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« am: 05. Jan 2008, 11:46 » |
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Im Norden viel Neues An der Grenze zur Türkei erlebt die Wirtschaft einen wahren Boom. Doch die militärischen Konflikte mit dem Nachbarn könnten dem Aufschwung ein Ende setzen.von Karin Leukefeld, Arbil (Hewler)Die Luft ist gelb von Staub. Arbeiter schreien gegen dröhnende Motoren an, andere hämmern auf schwere Pflastersteine ein. Schals und Tücher haben sie um das Gesicht geschlungen. Der Wind weht Staub durch das offene Fenster, schnell kurbelt der Taxifahrer die Scheiben hoch, während er mit der anderen Hand das Steuer hin und her dreht, um riesigen Schlaglöchern und Baumaschinen auszuweichen. „Tut mir leid“, nuschelt er. „Unsere Stadt ist leider eine Baustelle.“ Die Rede ist von Arbil, der Hauptstadt des kurdischen Nordirak. Aus dem vor wenigen Jahren noch beschaulichen Städtchen mit seiner weithin sichtbaren Zitadelle ist eine Millionenmetropole geworden. Je mehr man sich dem beeindruckenden alten Gemäuer und Wahrzeichen der Stadt nähert, desto mehr verschwindet es hinter einer bizarren Kulisse aus neuen Gebäuden aus Glas, Stahl und Beton. Am Fuße der Zitadelle erhebt sich eine mächtige Shopping-Mall nach amerikanischem Vorbild. Wie ein Halbmond umschließt das Gebäude mit integrierten Appartementblocks einen alten Friedhof, der von einem halben Dutzend Baukränen überragt wird. Der Nordirak erlebt ein fast wundersames Wachstum – trotz der wirtschaftlichen Probleme, die dieses Landes im Kriegszustand zeitigt. Nur die jüngsten Angriffe der türkischen Armee könnten den Aufschwung bedrohen. Außerhalb von Arbil liegt einer der drei internationalen Flughäfen in der Region Kurdistan. Zwei weitere Flughäfen verbinden die Städte Dohuk und Sulaimania mit der irakischen Hauptstadt Bagdad, mit Dubai, Amman, Beirut, Istanbul, Wien oder Frankfurt. Unweit des Flughafens von Arbil befindet sich das Messegelände, wo Ende des vergangenen Jahres zum dritten Mal eine internationale Messe stattfand. Kurdische Sicherheitskräfte kontrollieren die Taschen der Besucher, die kurz darauf eintauchen in ein Messeambiente, wie es überall auf der Welt sein könnte. 300 Aussteller aus 22 Ländern werben für ihre Produkte. Von Küchenmöbeln und Türen über Ausrüstung für Feuerwehr und Sicherheitsdienste, Verpackungsmaschinen für Milchprodukte, Elektrogeräte, Mobiltelefone, Computerzubehör bis hin zum Komplettbau einer Wohnanlage reicht das Angebot. „Das gute Leben beginnt hier“, bietet ein Baukonsortium mit Hochglanzbroschüren den Kauf von Häusern im „Vital Village“ an, dem „munteren Dorf“. Geboten werden neben den Häusern auch Sportplatz und Schwimmbad sowie 24 Stunden Überwachung durch einen privaten Sicherheitsdienst. Sicherheit wird groß geschrieben in der Autonomen Region Kurdistan, auch am Stand der kurdischen Polizei. Flotte Marschmusik tönt aus den Boxen, eine junge Polizistin in fescher Uniform wirbt um Vertrauen. Gegenüber liegt der Stand des irakischen Industrieministeriums, das ebenso ausländische Geld- und Auftraggeber sucht wie das Hohe Kommissariat zum Erhalt der Zitadelle von Arbil. Die Handelskammern von Arbil, Dohuk und Sulaimania präsentieren sich als Ansprechpartner für ausländische Investoren. 13 Jahre Sanktionen und viele Jahre Krieg hat der Irak erlebt. Hier wird alles gebraucht und es gibt Geld, alles zu kaufen. Das Zweistromland ist ein gigantischer Markt und weil der kurdische Nordirak so viel sicherer als der Rest des Landes ist, präsentiert man sich dort als nördliche „Einfahrt in den Irak“, als Sprungbrett, als „attraktive logistische Drehscheibe für internationale Firmen“. Falah Mustafa Bakir, der die Auswärtige Politik der Kurdischen Regionalregierung (KRG) leitet, ist zufrieden. „Die Messe zeigt, wie wichtig unsere Region für die Zukunft des Irak ist“, sagt er. Wenn sich die Lage im Irak erst einmal beruhigt, so Bakir, „haben ausländische Investoren durch Kurdistan freien Zugang zum irakischen Markt“. Da kommen die militärischen Drohungen der Türken natürlich zur Unzeit. Immerhin sind 500 türkische Baufirmen in der Region Kurdistan und Irak im Geschäft. Einige Messe-Aussteller mussten kurzfristig passen, weil die Türkei den Flugverkehr nach Erbil gestoppt hat. Doch Bakir hofft auf eine schnelle Beruhigung der Lage. Auch ohne militärischen Konflikt dominiert ein Thema das Wirtschaftsleben: die Sicherheit und noch einmal Sicherheit. Es gibt ein Investitionsgesetz und eine Investitionsbehörde. Die außerordentlich investitionsfreundlichen Gesetze haben Anreize und Voraussetzungen geschaffen, dass „die Leute das Gefühl haben, sicher zu sein und dass ihre Investitionen in der Region Kurdistan geschützt werden“, behauptet Bakir. Man habe die freie Marktwirtschaft eingeführt und ermuntere den privaten Sektor, in den Wiederaufbau zu investieren. Der Bausektor boomt. Aufträge erteilt die Kurdische Regionalregierung, die über einen Jahresetat von sieben Milliarden US-Dollar verfügt. 96 Prozent des Geldes werden von der Zentralregierung in Bagdad überwiesen, eine Mischung aus Öleinnahmen und Geldern des von den Vereinten Nationen verwalteten Irakischen Entwicklungsfonds. Die restlichen Prozent stammen aus Zöllen an den Grenzübergängen zum Iran und der Türkei. In den kommenden fünf Jahren will die Regionalregierung fünf Milliarden US-Dollar in die öffentliche Infrastruktur investieren. Es locken lukrative Aufträge im Telekommunikations-, Banken- und Versicherungswesen sowie im Energiesektor. Das investitionsfreundliche Klima soll ausländische Firmen anlocken. Geboten wird die Befreiung von Einkommens- und Eigentumssteuern, auch Vermögensmasse wie Grundbesitz, Ausrüstung, Autos, Möbel, Ersatzteile und Rohstoffe werden nicht besteuert. Ausländische Investoren sind nicht gezwungen, lokale Arbeitskräfte einzustellen, außer dem Öl- und Gassektor stehen ausländischen Investoren alle Wirtschaftszweige offen. Geplant ist eine Industriestadt von zwei Millionen Quadratmetern mit kompletter Infrastruktur, die ebenfalls lokale und ausländische Investoren anziehen soll. Der Preis für den schwindelerregenden Wirtschaftsaufschwung ist hoch. Die Klagen über Korruption, Arbeitslosigkeit und die enorme Verteuerung der Lebenshaltungskosten nehmen zu. „Den Menschen ist das reale Gefühl für das Leben verloren gegangen“, sagt der Augenarzt und Kurdistan-Rückkehrer Ihsan Hamawandi. Die einst hoch gebildete irakische Gesellschaft sei um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Lebensrealität – Flucht, Vertreibung und wirtschaftliche Not – stünden in krassem Gegensatz zu den hochglanzpolierten Angeboten für ausländische Investoren. „Wie in Ländern der Dritten Welt siedeln sich Landflüchtlinge in Slumgürteln um die Städte an.“ In ihren Dörfern können sie von der Landarbeit nicht mehr leben. Die städtische Infrastruktur ist restlos überfordert. Es fehlt an Straßen, Kanalisation, Stromversorgung, Schulen, Krankenhäusern und Arbeitsplätzen. „Wir sind eine hundertprozentige Konsumgesellschaft geworden“, sagt Hamawandi. Die kurdische Region sei ein Absatzmarkt für alles, was im Ausland produziert werde. Möbel kämen aus der Türkei, Obst aus dem Iran, Tomaten aus Jordanien, Marmelade aus dem Libanon und Honig aus Deutschland. „Hier ist im Moment ein Eldorado für Großkapitalisten“, stellt er fest. Das schnell verdiente Geld bleibe nicht im Inland, sondern verschwinde ins Ausland. „Glauben Sie denn, einer, der in Düsseldorf Aktien für das Sheraton Hotel hier in Arbil gekauft hat, wird hier ein Haus bauen?“, fragt der 66-Jährige. „Nein. Er nimmt das Geld mit, das ist Weltkapital, das ist Globalisierung.“ Sulaimania ist die Hauptstadt der gleichnamigen südlichsten Kurdenprovinz im Irak. Sie gilt als kulturelles Zentrum der Region. Auch in Sulaimania wird gebaut. Die wohl spektakulärste Baustelle ist ein Hotelhochhaus, das „Burj al-Kurdi“ genannt wird, was so viel heißt wie „der kurdische Turm“, für den das Luxushotel „Burj al-Arab“ in Dubai Modell gestanden haben könnte. Sulaimania ist eine grüne Stadt, nicht nur weil es die Hochburg der Patriotischen Union Kurdistans ist, deren Parteifarbe Grün ist, sondern auch wegen der Parks und einer Fülle neu gepflanzter Bäume. Im Foyer des „Sulaimaniya Palace“ sitzt Hamido Daz, der in den 1980er-Jahren als Peschmerga, als Guerillakämpfer, in den kurdischen Bergen lebte. Es folgten 25 Jahre im schwedischen und französischen Exil, bevor er in den kurdischen Nordirak zurückkehrte. Der engagierte Ökologe hat eine große Idee. „Als Peschmerga sah ich, wie bei den Luftangriffen die Wälder abgebrannt wurden“, erinnert sich Daz. „Damals habe ich mir geschworen, zurückzukehren, sobald Kurdistan frei ist, und Forstwirtschaft zu betreiben. Und das mache ich heute, ich halte mein Versprechen.“ Bei Halabdscha, südlich von Sulaimania, hat Hamido Daz sein erstes Wiederaufforstungsprojekt gestartet. Zur Erinnerung an den Giftgasangriff 1988, bei dem etwa 5000 Menschen starben, wurden 5000 Bäume gepflanzt. Über einen Zeitraum von zehn Jahren sollen weitere fünf Millionen Bäume gepflanzt werden. Für sein ehrgeiziges Projekt hat Hamido Daz den aus China stammenden Paulownia-Baum in der Region Kurdistan eingeführt. Er ist bekannt für sein schnelles Wachstum. „Im ersten Jahr wächst er 4,5 Meter, in drei Jahren kann der Baum bis zu elf Meter wachsen“, erklärt Daz. Der Baum verbessere die Umwelt und entwickle ein gutes, hartes Holz, das sich für den Bau von Möbeln und für den Hausbau eigne. Auf dem internationalen Markt bringt der Kubikmeter 460 Dollar. „Sozial, wirtschaftlich und ökologisch ist der Baum sehr gut geeignet, Arbeitsplätze in Kurdistan zu schaffen“, versichert der Geschäftsmann, der das Interesse angelsächsischer Firmen bereits geweckt hat. Nun sucht er weitere Partner, vor allem aus Schweden und Deutschland. „1,5 Millionen Kurden leben dort, wir wollen eine Brücke zwischen Kurdistan und Europa bauen, wir suchen Hilfe beim Wiederaufbau unseres Landes“, sagt Daz. Da reicht es nicht, ein paar Gebäude, Straßen und Supermärkte zu bauen. „Wir müssen uns um unsere Umwelt kümmern.“ Die kurdische Regierung tut sich damit noch schwer. Sie will das Wiederaufforstungsprojekt erst unterstützen, wenn der Baum bis zum nächsten Frühjahr seine Winterfestigkeit bewiesen habe. „Ökologie steht bei ihnen nicht an erster Stelle. Für sie kommt erst Elektrizität, Wasser und die Verteidigung Kurdistans gegen unsere Nachbarn“, meint Daz. „Wir müssen in allem 50 Prozent ökologisch denken.“ Sonst werde Kurdistan die heutigen Fehler in fünf, sechs Jahren teuer bezahlen müssen. Die Kurdische Regionalregierung weiß um den Wert der Landwirtschaft und wirbt um ausländisches Engagement bei deren Modernisierung, wenn auch nicht unter dem ökologischen Aspekt, wie es Daz fordert. 35 Prozent der gesamten Getreideernte des Irak werden in den kurdischen Provinzen produziert. Doch ohne eine überlegte Wirtschaftspolitik werde der Reichtum des Landes verschwendet, warnt wiederum Augenarzt Ihsan Hamawandi: „Wir produzieren Getreide, doch wir bekommen Mehl aus dem Ausland. Wir haben alles, womit wir Zucker produzieren können, aber wir importieren Zucker. Wir haben alles, womit wir Tomatensaft machen können, aber wir importieren die Tomaten und das Tomatenmark gleich mit.“ Ein solches Wirtschaften bringe die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht, es fehle an Bildung und Ausbildung. Die wenigen Reichen würden noch weniger und noch reicher, und die vielen Armen würden noch mehr und noch ärmer, warnt er. „Keine Gesellschaft kann ohne eine große, starke Mittelschicht leben“, sagt Hamawandi. Originalquelle: Rheinischer Merkur Nr. 1 vom 03.01.2008
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X e m x w a r
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« Antworten #1 am: 05. Jan 2008, 15:41 » |
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Vielleicht als Gegenbeispiel ein Artikel von der selben Autorin über die Situation in Nordkurdistan (von der Türkei besetzter Teil Kurdistans): junge welt, 5.1.2002Nirgends geduldetKurdische Binnenflüchtlinge verdingen sich als Wanderarbeiter und auf den Müllhalden im Westen der Türkeivon Karin Leukefeld Kadifekale, die Samtburg, thront über dem alten Zentrum von Izmir. Heute leben dort vor allem Kurden. Rund eine Millionen kurdische Binnenflüchtlinge gibt es in der westtürkischen Ägäisregion. Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, (UNHCR), spricht von drei Millionen (kurdischen) Binnenflüchtlingen in der Türkei. Sie leben in den großen Städten des Ostens wie Diyarbakir, Van, Adana und Mersin sowie in Istanbul und Izmir. Das UNHCR beschränkt sich in der Türkei darauf, die Lage der Internal Displaced Persons (IDP, Binnenflüchtlinge) zu beobachten. Von Ankara aus kümmern sich die Mitarbeiter vor allem um internationale Flüchtlinge aus dem Iran, Irak, den asiatischen Staaten und Afghanistan. Von der türkischen Gesellschaft ausgestoßen zu sein, gehört zum Alltag der Kurden in der Westtürkei. Ohne gesicherte Arbeit, geschweige denn soziale Absicherung, organisieren sie ihr Überleben. Frauen und Mädchen finden Arbeit in der Textilindustrie, wo sie bis zu 14 Stunden am Tag für einen Monatslohn von 80 Millionen TL (ungefähr 100 Mark) arbeiten. Männer und Kinder sammeln Müll, putzen Schuhe, verkaufen gefüllte Muscheln oder Musikkassetten auf den Straßen. Eine Lizenz zum Straßenverkauf ist schwer zu bekommen, meist läßt man sie gewähren. Doch bei unregelmäßigen Razzien vom Ordnungsamt wird vertrieben, wer ohne Lizenz ist, die Waren werden beschlagnahmt. Wer die Strafe nicht zahlen kann, landet im Knast. Flucht nach Westeuropa Seymus D. lebt mit seiner Familie auf der Kadifekale in Izmir. Er mußte 1987 sein Dorf bei Mardin verlassen. Als Dorfvorsteher weigerte er sich, mit den Dorfschützern und dem Militär zu kooperieren. Die Flucht führte die zehnköpfige Familie über Konya nach Izmir. Noch mehr Kurden kamen Anfang der 90er Jahre, als der schmutzige Krieg im Südosten seinen Höhepunkt erreichte. Mehr schlecht als recht könnten sie heute ihre Existenz sichern, berichtet der alte Mann. Für viele sei die Lage aber so hoffnungslos, daß sie alles gäben, um mit einem der Schiffe in Richtung Europa zu fliehen. Einige tausend Mark koste das pro Person, erzählt Seymus D. Jeder im Viertel wisse, wo »das Reisebüro« sei. »Dann legen alle zusammen, man leiht sich hier und da etwas, um es später, aus Europa, zurückzuzahlen.« Ob auch er selber nach Europa wolle? Nein, niemals. Zwei der Söhne seien bei der PKK in den Bergen, sagt er stolz. Der jüngste Sohn, Erdal, wurde erst vor wenigen Monaten aus dem Gefängnis entlassen. Da sei er gelandet, weil er mit der HADEP-Jugend eine Demonstration zu Newroz organisiert habe. Erdals Zukunft in der Türkei sehe düster aus. Er müsse nun zum Militär. Das werde er auf keinen Fall machen, sagt Erdal. Am liebsten wolle er zur Guerilla, in die erge. Nach Europa? Nein, lieber nicht. Er habe nichts Gutes von dort gehört. Dennoch überlegt der Vater, ob er den Jüngsten nicht nach Europa schicken solle, »vielleicht hat er dort wenigstens eine Chance?« Selbstorganisation der EntrechtetenDas Büro des »Vereins zur Hilfe von Flüchtlingen« (Göc-Der) liegt versteckt in Konak, dem alten Zentrum von Izmir. Küche, Empfangszimmer, Archiv, Besucher- und Arbeitszimmer,alles ist in einem großen, hellen Raum untergebracht. Der Verein wurde 1998 gegründet. Weitere Niederlassungen gibt es in Istanbul, Diyarbakir, Van und Hakkari. Der Zahnarzt Ibrahim Üzelün gehört erst seit kurzem zum Vorstand. Von Anfang habe die Polizei die Arbeit behindert, sagt er. Direkt nach der Gründungsveranstaltung wurde der Verein für 15 Monate geschlossen. Begründung: ein Vertreter der Demokratiepartei des Volkes (HADEP) habe dort gesprochen. Die HADEP, einzige relevante Oppositionspartei in der Türkei, die sich engagiert für die Rechte der Kurden einsetzt, ist vom Verbot bedroht. Im Dezember 2000 begann die Arbeit von vorn. Ziel sei es, den vertriebenen Kurden, den rechtlosen Flüchtlingen und Wanderarbeitern eine Stimme zu geben und zu helfen, erklärt Ibrahim Üzelün. Alle kurdischen Wanderarbeiter seien auch Flüchtlinge aus ihrer wirtschaftlich und sozial schwer zerstörten kurdischen Heimat. Sie kommen aus Urfa, Mardin und Siverek. Mit einer Umfrage sammelt Göc-Der seit Frühjahr 2001 systematisch Informationen über die Lage der Flüchtlinge. Der Fragebogen umfaßt 120 Fragen und wurde von Professor Mehmet Barut und dem Journalisten Ahmet Özel aus Mardin erstellt, die ihn auch auswerten werden. Viele der Flüchtlinge und Wanderarbeiter sind Analphabeten. Im kurdischen Südosten der Türkei finden sie keine Arbeit, Dörfer und Felder sind zerstört, oder sie werden ausgegrenzt, weil sie sich weigerten, mit der türkischen Armee und den Dorfschützern zusammenzuarbeiten. Manche Wanderarbeiter finden einen Platz zum Überwintern an der Westküste. Die anderen verbringen den Winter bei Verwandten im Südosten, um im Frühjahr neu loszuziehen. Einige machen das schon seit 15, 20 Jahren. Der Toros-Ekspres der Türkischen Eisenbahn bringt sie nach Izmir. Ein Transport mit dem Bus oder gar einem LKW ist unbezahlbar. Der Boden an der Westküste ist fruchtbar, bis zu viermal wird im Jahr geerntet, Arbeit gibt es genug. Nach der Aussaat, folgen sie dem Erntekalender: Tomaten, Gurken, Melonen, Weintrauben, Haselnüsse, Oliven, Baumwolle ... Mit ihrem klei nen Treck ziehen die Menschen von Feld zu Feld. Meist arbeiten Familien zusammen, 30, 40 Männer, Frauen und Kinder. Sie wohnen in Strohhütten, notdürftig mit Plastikplanen gegen Regen, Wind und Staub geschützt. Nach getaner Arbeit müssen sie den Platz sofort räumen. Mancher Landbesitzer stellt einen Wassercontainer auf das Feld und verrechnet das mit dem Lohn. Den gibt's zum Schluß. Pro Person verdienen sie 2,5 Millionen TL am Tag, nach dem Preisverfall im März 2001 sind das knapp vier Mark. Eine Gasflasche zum Kochen kostet einen Wochenlohn. Alle sind verschuldet. Sobald sie neun Jahre alt sind, arbeiten auch die Kinder. Zur Schule gehen sie, wenn überhaupt, nur im Winter. Die Kinder sind unterversorgt und oft krank. Malaria, Durchfall- und Hauterkrankungen sind typische Krankheitsbilder infolge mangelhafter Wasserversorgung. Auch seien Kinder von Schlangen gebissen worden, erzählt ein junger Mann, dessen Familienclan gerade auf einem Feld bei Torbali, rund 40 Kilometer südlich von Izmir lebt. Das Leben als Wanderarbeiter sei entwürdigend, sagt eine Frau aufgebracht. Sie spricht kurdisch, wie alle auf dem Platz. Einmal seien sogar ihre Zelte angezündet worden, um sie zu vertreiben. Nirgends seien sie geduldet, immer gäbe es Probleme mit den Behörden und der Polizei. Gerne hätten sie Arbeit in ihrer Heimat, doch sei es dort nicht sicher. Noch immer herrschten Dorfschützer und das Militär, und es gäbe keine Arbeit, um ihre Existenz zu sichern. Zu den menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen gehört auch die Gewalt, der Frauen sowohl innerhalb der Familie als auch von den Großgrundbesitzern ausgesetzt sind. Oft fordern diese von den Frauen und Mädchen sexuelle Dienstleistungen, eine ungeheuerliche Erniedrigung für die Betroffenen und den gesamten Familienclan. Weigern die Frauen sich, besteht die Gefahr, daß alle die Arbeit verlieren. Das Thema ist in der Öffentlichkeit tabu, doch mit den Frauen der Flüchtlingsorganisation Göc-Der können sie zumindest darüber sprechen. Arbeiten auf der MüllhaldeDie Stadt Aydin liegt 110 Kilometer südlich von Izmir. Die meisten Touristen biegen kurz vor der Stadt in Richtung Kusadasi ab. Das Touristenparadies an der Ägäisküste ist nur 50 Kilometer entfernt. Die Müllkippe von Aydin liegt hoch über der Stadt, steile Serpentinen führen hinauf. Der Weg führt an einer Großbaustelle vorbei, die neue Universität. Kurz dahinter liegt die Abfallhalde, durch einen Zaun von den umliegenden Olivenhainen getrennt. Hier leben und arbeiten elf Familien mit 60 Personen. Zehn bis 14 Stunden pro Tag schuften sie Sommer wie Winter. Auch ihr täglicher Lohn beträgt 2,5 Millionen TL. Manche sind hier seit zwei Jahren, andere kamen erst vor wenigen Monaten. Sie stammen aus der Umgebung von Mardin und Urfa - aus dem kurdischen Südosten der Türkei. Nur einige verstehen und sprechen Türkisch. Sorgfältig trennen sie den Müll nach Plastikflaschen, Plastiktüten, sonstige Plastikabfälle, Metall, Glas und organischen Abfall. Ein Stapel mit Knochen, einer mit Brot, einer mit Gemüse - nach Prüfung wandert davon einiges in die lagereigene Küche. Gearbeitet wird mit bloßen Händen. Nur die Glassortierer tragen Handschuhe. Die Gesichter der Männer sind schwarz vom Dreck, die der Frauen mit Tüchern verhüllt. Die Kinder suchen sich Spielzeug im Abfall: eine Puppe ohne Bein, ein kaputter Ball, Glaskugeln. Dazwischen liegen ein Schlauch mit getrocknetem Blut und blutverschmierte Mullbinden - Krankenhausabfall. Sie hätten den Chef der Müllkippe gefragt, ob sie ihre Zelte nicht in den Olivenhainen aufstellen könnten, erzählt ein Arbeiter. Es sei ungesund auf der staubigen Müllkippe zu wohnen, ohne Schatten und frische Luft. Doch ein Umzug wurde verweigert, ohne Begründung. Strom gibt es manchmal für zwei Stunden am Tag. Wasser wird in einem Container geliefert. Niemand weiß, woher es kommt. Damit wird gekocht, gewaschen, geputzt. Der Chef, das haben sie beobachtet, trinkt nicht von dem Wasser. Neben dem Container befindet sich der Waschplatz für 60 Personen, abgetrennt mit vier Vorhängen, die man im Müll gefunden hat. Der Chef des Mülls kommt aus Sivas. Er lebt seit 18 Jahren vom Abfall, hat selber bis vor drei Jahren Müll getrennt. Jetzt, mit den billigen Arbeitskräften aus dem Osten, geht es ihm besser. Für seinen Betrieb zahlt er eine Gebühr an die Verwaltung von Aydin. Den sortierten Müll verkauft er nach Izmir. Dort wird das Plastik gepreßt, verladen und geht dann per Schiff nach China, sagt er. So werde es überall in der Gegend gemacht. Das Müllgeschäft in der touristenreichen Ägäisregion blüht.
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« Letzte Änderung: 05. Jan 2008, 15:43 von X e m x w a r »
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X e m x w a r | Beiträge: 1075
« Antworten #2 am: 05. Jan 2008, 15:50 » |
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Turkey's attack on North Iraq may devastate the economyTurkey attack in Iraq may impact economyHABUR BORDER CROSSING, Turkey (AP) -- Turkey's government is pondering an attack on Kurdish separatists based in northern Iraq, raising fears among people along the frontier that military action will scuttle cross-border trade and wreck the region's rejuvenated economy. The economic fallout could be huge: The value of goods passing through this border crossing each year is more than $10 billion. "This border is my only hope," said truck driver Suleyman Gidim, who was ferrying gasoline to U.S. troops in Iraq and has a family of seven to feed. The Turkish military has been massing troops along the porous border, where separatist rebels cross from safe havens in Iraq to stage attacks in predominantly Kurdish southeastern Turkey. Residents on the Turkish side of the border fear the economic boom set off in the region after the invasion of Iraq by U.S.-led forces four years ago could evaporate if the Turkish army attacks the rebels of the Kurdistan Workers' Party, which is known by its Kurdish initials, PKK. Bakeries, groceries, car repair shops and other businesses are thriving along the frontier, which had been closed for years during a UN trade embargo against Iraq that ended after the fall of Saddam Hussein. During the embargo, border trade was limited mostly to the smuggling of crude oil and cigarettes out of Iraq and most small businesses went bankrupt. New hotels, restaurants and shops have mushroomed and larger customs buildings have been built to serve the thousands of truck drivers and businessmen involved in reconstruction projects in war-torn Iraq. "We are all worried. If Turkey enters Iraq, then the border could be shut down," said Tekin Ozgen, a 27-year-old waiter at a roadside restaurant that caters to truck drivers. "No border gate means no patrons. If that happens, I might have to migrate to the West to become a construction worker." Vendors descend on the Habur crossing to sell ice cream, boiled eggs and T-shirts to truck drivers waiting in line for hours to get past the border gate while sheep graze on a nearby field. The crossing sits on a plain at the edge of a river and is surrounded by barbed wire and military watch towers. A large Turkish flag waves on a high post and is visible for miles. Much of the mountainous border area is off-limits to journalists, but some tanks sitting on trucks could be seen at a base in Silopi, a town 9 miles from the border. Trucks carrying soldiers also are on the roads. Turkish political and military leaders are discussing whether to mount an offensive to try to quell increased activity by the PKK rebels. The army, which last carried out a major incursion into Iraq a decade ago, estimates 3,800 guerrillas operate from Iraq and 2,300 inside Turkey. Attacks by Turkish Kurds usually rise in the summer, but a recent suicide bombing in the capital, Ankara, and a bomb that killed six Turkish soldiers — both blamed on guerrillas — have tested Turkey's diminishing patience http://www.turkishweekly.net/news.php?id=45523
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X e m x w a r | Beiträge: 1075
« Antworten #3 am: 05. Jan 2008, 15:57 » |
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„Wir brauchen noch immer alles”
Von Rainer Hermann
04. Januar 2006 Unablässig klingelt eines der zwei Mobilfunkgeräte. Einmal das einheimische kurdische, dann das der nahen Türkei. Shirzad Sehmi ist ein gefragter Mann. Der Kurde aus Zahho, einer irakischen Grenzstadt zur Türkei, liefert Baustoffe, vor allem den knappen Zement. 1997 hatte er sein Handelsunternehmen gegründet. Da war er gerade 21 Jahre alt, das bescheidene Startkapital hatte er mit dem Betrieb einer eigenen Tankstelle erwirtschaftet. Die ersten Jahre liefen noch nicht gut, erinnert er sich. Auf der blockförmig angelegten Areal des "Händlerzentrums" (Tüccarlar Sitesi) nahe zur Grenze standen 80 Prozent der Büros leer.
Heute platzt das Zentrum aus allen Nähten. Alle hundert Büros sind belegt. Dahinter ziehen sich den Berg bereits neue Büroanlagen hoch. Auf jeder freien Fläche stehen Tausende von Lastwagen, die aus der Türkei Benzin und Baustoffe, Textilien und Lebensmittel bringen. Sehmi war einer der ersten, die an diesem Warenumschlagplatz für Irakisch-Kurdistan und den restlichen Irak mit Zement und Baustoffen gehandelt haben. Heute ist er einer der größten Händler.
Zwei Wochen für 15 Kilometer
Fast der gesamte Handel mit dem Irak erfolgt über lediglich zwei Orte: im Süden über den Hafen von Basra und im Norden nahe der irakisch-kurdischen Stadt Zakho am kleinen Grenzfluß Habur. Bis 1990 hatten die Türkei und der Irak über diese Grenze ein bilaterales Handelsvolumen von 4 Milliarden Dollar abgewickelt. Dann brachte das Embargo gegen Saddams Irak den Handel zum Erliegen. Heute sind 40 Prozent der Waren, die über Zakho importiert werden, für die drei kurdischen Provinzen bestimmt. Der Rest geht wieder weiter in die arabischen Provinzen des Iraks. Die Grenzorte zu Jordanien, Syrien und Iran seien demgegenüber nahezu bedeutungslos geworden, sagt Sehmi.
Im Vergleich zu ihnen bietet Zakho, eine Stadt in der autonomen Region Irakisch-Kurdistan, den Vorteil der Sicherheit. Der Handel leidet aber unter der mehr als nur schleppenden Abfertigung an der türkischen Grenze. Auf der türkischen Seite benötigten die Lastwagen für die letzten 15 Kilometer zur Grenze zwei Wochen, sagt Sehmi. Das verteure die Produkte unnötig. Daher bezieht er nun einen Teil seines Zements über den Hafen Basra aus Indien.
Marktführer für Betonstelen, die vor Anschlägen schützen
Auch der türkische Bauunternehmer Ilnur Cevik klagt über die Grenze. Jeden Monat braucht er 6000 Tonnen Zement. Statt an den Baustellen in Irakisch-Kurdistan stehen 22 seiner Lastwagen, die Zement geladen haben, gerade aber in der Schlange vor der Grenze. Mal kämen sie schneller durch, mal langsamer, klagt der Chef von Cevikler Insaat Ltd. "Da kann man einfach nicht mehr planen." Sein Unternehmen ist eines der 315 türkischen Firmen, die in Irakisch-Kurdistan tätig sind. Etwa 50 von ihnen sind Bauunternehmen; zusammen wickeln sie im Jahr ein Auftragsvolumen von 800 Millionen bis 1 Milliarde Dollar ab. Die anderen Firmen sind türkische Dienstleister und Händler. Nach Zakho bringen sie die gesamte Palette von Konsumartikeln: Biskuits und Zement, Jeans und Fernsehgeräte.
Auch die Bandbreite der Bauunternehmen ist weit: Makyol baut innerhalb von 24 Monaten für 420 Millionen Dollar den Flughafen von Arbil, Tepe innerhalb von fünf Jahren für 250 Millionen Dollar die Universität von Sulaimanija, Yenigün für 15 Millionen ein Konferenzzentrum. Für einen privaten Auftraggeber baut die Firma Nursoy moderne Wohnungen. Die Firma "77" schließlich, ein Gemeinschaftsunternehmen von Kurden aus der Türkei und dem Irak, ist im ganzen Irak zum Marktführer für die hohen Betonstelen aufgestiegen, die in jeder Stadt des Iraks Gebäude vor Anschlägen sichern.
Hoffen auf deutschen Partner
Cevikler Insaat war das erste Bauunternehmen aus der Türkei in Irakisch-Kurdistan, und es ist nach wie vor das größte. Ausschließlich in Irakisch-Kurdistan ist es tätig. Ilnur Cevik hat den internationalen Flughafen von Sulaimanija gebaut, und er hat viele kleinere Hochbauaufträge abgewickelt. Für den Flughafen wollte der türkische Unternehmer und Herausgeber der Tageszeitung "The New Anatolian" nur 40 Millionen Dollar. "Das war mein Geschenk an die irakischen Kurden." Leitmotiv seines Unternehmens sei zu zeigen, daß sich die Türken um Kurden kümmerten.
Aus der Türkei hat Cevik tausend Bauarbeiter mitgebracht. Sie bauen für die kurdische Regionalregierung gerade Studentenwohnheime sowie Wohnungen für mittlere und untere Einkommensgruppen, daneben erweitern sie in Arbil das Parlamentsgebäude. Bei den Projekten des sozialen Wohnungsbaus gibt sich Cevik mit einer Gewinnmarge von 5 Prozent zufrieden. Für das Jahr 2006 steht in Ceviks Büchern bereits ein Auftragsvolumen von 74 Millionen Dollar: Eine Industriezone und ein medizinischer Komplex, neue Studentenwohnheime und weitere Universitätsanlagen. Vieles davon entwickelt er selbst. Bei den Ausbildungseinrichtungen für die Industriezone hofft er auf einen deutschen Partner.
Künstlicher Boom in Irakisch-Kurdistan
Türkische Firmen seien in Irakisch-Kurdistan aufgrund der geographischen Nähe erfolgreich und weil sie europäische Qualität zu günstigen Preisen lieferten, sagt Cevik. Baugerät für 5 Millionen Dollar habe er nach Irakisch-Kurdistan gebracht. Europäische Unternehmen gingen dieses Risiko nicht ein, auch kalkulierten sie mit wesentlich höheren Gewinnmargen. Während Unternehmen aus Europa nicht zwischen dem Irak und dem vom Terror verschonten Irakisch-Kurdistan unterschieden, erkennten die türkischen Unternehmen diesen Unterschied. Dennoch sind auch Cevik die politischen Risiken nach der jüngsten Parlamentswahl bewußt. Zudem weist er darauf hin, daß der Boom in Irakisch-Kurdistan künstlich sei. Erzeugt werde er durch eine hohe Liquidität. Eine industrielle Basis, die ihn trägt, fehlt aber.
Zakho verkörpert diesen Boom. Als Shirzad Sehmi seine Handelsfirma 1997 gründete, zählte die Stadt 100.000 Einwohner. Da sie Arbeitssuchende wie ein Magnet anzieht, sind es heute doppelt soviel. Zakho zeugt von einem bescheidenen Wohlstand. "Wer Arbeit sucht, der findet sie garantiert im Handel", beschwört Sehmi. Solange im Irak kein Bürgerkrieg ausbreche, werde es für den Warenumschlagplatz Zakho keinen Rückschlag geben. "Denn im Irak gibt es nichts, und wir brauchen noch immer alles."
Text: F.A.Z., 04.01.2006, Nr. 3 / Seite 10 Bildmaterial: Rainer Hermann, F.A.Z.
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« Antworten #4 am: 19. Jan 2008, 16:32 » |
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Der Aufschwung im Osten ist eine Täuschung. . . . . schreibt Tarık Ziya Ekinci auf diyarbekir.net vom 12.11.07. Sehr interessant ist seine Darstellung der ewigen Lüge, die Türkei wolle die vernachlässigten und zurückgebliebenen kurdischen Provinzen wirtschaftlich fördern. Für Ekinci ist diese Propaganda nicht neu (1) : Der Unterdrückungspolitik während der Regierungszeit der (linksfaschistischen) CHP folgt der Populismus der (konservativen) DP. Diese beschuldigte die CHP, die Ostprovinzen vernachlässigt zu haben. Während der dann folgenden Regierungszeit der DP profitierten jedoch nur die Großgrundbesitzer von der liberalen Politik. Sie erhielten Maschinen, Kredite und Subventionen. Der Feudalismus in Kurdistan erstarkte, während die arme Landbevölkerung ihr Glück in den Vorstädten suchte . Unter den dann folgenden Regierungen hat sich offenbar bis heute nichts geändert. Nach Darstellung von Ekinci werden die prokurdischen DTP - Bürgermeister sogar absichtlich behindert, damit die DTP als inkompetent erscheint. Als Beispiel wird das vom Innenministerum aufgelöste Unternehmen Diyar AŞ. genannt sowie folgende Projekte, die behindert wurden. - Katı Atık Yönetimi Etüd Projesi - Dicle Vadisi Rehabilitasyonu Etüt Projesi - Diyarbakır Suriçi Tramvay projesi - Diyarbakır Kentsel Gelişme Projesi - Diyarbakır Katı Atık Entegre Tesisi Ost- und Südostanatolien wurde während der Regierungszeit der AKP ärmerNach Medienberichten (2) geht es den kurdischen Provinzen entgegen der Darstellung der AKP wirtschaftlich schlechter als zuvor. Dabei behauptet die AKP, den "Osten und Südosten" gefördert zu haben - mehr und besser als alle Regierungen zuvor. Nach einem Gutachten des Wirtschaftswissenschaftlers Mustafa Sönmez (3) ist dies aber offenbar nicht der Fall. Demnach wurden die Kurdenprovinzen auch unter der AKP unterdurchschnittlich gefördert. Während bspw. die ohnehin wirtschaftlich sehr erfolgreiche Marmara-Region sehr stark gefördert wurde und 39% der Gesamtfördermittel erhielt, beträgt dieser Prozentsatz für die 21 Provinzen im "Osten und Südosten" (2002 – 2006) nur 4,5%. In diesen 21 Provinzen leben 18% der Gesamtbevölkerung der Türkei. Das ist insofern sehr verwunderlich, weil diese Provinzen besondere Hilfe nötig haben. Das durchschnittliche Einkommen bspw. in der ostanatolischen Provinz Agri ist 558 USD und somit weit unter dem türkischen Durchschnitt von 2146 USD. Überdurchschnittlich "gefördert" werden diese Provinzen jedoch im Bereich der inneren Sicherheit: 29% der staatlichen Ausgaben gehen in dieser Region an Polizei und Armee (In der Provinz Tunceli sogar 64%). Sönmez begründet dies u.a. damit, dass die AKP eine am IMF orientierte Wirtschaftspolitik verfolgt, die die Privatisierung staatlicher Betriebe (türk. KIT, Kamu İktisadi Teşebbüsü) , die Senkung von Subventionen für die Landwirtschaft und die Reduzierung öffentlicher Investitionen verlangt. Dies schadet vor allem den unterentwickelten Regionen der Türkei und fördert die Migration in die Westtürkei, was wiederum zur Verarmung der Region beiträgt. Es wird ausserdem kritisiert, dass die AKP die Ausgaben für das Militär und für die Polizei in der Region als "Investitionen" darstellt (4)
(1) http://www.diyarbekir.net/cgi-bin/index.pl?mod=news;op=author_id;id=552, 12.11.07 (2) http://www.aksam.com.tr/haber.asp?a=93447,6, 30.09.2007 (3) http://eski.bianet.org/static/dogu2.pdf(4) http://www.bianet.org/bianet/kategori/kriz/102941/dogu-guneydoguda-yoksullasma-ve-cozum-baris, 15.11.07
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Qersi
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Qersi | Beiträge:
« Antworten #5 am: 28. Jan 2008, 00:59 » |
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Welche Rohstoffe hat Kurdistan? 1) Vor allem das "Öl des Zukunft" : Wasser . Viele wichtige Flüsse wie Tigris, Euphrat, Aras, Kura, Habur und Ceyhan entspringen in Nordkurdistan. Im GAP-Gebiet befinden sich 22 Dämme und Stauseen sowie 19 Wasserkraftwerke. Hier werden mit 27 Millionen Kilowattstunden 40% der türkischen Strom-Gesamterzeugung generiert. Dies verdeutlicht, wie wichtig die Kurdengebiete für die Energieversorgung der Türkei sind. Doch nicht nur aus energiepolitischen Gründen ist das GAP - Gebiet für die Türkei von strategischer Bedeutung: wenn das GAP - Projekt vollendet ist, wird die Wassermenge, die Syrien erreicht, um 40% geringer sein. Das "Öl der Zukunft" taugt also als Druckmittel gegen die südlichen Nachbarn. Die Türkei hat bisher 16 Mrd. USD in das Gap-Projekt investiert, weitere 16 Mrd. USD wird das Land noch bis 2040 in das Projekt pumpen. Wirtschaftliches Ziel der Türkei ist es, zu einem Strom- , Wasser- und Agrarexporteur für den gesamten Nahen Osten zu werden. Die Macht der Türkei soll mit der zunehmenden Wasserverknappung im Nahen Osten weiter steigen. Innenpolitisches Ziel ist es, aus der über Jahrhunderte vernachlässigten Region, einen Teil der Türkei zu machen, in dem es keinerlei Separatistenbewegungen mehr gibt. Dazu wurden im Zuge des Masterplans Gutachten über die ansässigen Bevölkerungsgruppen erstellt. Darin wurde die Stimmungslage in den einzelnen Provinzen exakt beschieben und die Einwohner in Kategorien von Türkei-freundlich bis separatistisch eingestuft. Auch der Einfluss bestimmter Personen auf Dorfgemeinschaften wurde ausgelotet. Ziel ist es, mit den gewogenen Bürgern einen Entwicklungsmagneten aufzubauen und die missliebigen Kurden gezielt zu vertreiben Im restlichen Kurdistan ist das Wasser von weniger strategischer Bedeutung. In Südkurdistan befinden sich Staudämme in Derbandixan, Dukan und Mossul, in Ostkurdistan in Bokan sowie Mehabad und in Südwestkurdistan in Rakka. 2) Erdöl: In Kurdistan befinden sich insgesamt angeblich 45 Mrd. Barrel Erdöl.Nordkurdistan: Die einzigen nennenswerten Erdölvorräte innerhalb der Türkei befinden sich in Batman, Amed (Diyarbakır) und Semsúr (Adıyaman). Erst kürzlich wurde eine Quelle entdeckt, aus der man laut TPAO täglich 400 Barrel Erdöl fördern könne. In Südkurdistan befinden sich angeblich 36 Mrd. Barrel Erdöl : In Kerkuk, Xanekin und Mossul sowie in Çiya Surkh, Cembur, Muşhorab, Ain Zalah, Butmah und Sasan. In Südwestkurdistan befindet sich das erdölreiche Jazira - Gebiet und in Ostkurdistan ist das Kirmanşah - Gebiet von nicht geringer Bedeutung. 3) Metalle, Baustoffe und sonstige RohstoffeIn Elazıx-Guleman befindet sich eines der grössten Chromreserven der Welt. Ausserdem findet man dieses Metall in Amadiye und in Kerkuk-Barzan (Südkurdistan), Dersim- Ovacık und Amed. Eines der weltgrössten Eisenreserven findet man im Gebiet (Sivas)Divriği-Hekimhan(Malatya) , aber auch in Rewanduz und Suleymaniya . . Ausserdem:Silber: in Elazıx-Keban, Kupfer: in Aqre, Ergani, Maden-Elazıx und Sért Blei: in Elazıx-Keban, Maku, Loristan Phosphat: Mérdin-Mazıdax, Kilis, Riha, Amed, Dilok (Antep) Kohle: Zaxo, Ezirom, Elbistan, Şırnax, Wan, Dersim, Bingol, Hazro Kalkstein: Semsur, Amed, Dilok, Merdin, Sért, Rewanduz, Sulaymaniya Zement(-rohstoff): Riha Bauxid (=Rohstoff für Aluminium): Dilok Magnesium: Kerkuk-Barzan Schwefel: Sine (Sanandaj) Gold: Kirmanşah Quellen:"Kürdistan'ın Ekonomik Zenginlikleri" , Ammar OKUR, vom 23.01.2008, http://mizgin.net/modules.php?name=News&file=article&sid=1343"Li Semsûrê bîrek din a petrolê hat dîtin", 25.01.08, netkurd.com/nuce_bixwine.asp?id=10581"AB ekonomik ve sosyal bakımdan fazladan bir yük mü üstlenecek", Werner Gumpel, 16.09.2004, Vgl. bpb.de/files/LBHQBP.pdf"Aufgewühlte Wasser", 2003, Vgl. visionjournal.de/PDF/Sommer2003PDF/Sm03Wasser012504ev.pdf "Doğu ve Güneydoğu Anadolu’da Sosyal ve Ekonomik Öncelikler” Raporu Bölüm IV: Doğu ve Güneydoğu Anadolu'nun Kalkınmasında Sosyal Politikalar, Staatliche Planungsorganisation (DPT), 02, 2006, Vgl. spf.boun.edu.tr/docs/TESEV-GDDA-Bolum4.pdf"Türkiye-Avrupa Birliği Mali İşbirliği Kapsamında Bölgesel Kalkınma Programları", Vgl. eku-tup.dpt.gov.tr/bolgesel/ab/maliis.pdf"Die Wasserkrise: Regionale Wirkungskomplexe - Internationale Konflikte", 19.05.2001, Vgl. uni-weimar.de/projekte/vollpension/assets/plakat/material/wasserkrise.pdf"Wassermacht Türkei", Vgl. khstreiter.de/gis_lern_cd/Unterrichtsmaterialien/wassermacht. pdf"GAP tehdit altında", 6.06.2005, Vgl. http://www.arkitera.com/v1/haberler/2005/06/06/gap2.htm "GAP - EIN NACHHALTIGES ENTWICKLUNGSPROJEKT?", 08.2005, studisurf.ch/1044/763404/_catid_1044_62/_method_download/GAP. doc
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X e m x w a r
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X e m x w a r | Beiträge: 1075
« Antworten #6 am: 03. Feb 2008, 21:06 » |
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Die ökonomische und soziale Lage in Irakisch-Kurdistan (Ende 2002-Anfang 2003)
Aus der Dissertation von Azad Salih
Die ökonomische und soziale Lage
Der zweite Golfkrieg und die internationalen Sanktionen haben einen Transformationsprozess der Gesellschaft im ganzen Irak beschleunigt, dessen Ergebnisse eine ruinierte Wirtschaft und Massenarmut in allen Teilen des Landes sind; die Lage in den von der Baath-Regierung kontrollierten Gebieten ist aber offensichtlich viel schlimmer als in der Schutzzone bzw. selbstverwalteten Region Kurdistans.1 Zusätzlich zu den negativen Auswirkungen der internationalen Wirtschaftssanktionen führt die Wirtschaftsblockade der irakischen Regierung gegen die Region (seit Oktober 1991) öfters zu schweren Versorgungsengpässen, besonders an Brenn- und Treibstoffen, von denen die regionale Ökonomie abhängig ist.2 Die UNO leistet durch das sogenannte „Oil for Food and Medicine Programme“ entsprechend der UN-Resolution 986 (1985) – seit 1997 – mit 13% der irakischen Öleinnahmen der Region
1 Vgl. Ofteringer und Bäcker, 1995, S.35. 2 Für mehr Details darüber vgl. Graham-Brown, 1995a und Habib, 1995.
bzw. deren Bevölkerung eine große Hilfe, sie hat damit die Region am Leben erhalten – trotz der Mängel bei der Ausführung des Programms.1 Anders als die NGOs liefert die UNO ihre humanitäre Hilfe und den Anteil der Region vom „Öl gegen Lebensmittel-Programm“ weiterhin via Irak. Vom Anteil der Region an Medikamenten erreicht sie seit Jahren jedoch nur noch 28% 2, der Medikamentenmangel ist deshalb in (Krankenhäusern und Apotheken der Region) merkbar. Die Sterblichkeitsrate der Kinder und der Stand der Unterernährung sind dennoch in dieser Region viel niedriger als in den von der Zentralregierung kontrollierten Gebieten, und der Gesundheitsstand ist generell besser als in den anderen Regionen Iraks. Das Gesundheitswesen hat sich im Allgemeinen entwickelt und ist gut koordiniert. In dem vergangenen Jahrzehnt haben aber zahlreiche Menschen in der Region – darunter viele Kinder – durch Minen Glieder oder Organe verloren.
Die Lebensmittellieferung wird weiter über das „World Food Programme“ (WFP) der UNO abgewickelt. Der Weizen- oder Getreideertrag der Region von schätzungsweise 350.000 Tonnen kann den Bedarf der Region an Mehl und Saatgut decken. Anstatt Getreide in Kurdistan aufzukaufen und es im Rahmen des Lebensmittelhilfsprogramms dann wieder zu verteilen, wird Weizen jedoch generell im Ausland eingekauft und über Bagdad oder Mosul nach Kurdistan – als Mehl und Saatgut – geliefert. Und das WFP lehnt es ab, die Strukturen der „lokalen Autoritäten“ bzw. der kurdischen Selbstverwaltungen dabei zu nutzen.3 Mehrere UN-Organisationen – vor allen UNDP (UN Department for Development Support & Management) und UNCHS (UN Centre for Human Settlements – Habitat) sowie zahlreiche NGOs, besonders MAG (Mines Advisory Croup) und SCF (Save the Children) nehmen an dem „humanitären Hilfsprogramm“ und Wiederaufbau und an der Instandsetzung der Infrastruktur bzw. dem „integrierten Rehabilitierungsprogramm“ in der Region weiter teil. Die internationale Gemeinschaft stellt der Region die humanitäre Hilfe allerdings zögerlich zur Verfügung und schreckt vor jeglicher Entwicklungshilfe (für Langzeit-Projekte oder zur ernshaften Verbesserung der Infrastruktur), die politische Konsequenzen haben könnten, zurück. Auch deswegen ist die Region – nach wie vor – von ausländischer Hilfe und von Geldsendungen – Devisen – von Exilkurden bzw. Verwandten im Ausland abhängig.4 Zu den halbherzigen internationalen Hilfsmaßnahmen schreiben Ofteringer und Bäcker: „Selbst wenn man sie im Rahmen ihrer Zielsetzung der Wiederherstellung der dörflichen und manufakturellen Ökonomie betrachtet, besiegeln sie die Abhängigkeit Kurdistans […]. Kurdistan wird auf dem alliiert herbeigebombten vorindustriellen Niveau gehalten: durch die Förderung von traditionellem Baustil, Handarbeits- und Handwerkstechniken, die denen des 17. Jahrhunderts entsprechen.“ 5 Der Industriesektor in der selbstverwalteten Region war und ist weiter schwach – trotz einer kleinen Entwicklung während des Wiederaufbaus. Die Region hat nur ein paar Fabriken: Eine Zementfabrik und eine Zigarettenfabrik in Sulaimaniya; eine Zigarettenfabrik und eine mittelgroße Stofffabrik, zwei Teppichfabriken und eine Marmorfabrik in Arbil (Hewlér); eine Tomatenfabrik und eine Textilfabrik in Duhok. Außerdem gibt es in Arbil eine große Hühnerfarm, die den Bedarf der Region decken könnte.6
1 Gemäß der UN-Resolution 986 darf der Irak innerhalb von sechs Monaten Erdöl im Gegenwert von zwei Milliarden US-Dollar exportieren. Von den Erlösen sind 70% für den Kauf von Nahrungsmitteln und Medikamenten zu verwenden – 57% für die von der Baath-Regierung kontrollierten Gebiete und 13% für die von den Kurden kontrollierte Region. Die verbliebenen 30% sind einem Entschädigungs- bzw. Wiedergutmachungsfond (bei der UNO) zuzuführen, Smutek-Riemer, 1996, S.50. 2 „Bırayeti“ vom 30. Mai 2002. 3 Vgl. Schmidt, 1994, S.201-203. 4 Vgl. Leezenberg, 1997, S.46. 5 Ofteringer und Bäcker, 1995, S.38. 6 Celik, 1994, S.118.
Große Gebiete und landwirtschaftliche Nutzflächen in der Region sind noch vermint und nicht nutzbar für die Landwirtschaft, dennoch besteht mittlerweile ein Überschuss an vielen landwirtschaftlichen Produkten über den eigentlichen Bedarf der Region hinaus, insbesondere Getreide, Obst und Gemüse; die Produkte können aber nicht mehr nach Mittel- und Südirak transportiert und verkauft werden, der Überschuss kann auch kaum legal ins Ausland exportiert werden.1 Trotz der Blockade ist die Frontlinie zwischen der Region und den von dem Regime kontrollierten Gebieten nirgends hermetisch abgeriegelt worden. Unterschiedliche Formen des illegalen oder halblegalen Handels werden bis Ende 2001 fortgesetzt und gedeihen: Besonders der Transit vom Rohöl und Ölprodukten in die Türkei und der Schmuggel von Luxusgütern wie Zigaretten, Alkohol und Tee boomen seit Anfang der Blockade, ob über die Demarkationslinie oder über die iranische oder türkische oder syrische Grenze, vor allem im von der KDP kontrollierten Gebiet, welches im Drei-Länder-Eck liegt.2 Das Verkehrsnetz war früher zu schlecht. Dies ist inzwischen besser geworden; viele Straßen und Brücken sind neu oder ausgebaut worden. Schienenverbindungen in der Region gibt es aber weiterhin nicht. Das Telekommunikationssystem war während des zweiten Golfkrieges total zerstört worden, mittlerweile existiert immerhin ein funktionsfähiges – beschränktes – System, Auslandsverbindungen laufen nur über einige einheimische Unternehmen sowie – seit Ende 2002 – über ein internationales Mobile-System. Die UNO bzw. UNDP hat sich weder im Bereich der Elektrizität noch im Bereich der Telekommunikation richtig engagiert – damit die Infrastruktur der Region nicht richtig wiederaufgebaut oder die Region nicht völlig unabhängig wird. Überdies versuchen die Nachbarländer bzw. „Teilungsstaaten von Kurdistan“ ständig und mit verschiedenen Methoden die Schutzzone auch unter wirtschaftlichen Druck zu setzen, um die politische sowie ökonomische Entwicklung in der Region zu verhindern,3 obwohl sie alle taktische politische und begrenzte wirtschaftliche Beziehungen zu ihr unterhalten.4 Auch die „eigene Währung“ (der irakische Original-Dinar / Schweizer Druck) wird im Handel mit den Nachbarländern – jedoch nicht mit Restirak – verwendet. Ähnlich wie die Iraner zahlen die Iraker auch mit Schecks, die nur im Irak oder Iran und nicht in Kurdistan (Schutzzone) zu verwenden sind.5 In den beiden Teilen der Region konnte das Finanzsystem seit 1998 trotz Knappheit der Ressourcen und offensichtlicher Veruntreuung der Gelder in den Verwaltungen – wegen der schwachen Aufsicht und Rechenschaft – einigermaßen organisiert werden. Aber es gibt kein ordentliches Steuer- bzw. Abgabensystem. Die Wirtschaftsakteure könnten sich zudem in Richtung einer Rationalisierung der Wirtschaftskreisläufe bewegen, um Profit zu ziehen ohne die Bürger – durch Erhebung erfundener Abgaben und Gebühren oder erhöhte Preise – zu überlasten.6 Auch die sogenannte „Turkmenische Front (TF)“ (eine auf Initiative der Türkei und durch ihre Unterstützung gegründete turkmenische Organisation)7 kassiert seit Jahren Transitvisumgebühren (zwischen 300 und 600 Dollar pro Visum) von Immigranten bzw.
1 Vgl. Habib, 1995, S.17-22. 2 Vgl. Leezenberg, 1997, S.62. 3 Die Türkei übt seit Anfang 2002 einen großen wirtschaftlichen Druck auf die Region aus, indem sie den Grenzübergang Khabur fast dicht macht, um die irakischen Kurden bzw. die KDP in die Knie zu zwingen. 4 Vgl. Leezenberg, 1997, S.45. 5 Bozarslan, 1997, S.88. 6 Vgl. Bozarslan, 1997, S.199. 7 Interview mit Abdulla Pishdari im Frühling 2002 in Berlin; er war – mit anderen Akademikern, die in der Türkei studiert hatten – von Vertretern der Türkei zum ersten Treffen zur Gründung dieser Organisation in Arbil unmittelbar nach der Errichtung der Schutzzone eingeladen.
Auswanderern über die Türkei am Grenzübergang Ibrahim Khalil – mit Billigung der türkischen Behörden drüben (in Khabur). Das von der KDP kontrollierte Gebiet leidet bis jetzt am stärksten unter dem Problem der Stromversorgung – es ist weiter auf Stromanlagen in der Provinz Mosul sowie Sulaimaniya angewiesen; in dem von der PUK kontrollierten Gebiet liegen große Elektrizitätswerke an zwei Staudämmen (Dukan und Derbendikhan), deshalb ist dieses Gebiet nicht so stark von diesem Problem betroffen. Die Kurden – besonders in dem von der KDP kontrollierten Gebiet – müssen weiter Brenn- und Treibstoff gegen US-Dollar in Kirkuk und Mosul kaufen; im von der PUK kontrollierten Gebiet wird eine begrenzte Menge vom Erdöl gefördert und (durch eine kleine Raffinerie in Sulaimaniya) verarbeitet. Im Bausektor am Schnittpunkt zwischen öffentlicher Verwaltung und privaten Kontraktoren kommt häufig Korruption oder Bevorzugung von Günstlingen (Begünstigung von Verwandten oder Geschäftspartnern) vor.1 Die Arbeitslosigkeit ist weiter hoch. Die Gehälter und Löhne der Angestellten und Arbeiter sind im allgemeinen niedrig; einige Bürger müssen zwei Drittel oder drei Viertel ihrer Gehälter bzw. Löhne für die Miete ausgeben. Der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters oder Beamten beträgt zur Zeit (Januar 2003) 400 Dinar, das sind umgerechnet 40 US-Dollar. Die durchschnittliche Miete einer Zweizimmerwohnung ist zur Zeit 300 Dinar, das sind umgerechnet 30 US-Dollar. Viele schulpflichtige Jugendliche bzw. Kinder müssen daher arbeiten – um der Familie zu helfen, statt zur Schule zu gehen. Auch die Inflation ist noch hoch, 1 US-Dollar ist umgerechnet 10 Dinar; jedoch ist die Inflationsrate viel niedriger als im Restirak, der Umtauschskurs gegen die „neue irakische Währung“ ist zur Zeit 1:200, die „kurdische Währung“ (die alte irakische Banknote) ist also zweihundertfach stärker als die irakische Währung (die neue irakische Banknote). Das soziale Elend an Rändern der Großstädte, besonders der Flüchtlinge und Vertriebenen aus Kirkuk und Germiyan, ist weiter bedrückend. Die Frauen sind von der nationalen und politischen Unterdrückung befreit. Viele Frauen leiden zwar noch unter der sozialen Unterdrückung, die Situation der Frauen in der Region ist allerdings – in allen Lebensbereichen – besser als im Restirak und in den Nachbarstaaten; zudem hat das Regionalparlament letztes Jahr mehrere Reformgesetze in Bezug auf die Rechte der Frauen bzw. zur Beseitigung gewisser Unterdrückung oder Benachteiligung der Frauen – durch bislang gültige irakische Gesetze – verabschiedet. Die Emigration der Menschen, besonders von jungen Männern, ins Ausland, hält – wegen verschiedener Ursachen – weiter an. Die kurdische Selbstverwaltung ist Anfang 2003 (in beiden Teilen) in größere finanziellen Schwierigkeiten geraten und sie ist nicht in der Lage gewesen, die Gehälter und Löhne der Beamten und Angestellten für die Monate Februar und März zu zahlen.2 Einen Tag vor dem Ausbruch des dritten Golfkrieges (also am 19. März 2003) wird zudem das UN-Hilfsprogramm „Öl für Lebensmittel und Medikamente“ von dem UN-Generalsekretär Kofi Anan – vorübergehend – beendet bzw. unterbrochen; das (ausländische) UN-Personal muss den Irak verlassen.
1 Vgl. Ofteringer und Bäcker, 1995, S.38. 2 Ein Teil dieser Gehälter wird später gezahlt.
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SiWan
Gast
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SiWan | Beiträge:
« Antworten #7 am: 03. Feb 2008, 22:42 » |
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Die ökonomische und soziale Lage in Irakisch-Kurdistan (Ende 2002-Anfang 2003)
Aus der Dissertation von Azad Salih
Die ökonomische und soziale Lage
[...]
Unglaublich. Von dieser ökonomischen Abriegelung war mir nichts bekannt. Es heißt doch immer, dass Südkurdistans Wirtschaft floriert. Wie sieht es in der Gegenwart aus? Ist es noch immer so schlimm wie 2002 / 2003? Werden die kurdischen Autonomiegebiete noch immer so isoliert? Um die Übersicht beizubehalten, wurde lediglich die zitierte Passage gekürzt
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« Letzte Änderung: 03. Feb 2008, 23:18 von X e m x w a r »
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X e m x w a r
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X e m x w a r | Beiträge: 1075
« Antworten #8 am: 03. Feb 2008, 23:43 » |
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Der Irak war seit dem 2. Golfkrieg bis zum 3. Golfkrieg (2003) mit einem UN-Embargo isoliert. Die kurdische Region hing am Tropf internationaler Hilfsagenturen. Es gab keine selbständige Wirtschaft. Selbst wenn eigene Produkte hergestellt wurden, gab es keinen Markt. Vielmehr blühte der Schwarzmarkt mit Schmuggelware aus der Türkei oder dem Iran. In Fabriken fehlten Ersatzteile, die Landwirtschaft ist blockiert, da unter anderem noch immer 20 Prozent des Bodens von Landminen verseucht sind. 1996 wurde das Embargo "gelockert" und 2001 schlugen Die USA und Großbritannien eine weitere Lockerung der Sanktionen auf zivile Güter bei gleichzeitiger Verschärfung der Kontrollen auf Rüstungsimporte vor. Irak lehnte den Vorschlag im Oktober ab. Für eine aktuellere Nachricht siehe "Im Norden viel Neues" (erster Beitrag von Rewsen in diesem Thema)! Weitere Nachrichten bezüglich der Wirtschaft im Irak und Kurdistan (vor 2004, die ersten zwei Artikel): http://frieden.kommunikationssystem.de/news/Frieden/Irak-USA-UNO:-Umstrittene-Unterstuetzung-11751.html Lizenz zum Töten - UNO erteilte USA Freibrief bei Angriff auf Hilfsorganisationen (Rüdiger Göbel) Umstrittene Unterstützung Hilfsorganisationen im Irak - vor, während und nach dem Krieg (Karin Leukefeld)
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X e m x w a r
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X e m x w a r | Beiträge: 1075
« Antworten #9 am: 04. Feb 2008, 00:02 » |
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Ein großes Problem in Südkurdistan ist die Elektrizität, die seitens der Türkei schon oft als Druckmittel benutzt wird. So hieß es 2006 in einer Nachricht: Electricity crisis will solve in 2008The minister announced that an agreement has been made with British company ATI, for an electricity station with a 200 megawatt capacity to be built within the next 18 months. A new power station is to be built in Kurdistan, which KRG Minister for Electricity, Hushair Swelaye, says should help to end the electricity crisis by 2008. The minister announced that an agreement has been made with British company ATI, for an electricity station with a 200 megawatt capacity to be built within the next 18 months. The project will be mainly funded by ATI, with the Kurdistan Government contributing 30 million dollars. The government will buy electricity from ATI for 10 years, until ownership of the station is passed on to them. The minister stated that the electricity supply for Kurdistan will be increased by 100 megawatts over the coming year, but with co-operation from other companies it could be improved to as much as 600 megawatts. He added ?Although the problem will not be resolved immediately, I assure you that the electricity crisis in Kurdistan will be over by 2008?. http://www.kurdishglobe.net/displayArticle.jsp?id=88BEFEC12DF74B63E570765B114D197E
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« Letzte Änderung: 12. Okt 2008, 14:58 von X e m x w a r »
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Qersi
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Qersi | Beiträge:
« Antworten #10 am: 08. Feb 2008, 17:59 » |
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Ein interessanter und kritischer Artikel von Dr. Nazim K. Ekinci (Department of Economics and Finance, University of Kurdistan-Hawler) bzgl. der Ölwirtschaft: Der Text beginnt mit einem interessanten Zitat .. "In einer Generation enwickelten wir uns von Kamelreitern zu Cadillac-Fahrern. Auf die Art und Weise, wie wir unser Geld verschwenden, fürchte ich, dass wir uns in der nächsten Generation wieder zu Kamelreitern entwickeln werden"
König Faisal von Saudi Arabien Viele Menschen- insbesondere im Nahen Osten glauben, dass das Öl ein Segen ist. Allerdings haben einige rohstoffreiche Länder auch begriffen, dass es sich zum Fluch entwickeln könnte. Auf diese Weise durchlebte Grossbritannien nach der Entdeckung des Erdöls in der Nordsee eine Phase des Industrieabbaus.....weiter auf Kurdish Globe: http://www.kurdishglobe.net/displayArticle.jsp?id=5F129C4B4E0E5F1EAB17CAA04E7722E0
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