfangenen Blessuren und Gerichtsverfahren stolz präsentiert werden. Ich habe Verständnis, wenn die kids in Amed oder Colemerg und Wan in ohnmächtiger Wut nicht nur auf die Straße gehen sondern auch handliche Argumente schmeißen, würde dafür aber auch keine Heldenlieder dichten wollen. Dinge, die sich folgerichtig entwickeln, sollte niemand besingen, Märtyrertum sollte von niemandem gesucht, schon gar nicht dazu aufgerufen werden.
Aber, wenn Menschen in Not ziemlich spontan und auch gewalttätig reagieren in diesen Gegenden, dann darf nur kritisieren, wer auch aktiv beteiligt ist an einer politischen und gewaltfreien Lösung, und zwar auf beiden Seiten der bestehenden Barrikaden. Spontane Gewaltaktionen werden fast immer einseitig provoziert, und dann muss ich gegen die Provokateure argumentieren, nicht gegen ihre Opfer. Aber, wer jeweils Opfer ist und wer Täter, wird gewöhnlich unterschiedlich gesehen, je nachdem, in welcher Partei mensch eingebunden ist. Und wenn dann, wie mir in meiner Berliner Zeit häufig vorgekommen ist, beide Seiten von mir Solidarität mit ihnen gegen die anderen verlangen, dann muss ich mich halt entscheiden, und dafür möchte ich von niemandem bevormundet werden. Darüber sind einige Freundschaften zerbrochen, aber auch neue entstanden.
Aber, wie schon angedeutet: Ich teile deine Einschätzung, dass besagte Demos lausig schlecht organisiert waren, wie so viele andere auch. Trotzdem sind die Urteile nicht angemessen, besonders, weil die individuelle "Schuld" hier wohl auch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Nur: was will mensch dagegen machen? Wieder so eine perspektivlose Demo ankündigen? Auf allen verfügbaren Webseiten Jammerarien anstimmen? Mir scheint, es ist wohl am ehesten angemessen, die Prozesse zu begleiten, Öffentlichkeit für die eigentliche Problematik herzustellen, über die Lage in Nordkursistan jammerfrei aufzuklären und die juristischen Missverhältnisse in geeigneter Form anzuprangern.
|