Wehrdienstwahnsinn der TürkeiDer in der Türkei gepflegte Militarismus scheint keine Grenzen zu kennen. Vermeintliche Weisheiten wie „Her Türk asker doğar“ (Jeder Türke kommt als Soldat auf die Welt) werden der türkischen Gesellschaft nicht umsonst als Kodex diktiert. Mit dem Steigerungssuffix „Nicht mal ein Grab bewahrt einen Türken vor dem Soldatendienst“ machte nun der bekannte türkische Schauspieler Erol Günaydın Bekanntschaft.
Der türkische Schauspieler Erol GünaydınDer inzwischen 75 Jahre alte Erol Günaydın, der der türkischen Gesellschaft aus vielen, unzähligen Komödien sowohl auf der Bühne, als auch auf den Bildschirmen bestens bekannt ist, erhielt vor kurzem Post vom Militär. In dem Schreiben wurde ihm vorgeworfen, sich dem Wehrdienst entzogen zu haben.
Erol Günaydın setzte sich telefonisch mit der zuständigen Amtsstelle für Wehrdienst in Verbindung und teilte dort mit, dass er seinen Wehrdienst zwischen 1960 und 62 bereits als Reserveoffizier in Sivas und Ağrı abgeleistet habe. Er wurde aufgefordert dies Anhand von entsprechenden Dokumenten zu beweisen.
Sein folgendes, von ihm selbst wiedergegebenes Gespräch mit der Amtsstelle könnte ebenso gut auch aus einer seiner Komödien entnommen sein, mit denen Günaydın so populär wurde. Es ist diesmal aber bitterer Ernst.
Im Hinterkopf, den Beweis für einen nahezu 50 Jahre zurückliegenden Vorgang sehr schwer erbringen zu können, fragte Günaydın sicherheitshalber noch einmal nach:
“Ich bin 75 Jahre alt, was, wenn ich diese von Ihnen geforderten Dokumente nicht abliefere?“
„Wir haben vor kurzem Jemanden mit Geburtsjahr 1929 mit Hilfe ärztlicher Gutachten einberufen.“
„Falls ich schon verstorben wäre, würden Sie mich dann aus meinem Grab herausholen?“
Die Antwort der weiblichen Stimme am Telefon war ein sehr trockenes und bestimmendes:
„Ja“
Günaydın wird nun versuchen mit Fotos und mit Benennung von Zeugen, die Ableistung seines vor 50 Jahren zurückliegenden Wehrdienstes zu beweisen.
(Eigene freie Zusammenfassung auf Deutsch einer in der Online-Ausgabe der Tageszeitung Radikal erschienen Meldung vom 24. Juli 2008 mit dem Originaltitel „Mezara girsen askerden kaçamazsın!“)