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Kurdistan Diskussionsforum 23. Mai 2012, 18:07 *
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Autor Thema: Önder Deniz - „Ich will, dass mein Volk endlich lachen kann!“  (Gelesen 25329 mal)
Rewsen | Beiträge: 3132
Rewsen
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« am: 09. Feb 2008, 16:19 »





Önder Deniz - „Ich will, dass mein Volk endlich lachen kann!“


Ich habe mich heute mit Önder Deniz in Berlin getroffen. Er begann seine Karriere als Sänger bei der kurdischen Musikgruppe Koma Botan und ist seit einigen Jahren erfolgreich solo aktiv.







Önder, erzähl uns zu Anfang ein wenig von Dir. Wer ist Önder Deniz?

Ich bin am 17.06.1982 in Erzîrom/Xinis geboren. Dort habe ich die Grundschule besucht und auch beendet. Als ich ungefähr 11 Jahre alt war, musste meine Familie nach Deutschland flüchten, da mein Vater politisch aktiv war. Das heißt, mein Vater ist zuerst geflohen und hat uns ein Jahr später zu sich nach Deutschland geholt. Ich wurde eine Klasse zurückgestuft und besuchte zu Anfang eine Vorbereitungsklasse, um Deutsch zu lernen. Im Anschluss daran habe ich die Grundschule beendet. Anschließend besuchte ich das Gymnasium, welches ich nach der 13. Klasse 2003 mit dem Abitur abschloss. Während dieser Zeit entwickelte sich parallel auch mein Interesse für die Musik.


Wann genau hast Du angefangen, Dich intensiv mit Musik auseinanderzusetzen?

Richtig angefangen, mich mit Musik zu beschäftigen, habe ich, als ich nach Deutschland kam. Gesungen habe ich, seit ich mich erinnern kann. Mein Interesse hat sich aber erst mit 11 - 12 Jahren angefangen zu entwickeln. Ein wenig später habe ich Koma Botan kennengelernt.


Was für eine Gruppe war Koma Botan?

Koma Botan war eine Musikgruppe, die 1985/86 von der Generation vor uns gegründet wurde. Zu der Zeit, als ich mich der Gruppe anschloss, waren die ursprünglichen Gründungsmitglieder nicht mehr dabei. Die Mitglieder hatten sich mit der Zeit geändert und eine jüngere Generation führte die Musik von Koma Botan nun weiter fort. Wir haben dort zusammen Musik gemacht und mit dieser Musik auch erfolgreich (zweimal 1. Platz) an nationalen Wettbewerben teilgenommen. In der Zeit habe ich auch angefangen, Saz zu spielen und lernte auch schnell dazu. In dem Rahmen habe ich auch oft für andere bekannte kurdische Sänger Saz gespielt. Dadurch konnte ich viele Verbindungen knüpfen. In der Zeit hat sich auch der Wunsch in mir verfestigt, zu singen.

Jedoch löste sich Koma Botan 1997/98 auf, da jeder von uns seinen eigenen Weg ging. Ein Mitglied hat geheiratet, ein anders Mitglied musste arbeiten… Da blieb nicht mehr viel Zeit für die Gruppe. Ich hatte – im Gegensatz zu anderen Mitgliedern - die Chance, mich weiterhin intensiv mit der Musik zu befassen und zu proben, da ich noch jung/dynamisch war und die Schule besuchte.

Als Koma Botan sich dann auflöste, stand für mich fest, dass ich auf jeden Fall solo weiter machen werde, was ich dann auch getan habe. 2005 habe ich mein erstes Album „Zû were“ fertig gestellt. Die Aufnahmearbeiten hierzu habe ich anfangs in Berlin gemacht. In Istanbul wurden ebenfalls einige Aufnahmen gemacht und schließlich war ich für die Endproduktion in Düsseldorf. Beim großen Festival in Köln 2005 habe ich das Album „Zû were“ veröffentlicht. Zu diesem Album wurden 3 Videoclips gedreht: „Dayê“, „Ji te hez dikim“ und „Silav“.


Würdest Du sagen, dass sich Deine heutige Musik von der Musik damals bei Koma Botan unterscheidet?

Ja, durchaus. Man kann sagen, dass ich bei Koma Botan viel gelernt habe. Ich habe dort das erste Mal professionell gesungen und hatte die Möglichkeit, viele Instrumente spielen zu lernen. Ich würde also sagen, dass Koma Botan für mich eine Art Basis geschaffen hat. Seit ich solo auftrete, habe ich beispielsweise hinsichtlich meiner Musik mehr Gestaltungsfreiheit. Ich konnte mich weiter entwickeln und meine Wünsche oft so umsetzen, wie ich mir das vorgestellt habe. Das ist natürlich ein Vorteil.


Soweit ich weiß, hast Du auf Deinem Album auch mit verschiedenen Künstlern zusammengearbeitet.

Ja, das stimmt. Mit Kawa habe ich ein Duett gesungen. „Silav“ ist eigentlich sein Lied, d. h. dass die Musik und der Text ihm gehören und er bei mir mitgesungen hat. Die Musik und der Text von „Zû were“ zum Beispiel gehören Dîno uvm...


Könntest Du Dir vorstellen, musikalisch ein bisschen zu experimentieren und andere Stile auszuprobieren?

Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich viele kulturelle Einflüsse erlebt, vieles war neu für mich. Auch mit Koma Botan haben wir damals versucht, musikalisch zu experimentieren und bestimmte Einflüsse und beispielsweise europäische Motive mit einzubringen und in unsere Musik einfließen zu lassen. Mit der Zeit verbessert man sich auch und je mehr man offen für Neues ist und experimentieren will, desto mehr gelingen diese Versuche auch. Man lernt immer wieder neue Einflüsse kennen. Die Musik ändert sich ja ständig.


Also würdest Du schon sagen, dass Du Dich an dem, was gerade modern ist, orientierst?

Das kann man so sagen.


Im kurdischen Bereich oder eher in anderen Bereichen?

In anderen Bereichen. Ich orientiere mich stark an der aktuellen Popmusik. Aber auch Einflüsse aus Jazz spielen eine Rolle. Mittlerweile würde ich sagen, dass ich meine zukünftige Musik als „Ethnic Pop“ benannt haben möchte. Ethnische Popmusik, d. h. Popmusik mit ethnischen Einflüssen bzw. kurdische Musik mit Popeinflüssen.


Könntest Du Dir dann auch vorstellen, in anderen Sprachen als in Kurdisch zu singen?

Klar, ich könnte auch auf Englisch singen. Englisch hört die Welt. Aber auch wenn ich Englisch singen würde, würde ich kurdische Motive auf jeden Fall einbringen. Ich mag die Musik von Koma Çar Newa gern. Bei deren Musik gibt es auch viele Rock- und Jazzeinflüsse. Diese Richtung gefällt mir. Aber ich will was Dynamischeres schaffen. Momentan experimentiere ich noch, da ich meinen musikalischen Weg noch nicht ganz gefunden habe und Verschiedenes ausprobieren möchte.

Das siehst Du auch an meinem Album. Ich habe unterschiedliche Stilrichtungen auf dem Album vertreten, sei es kurdische Volksmusik, sei es Popmusik oder auch Musik mit Jazzeinflüssen.

„Zû were“ zum Beispiel ist ein typisches Poplied. Bis auf den Text ist es nicht sonderlich kurdisch. „Silav“ hingegen ist ein typisch kurdisches Volkslied, was sich in der Musik, dem Gesangsstil und im Text widerspiegelt. „Dayê“ besitzt eher türkische Einflüsse und „Newroz“ ist ein Lied, von dem ich sagen würde, dass es in 10 Jahren ethnischen Pop darstellen könnte. Das ist ein Anfang von dem, was ich anstrebe und die Richtung, in die ich gehen möchte.


Du wirst bald ein neues Lied veröffentlichen. Es heißt „Êdî bes e“, was auf Deutsch soviel bedeutet wie “Es reicht!“ bzw. „Es ist genug!“ Du hast den Text hierzu selbst geschrieben. Wie kam es zu diesem Lied?

Die Musik zu diesem Lied gab es schon. Es ist die Melodie von einem Freund von mir, der auch bei Koma Botan war. Den Text hierzu habe ich aber neu geschrieben. Zu dem Text kam es, weil ich möchte, dass jeder in Kurdistan, jeder, der die Lage bewusst macht, aufsteht und sagt „Êdî bes e!“ Wie Du weißt, ist das auch unser Slogan.


Hast Du diesbezüglich auch ein neues Album geplant und ist „Êdî bes e“ eines der darauf erscheinenden Lieder?

Nein, momentan sind meine Pläne für ein neues Album zwar vorhanden und ich würde auch sagen, dass ich 90 % der Songs zusammen hätte, allerdings bin ich noch auf der Suche nach einem guten Produzenten, der mich meine Musik machen und mir im Großen und Ganzen meine musikalische Freiheit lässt.


Das heißt also, dass Du dieses Lied gemacht hast und quasi nichts davon hast. Warum?

Das ist richtig. Finanziell ziehe ich hieraus keinen Gewinn. Wenn ein Produzent mir anbieten würde, eine CD aufzunehmen, wäre auch nicht sicher, ob sich dieses Lied auf der CD befindet. Ich habe dieses Lied veröffentlicht, weil es etwas ist, was mir wichtig ist. Es war mir wichtig, mein Volk – im Rahmen meiner Möglichkeiten - aufzurütteln und zu wecken. Das Finanzielle ist in diesem Fall nicht wichtig.


Und was genau willst Du damit sagen? Was willst Du erreichen?

Wie ich Dir schon gesagt habe; ich möchte, dass jeder diesen Slogan wirklich umsetzt. Es reicht mit der Unterdrückung! Es reicht mit der Folter! Es reicht mit der Nichtanerkennung und der Nichtakzeptanz meinem Volk gegenüber! Es reicht, dass solche Missstände in der Türkei herrschen! Es reicht, dass wir unsere Muttersprache nicht lernen können! Es ist genug, wir wollen keine Angst mehr haben! Wir wollen ohne Angst leben! Es reicht!

Der Sänger soll darüber singen, der Autor soll darüber schreiben, die Mutter soll ihre Kinder mit diesem Satz im Herzen erziehen.

Wir wollen keinen Krieg! Wir wollen endlich Frieden und keine Angst mehr haben. Hier in Deutschland ist uns der Tod fern. Wie oft denken wir über ihn nach? Vielleicht ein- bis zweimal im Jahr? In Kurdistan ist dieser Gedanke jedoch auch gerade heute allgegenwärtig.

Wir wollen Frieden und mit anderen Völkern zusammen leben. Allerdings betrifft das nicht nur das kurdische Volk! Auch im türkischen Volk gibt es einige, die genug haben. Ich hoffe, dass auch sie sich erheben und „Êdî bes e!“ sagen werden.

Es muss eine demokratische Lösung ohne einen Krieg gefunden werden. Eine ehrliche Lösung, bei der auch die Guerilla von den Bergen herunter kommen kann ohne etwas befürchten zu müssen. Eine Lösung, bei der sich beide Völker respektieren. Der Hass in den Herzen der Menschen ist zurzeit sehr groß. Eine große Mitschuld hieran haben die türkischen Medien, die Zeitungen und das Fernsehen. Wenn sie endlich Abstand davon nehmen würden, Hetzkampagnen gegen uns zu führen, weiterhin Öl in das Feuer zu schütten und anstatt dessen mit Respekt und ehrlicher Offenheit berichten würden, denke ich, dass sie auch hierbei einen großen Einfluss auf das türkische Volk haben könnten. Der Hass in den Herzen der Menschen würde vielleicht nicht sofort verschwinden aber zusehends abnehmen. Und ich hoffe, dass dann ein friedliches Zusammenleben möglich sein wird und mein Volk endlich lachen kann.


Vielen Dank für das Gespräch, Önder. Wir wünschen Dir weiterhin viel Erfolg und hoffen, bald wieder etwas von Dir zu hören!

Auch ich bedanke mich für das Interview und hoffe ebenfalls, dass Kurdmania weiterhin erfolgreich bleibt.


Rewşen für Kurdmania.com




Êdî bes e!

Çiqas em hatin kuştin
Kom bûn em bi milyonan
Çiqas wan hatin ser me
Ewqas ketin bin lingan
Me destê xwe dirêj kir
Tirsiyan ji zarokan
Êdî bes e, em naxwazin
wan kuştin û wan lêdan!



Zilm û zor, zilm û zor
Bes e, bes e, ew zilm û zor
Zilm û zor, zilm û zor,
Êdî bes e, ew zilm û zor



Kurdistan bû lîstîkê
Wan xayîn û kedxwaran
Zarokên me kuştin, day’
Bi bomban û teyaran
Canê me feda bibe
Ax û kevir ji te ra
Me ked da bi hezar salan
Bo biratiya gellan

Text: Önder Deniz
Es ist genug!

Wie oft wir auch getötet wurden,
So sind wir doch immer wieder zu Millionen zusammen gekommen.
Wie sehr sie uns auch unterdrückt haben,
Wir haben es dennoch überstanden.
Wir haben ihnen unsere Hand weit entgegengestreckt,
doch sie hatten schon vor unseren Kindern Angst.
Es ist genug, wir wollen
diese Hiebe und Schläge nicht!


Schmerz- und leidvoll, schmerz- und leidvoll,
Es reicht, es reicht, es ist schmerz- und leidvoll.
Schmerz- und leidvoll, schmerz- und leidvoll,
Es reicht, es reicht, es ist schmerz- und leidvoll.



Kurdistan ist zu einem Spielball geworden,
einem der Verräter und derjenigen, die unsere Bemühungen vernichteten.
Unsere Kindern wurden getötet, Mutter, durch Bomben und Flugzeuge.
Wir würden für den kleinsten Teil von Dir, Kurdistan,
für Heimaterde und Stein, unser Leben geben.
Tausende Jahre haben wir uns
für die Brüderlichkeit der Völker eingesetzt.

Frei übersetzt: Rewşen



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« Antworten #1 am: 09. Feb 2008, 16:32 »

Danke Rewshê, hast wieder tolle Arbeit geleistet  Smiley Würde mir wünschen, dass alle diesen Arbeit schätzen wissen und es lesen.
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Miro | Beiträge: 1094
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« Antworten #2 am: 09. Feb 2008, 16:42 »

auch von mir ein riesen dankeschön rewsen. hast dich wiedermal selbst übertroffen Zwinkernd

und auch önder wünsche ich weiterhin viel erfolg und kann mich im großen und ganzen seinen worten anschließen. er hat das zum ausdruck gebracht, was millionen von kurden denken, fühlen. ein volk das die freiheit so sehr liebt, um sein leben dafür opfern zu können, kann man nicht vernichten und auch kurden werden an ihren freiheit gelangen.
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« Antworten #3 am: 09. Feb 2008, 16:48 »

Vielen herzlichen Dank, Rewshê. Ein sehr interessantes Interview und auch danke für die Übersetzung. Ich stand wieder auf dem Schlauch, als ich bei youtube gucke und nix verstand  Zwinkernd
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« Antworten #4 am: 09. Feb 2008, 18:37 »

von mir auch: herzlichen Dank an Rewshê und weiterhin viel Erfolg für Önder....

wenn sein Terminkalender es zulässt, wäre es schön, wenn er auch mal persönlich sich bei KM registrieren würde ....


Kevok
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« Antworten #5 am: 09. Feb 2008, 21:12 »

Hast du sehr gut gemacht Rewshê, gefällt mir. Auch meinerseits viel Erfolg für Önder und ich stimme zu: Edî bes e.
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vian | Beiträge: 8
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« Antworten #6 am: 09. Feb 2008, 21:17 »

Vielen Dank Rewshê für dieses Interview.
Da ich Ödner als Person, wie auch seine Musik sehr schätze, hat es mich sehr erfreut, dies zu lesen.

Silav û Rêz.

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« Antworten #7 am: 10. Feb 2008, 10:31 »


Sipas xwesh, hevalno  Smiley

Für diejenigen, die es vielleicht noch nicht bemerkt haben:

Hier geht es zum Lied "Êdî bes e!": http://www.youtube.com/watch?v=64sry6E_BEo


(Die Lieder, die im Interview blau markiert sind, führen zu den Videoclips bei Youtube  Zwinkernd)
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« Antworten #8 am: 06. Jul 2008, 23:18 »

Hallo ich bedanke mich auch für dieses interview echt toll gemacht .weiter so

des lied Edi Bese ist echt schön und das klip davon hat mir auch sehr gefallen .
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« Antworten #9 am: 07. Jul 2008, 12:25 »


Herzlich willkommen auf Kurdmania, Dersim! Freut mich, wenn Dir das Interview gefallen hat.

MfG

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