06.01.2009 — SW / ZNet Harold Pinter war ein Stückeschreiber und politischer Aktivist, der kein Blatt vor den Mund nahm. Er starb am 24. Dezember in London. Pinter war 78 Jahre alt, als er den Kampf gegen den Speiseröhrenkrebs verlor.
Pinter hat mehrere Dramen verfasst, die zu Klassikern wurden, wie 'The Birthday Party'* (1957), 'The Caretaker'* (1959), 'The Homecoming'* (1964), 'Betrayal'* (1978) und 'Celebration'* (1999). Er engagierte sich in Film und Theater und setzte als Dramaturg zahllose Stücke um. Er schrieb Drehbücher für mehrere Kinofilme, zum Beispiel für 'The French Lieutenant's Woman' (1980)**.
Mit seinen ersten Stücken veränderte Pinter das moderne Theater. Er hat erforscht, wie sich mit Hilfe der Sprache - und (am berühmtesten) mit Hilfe der Stille - Beziehungen der Macht und der Ausbeutung bloßstellen oder verhehlen lassen.
Auch in seinen politischen Essays ging er diesen Fragen nach. 1990 schrieb Pinter:
Bleibt die Realität im Grunde außerhalb der Sprache - getrennt, verhärmt, fremd, unempfänglich für Beschreibung? Ist ein akkurater, vitaler Austausch zwischen dem, was ist und unserer Auffassung davon unmöglich? Oder stehen wir unter dem Zwang, Sprache nur zu gebrauchen, um die Realität zu verdunkeln und zu verzerren - zu verzerren, was vor sich geht -, weil wir uns davor fürchten?
Wir werden ermutigt, Feiglinge zu sein. Wir können uns den Toten nicht stellen. Aber wir müssen uns mit den Toten konfrontieren, weil sie in unserem Namen sterben. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit auf das lenken, was in unserem Namen geschieht.
In seinem Einakter 'Mountain Language'*** (1988) beschreibt Pinter ein Gefängnis, in dem es den Gefangenen verboten ist, ihre eigene Sprache zu gebrauchen. Sie müssen die Sprache des Staates sprechen. Als es einer Mutter endlich gelingt, ihren Sohn zu besuchen, zeigt Pinter, wie die beiden - trotz der Einschränkung durch die Gefängniswärter - Wege der Kommunikation erfinden.
Als Dramatiker schaffte es Pinter immer wieder, Wege zu finden, Publikumserwartungen und die Normen des Theaters zu enttäuschen. Der Historiker Howard Zinn sagte in einem Interview kurz nach Pinters Tod: "Harold Pinters Stücke waren außergewöhnlich, quichotisch, provokativ, entrüstend - (sie waren) nicht in direkter Weise politisch, aber sie schoben das Publikum über die Grenzen des konventionellen Theaters. In diesem Sinne sind seine Dramen mit seinen politischen Ansichten vergleichbar, die seine Bewunderer häufig entrüsteten, ja schockierten, während sie über seine herausfordernden Ideen bezüglich des konventionellen Denkens über Krieg, über Ungerechtigkeit und über den Kapitalismus nachdachten".
Harold Pinter wurde in Hackney, einem Stadtteil von East London, geboren. Mit 18 verweigerte er den Militärdienst im British National Service. Er erklärte sich zum Gewissensverweigerer - was eine Reihe von juristischen Auseinandersetzungen und Geldstrafen nach sich zog.
Nach der Ermordung des sozialistischen Präsidenten von Chile, Salvador Allende,1973, begann Pinter, sich ausdrücklich öffentlich zu politischen Themen zu äußern. Er engagierte sich in Kampagnen gegen den Krieg, gegen Folter und die Unterdrückung von Bürgerrechten. Viele Menschenrechtskampagnen konnten sich auf seinen Namen berufen.
2005 erhielt Pinter den Literaturnobelpreis. Er nutzte die Gelegenheit für eine beeindruckende Rede, in der er den Einmarsch der USA in den Irak und die Besatzung des Irak verurteilte. Er sprach von "einem Akt des blanken Staatsterrorismus" und stellte die Invasion in den Kontext der langen Geschichte des amerikanischen Imperialismus.
Er saß im Rollstuhl, als er seine Rede hielt, die im Fernsehen übertragen wurde. Er konnte aufgrund seiner Krankheit nicht persönlich an der Zeremonie (in Stockholm) teilnehmen. Damals sagte er:
Nach dem, was wir an Belegen erlangen können (zu urteilen), sind die meisten Politiker nicht an der Wahrheit interessiert sondern an der Macht und am Machterhalt. Um diese Macht aufrechtzuerhalten, ist es notwendig, die Menschen dumm zu halten, sie ignorant gegenüber der Wahrheit zu halten, selbst, wo es um Wahrheiten über ihr eigenes Lebens geht.
Ich bin überzeugt, dass - trotz der enormen Hindernisse, die existieren -, eine feste, nicht wankelmütige, wilde intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit über unser Leben und unsere Gesellschaften zu definieren, eine entscheidende Verpflichtung für uns alle ist.
Seine Rede führte sowohl in liberalen als auch konservativen Kreisen zu Zorn:
Die New York Times konnte ihre Empörung kaum zügeln: "Der Dramatiker Harold Pinter machte aus seiner Rede, mit der er am Mittwoch den Nobelpreis entgegennahm, ein furioses Geheul der Empörung gegen die amerikanische Außenpolitik", schrieb die Times und fügte hinzu: "Der Literaturnobelpreis wurden in den vergangenen Jahren häufig an Autoren mit linker Ideologie verliehen".
Später sah sich die New York Times genötigt, diesen Artikel über die Nobelpreisverleihung an Pinter zu korrigieren: "Ein Artikel am Donnerstag über die Kritik des Dramatikers Harold Pinter an der amerikanischen Außenpolitik, in seiner Rede, mit der er den Literaturnobelpreis entgegennahm, beschreibt diese inkomplett. Er (Pinter) sagte, dass sowohl Präsident Bush als auch Premierminister Tony Blair - und nicht nur Premierminister Blair - wegen der Irakinvasion vor den Internationalen Strafgerichtshof gehörten".
Pinter war ein Dramatiker, der vor allem für "Stille" bekannt wurde. Dennoch wusste er immer, wie er es anstellen musste, um das letzte Wort zu haben. Sein Tod ist ein großer Verlust - sowohl für die Kunst als auch für den (politischen) Dissens. Doch seine kraftvollen, engagierten, kreativen Worte werden ihn lange überleben.
Anmerkung d. Übersetzerin * 'Die Geburtstagsfeier, Der Hausmeister... - Theaterstücke', 2005 als Sammelband-Taschenbuch bei rororo erschienen.
**Deutscher Filmtitel: 'Die Geliebte des französischen Leutnants' (1981)
***''Berg-Sprache', bei Rowohlt erschienen.
Harold Pinter war auch als ZNet-Autor aktiv. Sie finden seine Artikel im Archiv von
www.zmag.org 2003 brachte Harold Pinter das Buch 'War' heraus. Es enthält Gedichte und eine Schrift gegen den Irakkrieg. Dieses Werk ist als 'Krieg' auf Deutsch erhältlich.
'Mondlicht. Und andere Stücke', 2000 bei Rowohlt erschienen. Dieser Sammelband enthält einige der maßgeblichen neueren Stücke von Harold Pinter in deutscher Übersetzung.