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Autor Thema: Ist dein Vater Terrorist ?  (Gelesen 932 mal)
Amed 21 | Beiträge:
Amed 21
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« am: 29. Feb 2008, 23:50 »

"Ist dein Vater Terrorist?"

Von Dorte Huneke

Im kurdischen Teil der Türkei hat der Anti-Terror-Kampf die Schulen erreicht: Die Polizei verteilt Fragebögen an Schüler, um sie auszuhorchen. Ist dein Vater ein Terrorist? Geht deine Schwester in die Berge?


Es stand keine Klassenarbeit auf dem Stundenplan, als Ismail*, 15, an jenem Morgen aufstand, um zur Schule zu gehen. Trotzdem kam er mittags nach Hause und fragte sich, ob er die Testfragen wohl richtig beantwortet hatte. Ismail lebt mit seiner Familie in Diyarbakir im Südosten der Türkei und geht auf eine staatliche Schule.

Passiert war Folgendes: Mitten im Unterricht ging die Klassenzimmertür auf. Ismail und seine Schulkameraden wurden aufgefordert, in die von der Polizei bereit gestellten Busse zu steigen. Sie wurden zu einer Veranstaltung zum Thema "Jugend und Terror" chauffiert, vorbereitet und organisiert von der Anti-Terror-Einheit der Polizei in Diyarbakir.

Die Schüler sahen zerfetzte Körper, Bomben, Schreie, Schüsse

Ismail und seinen Klassenkameraden wurde zunächst ein 15-minütiger Film gezeigt - mit Bildern, die in jedem guten Kino erst ab 18 zu sehen sind: Opfer des Terrors kurdischer Separatisten, verblutende Menschen, von Bomben zerfetzte Körperteile, Schreie, Schüsse, Schmerz. Anschließend erzählen Dissidenten, warum sie aus der PKK ausgetreten sind.

Dann sollten die Jugendlichen selbst Stellung nehmen. Ismail und seine Klassenkameraden mussten einen Fragebogen mit 27 Fragen im Multiple-Choice-Verfahren beantworten. Das sah dann etwa so aus:


An welchen der folgenden Treffen hast Du teilgenommen, bei denen eine illegale Ideologie verteidigt wurde?
a) Familientreffen,
b) Arbeitstreffen,
c) Vereinstreffen,
d) Treffen im Kaffeehaus,
e) Treffen in der Moschee,
f) Treffen im Internet-Cafe,
g) Kundgebung,
h) Pressekonferenz,
i) Ausflug oder Picknick,
j) keines zutreffend.

Der Begriff "Picknick" steht im türkischen Sprachgebrauch stellvertretend für heimliche Treffen mit Terroristen. "In die Berge gehen" bedeutet, der Terrororganisation PKK beizutreten und für sie zu kämpfen.

Immerhin: Die Fragebögen wurden anonym ausgefüllt. Insofern sollten mit Hilfe der Angaben keine konkreten Personen ausfindig gemacht werden.

"Die Kinder sollen zu Agenten werden"

"Wir sind äußerst verstimmt über diesen Fragebogen", sagt Ihsan Babaoglu, Vorsitzender der linksgerichteten Lehrer-Gewerkschaft "Egitim-Sen". Die Gräben zwischen Türken und Kurden würden dadurch vertieft.

Es ist bekannt, dass junge Menschen für Ideologien besonders anfällig sind. Ebenfalls bekannt ist, dass Terrororganisationen sich gezielt an die Jugend wenden, um deren Energie und Dynamik für sich zu gewinnen. Die türkische Polizei sagt, diese Initiative sei eine Gegenreaktion darauf.

Etwa 90 Prozent der Befragten sind kurdischer Abstammung. Ein Teil von ihnen reagiere mit Wut und Trotz auf die Befragung und das unterschwellige Misstrauen, so Babaoglu. Je stärker von türkischer Seite auf sie eingeredet werde, desto stärker werde die Identifikation mit dem Kurdischen.

Die Aktion ist in den Augen Babaoglus außerdem illegal: "Ohne Zustimmung der Eltern darf man so etwas nicht mit Minderjährigen machen. Einige Schüler waren von den Bildern traumatisiert." Babaoglu wirft den Verantwortlichen vor, Familien auseinanderzureißen: "Die Kinder sollen zu Agenten werden, sie sollen entfremdet werden von Menschen, die doch ihre Verwandten sind. Wir haben uns bereits mit Beschwerden an den Gouverneur gewandt."

Im vergangenen Schuljahr karrte die Polizei 17.000 Schüler zu ihrem Anti-Terror-Programm. Für das laufende Schuljahr hat die Polizei sich vorgenommen, weitere 60.000 Schüler der ersten, zweiten und dritten Jahrgangsstufe zu befragen. Wenn sie das schaffen, haben sie fast alle kurdischen Schüler befragt.

Bist Du ein guter Staatsbürger?

Der Aufruf zum Denunziantentum erinnert manch einen an die DDR oder an Nazi-Methoden. Bestimmte Fragen erinnern auch an den jüngst in Deutschland heftig diskutierten Vorschlag eines Einwanderungstests. Die Schüler sollen beantworten, ob und wohin sie in ihrem Leben bereits gereist sind, ob sie Denkmäler des türkischen Staatsgründers Atatürk besucht haben oder vorhaben, diese zu besuchen.

Zehn der insgesamt 27 Fragen haben einen direkten Bezug zum Terror. Eine Kostprobe:


Was glaubst du, wo Terror-Gruppen ihre Propaganda streuen?
a) am Arbeitsplatz,
b) in Vereinen,
c) in Kaffeehäusern,
d) in Schulen,
e) in der Moschee,
f) auf der Straße,
g) im Internetcafe,
h) zu Hause,
i) im Dorf,
j) an mindestens einem von den genannten Orten,
k) an mehr als einem der genannten Orte,
l) an keinem der genannten Orte.

Eine weitere Frage:


Warst du von mindestens einer der folgenden Seiten mit negativer Propaganda konfrontiert?
a) nein,
b) Familie,
c) Verwandte,
d) Freunde,
e) offizielle Religionsvertreter,
f) Vereinsmitglieder,
g) Chef,
h) Lehrer,
i) Nachbar

Die Polizei fragt auch, woher die Schüler ihre Informationen beziehen: "Welche Fernsehkanäle werden bei Dir zu Hause geschaut?" Kurdische Radio- und Fernsehsendungen sind nicht mehr verboten, die Anti-Terror-Polizei hat aber starke Vorbehalte gegen sie.

Ismail will seine kurdischen Wurzeln nicht verleugnen

Als der 15-jährige Ismail vor dem Fragebogen saß, musste er eine Entscheidung treffen: Verrät er die Fernsehgewohnheiten seiner Eltern, an denen er nichts Schlechtes findet? Oder leugnet er die Pflege der eigenen Kultur und Sprache? Schadet er seiner Familie, indem er beim Namen nennt, welche Programme sie schauen? Ist er ein Feigling, wenn er es nicht tut? Am Ende hat er sich für die sichere Variante entschieden und angekreuzt, seine Familie schaue das normale landesweite türkische Fernsehen.

In der Türkei werden bis heute kurdische Regierungsvertreter vor Gericht gestellt, weil sie Informationen für die Öffentlichkeit auch auf Kurdisch veröffentlichen. Diejenigen, die es dennoch wagen, in ihrer Muttersprache zu sprechen, zu singen oder zu schreiben, werden wie Helden gefeiert.

Ismail ist mit diesem Konflikt aufgewachsen. Er will seine kurdischen Wurzeln nicht verleugnen, ein Terrorist ist er deshalb nicht. Ein Verräter will er aber auch nicht sein. Darin besteht das Dilemma vieler Kurden in der Türkei: Die wenigsten unterstützen den gewaltsamen Kampf der PKK - aber gegenüber dem türkischen Staat, von dem sie sich vernachlässigt fühlen, würden viele von ihnen ihr Volk verteidigen.

Die Polizei selbst spricht nicht gerne über ihre aktuelle Strategie, die Jugendlichen ins Visier zu nehmen. Fragt man bei der Dienststelle in Diyarbakir nach, wird nach oben delegiert, am Ende kommt gar keine Antwort. Auf ihrer offiziellen Website verkündet die Polizei, welche Fragen erwünscht sind. Ismail hat mit seinen Eltern erst einmal nicht über den Fragebogen gesprochen.

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Miro | Beiträge: 1095
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« Antworten #1 am: 01. Mär 2008, 00:12 »

Die Türkei wird nicht nur in dieser Sache dem NAZi und DDR- Deutschland gleich gesetzt. Die Methoden mit denen sie heute arbeiten haben sich vor Jahrzehnten, als nicht nützlich erwiesen! Aber Schurkenstaaten wie die Türkei haben immer noch nicht daraus gelernt!

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mir_bedirxan | Beiträge: 1
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« Antworten #2 am: 01. Mär 2008, 00:42 »

Genau das Gleiche habe ich erlebt und zwar nicht in Kurdistan sondern in Adana als ich noch im Gymnasium war,das ist  nicht neues. Darüber haben wir auch noch gelacht damals,wie dumm halten Sie uns denn. Viele wissen wie man solche Sachen beantworten muss, aber einige eben nicht...Das hat mich nicht so gewundert....
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Salman46 | Beiträge:
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« Antworten #3 am: 01. Mär 2008, 12:21 »

Also auf der Strasse würde ich diese Frage so beantworten.


Beamter fragt, :" Ist dein Vater Terrorist?" Ich :" DEIN VATER (staat)(land)!" Lächelnd


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Spielverderber | Beiträge: 23
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« Antworten #4 am: 01. Mär 2008, 13:43 »

Die Türkei wird nicht nur in dieser Sache dem NAZi und DDR- Deutschland gleich gesetzt. Die Methoden mit denen sie heute arbeiten haben sich vor Jahrzehnten, als nicht nützlich erwiesen! Aber Schurkenstaaten wie die Türkei haben immer noch nicht daraus gelernt!


Ich glaube die Türkei sieht jeden überzeugten Fall als einen Gewinn...

Genau das Gleiche habe ich erlebt und zwar nicht in Kurdistan sondern in Adana als ich noch im Gymnasium war,das ist  nicht neues. Darüber haben wir auch noch gelacht damals,wie dumm halten Sie uns denn. Viele wissen wie man solche Sachen beantworten muss, aber einige eben nicht...Das hat mich nicht so gewundert....
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« Antworten #5 am: 31. Mai 2008, 21:13 »

Zitat
Spitzelanwerbung bei kurdischen Gymnasiasten

Mit Genehmigung der Schulleitung sind in Diyarbakir Schüler verschiedener Gymnasien mit Polizeiautos zu Versammlungssälen gebracht und im Rahmen von Seminaren zum Thema PKK zur Spitzeltätigkeit aufgefordert worden. Außerdem wurde ihnen die Teilnahme an einer Umfrage aufgedrängt, bei der ihre Meinung zur PKK abgefragt wurde. Mehrere Schüler und ihre Eltern haben sich deshalb mit der Bitte um rechtliche Unterstützung bei möglichen Schritten gegen diese Maßnahmen an den Menschenrechtsverein IHD in Diyarbakir gewendet.

Quelle: ANF, 25.05.2008, ISKU
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Jaban | Beiträge: 785
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Gelê kurd carek din bindestiyê qebûl nake!



« Antworten #6 am: 23. Jul 2008, 13:15 »

Zitat
TERROR-FRAGEBOGEN

Leben unter Generalverdacht

Von Carolin Jenkner und Jochen Leffers

Kennen Sie sich mit Sprengstoff aus? Waren Sie schon mal in Afghanistan? Solche Fragen müssen Ausländer in Nordrhein-Westfalen beantworten, wenn sie eine Aufenthaltserlaubnis wollen. Dagegen klagt ein Student aus Marokko. SPIEGEL ONLINE zeigt Auszüge aus dem "Gesinnungstest".

Mourad Qortas hatte sich nicht viel dabei gedacht, als er im März zur Ausländerbehörde in Münster ging, um seine Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr zu verlängern. Seit zehn Jahren wohnt der Marokkaner in Deutschland, studiert an der Uni Münster Islamwissenschaften und lebt ein normales Studentenleben.

Münster ist seine zweite Heimatstadt geworden, eine schöne kleine Idylle, wie er sagt. Mit seiner Aufenthaltserlaubnis hatte es nie Probleme gegeben. Auch an diesem Tag in den Semesterferien nicht - bis man ihm sagte, er müsse noch einen Fragebogen ausfüllen.

"Alles lief gut, bis ich diese Fragen gelesen habe", sagt der 30-Jährige. Der Standard-Fragebogen, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, ist umfangreich: Ob der Ausländer jemals gefälschte oder ungültige Papiere verwendet und wo er Militärdienst geleistet habe, will die Ausländerbehörde wissen. Ob er Mitglied in einer terroristischen Organisation sei. Ob er Kontakt zu Personen habe, die terroristischen Organisationen nahe stünden. Ob er eine Kampf- oder Flugausbildung gemacht habe, geschult sei im Gebrauch von Sprengstoffen und Chemikalien. Ob er in bestimmte Länder gereist sei, Mitglied in dieser und jener Organisation oder schon mal abgeschoben worden sei. Und schließlich auch, ob er Kontakt zu Polizei oder Verfassungschutz aufnehmen möchte. Diese Frage ist die einzige, deren Beantwortung freiwillig ist.

Qortas fühlte sich nicht mehr wie bei der Ausländerbehörde in Münster, die er immer nett und unkompliziert fand, sondern wie in einem polizeilichen Verhör: verängstigt und verdächtig. Er füllte den Fragebogen aus, gab ihn der Sachbearbeiterin und sagte: "Wenn ich ein Terrorist wäre, glauben Sie doch nicht ernsthaft, dass ich das auch angekreuzt hätte."

Uni stellt sich vor die ausländischen Studenten

Der Student hat nichts gegen Terrorismusbekämpfung. Im Gegenteil: Er befürwortet sie. Aber einen Fragebogen, der Ausländer aus muslimischen Ländern unter Generalverdacht stellt - das hält Mourad Qortas für das falsche Mittel.

Kopieren oder mitnehmen durfte er den Fragebogen nicht, der ist geheim. Das NRW-Innenministerium hat ihn nach eigenen Angaben im Herbst letzten Jahres eingeführt. Den Fragebogen müssen Staatsangehörige aus 26 meist islamischen Ländern beantworten, wenn sie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen oder verlängern wollen. Diese Staaten sind:


Afghanistan, Ägypten, Algerien, Bahrein, Indonesien, Irak, Iran, Jemen, Jordanien, Katar, Kolumbien, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Nordkorea, Oman, Pakistan, Philippinen, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Surinam, Syrien, Tunesien, Vereinigte Arabische Emirate

Hinzu kommen auch Staatenlose, Personen "mit Reisedokumenten der palästinensischen Autonomiebehörde" oder mit "ungeklärter Staatsangehörigkeit" sowie Menschen, gegen die bestimmte Verdachtsmomente vorliegen.

In der "Belehrung über die Rechtsfolgen" werden die Teilnehmer ausdrücklich darauf hingewiesen, dass falsche oder unvollständige Angaben zur Ausweisung führen können. In den Verfahrensregeln des Innenministeriums heißt es, der Fragebogen sei "in Anwesenheit mindestens einer bzw. eines Bediensteten der Ausländerbehörde auszufüllen". Falls nötig, sei ein Dolmetscher hinzu zu ziehen.

[...]

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