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Autor Thema: Uri Avnery Schriften  (Gelesen 2255 mal)
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« am: 10. Mär 2008, 12:17 »

Uri Avnery über den 5-Tage-Krieg in Gaza


Jerusalem: Schon wieder so einer von denen, die mit der Tastatur versuchen irgendwelche ehrenwerten Gorillas mit den Kanonen von irgendwelchen Massakern abzuhalten. Kann man die nicht alle..? Die sollte man doch alle…

Kann man da nicht was machen, Gorilla?

Nein, kannste nicht. Und nun halt die Schnauze und lies.

Der neue Artikel von Uri Avnery, wieder erschienen auf “Lebenshaus Alb”.


“Töte hundert Türken und dann ruh dich aus!…..”


von Uri Avnery, 08.03.2008

IN DIESER

Woche wurde ich an eine alte Geschichte über eine jüdische Mutter erinnert, die sich von ihrem Sohn verabschiedet, der zum Militärdienst in die Zarenarmee gegen die Türken einberufen wurde.

“Streng dich nicht zu sehr an”, ermahnte sie ihn, “töte einen Türken und ruh dich aus. Töte noch einen Türken und ruh dich wieder aus…”.

“Aber Mutter”, fragte er, “und wenn der Türke mich tötet?”

“Dich töten?”, rief sie aus “Warum? Was hast du ihm denn getan?”

Dies ist kein Witz (und dies ist keine Woche für Witze). Es ist eine Lektion in Psychologie.

Ich wurde daran erinnert, als ich Ehud Olmerts Bemerkung las, dass nichts ihn so in Rage gebracht habe, wie der Freudenausbruch in Gaza nach dem Angriff in Jerusalem, bei dem acht Studenten einer religiösen Schule (Yeshiva) getötet worden waren.

Zuvor - am letzten Wochenende - hatte die israelische Armee im Gazastreifen 120 Palästinenser getötet, die Hälfte von ihnen Zivilisten, unter ihnen Dutzende Kinder. Das war kein “Töte-einen-Türken-und-ruh-dich-aus”. Das war “Töte-hundert-Türken-und-ruh-dich-aus!” Aber Olmert versteht das nicht.

DER FÜNF-TAGE-

Krieg im Gazastreifen (wie ein Hamasführer ihn nannte) war nur ein kleines Kapitel im israelisch-palästinensischen Kampf. Das blutrünstige Monster ist niemals satt, und mit dem Fressen wächst nur sein Appetit.

Dieses Kapitel begann mit der “gezielten Liquidation” von fünf ranghohen Militanten innerhalb des Gazastreifens. Die “Antwort” war eine Salve von Raketen, und dieses Mal nicht nur nach Sderot, sondern auch nach Ashkalon und Netivot. Die “Antwort” auf die “Antwort” war der Einfall der Armee und das massive Töten.

Das angegebene Ziel war - wie immer - den Raketenbeschuss zu stoppen. Auf welche Weise: indem man die größtmögliche Anzahl von Palästinensern tötet, um ihnen eine Lektion zu erteilen. Die Entscheidung gründete sich auf das traditionelle israelische Konzept: versetze der zivilen Bevölkerung immer mehr Schläge, bis sie ihre Führung gestürzt hat. Dies ist hundert Male versucht worden und ist hundert Male missglückt.

Als ob noch ein Beispiel für die Dummheit der Anhänger dieses Konzeptes fehlen würde, hat der Ex-General Matan Vilnai eines geliefert, als er im Fernsehen kürzlich sagte, dass die Palästinenser eine “Shoah” über sich selbst bringen würden. Das hebräische Wort Shoah ist in der ganzen Welt bekannt und hat dort eine klare Bedeutung: der Holocaust, der von den Nazis gegenüber den Juden ausgeführt wurde. Vilnais Äußerung breitete sich wie ein Lauffeuer über die ganze arabische Welt aus und verursachte eine Schockwelle. Ich selbst erhielt Dutzende von Telefonanrufen und Emails aus der ganzen Welt. Wie soll man Leute davon überzeugen, dass im hebräisch-sprachlichen Alltag Shoah “nur” eine “große Katastrophe” bedeutet und dass der General Vilnai, ein früherer Kandidat für den Posten des Generalstabschefs nicht der Intelligenteste ist?

Vor ein paar Jahren rief Präsident Bush zu einem “Kreuzzug” gegen den Terrorismus auf. Er hatte keine Vorstellung davon, dass für Hunderte von Millionen Araber das Wort “Kreuzzug” eines der großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte in Erinnerung bringt: das entsetzliche Massaker, das von den Kreuzfahrern an Muslimen (und Juden) in den Gassen Jerusalems begangen wurde. Bei einem Intelligenztest zwischen Bush und Vilnai wäre die Frage nach dem Sieger wohl nur schwer zu beantworten.

VILNAI VERSTEHT

nicht, was das Wort “Shoah” für andere bedeutet, und Olmert versteht nicht, warum man sich in Gaza nach dem Angriff auf die Yeshiva in Jerusalem gefreut hat. Kluge Männer wie diese führen den Staat, die Regierung und die Armee. Kluge Männer wie sie bestimmen die öffentliche Meinung durch die Medien. Was ist ihnen gemeinsam? Abgestumpfte Gefühllosigkeit gegenüber jedem, der nicht jüdisch/israelisch ist. Hier liegen die Ursachen für die Unfähigkeit, die Psychologie der andern Seite und dann die Folgen ihrer Worte und Taten zu erkennen.

Dies drückt sich auch in der Unfähigkeit aus, zu verstehen, warum die Hamasleute behaupteten. im Fünf-Tage-Krieg gesiegt zu haben. Was für einen Sieg? Schließlich wurden nur zwei israelische Soldaten und ein israelischer Zivilist getötet - aber 120 Palästinenser, Kämpfer sowie Zivilisten.

Aber diese Schlacht wurde zwischen einer der stärksten Armeen der Welt ausgefochten, die mit den modernsten Waffen der Welt ausgerüstet ist und ein paar tausend Irregulären mit primitiven Waffen. Wenn die Schlacht “unentschieden” endet - und solch eine Schlacht endet immer “unentschieden”, dann ist das ein großer Sieg für die schwache Seite. So war es im 2. Libanonkrieg und nun im Gazakrieg.

(Binyamin Netanyahu machte in dieser Woche eine der dümmsten Statements: er forderte, die “israelische Armee müsste sich vom Abnützungskrieg zum Entscheidungskrieg bewegen) In einem Kampf wie diesem gibt es aber nie eine Entscheidung.)

Das wirkliche Resultat wird nicht in materiellen und quantitativen Fakten gemessen: so und so viele Tote, so und so viele Verletzte, so und so viel zerstört. Die Resultate sind psychologischer Natur, die nicht gemessen werden können und die daher für die Generäle vollkommen unverständlich sind: wie viel Hass wurde dem so wie so schon brodelnden Topf hinzugefügt, wie viel neues Potential an Selbstmordattentätern wurde geschaffen, wie viele Leute haben Rache geschworen und werden zu tickenden Bomben - wie der Jerusalemer junge Mann, der an einem strahlenden Morgen dieser Woche aufwachte, eine Waffe ergriff und zur Merkaz-Harav-Yeshiva ging, der Mutter aller Siedlungen, und so viele tötete, wie er konnte.

Nun setzt sich die politische und militärische Führung Israels zusammen und diskutiert, was man tun sollte, wie “antworten”. Keine neue Idee kam bis jetzt oder wird kommen, weil keiner dieser Politiker und Generäle in der Lage ist, eine neue Idee hervorzubringen. Sie können nur zu den hundert Dingen zurückkehren, die sie schon immer getan haben und die hundert Male misslungen sind.

DER ERSTE

Schritt aus diesem Wahnsinn wäre, all unsere Vorstellungen und Methoden der letzten 60 Jahre zu hinterfragen und mit dem Denken neu zu beginnen, und zwar von Grund auf.

So etwas ist immer schwierig. Es ist sogar schwieriger für uns, weil unsere Führung keine Gedankenfreiheit hat - ihr Denken ist sehr eng mit dem Denken der amerikanischen Führung verquickt.

In dieser Woche wurde ein schockierendes Dokument veröffentlicht: David Roses Artikel in Vanity Fair. Er beschreibt, wie US-Beamte in den letzten Jahren der palästinensischen Führung jeden einzelnen Schritt diktierten, ja, bis zum kleinsten Detail. Obwohl der Artikel die israelisch-amerikanischen Beziehungen nicht berührt (an sich schon eine überraschende Auslassung), ist es klar, dass der amerikanische Kurs, einschließlich der kleinsten Dinge, mit der israelischen Regierung abgesprochen war.

Warum schockierend? Die Dinge waren im Großen und Ganzen schon bekannt. Diesbezüglich brachte der Artikel nichts Neues: a) Die Amerikaner befahlen Mahmoud Abbas, parlamentarische Wahlen abzuhalten, um darzustellen, dass Bush dem Nahen Osten die Demokratie bringe; b) Hamas gewann überraschend die Wahlen; c) die Amerikaner verhängten über die Palästinenser einen Boykott, um die Wahlergebnisse zu annullieren, d) Abbas wich einen Augenblick von der ihm diktierten Politik ab und schloss unter der Schirmherrschaft (und unter Druck) der Saudis ein Abkommen mit der Hamas; e) die Amerikaner machten dem ein Ende und zwangen Abbas, alle Sicherheitsdienste an Muhammad Dahlan abzutreten, den sie für die Rolle eines starken militärischen Herrschers über Palästina ausgewählt hatten, f) die Amerikaner lieferten Dahlan eine Menge Geld und Waffen, trainierten seine Männer und befahlen ihm, einen Militärschlag gegen die Hamas im Gazastreifen auszuführen, g) die gewählte Hamasregierung kam diesem zuvor und führte selbst einen bewaffneten Gegenschlag aus.

All dies war im Voraus bekannt. Neu daran ist, dass die bisherige Mischung von Nachrichten, Gerüchten und intelligenten Vermutungen jetzt zu einem zuverlässig dokumentierten Bericht geworden ist, der sich auf offizielle US-Dokumente gründet. Er ist ein Zeichen für die erschreckende amerikanische Ignoranz, die sogar die israelische Unwissenheit über den internen palästinensischen Prozess übertrumpft.

George Bush, Condoleezza Rice, der zionistische Neokonservative Elliot Abrams und das Sortiment amerikanischer Generäle konkurrieren - was Wissen und Erkenntnisse betreffen - mit Ehud Olmert, Zipi Livni, Ehud Barak und unsern Generälen, deren Verständnis gerade bis ans Ende der Kanonenrohre ihrer Panzer reicht.

Die Amerikaner haben inzwischen Dahlan vernichtet, indem sie ihn als ihren Agenten öffentlich gemacht haben - im Sinne von “er ist ein Hurensohn aber er ist unser Hurensohn”. In dieser Woche verabreichte Condoleezza auch Abbas einen tödlichen Schlag. Er hatte am Morgen verkündet, dass er die (bedeutungslosen) Friedensgespräche mit Israel suspendiere - es war das Mindeste, was er als Antwort auf die Grausamkeiten im Gazastreifen hatte machen können. Rice erhielt diese Nachricht, während sie ein Frühstück in anregender Gesellschaft mit Livni hatte; sie rief sofort Abbas an und befahl ihm, diese Ankündigung zurückzunehmen. Abbas gab auf und zeigte sich so seinem Volk in voller Blöße.

LOGIK WAR

nicht dem israelitischen Volk auf dem Sinai, sondern den alten Griechen auf dem Olymp gegeben worden. Wollen wir sie trotzdem anwenden?

Was versucht unsere Regierung im Gazastreifen zu erreichen? Sie will die Hamasherrschaft stürzen (und damit nebenbei auch ein Ende des Raketenbeschusses gegen Israel).

Sie versuchte dies durch die Verhängung einer totalen Blockade über die Bevölkerung in der Hoffnung, dass sie sich gegen die Hamas erhebe und sie stürze. Dies misslang. Der alternative Weg wäre eine Wiederbesetzung des ganzen Gazastreifens. Dies würde viele Soldatenleben kosten, vielleicht mehr, als die israelische Öffentlichkeit zu bezahlen bereit ist. Es würde auch nicht helfen, weil die Hamas in dem Moment des israelischen Rückzuges zurückkehren würde, wenn sich Israel zurückziehen würde. (Nach Mao Tse-Tungs Rat an Guerillas: “Wenn der Feind vordringt, zieht euch zurück. Wenn der Feind sich zurückzieht, dann dringt vor!”).

Das einzige Ergebnis des Fünf-Tage-Krieges ist die Stärkung der Hamas und dass das Volk sich hinter sie stellt - nicht nur im Gazastreifen, sondern auch in der Westbank und in Ostjerusalem. Die Siegesfeiern der Hamas waren gerechtfertigt. Der Raketenbeschuss ging weiter. Die Reichweite der Raketen wird größer.

Aber nehmen wir einmal an, Israel hätte Erfolg gehabt und Hamas wäre besiegt worden. Was dann? Abbas und Dahlan hätten nur auf israelischen Panzern als Subunternehmer der Besatzung zurückkehren können. Keine Versicherungsgesellschaft würde mit ihnen eine Lebensversicherung abschließen. Und wenn sie nicht zurückkämen, dann entstünde ein Chaos, aus dem dann wiederum extreme Kräfte entstehen würden, wie wir sie uns nicht einmal vorstellen können.

Schlussfolgerung:

Die Hamas ist hier. Sie kann nicht ignoriert werden. Wir müssen mit ihr eine Waffenpause erreichen. Kein Scheinangebot nach dem Motto: “wenn sie mit dem Schießen zuerst aufhören, werden wir auch mit dem Schießen aufhören.” Ein Waffenstillstand ist wie ein Tango, dazu sind zwei nötig. Er muss sich aus einem detaillierten Abkommen ergeben, das das Ende von bewaffneten und anderen Feindseligkeiten einschließt - und zwar in allen besetzten Gebieten.

Die Waffenpause wird nicht halten, wenn sie nicht von beschleunigten Verhandlungen für eine langfristige Waffenpause (Hudna) und Frieden begleitet wird. Solche Verhandlungen können nicht mit der Fatah ohne Hamas abgehalten werden, auch nicht mit der Hamas ohne Fatah. Was jetzt also dringend nötig ist, ist eine palästinensische Regierung, die beide Bewegungen einschließt. Sie muss Persönlichkeiten einschließen, die das Vertrauen des ganzen palästinensischen Volkes haben, wie z.B. Marwan Barghouti.

Das ist genau das Gegenteil der gegenwärtigen israelisch-amerikanischen Politik, die Abbas sogar verbietet, mit der Hamas zu reden. In der ganzen israelischen Führung, genau wie in der amerikanischen Führung gibt es niemanden, der das offen auszusprechen wagt. Deshalb wird es so weiter gehen, wie es bis jetzt gegangen ist.

Wir werden hundert Türken töten und dann ausruhen. Und ab und zu wird ein Türke kommen und einige von uns töten.

Warum um Gottes willen? Was haben wir ihnen denn getan?

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs/ Christoph Glanz, vom Verfasser autorisiert


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« Antworten #1 am: 10. Mär 2008, 15:11 »

Zwei Anmerkungen vorweg:
1. Wieso derjenige, der diesen Artikel von Uri Avnery in "Radio Utopie" postete, diese beknackte Einleitung dazu gesetzt hat, die in der Originalquelle nicht enthalten war, wird mir wohl ein Rätsel bleiben.
2. Der Artikel ist zwar lesenswert und lehrreich wie so ziemlich alles, was mein politischer Mentor Uri Avnery verfasst hat, bringt aber nur wenig zum Thema, da es hier nicht um Türken, sonder um Palästinenser geht.

Das angeführte historische Beispiel hat aber natürlich einen Bezug zu jeder kriegerischen Aggression und sollte all jenen Müttern zu lesen gegeben werden, die ihre Söhne mit der türkischen Armee in deren Kriege ziehen lassen.

Zur Warnung. Dass nämlich, wer auszieht die Gegner der Politik seines Staates zu Hunderten niederzumetzeln, von einer Kugel getroffen in einer Holzkiste oder einem Plastiksack ("bodybag") heimkehren könnte. In den letzten hundert Jahren mussten Millionen deutscher Mütter innerhalb von 31 Jahren diese Erfahrung machen und in den letzten 5 Jahren auch weit über 3000 Mütter in "Gottes eigenem Land".

Uri Avnery sagte es wieder einmal, wie schon so oft zuvor seit rund 50 Jahren, den Müttern in seinem Land, die stolz darauf sind eine "jüdische Mutter" zu sein, wie jene im Gleichnis, das eben wirklich kein Witz ist, weil solch ein Dialog in der Realität so manches Landes in diesen Tagen vorkommt, und weil diese Geschichte sich immer noch wiederholt.

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« Antworten #2 am: 05. Apr 2008, 21:05 »

Uri Avnery und sein Denken begeistern mich vom Tag zu Tag immer mehr. Seine Texte und Publikationen sind besonders wegweisend und zugleich eine reine Bereicherung. Deshalb darf er auch hier nicht fehlen und zu seinem Ehren sollten wir ihm auch einen eigenen Strang widmen, in dem möglichst viele seiner Texte, die gerade für uns von Bedetung sind zusammengetragen und hoffentlich auch gelesen werden. Da er, meiner Ansicht nach, wirklich zu den wenigen Menschen zählt, die wissen wovon sie reden! Hierbei könnten wir auch von Amos seinen Erfahrungen profitieren, da er Uri Avnery auch persönlich kennt, wenn ich mich richtig entsinne!

@Admins

Es wäre nett, wenn man diese beiden themen zusammen tragen könnten!

http://www.kurdmania.com/Forum-action-post-topic-2525-num_replies-1.html

Zitat
"Autonomie für die Kurden"

Uri Avnery zieht Vergleich
Sigrid Averesch

Der israelische Publizist Uri Avnery fordert einen weltweiten Stopp der Rüstungsexporte in die Türkei. "Die Regierungen dürfen der Türkei keine Waffen liefern, solange die türkische Regierung einen Krieg gegen die Kurden führt", so der Träger des Aachener Friedenspreises im Gespräch mit der "Berliner Zeitung".

Der 75jährige verweist auf die Vertreibung der Kosovaren. "Das ist eine Mahnung für die Weltöffentlichkeit, einem solchen Zustand in der Türkei vorzubeugen." Die türkische Regierung verfolge wie die serbische eine rückwärtsgewandte Politik. "Die Serben denken an eine Schlacht, die sie vor 610 Jahren im Kosovo verloren haben. In der Türkei bestimmen Ansichten aus der Zeit Kemal Atatürks die Politik, durch die die Kurden unterdrückt werden. Selbst die Existenz des kurdischen Volkes wird geleugnet." Davon müsse die Regierung in Ankara Abstand nehmen, sonst gefährde sie den Bestand des Landes, so Avnery. Er fordert für die Kurden Autonomie sowie das Recht auf kulturelle Identität. "Das ist das Minimum."

Für Avnery, der in seiner Jugend aus Deutschland fliehen mußte, der in Israel im Untergrund gegen die Briten kämpfte und seit langem für die Verständigung mit den Palästinensern eintritt, ergibt sich das Engagement für die Kurden aus dem eigenen Lebensweg. "Ich fühle mich mit dem kurdischen Volk aufs tiefste verbunden", sagt der frühere Knesset-Abgeordnete. Er erinnert daran, daß das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser nach jahrzehntelangem Kampf anerkannt worden sei. "Das ist ein Vorgang, der auch in der Türkei unabwendbar ist", ist der Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung überzeugt. Er setzt vor allem auf die Öffentlichkeit. "Im Kosovo ist zu erleben, wie die anständige Menschheit mobilisiert werden kann, um solchen Unterdrückungen ein Ende zu setzen." Der 75jährige verweist auch auf Südafrika. Dort habe der internationale Druck dazu beigetragen, daß das weiße Unterdrükkungsregime zusammengebrochen sei. "Die Weltöffentlichkeit muß für die Rechte der Kurden eintreten", appelliert Avnery.

Einen Schritt dazu sieht er in der Initiative, die sich für einen rechtsstaatlichen Prozeß für PKK-Chef Abdullah Öcalan vor einem internationalen Tribunal und für einen Dialog zwischen der türkischen Regierung und den Kurden einsetzt. Den Aufruf haben fünf Nobelpreisträger, darunter Adolfo Perez Esquivel, Dario Fo und Desmond Tutu, unterschrieben, ebenso der frühere US-Justizminister Ramsey Clark und die Autoren Arthur Miller und Harold Pinter. "Ich hoffe, daß wir die Weltöffentlichkeit zum Erwachen bringen", sagt Avnery, der ebenfalls zu den Initiatoren zählt.

Einwänden, er setze sich für einen Mann ein, dem Verbrechen vorgeworfen werden, hält Avnery seine Erfahrungen entgegen. "Alle Freiheitskämpfer des 20. Jahrhunderts wurden von ihren Feinden als Terroristen bezeichnet. Das galt für Arafat und Mandela." Er selbst sei von der englischen Regierung als Terrorist bekämpft worden. "Wer Öcalan Gewalt vorwirft, muß fragen, welchen Weg die Kurden hätten beschreiten können. Es gibt keine legale Partei in der Türkei, die für eine kurdische Autonomie eintreten kann", argumentiert Avnery. Er verweist auf die UCK und die PLO. "Es ist eine traurige Tatsache, daß am Ende des 20. Jahrhunderts kein unterdrücktes Volk eine Aussicht hat, ein Minimum seiner Rechte ohne Gewalt zu erreichen."

Das müsse geändert werden, fordert Avnery. "Die Weltgemeinschaft muß einschreiten, damit solche Völker ihr Recht ohne Anwendung von Gewalt erreichen können." Für die Kurden sieht er einen Weg in einer Internationalen Konferenz.


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« Antworten #3 am: 06. Apr 2008, 01:09 »

Danke, kleiner Bruder Miro, dass Du da mal wieder was Gutes ausgegraben hast.  Lächelnd

Das ist im Prinzip genau das, was ich zu diesem Thema von Uri Avnery erwartet habe, der redet nicht lange um den heißen Brei herum, sondern sagt, was vielen seiner ZuhörerInnen erst einmal unbequem ist. Und viele, die sich über seine Reden aufregten, mussten einige Jahre später kleinlaut zugeben, dass er mal wieder Recht hatte. So wird das auch diesmal sein. Fragt sich nur, wie lange "die anderen" benötigen, um das zu begreifen.

Dein Anliegen nach einer gründlicheren Aufarbeitung der journalistischen Arbeit von Uri Avnery für die KM-Communitiy unterstütze ich gern. Wir können ja gemeinsam einen Leitartikel für den Redaktionsbereich verfassen und einen Überblick geben über Avnery's Schaffen der letzten gut 50 Jahre. Aber fürs erste sollten sich alle Interessierten mal seine Kurzbiografie bei wikipedia anschauen und seine Homepage auf deutsch.

Ach ja, einen Fehler muss ich bei der "Berliner Zeitung" bemeckern: Sie haben ihn um 10 Jahre verjüngt, er wird im September 85!
« Letzte Änderung: 06. Apr 2008, 03:41 von Amos » Gespeichert

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« Antworten #4 am: 08. Apr 2008, 15:11 »

�Nicht du! Du!!!�
Die Tibeter sind nicht das einzige Volk auf Erden, dem das Recht auf Unabhängigkeit mit brutaler Gewalt verweigert wird

Foto: © dpa
 Free Tibet

Tel Aviv (Weltexpress) - �He ! Nimm deine Hände weg ! Nicht du! Du!!!� - so hört man die Stimme einer jungen Frau im dunklen Kinosaal in einem alten Witz.
�He du! Nimm die Hände weg von Tibet!� schreit der internationale Chor. �Aber nicht von Tschetschenien! Nicht vom Baskenland! Und sicher nicht von Palästina!� Und das ist kein Witz.

Wie jedermann unterstütze ich die Rechte des tibetanischen Volkes auf Unabhängigkeit oder wenigstens auf eine Autonomie. Wie jedermann verurteile ich die Aktionen der chinesischen Regierung dort. Aber ich bin nicht - wie jedermann - bereit, mich an den Demonstrationen zu beteiligen.

Warum? Weil ich ein ungutes Gefühl habe, dass ich mich damit einer Gehirnwäsche unterziehe, dass das, was da vor sich geht, eine Übung in Heuchelei ist.

Ich denke dabei nicht an die Manipulation. Schließlich ist es kein Zufall, dass die Unruhen in Tibet am Vorabend der Olympischen Spiele stattfinden. Das ist in Ordnung. Ein für seine Freiheit kämpfendes Volk hat das Recht, jede Gelegenheit zu nutzen, die sich ergibt, um seinen Kampf zu fördern.

Ich unterstütze die Tibeter, obwohl mir bewusst ist, dass die Amerikaner diesen Kampf für ihre eigenen Zwecke ausnützen. Klar, die CIA hat den Aufstand geplant und organisiert, und die amerikanischen Medien führen die weltweite Kampagne. Sie ist ein Teil des verborgenen Kampfes zwischen den USA, der herrschenden Supermacht, und China, der aufstrebenden Supermacht � eine neue Version des �Großen Spiels�, das im 19. Jahrhundert in Zentralasien zwischen Großbritannien und Russland gespielt wurde. Tibet ist nur eine Karte in diesem Spiel.

Ich bin sogar bereit, die Tatsache zu ignorieren, dass die sanften Tibeter ein mörderisches Pogrom gegen unschuldige Chinesen ausführten, Frauen und Männer töteten und Häuser und Läden anzündeten. Solche abscheulichen Exzesse geschehen während eines Befreiungskampfes.

Nein, was mich wirklich stört, ist die Heuchelei der Weltmedien. Sie stürmen und brausen über Tibet. In Tausenden von Kommentaren und Talkshows häufen sie Verfluchungen und Beschimpfungen über das bösartige China. Es sieht so aus, als seien die Tibeter das einzige Volk auf Erden, dem das Recht auf Unabhängigkeit mit brutaler Gewalt verweigert wird � wenn nur Peking seine schmutzigen Hände von den safrangelben Gewändern der Mönche wegnähme, dann wäre in dieser Welt alles in Ordnung.

Zweifellos hat dann das tibetische Volk das Recht, sein eigenes Land zu regieren, seine eigene Kultur zu pflegen, seine religiösen Institutionen zu fördern und fremde Siedler daran zu hindern, in seinem Lande aufzutauchen.

Aber haben die Kurden in der Türkei, im Irak und in Syrien nicht dasselbe Recht? Die Bewohner der West-Sahara, deren Gebiet von Marokko besetzt ist? Die Basken in Spanien? Die Korsen vor der Küste Frankreichs? Und die Liste könnte so noch lange fortgesetzt werden.

Warum bringen die Medien der Welt nur den einen Unabhängigkeitskampf, aber ignorieren oft zynisch einen anderen Unabhängigkeitskampf? Was macht das Blut eines Tibeters röter als das Blut von tausend Afrikanern im Ost-Kongo?

Immer wieder versuche ich, auf dieses Rätsel eine ausreichende Antwort zu finden. Vergeblich.

Immanuel Kant fordert uns auf: �Handle so, dass der Beweggrund deines Willens jederzeit zugleich als Grundgesetz einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.� Entspricht diese Haltung gegenüber dem tibetanischen Problem dieser Regel? Reflektiert unsere Haltung gegenüber diesem Kampf nach Unabhängigkeit dem aller unterdrückten Völker?

Ganz und gar nicht.

Wenn dem so ist, was bringt die internationalen Medien dazu, zwischen den verschiedenen Befreiungskämpfen, die zur Zeit auf der Welt geführt werden, einen Unterschied zu machen?

Hier sind ein paar relevante Betrachtungsweisen:

- Hat das nach Unabhängigkeit strebende Volk eine besonders exotische Kultur?

- Ist es ein attraktives Volk, d.h. ist es vom Standpunkt der Medien �sexy�?

- Wird der Kampf von einer besonders charismatischen Person angeführt, die von den Medien geliebt wird?

- Wird die unterdrückende Regierung von den Medien gehasst?

- Gehört die unterdrückende Regierung zum pro-amerikanischen Lager? Das ist ein bedeutsamer Faktor, da die USA einen großen Teil der internationalen Medien beherrschen und ihre Nachrichtenagenturen und Fernseh-Netzwerke die Agenda und die Terminologie der Nachrichten bestimmen.

- Sind wirtschaftliche Interessen mit dem Konflikt verbunden?

- Hat das unterdrückte Volk begabte Sprecher, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Medien manipulieren können?

Nach diesen Gesichtspunkten ist kein Volk wie die Tibeter. Sie erfreuen sich idealer Bedingungen.

Im Anblick des Himalaja leben sie in einer der schönsten Landschaften der Erde. Jahrhunderte lang war es ein Abenteuer, überhaupt dorthin zu gelangen. Ihre einzigartige Religion weckt Neugierde und Sympathie. Ihre Gewaltfreiheit ist attraktiv und elastisch genug, um sogar die schlimmsten Gräueltaten zu überdecken, wie das Pogrom, das vor kurzem stattfand. Der im Exil lebende Dalai Lama ist eine romantische Persönlichkeit, ein Medienstar. Das chinesische Regime dagegen wird von vielen gehasst � von den Kapitalisten, weil es eine kommunistische Diktatur ist, von Kommunisten, weil es kapitalistisch geworden ist. Sie fördern einen krassen und hässlichen Materialismus, das ganze Gegenteil dessen, was die spirituellen buddhistischen Mönche leben, die ihre Zeit mit Gebet und Meditation verbringen.

Wenn China eine über tausend Kilometer lange Eisenbahn durch ungastliche Gegenden in die tibetische Hauptstadt baut, dann bewundert der Westen nicht die Leistung der Ingenieure, sondern sieht (ganz zu Recht) das eiserne Monster, das hunderttausend Han-Chinesische Siedler in das besetzte Land bringt.
Und China ist natürlich eine wachsende Macht, deren wirtschaftlicher Erfolg Amerikas Hegemonie in der Welt gefährdet. Ein großer Teil der kränkelnden amerikanischen Wirtschaft gehört schon direkt und indirekt China. Das große amerikanische Empire versinkt in hoffnungslose Schulden, und China mag bald der größte Geldverleiher sein. Die amerikanische Industrie zieht nach China und nimmt Millionen von Arbeitsplätzen mit sich.

Verglichen mit diesem, was haben dann z.B. die Basken zu bieten? Wie die Tibeter leben sie in einem zusammenhängenden Gebiet, das zum größten Teil zu Spanien gehört, ein kleiner Teil in Frankreich. Auch sie sind ein altes Volk mit einer eigenen Sprache und Kultur. Aber diese sind nicht besonders exotisch und ziehen keine Aufmerksamkeit an. Keine Gebetsmühlen, keine Mönche in Roben.

Die Basken haben auch keinen romantischen Führer wie Nelson Mandela oder den Dalai Lama. Der spanische Staat, der sich auf den Trümmern von Francos verachteter Diktatur erhob, erfreut sich in aller Welt großer Beliebtheit. Spanien gehört zur Europäischen Union, die grundsätzlich mit den USA verbunden ist.

Der bewaffnete Kampf der Basken im Untergrund wird von vielen verabscheut und als �Terrorismus� betrachtet, besonders, nachdem Spanien den Basken eine weitreichende Autonomie zugesprochen hat. Unter diesen Umständen haben die Basken überhaupt keine Chance, für ihre Unabhängigkeit die Unterstützung der Welt zu bekommen.

Die Tschetschenen sollten in einer besseren Situation sein. Auch sie sind ein besonderes Volk, das seit langem von den Zaren des russischen Reichs, einschließlich Stalin und Putin unterdrückt worden ist. Aber leider sind sie Muslime � und in der westlichen Welt hat sich nun anstelle des Jahrhunderte währenden Antisemitismus die Islamophobie gesetzt. Islam ist zum Synonym für Terrorismus geworden, er wird als eine Religion von Gewalt angesehen. Bald wird man enthüllen, dass Muslime christliche Kinder schlachten, um deren Blut zum Backen von Pitabrot zu verwenden. (In Wirklichkeit ist es natürlich die Religion von Dutzenden vollkommen verschiedener Völker, von Indonesien bis Marokko und von Kosovo bis Sansibar).

Die USA fürchten nicht Moskau, aber Peking. Russland sieht im Gegensatz zu China nicht danach aus, als könnte es das 21. Jahrhundert beherrschen. Der Westen hat kein Interesse, den kalten Krieg wieder aufleben zu lassen, wie es anscheinend an einer Wiederholung der Kreuzzüge gegen den Islam Interesse hat. Die armen Tschetschenen, die keinen charismatischen Führer oder außerordentlichen Redner haben, sind aus den Schlagzeilen verbannt worden. Was die Welt betrifft kann Putin sie schlagen so viel er will, Tausende umbringen und ganze Städte auslöschen.

Das hindert Putin nicht, die Forderungen Abchasiens und Südossetiens zu unterstützen, die sich von Georgien trennen, ein Land das Russland ärgert.

Wenn Imanuel Kant wüsste, was sich im Kosovo abspielt, dann würde er sich am Kopfe kratzen.

Die Provinz verlangte seine Unabhängigkeit von Serbien und ich habe dies auch mit ganzem Herzen unterstützt. Es ist ein Volk für sich mit einer anderen Kultur (albanisch) und seiner eigenen Religion (Islam). Nachdem der populäre Führer Slovodan Milosevitch versuchte, es aus seinem Land zu vertreiben, erhob sich die Welt und gab moralische und materielle Unterstützung für seine Unabhängigkeit.

Die albanischen Kosovaren sind 90% Bürger des neuen Staates, der eine Bevölkerung von zwei Millionen hat. Die anderen 10 % sind Serben, die kein Teil des neuen Kosovo sein wollen. Sie wollen, dass ihr Stück Land an Serbien angeschlossen wird. Haben sie nach Kants Maxime das Recht dazu?

Ich würde ein pragmatisches moralisches Prinzip vorschlagen. Jede Bevölkerung, die in einem bestimmten Gebiet wohnt und einen klaren nationalen Charakter hat, hat ein Recht auf Unabhängigkeit. Ein Staat, der solch eine Bevölkerung innerhalb seiner Grenzen behalten will, sollte darauf achten, dass sie sich dort wohl fühlt, dass sie ihre vollen Rechte erhält, also die Gleichheit vor dem Gesetz und eine Autonomie, die ihre Bestrebungen befriedigt. Kurz: dass sie nicht den Wunsch nach Trennung hat.

Das trifft auf die Franzosen in Kanada zu, auf die Schotten in Großbritannien, die Kurden in der Türkei und anderswo die ethnischen Gruppen in Afrika, die Indigenen in Latein-Amerika, die Tamilen in Sri Lanka und viele andere. Jede hat ein Recht auf volle Gleichheit, Autonomie und Unabhängigkeit.

Dies bringt uns natürlich zum palästinensischen Problem.

In der Konkurrenz um Sympathie mit den Weltmedien haben die Palästinenser einen unglücklichen Stand. Nach allen objektiven Standards haben sie ein Recht auf volle Unabhängigkeit, genau wie die Tibeter. Sie bewohnen ein bestimmtes Land, sie sind eine besondere Nation, eine klare Grenze besteht zwischen ihnen und Israel. Man müsste wirklich ziemlich hirnverbrannt sein, um diese Fakten zu leugnen.

Doch die Palästinenser leiden unter mehreren Schicksalsschlägen: das Volk, das sie unterdrückt, behauptet von sich selbst, dass es das Opfer par excellence sei. Die ganze Welt sympathisiere mit den Israelis, weil die Juden die Opfer des schrecklichsten Verbrechens der westlichen Welt waren. Dies schafft eine schwierige Situation: der Unterdrücker ist beliebter als das Opfer. Jeder, der mit den Palästinensern sympathisiert, wird automatisch des Antisemitismus verdächtigt und als Holocaustleugner betrachtet.

Dazu kommt, dass die Mehrheit der Palästinenser Muslime sind (Kaum einer beachtet die palästinensischen Christen). Da der Islam im Westen Furcht und Abscheu hervorruft, wurde der palästinensische Kampf automatisch ein Teil der formlosen Bedrohung, des sog. �internationalen Terrorismus�. Und seit dem Mord an Yasser Arafat und Sheik Achmed Yassin haben die Palästinenser keinen besonders beeindruckenden Führer mehr � weder bei der Fatah noch bei der Hamas.

Die Weltmedien weinen wohl Tränen um das tibetische Volk, dessen Land von den chinesischen Siedlern weggenommen wurde. Aber wer kümmert sich schon um die Palästinenser, deren Land von unsern Siedlern weggenommen wird?

Im weltweiten Tumult um Tibet vergleichen sich die israelischen Sprecher - so seltsam das klingt � mit den armen Tibetern, nicht mit den bösen Chinesen. Viele denken, dies sei logisch.

Wenn Kant aus seinem Grab steigen würde und nach den Palästinensern gefragt würde, dann würde er wahrscheinlich geantwortet haben: �Gebt ihnen, was ihr glaubt, das jedem gegeben werden sollte, und weckt mich nicht auf, um wieder blöde Fragen zu stellen.�

    * Autor: Uri Avnery

Quelle http://www.weltexpress.info/index.php?artikel_id=83497&lan=de&rubrik=2&paket_id=2305
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« Antworten #5 am: 16. Nov 2008, 20:02 »

Politik
Ja, Du kannst es!

Von Uri Avnery

IM JULI 2004 stand der Parteitag der Demokratischen Partei an, auf dem John Kerry zum nächsten Präsidentschaftskandidaten gekürt werden sollte. Das Organisationskomitee musste entscheiden, wer die Schlüsselrede halten sollte. Nach der amerikanischen Tradition gibt diese Rede den Grundton für den gesamten Parteitag an.

„Vielleicht sollten wir dieses Mal einen schwarzen Redner haben?“ fragte jemand.

„Eine gute Idee,“ antwortete der Vorsitzende. „Aber wen?“



Mit zögerlicher Stimme sagte jemand, er habe neulich in Chicago einen jungen Burschen mit einem komischen Namen getroffen: „Er ist schwarz und ein ausgezeichneter Redner. Vielleicht sollten wir es mit ihm versuchen?“

Ich weiß nicht, wer diese Person war und ob solch ein Gespräch stattgefunden hat. Wenn es so war, dann hat dieser Jemand Geschichte gemacht.



„GEBT MIR Generäle, die Glück haben!“ rief Napoleon einmal aus.

Es gibt Leute, die Glück haben, weil sie wissen, wie man das Glück mit beiden Händen packt und damit losrennt. Es ist eine Sache des Talentes. Barack Obama ist solch eine Person.

Seine Rede bei jenem Parteitag vor nur vier Jahren war eine Sensation. Sie inspirierte seine bedrängte Partei und ganz Amerika. Er brachte eine ermutigende Botschaft, eine Botschaft der Hoffnung und vor allem eine einigende Botschaft. Ihr Hauptmotiv war: Lasst uns Amerika wieder vereinigen!

Es schien, dass von den Hunderten von möglichen Botschaften dies die eine war, die das Herz der zerrissenen amerikanischen Nation berührte. Zwischen dem Redner und der Hörerschaft kam es zu einer Verbindung – zu der mystischen Verbindung, um die jeder Redner kämpft, und die nur wenige erlangen. Es ist die Verbindung mit der Geheimnis umwitterten Sache, die ein deutscher Philosoph „den Zeitgeist“ nannte.

Obama fühlte, dass er die Verbindung zur amerikanischen Seele geknüpft hatte. Von diesem Moment an ließ er von dieser Botschaft nicht mehr ab. Er hielt während der langen Wahlkampagne daran fest. Sie brachte ihm den Sieg.


DAS WAR nicht einfach. Als jemand, der mehrere unendlich viel kleinere Wahlkampagnen gemanagt hat, weiß ich, wie schwierig es ist, ein festes Thema zu bestimmen und noch schwieriger, selbst dran zu bleiben.

Im Lauf der Wahlkampagne gibt es unzählige Versuchungen, von der zentralen Botschaft abzuweichen, um auf Dinge zu reagieren, die gerade geschehen, vorübergehende Gelegenheiten zu ergreifen oder auf Angriffe von Gegnern zu reagieren. Es ist schwierig, sich zu beherrschen und den Kurs zu halten.

In der vergangenen Woche rühmten viele Leute Obamas Kampagne. Ich bin mir nicht sicher, ob sie alle begriffen haben, wie recht sie hatten. Er blieb cool, als er hätte zornig werden können; er hätte auf Diffamierungen und Beleidigungen scharf antworten und mit derselben Münze heimzahlen können. Er tat es nicht. Er blieb bis zum Ende fest wie ein Felsen. John McCain andrerseits wollte sich als Vorbild präsentieren – er ein Kriegsheld, ein netter Kerl, ein Symbol von Anstand. Aber mehrere Male ließ er sich herab und diffamierte. Er brachte diese vulgäre Lieferantin von Schmähungen mit sich, Sarah Palin. Im allerletzten Augenblick erlaubte er seinen Anhängern, in Florida ein ekelhaftes Inserat zu veröffentlichen, das Obama anklagte, ein Freund Fidel Castros zu sein und heimlich zu planen, die US in ein zweites Cuba zu verwandeln. Allein dafür hat er es verdient, zu verlieren – und das war es dann auch, was geschah.

Obama jagte nicht dem Glück hinterher. Das Glück verfolgte ihn. Das Palin-Phänomen, ein unglaublich dummer Akt seines Opponenten, brachte ihm die Stimmen der Frauen ein. Der wirtschaftliche Kollaps, der sich auf der Höhe der Wahlkampagne ereignete, sicherte ihm den Sieg. Alle Teile der amerikanischen Gesellschaft schrieen nach einer ermutigenden Botschaft, einer Botschaft der Rettung.


AN HUNDERTEN von Orten rund um die Welt lief die jubelnde Menge auf die Straße, um ihrer Freude über die Wahlergebnisse Ausdruck zu verleihen. In jenen Momenten wurde der Kontakt mit der Welt, den die groben Hände von Bush abgeschnitten hatte, wieder hergestellt.

In Tel Aviv fand keine solche Feier statt. In ganz Israel herrschte bedrückte Stimmung. Das offizielle Israel war wegen des neuen Mannes beunruhigt.

Wenn es auf dem zentralen Platz in Tel Aviv ein Fest gegeben hätte, wäre ich sicher dabei gewesen. Aber meine Freude wäre nicht ungetrübt gewesen, weil ich mich an das erinnert hätte, was auf demselben Platz neun Jahre zuvor geschehen war. Zu dieser Zeit hatte unser Barak - Ehud Barak - die Wahlen gerade gewonnen. Das Land tat einen Seufzer der Erleichterung, so wie in dieser Woche in den USA. Es schien wie ein Tag der Erlösung. Binyamin Netanyahus Amtszeit war eine vollkommene Katastrophe, ein Alptraum von Korruption, Polarisierung und schlimmstem Versagen. Barak erschien wie ein Retter. Hunderttausende jubelnder Menschen strömten zum Rabinplatz, ohne dass jemand dazu aufgerufen hätte. Sie tanzten, sangen, freuten sich und hörten der Rede Baraks, des Erlösers, zu.

Jeder weiß, was danach geschah. Innerhalb weniger Monate brachte Barak die Bevölkerung dazu, ihn zu verabscheuen. Er versagte auf der ganzen Linie und begrub alles, was Yitzhak Rabin aufgebaut hatte. Das Volk wandte sich von ihm ab und reichte die Krone an Ariel Sharon weiter. Die ganze Episode dauerte weniger als zwei Jahre.

Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass so etwas dem amerikanischen Barack nicht geschieht. Aber viele Leute werden sich in dieser Woche an dieses Kapitel erinnern. Heute Abend werden viele Menschen wieder auf den Platz - auf denselben Platz - strömen, um an der jährlichen Gedenkfeier für Yitzhak Rabin, den Ministerpräsidenten, der auf diesem Platz ermordet wurde, teilzunehmen. Dieser Platz trägt inzwischen seinen Namen. Der Hauptredner ist - man mag es kaum glauben - Ehud Barak.


IN DREI Monaten werden in Israel allgemeine Wahlen stattfinden. Einen Barack Obama wird es bei uns nicht geben.

Obama ist ein großer Politiker. Nach meiner Definition ist ein großer Politiker ein Politiker, der nicht nach einem Politiker aussieht. Wie Abe Lincoln, wie Mahatma Gandhi, wie Franklin Delano Roosevelt, wie David Ben Gurion - sie alle sind große Spieler auf der politischen Bühne gewesen, Politiker von Kopf bis Fuß. Aber sie sahen nicht so aus. Ich denke, Obama ist einer von ihnen.

Der Mann, der sich in Israel bei den nächsten Wahlen gute Chancen auf den Sieg ausrechnen kann - Binyamin Netanyahu - ist genau das Gegenteil. Aus jeder Pore strömt schäbige Politik. Während seiner letzten Amtszeit als Ministerpräsident war er ein hoffnungsloser Misserfolg. Falls er gewinnen sollte, wird sich nichts zum Besseren verändern.

Ehud Barak ist eine weitere Antithese des amerikanischen Barack. Wie Netanyahu und Zipi Livni gehört er zur „weißen“ Ashkenazi-Elite. Er hat keine emotionale oder andere Verbindungen mit den Minderheiten. Er ist ein Militarist durch und durch. Er nützte z.B. die Nacht von Obamas Wahl – als die ganze Welt gebannt auf Amerika blickte - dazu aus, die Waffenruhe zu verletzen und eine provokative Militäraktion im Gazastreifen durchzuführen.

Es bleibt noch Zipi Livni. Ist etwas von Obamas Ausstrahlung an ihr hängen geblieben? Kaum zu sagen. Sie ist keine große Rednerin. Sie ist überhaupt keine Rednerin und manche Israelis sehen darin einen Vorteil. Aber sie verspricht „neue Politik“. Sie war nie in Korruptionsskandale verwickelt wie der amtierende Ministerpräsident und Netanyahu und Barak. Sie hat keine militärische Aura. Ihre Amtszeit als Außenministerin hat ihr einige Glaubwürdigkeit als Diplomatin eingebracht.

Das einzige, was fast alle Israelis vereint, ist die große Bedeutung, die guten Beziehungen mit den USA aufrecht zu erhalten. Jeder weiß, dass die augenblickliche Politik nur so lange möglich ist, solange es unbegrenzte amerikanische Unterstützung gibt. Unter den drei Kandidaten scheint Zipi Livni diejenige zu sein, die am ehesten in der Lage ist, mit dem neuen Präsidenten zusammen zu arbeiten. Die Wahl Obamas kann ihr bei ihrer eigenen Wahl behilflich sein, wenn sie es versteht, diese Gelegenheit recht auszunützen.


DIE FRAGE ist: welche Politik wird Obama gegenüber Israel führen?

Jerusalem ist besorgt, aber die Sprecher beruhigen sich selbst und die Öffentlichkeit mit dem hebräischen Sprichwort, dass „der Dämon nicht so schrecklich ist.“. Der neue Kongress ist anders als der letzte, was das Gleichgewicht der Kräfte betrifft, aber seine Furcht vor der Pro-Israel-Lobby wird unverändert sein. Der Einfluss der zionistischen Evangelikalen wird zwar viel geringer sein, aber die AIPAC ist „alive and kicking“, und ihre Tritte werden wie immer schmerzhaft sein.

Wer auch immer der neue Staatssekretär und die anderen Minister sein werden, der israelische Ministerpräsident wird direkten Zugang zum Büro des US-Präsidenten haben. Der neue Türhüter, der den wohlklingenden israelischen Namen Ram Immanuel trägt (Ram bedeutet hoch, Immanuel „Gott mit uns“) ist der Sohn eines Irgun-Veteranen, einem israelischen Untergrundkämpfers. Ram wuchs in einer jüdischen Familie auf, spricht hebräisch und eilte der israelischen Armee während des Golfkriegs zu Hilfe. Ich kenne seine Ansichten über den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht, aber sicher wird er den Weg des israelischen Ministerpräsidenten zum US-Präsidenten nicht blockieren.
Falls es einen Wandel geben wird, wird er wahrscheinlich langsam und schrittweise vor sich gehen. Aber selbst dies wäre schon bedeutsam.

Chancen für Fortschritt in Richtung eines israelisch-palästinensischen Friedens wird es ohne amerikanischen Druck auf die israelische Regierung nicht geben. Das hat Jahrzehnte lang gegolten und gilt auch heute noch.

Alle amerikanischen Präsidenten nach Dwight Eisenhower fürchteten sich, solch einen Druck auszuüben. Diejenigen, die es versuchten wie Richard Nixon zu Beginn seiner Amtszeit, zogen diesen schnell wieder zurück. Die einzige Ausnahme war Bush Senior oder vielmehr sein Staatssekretär James Baker, aber dessen Druck (auf den Geldbeutel) dauerte auch nicht lange.

Effektiver amerikanischer Druck muss nicht notwendigerweise brutal sein. Er sollte sanft sein, aber entschieden und fest. Dies würde zu Obamas Temperament passen.

Wenn die neue amerikanische Regierung sich entscheidet, die amerikanischen nationalen Interessen im Nahen Osten neu zu überdenken, und zu dem Schluss kommt, dass der israelisch-arabische Friede ein wesentliches Erfordernis der Nach-Bush-Ära ist, dann muss der neue Präsident den neuen Ministerpräsidenten von dieser Tatsache informieren und höflich, aber eindeutig darum bitten, den Siedlungsbau einzufrieren und mit neuen Verhandlungen zu beginnen - und dieses Mal nicht nur, um die Zeit zu vertreiben, sondern um noch 2009 ein endgültiges Abkommen zu erreichen.

Viele Israelis würden ihm dafür danken. Es ist sogar möglich, dass auch unser nächster Ministerpräsident/ unsere nächste Ministerpräsidentin ihm in einem verborgenen Winkel seines/ihres Herzens danken wird.

Wird der neue amerikanische Präsident dies tun? Ist Barack Obama dazu in der Lage?
Es gibt nur eine mögliche Antwort darauf: ja, Du kannst es!

(Aus dem Englischen, Ellen Rohlfs und Christoph Glanz vom Verfasser autorisiert)



International Herald Tribune bat unmittelbar nach Obamas Sieg zehn Leute rund um den Globus um einen Kommentar; einer von diesen war Uri Avnery 6.11.2008

Gut für Israel?
Die Israelis fragen natürlich: Ist er „gut für Israel“? nach alter jüdischer Weise muss diese Frage mit einer anderen Frage beantwortet werden: „Für welches Israel?“ Ich wage zu hoffen, dass Obama sich als Freund des „anderen Israel“ erweisen wird, des Israels, das den Frieden sucht.
So weit es die nationalen Interessen der USA betreffen, ist der „weitere Nahe Osten“ kein sekundäres Theater. Es ist eines der wichtigsten, und die neue Regierung wird sich von Anfang an mit ihm befassen müssen. Hier ist auch die Theaterbühne, auf der die katastrophalen Fehlschläge von Bush am offensichtlichsten sind. Es wäre im amerikanischen Interesse, für unsere Region eine neue Seite aufzuschlagen und wirklich für einen israelisch-palästinensischen, israelisch-syrischen, israelisch-all-arabischen und vielleicht sogar für einen israelisch-iranischen Frieden zu arbeiten.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass Obama Israel weiter unterstützen wird – nicht das Israel der Tyrannen und der Heuchler, die behaupten, Friedensverhandlungen zu führen, während sie Siedlungen vergrößern, die Schraube der Besatzung in den besetzten Gebieten noch enger anziehen und über das Bombardieren des Iran plappern, sondern das Israel der stillen Mehrheit, die für Frieden bereit ist und nach einer amerikanischen Regierung schreit, die für eine reale Friedensinitiative den entscheidenden Anstoß gibt. (dt. Ellen Rohlfs)

Veröffentlicht: 14. November 2008



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« Antworten #6 am: 12. Jan 2009, 08:53 »

Uri Avnery und seine Artikel:

"Ist es möglich, ein ganzes Volk dahin zu bringen, sich einer fremden Besatzung zu unterwerfen, indem man es aushungert?" in Das große Experiment

"Denkschrift für Obama" in Neuwahlen in Israel - Bibi, der Ayatollah 

"Geschmolzenes Blei" in Sarkozy wirft Israel „unverhältnismäßige Gewalt“ vor



Wie viele Divisionen?

10.01.2009 — uri-avnery.de

" VOR FAST 70 Jahren wurde während des zweiten Weltkriegs in Leningrad ein abscheuliches Verbrechen begangen. Länger als tausend Tage hielten eine Gang von Extremisten, die „Rote Armee“ genannt wurde, Millionen von Einwohnern der Stadt als Geiseln und provozierte die deutsche Wehrmacht aus den Bevölkerungszentren heraus. Die Deutschen hatten keine andere Möglichkeit als die Bevölkerung zu bombardieren und sie einer totalen Blockade auszusetzen, die den Tod von Hunderttausenden verursachte.

Nicht lange zuvor wurde in England ein ähnliches Verbrechen begangen. Die Churchillbande versteckte sich inmitten in die Londoner Bevölkerung und missbrauchte Millionen von Bürgern als menschliche Schutzschilde. Die Deutschen waren so gezwungen, ihre Luftwaffe zu schicken und die Stadt widerwillig in Schutt und Asche zu legen.

Dies ist die Beschreibung, die jetzt in den Geschichtsbüchern stünde – wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten.

Absurd? Nicht absurder als die täglichen Nachrichten unserer Medien, die so oft wiederholt werden, dass einem speiübel wird: die Hamas-Terroristen halten die Bewohner des Gazastreifen als „Geiseln“ und benützen die Frauen und Kinder als „menschliche Schutzschilde“, sie lassen uns keine Alternative, als massive Bombardements durchzuführen, in denen zu unserm großen Bedauern Tausende von Frauen, Kinder und unbewaffneten Männer verletzt oder gar getötet werden.

IN DIESEM KRIEG – wie in allen modernen Kriegen - spielt die Propaganda eine große Rolle. Das rele Kräfteverhältnis zwischen der israelischen Armee mit ihren Kampfflugzeugen, Dronen (unbemannte Flugmaschinen), Kriegsschiffen, Panzern, ihrer Artillerie einerseits und den paar Tausend leicht bewaffneten Hamaskämpfer ist 1.000:1, wenn nicht sogar 1.000.000:1. Auf der politischen Ebene ist der Unterschied vielleicht sogar noch größer. Aber im Propagandakrieg ist der Unterschied grenzenlos.

Fast alle westlichen Medien wiederholten anfangs die offizielle israelische Propagandalinie. Sie ignorierten fast völlig die palästinensische Seite der Geschichte, ebenso wie die täglichen Demonstrationen des israelischen Friedenslagers. Die Gründe der israelischen Regierung („Der Staat muss seine Bürger gegen die Qassam-Raketen schützen“) wurde wie die reine Wahrheit akzeptiert. Der Blickwinkel von der anderen Seite, dass die Qassams nämlich nur eine Antwort auf die Belagerung seien, die anderthalb Millionen Menschen im Gazastreifen an die Grenze des Verhungerns bringt, wurde überhaupt nicht erwähnt.

Erst als die schrecklichen Szenen aus dem Gazastreifen auf den westlichen Bildschirmen zu erscheinen begannen, fing die öffentliche Meinung der Welt langsam an sich zu verändern.

Die westlichen und israelischen Fernsehkanäle zeigten zwar nur einen winzigen Teil des entsetzlichen Geschehens, das jeden Tag 24 Stunden lang auf dem arabischen Aljazeera-Kanal zu sehen ist, aber ein Bild eines toten Babys in den Armen seines in Angst und Schrecken versetzten Vaters ist mächtiger als ein Tausend elegant formulierter Sätze des israelischen Armeesprechers. Und das ist letztendlich entscheidend.

Der Krieg – jeder Krieg – ist ein Lügenreich. Ob dies nun Propaganda oder psychologische Kriegsführung genannt wird, jeder akzeptiert, dass es richtig ist, für sein Land zu lügen. Jeder, der die Wahrheit sagt, riskiert, als Verräter gebrandmarkt zu werden.

Das Problem ist, dass Propaganda zuerst und vor allem den Propagandisten selbst überzeugt. Und nachdem man sich selbst davon überzeugt hat, dass die Lüge die Wahrheit und die Verfälschung die Realität ist, kann man keine vernünftigen Entscheidungen mehr treffen.

Ein Beispiel für diesen Prozess lieferte die bis jetzt erschreckendste Gräueltat dieses Krieges: das Beschießen der UN-Fakhura-Schule im Jabaliya-Flüchtlingslager.

Kurz nachdem dieser Vorfall weltweit bekannt wurde, „enthüllte“ die Armee, dass Hamaskämpfer von einem Vorplatz der Schule aus Mörsergranaten abgeschossen hätten. Als Beweis veröffentlichte man eine Luftaufnahme, auf der tatsächlich die Schule und der Mörser zu sehen waren. Aber innerhalb kurzer Zeit musste der offizielle Armeelügner zugeben, dass das Photo älter als ein Jahr sei. Also eine Fälschung.

Später behauptete der offizielle Lügner, dass „unsere Soldaten aus dem Inneren der Schule“ beschossen worden seien. Aber kaum einen Tag danach musste die Armee dem UN-Personal gegenüber zugeben, dass auch dies eine Lüge gewesen war. Keiner hatte aus der Schule geschossen, keine Hamaskämpfer waren in der Schule, die voll verängstigter Flüchtlinge war.

Aber das Eingeständnis wurde kaum mehr wahrgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war die israelische Öffentlichkeit vollkommen davon überzeugt, dass „aus der Schule geschossen worden war“ und Fernsehsprecher zitierten dies als einfache Tatsache.

Genau so ging es mit den anderen Gräueltaten. Jedes Baby wurde im Augenblick seines Todes zu einem Hamas-Terrorist. Jede zerbombte Moschee wurde sofort zu einer Hamasbasis; jedes Wohngebäude ein Waffenversteck; jede Schule ein Terrorkommandoposten; jedes zivile Regierungsgebäude ein „Herrschaftssymbol der Hamas“. Auf diese Weise blieb die israelische Armee die „moralischste Armee der Welt“.

DIE WAHRHEIT ist, dass die Gräueltaten eine direkte Folge des Kriegsplanes waren. Dies wirft ein Licht auf die Persönlichkeit Ehud Baraks – eines Mannes, dessen Denk- und Handlungsweisen ein klarer Beweis für das ist, was „moralischer Irrsinn“ genannt wird.

Das wirkliche Ziel ( abgesehen davon, mehr Sitze bei den kommenden Wahlen zu gewinnen) ist die Beendigung der Hamasherrschaft im Gazastreifen. In der Vorstellung der Kriegsplaner, sieht die Hamas wie ein Eindringling aus, der fremdes Land kontrolliert. Die Wirklichkeit sieht natürlich ganz anders aus.

Die Hamasbewegung hat bei den ausgesprochen demokratischen Wahlen, die 2006 in der Westbank, in Ostjerusalem und im Gazastreifen stattgefunden haben, die Mehrheit der Stimmen gewonnen. Sie gewann, weil die Palästinenser zur Schlussfolgerung gekommen waren, dass die Fatah durch ihre friedliche, also gewaltfreie Herangehensweise nichts von Israel erreicht hat – weder den Stopp des Siedlungsbaus noch irgendeinen bedeutsamen Schritt in Richtung eines Endes der Besatzung oder der Schaffung des palästinensischen Staates. Die Hamas ist tief in der Bevölkerung verwurzelt – nicht nur als Widerstandsbewegung, die den fremden Besatzer bekämpft so wie einst die (jüdische) Irgun und die Sterngruppe – sondern auch als eine politische und religiöse Körperschaft, die im sozialen, schulischen und medizinischen Bereich aktiv ist.

Vom Standpunkt der Bevölkerung sind die Hamaskämpfer keine Fremdkörper, sondern die Söhne einer jeden Familie im Gazastreifen wie auch in den anderen palästinensischen Gebieten. Sie verstecken sich nicht „inmitten der Bevölkerung“, die Bevölkerung sieht sie als ihre einzigen Verteidiger an.

Deshalb gründet sich die ganze Operation auf irrigen Vermutungen. Das Leben der Bevölkerung in eine Hölle zu verwandeln, wird die Bevölkerung nicht dahin bringen, sich gegen die Hamas zu erheben, sondern das Gegenteil erreichen, sie vereinigt sich hinter der Hamas und verstärkt ihre Entscheidung, sich nicht zu ergeben. Die Bewohner von Leningrad haben sich nicht gegen Stalin erhoben, so wenig wie die von London gegen Churchill.

Derjenige, der den Befehl für solch einen Krieg mit solchen Methoden in einem dicht bevölkerten Gebiet gegeben hat, weiß, dass dieser ein entsetzliches Gemetzel unter der Zivilbevölkerung anrichten wird. Anscheinend hat ihm dies nichts ausgemacht. Oder er glaubt, „dies wird ihr Verhalten verändern“ und „ es wird ihr Bewusstsein verändern“, so dass sie zukünftig Israel nicht mehr zu widerstehen wagen würden.

Die Hauptsache für die Kriegsplaner war, die Todesrate unter den eigenen Soldaten so gering wie möglich zu halten, da sie wussten, dass die Stimmung eines großen Teils der Pro-Krieg-Öffentlichkeit sich ändern würde, sobald Berichte über eigene Todesopfern kommen würden. So war es beim ersten und zweiten Libanonkrieg.

Diese Einstellung spielte eine besonders wichtige Rolle, weil der ganze Krieg ein Teil der Wahlkampagne ist. Ehud Barak, der in den ersten Tagen des Krieges in den Umfragen gewonnen hatte, wusste, dass seine Werte fallen würden, sobald Bilder mit toten Soldaten die Fernsehschirme füllen würden.

Deshalb wurde eine neue Doktrin formuliert: um Verluste unter unseren Soldaten zu vermeiden, solle alles, was in ihrem Weg steht, total zerstört werden. Die Planer waren also nicht nur bereit, 80 Palästinenser zu töten, um einen israelischen Soldaten zu retten, wie es schon geschehen ist, sondern auch 800. Die Vermeidung von Todesfällen auf unserer Seite ist der vordringlichste Befehl, der Rekordzahlen von zivilen Toten auf der andern Seite verursachte.

Dies bedeutete die bewusste Entscheidung für eine besonders grausame Kriegsführung – und das war ihre Achillesferse.

Eine Person ohne Phantasie wie Barak (sein Wahlslogan heißt: „Nicht ein netter Kerl, sondern ein Führer“) kann sich nicht vorstellen, wie anständige Leute rund um den Globus auf solche Aktionen wie die Tötung ganzer Großfamilien, die Zerstörung der Häuser über den Köpfen ihrer Bewohner, auf die Reihen von Jungen und Mädchen in Leichensäcken, auf die Berichte über Leute, die tagelang zu Tode bluten, weil die Krankenwagen nicht zu ihnen durchgelassen werden, auf das Töten von Ärzten und Sanitätern, die auf dem Weg sind, Leben zu retten, auf Berichte über das Erschießen von UN-Fahrern, die Lebensmittel bringen, reagieren. Die Fotos aus den Krankenhäusern mit den Toten, Sterbenden und Verletzten, die aus Platzmangel alle zusammen auf dem Fußboden liegen, haben die Welt erschüttert. Kein Argument hat die Kraft eines Bildes von einem verwundeten kleinen Mädchen, das dort auf dem Boden liegt, sich vor Schmerzen krümmt und „Mama! Mama“! schreit.

Die Kriegsplaner dachten, sie könnten die Welt daran hindern, solche Bilder zu sehen, wenn sie die Presse gewaltsam davon abhalten, zum Schauplatz der Kämpfe zu gelangen. Die israelischen Journalisten waren zu ihrer Schande damit einverstanden, die Berichte und Photos zu bringen, die sie vom Armeesprecher erhalten, als ob dies authentische Nachrichten seien, während sie selbst meilenweit von den Ereignissen entfernt blieben. Ausländische Journalisten wurden gar nicht erst zugelassen, bis sie protestierten und dann zu kurzen ausgewählten und überwachten Trips mitgenommen wurden. Aber in einem modernen Krieg kann eine solch sterile und fabrizierte Sicht alle anderen Perspektiven nicht vollständig ausschließen. Die Kameras sind im Gazastreifen mitten in der Hölle und können nicht kontrolliert werden. Der arabische Sender Aljazeera bringt die Bilder rund um die Uhr und erreicht jedes Haus.

DIE SCHLACHT um den Fernsehschirm ist eine der entscheidenden Schlachten des Krieges.

Hunderte Millionen Araber von Mauretanien bis zum Irak, mehr als eine Milliarde Muslime von Nigeria bis Indonesien sehen diese Bilder und sind geschockt. Dies hat eine große Auswirkung auf den Krieg. Viele der Fernsehzuschauer sehen die Herrscher Ägyptens, Jordanien und der Palästinensischen Behörde als Kollaborateure Israels, das diese Gräueltaten gegen ihre palästinensischen Brüder ausführt.

Die Sicherheitsdienste der arabischen Regime registrieren eine gefährliche Unruhe in der Bevölkerung. Hosni Mubarak, der aufgrund der von ihm zu verantwortenden Schließung des Rafah-Grenzüberganges angesichts panischer Flüchtlinge verantwortlich ist, der exponierteste alle arabischen Führer, begann Druck auf die Entscheidungsträger in Washington auszuüben, die bis jetzt alle Aufrufe für eine Feuerpause blockiert hatten. Diese verstanden langsam die Gefahr für die amerikanischen Interessen in der arabischen Welt und veränderten auf einmal ihre Haltung, was unter den selbstzufriedenen israelischen Diplomaten Bestürzung hervorrief.

Leute mit „moralischem Irrsinn“ können die Motive normaler Menschen nicht verstehen und müssen ihre Reaktionen erraten. „Wie viele Divisionen hat der Papst?“, spottete Stalin. „Wie viele Divisionen haben die Menschen mit Gewissen?“ könnte Ehud Barak nun fragen.

Wie sich herausstellt, haben sie einige. Nicht sehr viele. Und sie reagieren auch nicht sehr schnell. Sie sind auch nicht stark und gut organisiert. Aber in einem bestimmten Moment, wenn die Gräueltaten überhand nehmen und die Massen der protestierenden Demonstranten zusammenkommen, kann dies einen Krieg entscheiden.

DAS VERSAGEN, das Wesen der Hamas zu begreifen, hat auch ein weiteres Versagen verursacht, nämlich die voraussagbaren Folgen zu verstehen: nicht nur dass Israel den Krieg nicht gewinnen kann - die Hamas kann ihn auch gar nicht verlieren.

Selbst wenn es der israelischen Armee gelingen sollte, jeden Hamaskämpfer bis zum letzten Mann zu töten, selbst dann würde die Hamas siegen. Die Hamaskämpfer würden für die arabische Nation als Vorbilder dastehen, als die Helden des palästinensischen Volkes, als Vorbilder, denen jeder junge Mann in der arabischen Welt nacheifern sollte. Die Westbank würde wie eine reife Frucht in die Hände der Hamas fallen. Die Fatah würde in einem Meer der Verachtung untergehen, die arabischen Regime wären in Gefahr zusammenzubrechen.

Falls der Krieg mit einer noch aufrecht stehenden, wenn auch blutenden aber unbezwungenen Hamas endet – angesichts einer so mächtigen Militärmaschine wie der israelischen - dann würde dies wie ein phantastischer Sieg aussehen, wie ein Sieg des Geistes über das Material.

Was sich in das Bewusstsein der Welt einprägen wird, wird das Image von Israel als blutrünstigem Monster sein, das bereit ist, jeden Augenblick Kriegsverbrechen zu begehen, und nicht bereit ist, sich an moralische Einschränkungen zu halten. Dies wird langfristig gesehen schwerwiegende Konsequenzen für unsere Zukunft, für unsere Position in der Welt haben und für unsere Chancen, Frieden und Ruhe zu erlangen.

Am Ende ist dieser Krieg auch ein Verbrechen gegen uns selbst, ein Verbrechen gegen den Staat Israel. "
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« Antworten #7 am: 12. Jan 2009, 17:43 »

Eine Verteidigung Uri Avnerys

Beni Frenkel

Niemand braucht von mir eine imposante Verteidigung zu erwarten, denn ich verteidige Uri Avnery nicht gegen Intellektuelle, Professoren oder auch überhaupt eine bekannte Person, sondern gegen einen Niemand, einen jungen Mann, der sich unter dem Schatten eines Demagogen gleich Henry K. Broder profilieren möchte. Dieser Unbekannte heißt Beni Frenkel – und niemand muss sich diesen Namen einprägen, denn dieser Name könnte euch nie wieder begegnen, vielleicht einmal zufällig auf der Webseite Broders, wo auch ich  einen kargen Beitrag dieser Person zu lesen bekam , nämlich seinen Artikel „Island. Geysire. Uri Avnery“:

Zitat
All das weiß man heutzutage von den Geschichtsbüchern. Doch wie sieht es in der Realität aus? Was muss ein Jude heutzutage machen, um bei der nichtjüdischen Bevölkerung richtig akzeptiert zu werden? Der jüdische Isländer gibt uns die Antwort: man gründet am besten eine Gesellschaft »pro Palästina« und verurteilt sämtliche Aktionen des israelischen Militärs, der Regierung und der Bevölkerung. Erst wenn man sich gegen die Scharon-Regierung stellt, werden einem sämtliche Türen geöffnet. Im besten Fall wird man sogar geliebt.
Ein gutes Beispiel, neben dem Isländer, ist Uri Avnery. Uri kommt aus Israel und ist so links von links, dass man eine neue Himmelsrichtung nach ihm benennen müsste. Uri verurteilt so ziemlich alles, was je eine israelische Regierung gemacht hat. Mit seinem weißen Bart, den blauen Augen und seinem akzentfreien Deutsch gilt Uri vielen Deutschen als zweiter Nathan oder zumindest als legitimen Nachfolger von Moses.
Auf seiner Homepage stehen unter anderem »80 Thesen für den Frieden im Nahen Osten«. Und als wäre er Martin Luther, stehen dort seine Gedanken und Glaubenssätze in einprägsamer Weise. Die 57. These lautet zum Beispiel: »57. das Oslo-Abkommmen hat positive und negative Eigenschaften.«
Wohl selten hat jemand in so klarer Sprache den Sachverhalt des Nahostkonfliktes dargelegt. In den restlichen 79 Thesen steht nichts Besonderes, außer, dass Arafat ein Halbheiliger und Scharon ein Halbteufel ist. Die Schuld liegt bei den Juden. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen. Der Uri, der weiß schon von was er spricht. Ist er nicht Jude? Lebt er nicht in Israel ? Also muss doch alles was er sagt auch stimmen.
Zu sagen aber, Uri wäre besonders »mutig«, ist eine Übertreibung. Wohl in keinem anderen Land als Israel darf man gegen die Juden schimpfen und wird darob auf die Schulter geklopft. Nein,der Uri ist einfach clever genug, in die Lücke des Anklägers zu springen und die offenen Anisemitenmäuler täglich zu füttern. Diese Arbeit muss nicht einmal anstrengend sein. Fakten werden nicht unbedingt verlangt und allzu viel Hintergrundinformationen stört nur. Was man will, ist einfach eine gesalzene Salve gegen die Israelis. Und das kann der Uri.
Seit 1995 erhält er deshalb jährlich zwei Friedenspreise: Ehrenbürgerschaft des Dorfes Abu-Ghosh bei Jerusalem, in Anerkennung seines Anteils an der Verhinderung der Vertreibung des Dorfes, 12. Dezember 1953. Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück , 21. Juni 1995. Ehrenbürgerschaft der Stadt Kafr Kassem, in Anerkennung seines Anteils an der Aufdeckung des Massakers, verliehen am 40. Jahrestag, 31. Oktober 1996. Aachener Friedenspreis (zusammen mit Gush Shalom), 1. September 1997. Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte, 22. Januar 1998. Niedersachsen-Preis für hervorragende publizistische Leistungen, 11. Februar 1998. Palästinensischer Preis für Menschenrechte, verliehen von LAW, die palästinensische Gesellschaft für Menschenrechte, Jerusalem 7. Juni 1998. Alternativer Nobelpreis (Right Livelihood Award 2001), Uri und Rachel Avnery und Gush Shalom, 4.Oktober 2001, Verleihung 7. Dezember 2001, Ehrenmitgliedschaft von Rachel und Uri Avnery in der Erich Maria Remarque Gesellschaft e.V., Osnabrück, 2. Mai 2002 Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg, Verleihung 4. Mai 2002. Lew-Kopelew-Preis, Köln, Verleihung März 2003.
Ich wär der Letzte, der ihm diese Auszeichnungen nicht gönnen würde. Nur stört mich ein bisschen, dass auf seiner Homepage die Suchfunktion noch nicht richtig funktioniert. Gibt man dort »Vorzeigejud«, »Alibijud« oder »Lieblingsjud« ein, kommt immer die gleiche Antwort: Es wurden keine passenden Dokumente gefunden

Ich danke Beni, dass in seinem Artikel jedwede Sachlichkeit oder Argumentation bzw. Begründung seiner Bosheit entbehrt wird und ich damit nicht erst inhaltlich revidieren muss. Eine Anführung bleibt aus Frenkels Artikel hängen, nämlich die Ernennung Uri Avnerys zum Antisemiten, ganz nach der Gepflogenheit seines Mentors Broder.

Vielleicht ist Beni Frenkel noch zu jung, um Avnerys Geist zu verstehen, vielleicht hat er bemerkt, dass zurzeit Antideutschtum schneller zum Erfolg führt und vielleicht ist Avnery bekannt genug, dass eine bescheidene Kritik an seiner Person Aufmerksamkeit erregen könnte. Was haben wir auch erwartet? Könnte es der junge Beni Frenkel, natürlich würde er sich auch inhaltlich mit Avnery auseinandersetzen.

Beni Frenkel,, der hämisch über seine 10-Franken-Spende and die Tsunami-Opfer berichtet und seine Teilnahmslosigkeit signalisiert, denn die Europäer hätten nach seiner Aussage nicht die selben mitfühlenden Reaktionen für die 11.9.2001-Opfer übrig gehabt. Warum sollten also die Opfer des Tsunamis mehr Aufmerksamkeit verdienen?

Beni möchte die Rhetorik seiner provokanten Eminenz Broder nachahmen; vielleicht sollte er erst die Ansichten und die Herangehensweise seines Könners Broder analysieren, bevor er begründungslos kritisiert.

Henryk Broder

Broder, der selbsternannte Staatsanwalt gegen Antisemiten, der notorische Israelunterstützer, wobei seine blinde Unterstützung mit seiner Abneigung gegenüber dem Islam interferiert. Als bedingungsloser Verteidiger Israels reagierte er stets mit der Keule: Wer den Judenstaat kritisierte, galt ihm fortan taxfrei als Antisemit. Legendär ist seine Auseinandersetzung mit André 1982 in profil. Nachdem christliche Milizen unter den Augen ihrer israelischen Verbündeten in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila tausende Palästinenser niedergemetzelt hatten, hatte Heller den israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin als „Räuber und Mörder“ bezeichnet. Broder nannte Heller daraufhin in einem Gegenkommentar implizit einen Antisemiten.

Und Broder versteht sich mit seinem Freund Chabibi Stein besonders gut, der nämlich schrieb :
„Wenn 80 Prozent der im Gazastreifen Getöteten Kämpfer sind und nur 20 Prozent Zivilisten, spricht das für eine ungeheure Treffsicherheit der israelischen Armee, nicht für einen “schmutzigen Krieg.” 

Broder, der unverbesserliche Prediger der westlichen Werte, kämpft gegen die Meinungsfreiheit, wenn sie nicht seiner Meinung entspricht. 

Der Schriftsteller Henryk M. Broder, der der deutschen Jüdin Evelyn Hecht-Galinski wegen ihrer scharfen und wiederholten Kritik an Israels Diskriminierungs-, Besatzungs- und Unrechtspolitik "Antisemitismus und Antizionismus" vorwarf , weiß, wovon er spricht. In seinem Buch "Hurra, wir kapitulieren", das erstaunlicherweise mit Subventionen der Bundeszentrale für politische Bildung vertrieben wird, spricht er zum Beispiel von "Nazi-Islamismus" und nennt anerkannte, israelkritische Nahost-Experten wie Peter Scholl-Latour "Terrorversteher". Den 1,5 Milliarden Muslimen bescheinigt Broder "chronisches Beleidigtsein", obwohl er selbst auf der Jagd nach selbst ernannten Antisemiten als Ewigbeleidigter in seinen Beiträgen provokativ und sexistisch kontert. Untaten muslimischer Jugendlicher wertet Broder als geradezu muslimimmanente Eigenschaften. Dagegen verschließt er vor den Untaten der israelischen Armee in Palästina und vor den beschämenden Ungerechtigkeiten des Staates Israel gegenüber den Palästinensern die Augen, oder er will die grässlichen Missstände, die die Besatzung verursacht, nicht sehen.

Broder führte einst eine mutige Kampagne gegen einen Kölner Nazirichter, der sich beharrlich für die Kurden einsetzte, als in Deutschland kaum jemand wusste, wer die Kurden waren.

"Was an Broders Argumenten irritiert, ist nicht ihr Tabubruch, sondern ihre Apodiktik. Manchmal versteckt sie sich hinter Spott und Ironie" und bedient sich pedantischer Klischees. Ausgerechnet einer, der nicht müde wurde, seiner christlichen Umwelt, zu Recht und manchmal auch zu Unrecht, Antisemitismus vorzuwerfen, beschwört den gemeinsamen islamischen Feind. Vergessen, dass Jahrhunderte der Verfolgung, dass die Pogrome in Russland und die Gaskammern in Auschwitz auf das Konto von Christen gingen, dass es islamische Länder waren, die den Juden eine Heimat boten, als sie 1492 vor der Inquisition und der Zwangschristianisierung fliehen mussten

Mehr über Henryk Broder: Henryk Broder als gesellschaftliches Phänomen

Woran leidet Broder?

Zitat
Für diese Unbelehrbarkeit gibt es nur eine einzige plausible Erklärung, geliefert von dem kürzlich verstorbenen genialen Atomphysiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, als Theorie von der "seelischen Krankheit Friedlosigkeit". Diese beruht nach Weizsäcker auf einem Aussetzen oder Verkümmern der Friedfertigkeit, "einer der größten Kräfte des Menschen". Aber warum dieses Verkümmern? Es ist "fast stets bedingt", so Weizsäcker, "durch mangelnden Frieden mit sich selbst". Dies ist die eigentliche Wurzel der Krankheit. Ist also Islamophobie ein Symptom psychopathologischer Friedlosigkeit?

Dem Psychoanalytiker offenbart sich neurotische Unfriedlichkeit bei Individuen regelmäßig als Folge früher schwerer narzisstischer Kränkungen und Demütigungen, zu deren Bewältigung "erfolgreiche" Rachemuster entwickelt wurden. Der Selbsthass konnte erfolgreich durch triumphale Verletzung anderer kompensiert werden, insbesondere solcher anderer, deren Friedlichkeit als ständige Anklage gegen die eigene Person empfunden wird. Dieses Reaktionsmuster kann sich leicht im Charakter verankern und damit die Chronifizierung der von Weizsäcker beschriebenen Krankheit bewirken. Sie kann sich in Gruppen epidemisch ausbreiten. Solche neurotisch Friedlosen fühlen sich typischerweise durch keine anderen so leicht gereizt wie speziell durch Pazifisten, die ihnen wie ein lebender Vorwurf erscheinen. Es ist der Mechanismus, den Goethe im Westöstlichen Divan beschrieben hat.

Jede Versöhnlichkeit erinnert die Friedlosen an die Traumen der eigenen früheren Wehrlosigkeit. Deshalb sehen sie in Sanftmut nichts als Feigheit, Schwäche und Kapitulation. Aber das passt eben nicht auf Versöhnungswillige wie Pamuk, der mit beispielhafter Unerschrockenheit seine türkischen Landsleute an der Verdrängung des begangenen Genozids an den Armeniern gehindert hat. Nur seine hohe internationale Reputation hat ihn vor schon eingeleiteter gerichtlicher Verfolgung bewahrt.

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Uri Avnery

Nun erscheint es mehr als fragwürdig, wie Broder und sein neuer Freund Ben sich das Recht nehmen über Avnery zu urteilen, da sie doch beide absolut unkritisch sind gegenüber Israel, aber alle Muslime in einem Topf werfen, wie verschieden diese auch sind und wie wenig sie auch ihre Religion ausleben.

Uri Avnery hat für Israel gekämpft, er war Politiker (er war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset ) er hat für den Frieden geschrieben, seine Schriften wurden manchmal in seiner eigenen Heimat verboten und er erlebte das Dritte Reich und die Besiedlung Palästinas durch die Juden Europas. Wenn wir jemanden vorwerfen können mit diesem Konflikt und mit der Geschichte Israels groß geworden zu sein, dann sicherlich Uri Avnery, der sich unermüdlich für den Frieden einsetzt, weil er seine Heimat liebt und weil er sich vorstellen kann dort zu leben, wenn Israel nicht weiter ein Besatzer ist.

Noch 1933 wanderte seine Familie mit ihm nach Palästina aus. Mit neun Jahren trat Helmut Ostermann, wie Uri Avnery ursprünglich hieß,  der zionistischen Jugendbewegung "Die Werkleute" bei; gemeinsam machten sie Ausflüge, Helmut las alles, was es seinerzeit über Palästina gab, und sie sangen gemeinsam hebräische Lieder, obwohl sie kein Wort vom Text verstanden. Diese frühen Interessen und Identifikationen sollten sich als bedeutsam für seinen weiteren Lebensweg erweisen, erleichterten ihm den Weg nach Palästina:

"Also, seelisch waren wir total auf Palästina vorbereitet. Aber, was heute ja keiner mehr wahrhaben will, als Zionisten stellten wir eine winzige Minderheit dar! Damals in Deutschland Zionist zu sein, das war – wie soll ich sagen – so, als wäre man in Israel Maoist" (in: Koppel 2000, S. 134), erinnerte sich Avnery vor acht Jahren an seine Jugend.

Von 1938 bis 1942 war Uri Avnery Mitglied der Irgun, einer zionistisch-terroristischen Organisatioon, die Wladimir Jabotinsky nahe stand.

'Hasst du die Araber?'
'Nein'.
Es folgte eine beklemmende Stille.
'Hasst du die Engländer?'
'Nein.'


Einen Augenblick lang hatte ich Angst, dass sie mich nicht aufnehmen würden. Sie taten es aber trotz dieser beiden Fehler. Damit war ich Mitglied im Irgun, um von nun an im Untergrund gegen die Araber und die Mandatsherrschaft der Engländer zu kämpfen. Das war kurz vor meinem 15. Geburtstag." (Avnery 2000, S. 131)

Avnery schloss sich der Haganah an, kämpfte in der legendären Kommandoeinheit "Simsons Füchse" an der Südfront in der Nähe Jerusalems, dann gegen die ägyptische Armee. Gleichzeitig verfasste er regelmäßig journalistische Texte, in welchen er, mit bemerkenswertem literarischem Talent und sehr eigenem Stil, über seine Kriegserlebnisse schrieb. Diese zahlreichen Texte wurden in israelischen Tageszeitungen publiziert und machten ihn binnen kürzester Zeit im jungen Staat Israel zu einer Berühmtheit.

"Plötzlich war ich der Liebling der Gesellschaft und auch der Regierung. Das dauerte genau ein Jahr. Das hat mir sehr geholfen, denn vorher war ich schrecklich unpopulär. (...) Mit diesem Kriegsbuch, das ich einst als pazifistisches Kriegsbuch auffasste, ist dasselbe passiert wie mit den Büchern Erich Maria Remarques. Nämlich, dass Jugendliche es gelesen und sich dadurch für den Krieg begeistert haben – Kameradschaft, Abenteuer und so weiter. Daher schrieb ich noch ein zweites Buch, Die andere Seite der Münze, worin ich schilderte, was sonst noch im Krieg passiert war. Dieses Buch war ein nationaler Skandal ohnegleichen. Ich schrieb darin über Kriegsverbrechen, wie zum Beispiel die Tötung arabischer Flüchtlinge. Das Buch wurde dann boykottiert, und es erschien nur eine Auflage..." (Avnery 1995, S. 100)

Gegen Kriegsende, am 8.12.1948, wurde Avnery bei einem Gefecht in der Nähe des Kibbuz Negba durch Bauchschüsse sehr schwer verletzt. Vier aus Marokko eingewanderte Soldaten retteten in einem tollkühnen Einsatz sein Leben – eine Erfahrung, die seinen Respekt für die arabischstämmigen jüdischen Israelis entscheidend prägte:

"Meine Leute waren eine eigenartige Mischung aus marokkanischen, tripolitanischen und türkischen Juden, die als Freiwillige direkt von den Schiffen zu uns gekommen waren. Ich hatte sie selber ausgebildet mit Hilfe von Gesten und einfachen Worten; wir konnten uns kaum miteinander unterhalten." (Avnery 1969, S. 19).

1975 wurde Avnery durch ein Attentat mit einem Messer schwer verletzt[2]. 1993 begründete Avnery mit Freunden die israelische Friedensinitiative Gush Shalom (Israelischer Friedensblock).

Nach Berichten von Haaretz und einer Mitteilung des Vorsitzenden des Vereins Aachener Friedenspreis, Otmar Steinbicker, rief der Vorsitzende der rechtsextremen Jüdisch-Nationalen Front, Baruch Marzel, im März 2006 die israelische Armee dazu auf, sie solle Avnery „gezielt töten“.

Am 13. September 2003 begab er sich als „Menschlicher Schutzschild“ zum belagerten palästinensischen Präsidentensitz in Ramallah. Mit ihm wollten 30 Friedensaktivisten, zu denen auch die Knesset-Mitglieder Issam Mahoul und Ahamad Tibi sowie der Meretz-Aktivist Latif Dori und der Historiker Teddy Katz gehörten, nach eigener Aussage die „Absichten von Premierminister Sharon durchkreuzen“.

Broder ist noch nicht einmal mutig genug in einer öffentlichen Diskussion gegen muslimische Kontrahenten anzutreten, denn so oft lehnte er Einladungen zu Diskussionen ab: Erwarten wir daher von ihm eine sachliche Auseinandersetzung mit den Thesen Avnerys?

Avnery hat den Krieg miterlebet, er ist ebenfalls ein Kind der israelischen Politik und er möchte Frieden, denn der Krieg führe laut Avnery zu einer Verrohung bei allen Beteiligten. Unter anderem deshalb sei es wichtig, für den Frieden zu kämpfen:

„Ich habe in den letzten 71 Jahren meines Lebens keinen einzigen Tag des Friedens erlebt. Ich hoffe und glaube, dass ich den Frieden noch erlebe.“ (Uri Avnery am 10. Juni 2005 in Salzburg)

Ja, es ist leicht Menschen nicht zu mögen, weil sie einer anderen Meinung sind, aber wohl anstrengender diesen Menschen zu widersprechen, wenn sie die Wahrheit sagen. Wer Uri Avnery auf die Weise Ben Frenkels kritisiert, wird die ungenierte Blödheit besitzen, auch Menschen wie Avi Schlaim, Noam Chomsky, Tanja Reinhart, Neve Gordon, Tom Segev, Uri Avnery, Ilan Pappe und Norman Finkelstein  zu kritisieren. Ben und Broder haben nicht viel getan, nicht viel erlebt und nicht viel gesehen, um ernsthaft eines Avnerys würdig zu sein, denn wie sagt Schopenhauer so schön: Der Neid der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie sich fühlen, und ihre beständige Aufmerksamkeit auf fremdes Tun und Lassen, wie sehr sie sich langweilen.
 
Mehr über Uri Avnerys Leben:

Uri Avnery wird 85 Jahre alt

Und seine Artikel findet man, entweder auf http://www.uri-avnery.de/ oder auf ZNet
« Letzte Änderung: 28. Apr 2009, 11:33 von X e m x w a r » Gespeichert
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Gelê kurd carek din bindestiyê qebûl nake!



« Antworten #8 am: 06. Apr 2009, 09:47 »

Wer ist der Boss?

von Uri Avnery

04.04.2009 — uri-avnery.de

Zitat
SCHON AM ersten Tag der neuen Regierung klarte der Nebel auf und enthüllte: es ist eine Lieberman-Regierung.

Der Tag begann mit einer Feier im Amt des Präsidenten. Alle Mitglieder der aufgeblähten Regierung – dreißig Minister und acht stellvertretende Minister - posierten in ihren besten Anzügen für ein Gruppenfoto. Netanyahu las eine Rede ab, die jeder Inspiration entbehrte und die die abgedroschenen Klichees mit einschloss, die nötig sind, um die Welt zu beruhigen: Die Regierung ist dem Frieden verpflichtet, sie will mit der palästinensischen Behörde verhandeln bla-bla-bla.

Avigdor Lieberman eilte von dort zum Außenministerium und der dort stattfindenden zeremoniellen Amtsübergabe der Minister. Auch er hielt eine Rede – aber es handelte sich keineswegs um eine Routinerede.

„Si vis pacem, para bellum – wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“, erklärte der neue Außenminister. Wenn ein Diplomat dieses alte lateinische Wort zitiert, achtet die Welt nicht auf den ersten Teil des Zitates, sondern nur auf den zweiten Teil. Und wenn dies aus dem Mund des schon berüchtigten Lieberman kommt, so handelt es sich um eine klare Drohung: die neue Regierung betritt den Weg des Krieges und nicht den des Friedens.

Mit diesem Satz machte Lieberman Netanyahus Rede zunichte und machte Schlagzeilen rund um die Welt. Er bestätigte die schlimmsten Befürchtungen, die mit der Bildung dieser Regierung verbunden sind.

Er begnügte sich nicht mit dem lateinischen Zitat. Er erklärte noch genauer, warum er dieses Motto wählte. Konzessionen, so sagt er, bringen keinen Frieden, im Gegenteil. Die Welt respektierte und bewunderte Israel, als es den Sechs-Tage-Krieg gewann.

Zwei Irrtümer in einem Satz. Besetztes Land zurückzugeben ist keine „Konzession“. Wenn ein Dieb gezwungen wird, gestohlenes Gut zurückzugeben oder wenn ein Hausbesetzer eine Wohnung, die ihm nicht gehört, verlässt, so ist das keine „Konzession“. Und die Bewunderung Israels 1967 kam von einer Welt, die uns als ein kleines, kühnes Land sah, das gegen mächtige Armeen aufstand, die uns zerstören wollten. Aber das Israel von heute sieht wie ein brutaler Goliath aus, während die besetzten Palästinenser wie ein David mit der Steinschleuder aussehen, der um sein Leben kämpft.

Mit dieser Rede gelang es Lieberman, die Welt aufzuregen, aber noch mehr Netanyahu zu demütigen. Er deckte auf, dass die Friedenserklärungen des neuen Ministerpräsidenten nichts als Seifenblasen sind.

Doch die Welt möchte – wie ich schon letzte Woche schrieb – getäuscht werden. Ein Sprecher des Weißen Hauses verkündigte, dass es - soweit es die amerikanische Regierung betrifft - Netanyahus Bla-Bla-Bla-Rede ist, die zählt, nicht Liebermans offene Äußerungen. Und Hillary Clinton schämte sich nicht, Lieberman anzurufen und ihm zum Amtsantritt zu gratulieren.

DAS WAR die erste Kraftprobe innerhalb des Netanyahu-Lieberman-Barak-Dreiecks. Lieberman hat seine Verachtung gegenüber beiden, Netanyahu und Barak, demonstriert.

Seine Machtposition ist sicher, weil er allein in der Lage ist, jeden Moment die Regierung zu stürzen. Nach der Knessetdebatte über die neue Regierung, stimmten nur 69 Mitglieder für sie. Wenn man die fünf Mitglieder der Arbeiterpartei hinzuzählt, die „zwar präsent waren, aber an der Abstimmung nicht teilnahmen“ ( eine Art Abstimmung, die etwas weniger negativ als Stimmenthaltung ist), dann hat die Regierung 74 Stimmen. Das bedeutet: ohne Liebermans fünfzehn Mitglieder hat die Regierung nicht die Mehrheit.

Seine Rede hatte die Absicht, diese politische Realität zu unterstreichen. Er wollte Netanyahu damit sagen: Falls du mich zum Schweigen bringen willst, vergiss es. Es war, als setzte er an Netanyahus Kopf eine Pistole – in diesem Fall könnte es eine deutsche Parabellum sein, eine Pistole, deren Name sich von besagtem lateinischen Sprichwort herleitet.

Das volle Ausmaß von Liebermans Chuzpeh kam nur eine Stunde später zum Vorschein. Vom Außenministerium eilte er zu einer anderen rituellen Amtsübergabe – dieses Mal beim Minister für Innere Sicherheit ( früher Polizeiministerium genannt).

Was hatte er dort zu suchen? Nichts. Es ist höchst ungewöhnlich für einen Minister, solch einer Zeremonie in einem anderen Ministerium beizuwohnen. Der neue Minister für Innere Sicherheit, Yitzhak Aharonovitch, gehört zwar zu Liebermans Partei, aber das ist hier irrelevant. Schließlich nahm er nicht an der entsprechenden Zeremonie des Ministeriums für Immigration teil, wo ein anderes Mitglied seiner Partei eingeführt wurde.

Das Rätsel wurde am nächsten Tag gelöst. Der neu installierte Außenminister verbrachte sieben Stunden in einem Polizeiverhörraum, wo er Fragen zu beantworten hatten, die sich auf Bestechungsverdacht, Geldwäsche und Ähnliches in Verbindung mit den riesigen Summen beziehen, die aus dem Ausland an eine Gesellschaft transferiert wurden, die auf den Namen seiner 23 jährigen Tochter läuft.

Dies erklärt seine Präsenz bei der Zeremonie im Polizeiministerium. Er wurde dort neben den Chefs der Abteilung für strafrechtliche Ermittlungen fotografiert. Sein Erscheinen dort ist nichts anderes als eine grobe und schamlose Androhung gegen jene, die ihn am nächsten Tag verhören sollten.

Seine Präsenz bei dieser Zeremonie erklärte: Ich bin der Mann, der den Minister ernannt hat, der jetzt für jede eurer Karrieren verantwortlich ist, sowohl für deren Beförderung und Beendigung. Und dieselbe Botschaft galt auch den Richtern: ich habe den neuen Justizminister ernannt, und ich werde jede Beförderung von euch entscheiden.

ALL DIES erinnert mich an einen diplomatischen Empfang bei der ägyptischen Botschaft vor genau 10 Jahren. Ich traf dort die meisten Mitglieder der neuen Regierung, die gerade von Ehud Barak gebildet worden war. Alle waren deprimiert.

Barak hatte etwas getan, das an Sadismus grenzt. Er hatte jeden Minister für einen Posten ernannt, der am wenigsten zu ihm passte. Der freundliche und höfliche Professor Shlomo Ben-Ami wurde zum Minister für innere Sicherheit ernannt (wo es ihm während der Oktober 2000-Unruhen misslang, die Polizei daran zu hindern, ein Dutzend arabischer Bürger zu töten). Yossi Beilin, ein Diplomat mit einem sehr schöpferischen Geist, ein natürlicher Kandidat für das Außenministerium, wurde zum Justizminister ernannt usw. In privaten Gesprächen gaben sie ihre Verbitterung gegenüber Barak Ausdruck.

Nun hat Netanyahu Barak übertrumpft. Die Ernennung Liebermans als Außenminister grenzt an Wahnsinn. Die Ernennung von Yuval Steinitz, einem Professor für Philosophie und einem persönlichen Freund von Netayahus Frau Sarah, einem Mann, der keinerlei wirtschaftliche Erfahrungen hat, zum Finanzminister – noch dazu auf der Höhe der Weltfinanzkrise – überschreitet die Grenze zum Absurden. Die Ernennung der Nummer Zwei der Likudpartei, Silvan Shalom für zwei untergeordnete Ministerien hat ihn zu einem Todfeind werden lassen. Die Schaffung einer langen Liste neuer und unbedeutender Ministerien nur um seine Freunde mit Jobs zu versehen, hat die Regierung in einen Straßenwitz verwandelt (‚einen Minister für die ankommende Post und einen Minister für die abgehende Post’).

ABER EINE Regierung ist keine Witz. Und Lieberman ist kein Witz . Weit davon entfernt.

Schon am ersten Tag machte er klar, dass er – er und nicht Netanyahu oder Barak - den Stil der neuen Regierung bestimmen wird, zum einen wegen seiner starken politischen Position und zum andern wegen seiner massiven persönlichen Präsenz und seines provokativen Charakters.

Er wird die Regierung so lange halten, wie es ihm passt und in dem Augenblick stürzen, wenn er das Gefühl hat, Neuwahlen könnten ihm zu vermehrter Macht verhelfen.

Sein grober und brutaler Stil entspricht seiner Natur, ist aber auch kalkuliert. Er beabsichtigt damit, zu drohen und die primitivsten Typen der Gesellschaft anzusprechen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich der Medien zu versichern. All dies erinnert an andere Länder und andere Regime. Nicht zufällig hat ihm der ex-faschistische Außenminister Italiens als erster gratuliert.

In dieser Woche wurden immer wieder frühere Statements von Lieberman wiederholt. Er hat einmal das Bombardieren des großen Assuandammes vorgeschlagen, einen Akt, der eine tsunami-gleiche Überschwemmung verursacht und viele Millionen Ägypter getötet hätte. Ein anderes Mal schlug er vor, den Palästinensern ein Ultimatum zu stellen: um 8 Uhr bombardieren wir eure Handelszentren, mittags eure Tankstellen und um 14 Uhr eure Banken usw.

Er hatte auch vorgeschlagen. Tausende von palästinensischen Gefangenen zu ertränken und bot an, die nötigen Busse zur Verfügung zu stellen, um sie an die Küste zu bringen. Ein anderes Mal schlug er vor 90% der 1,2 Millionen arabischer Bürger Israels zu deportieren. Vor kurzem sagte er zu Präsident Hosni Mubarak, einem der ergebensten Verbündeten der israelischen Führung: „Geh zur Hölle!“

Während der letzten Wahlkampagne schloss er in sein offizielles Programm die Forderung ein, den Arabern die Staatsbürgerschaft zu entziehen, die ihre Loyalität gegenüber Israel nicht beweisen könnten. Das war auch sein Hauptslogan. Auch dies erinnert an Programme gewisser Parteien in der Geschichte.

Dies ist verknüpft mit einer eklatanten Feindseligkeit gegenüber den „Eliten“ Israels und gegenüber allen, die mit den Gründern des Staates Israel verbunden sind.

EINIGE LEUTE glauben, Lieberman sei gar kein neues Phänomen, dass er einfach Züge an die Oberfläche bringt, die schon die ganze Zeit vorhanden waren, doch verborgen unter einer dicken Schicht von frömmelnder Heuchelei.

Wie sieht seine Lösung des historischen israelisch-arabischen Konfliktes aus? In der Vergangenheit sprach er über ein Regime von Kantonen für die Palästinenser. Sie werden in mehreren nicht mit einander verbundenen Enklaven auf der Westbank und im Gazastreifen leben. Die Enklaven werden von Israel beherrscht. Natürlich kein palästinensischer Staat und ohne das arabische Ost-Jerusalem. Er schlug sogar vor, diesen Kantonen einige Gebiete Israels anzuschließen, die eine dichte palästinensische Bevölkerung haben, denen daraufhin die israelische Staatsbürgerschaft aberkannt werden soll.

Das liegt ziemlich nahe bei den Ideen von Ariel Sharons und auch bei denen von Netanyahu, der erklärte, dass sich die Palästinenser ‚selbst regieren’ sollen - natürlich ohne Staat, ohne eigene Währung, ohne Kontrolle der Grenzübergänge, ohne See- und Flughafen.

Bei der Zeremonie des Außenministeriums erklärte Lieberman, dass das Abkommen von Annapolis, das von Präsident Bush diktiert worden war, ungültig sei und dass nur die ‚Road Map’ zählt. Die Sprecher des Außenministeriums beeilten sich mit einer Erklärung, dass die Road Map auch von ‚zwei Staaten’ spricht. Sie vergaßen, die Welt daran zu erinnern, dass die israelische Regierung die Road Map nur mit 14 Bedingungen ‚angenommen’ habe, die sie vollständig jeglichen Inhalts berauben. Zum Beispiel: Dass die Palästinenser zunächst die ‚terroristische Infrastruktur zerstören’ müssen (was ist das? wer entscheidet?), bevor Israel einen Schritt tun wird, einschließlich des Einfrierens des Siedlungsbaus.

(Das erinnert mich an den reichen Juden im Shtetl, der sein Testament diktierte und seinen Reichtum unter seine Verwandten und Freunde verteilte und dann hinzufügte: ‚Im Falle meines Todes ist dieses Testament null und nichtig’.)

So weit es den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft, besteht die Kontroverse zwischen Ehud Olmert und Zipi Livni einerseits und Netanyahu und Lieberman andrerseits eher aus taktischen denn aus strategischen Erwägungen. Die Strategie von allen ist, die Schaffung eines normalen, freien, lebensfähigen palästinensischen Staates zu verhindern. Zipi Livni war für eine Taktik der endlosen Verhandlungen, die mit Äußerungen über Frieden und einer ‚Zwei-Staaten-Lösung’ dekoriert wurden. Nicht umsonst mokierte sich Netanyahu über sie : ‚Du hast doch mehrere Jahre Zeit gehabt, um das Abkommen mit den Palästinensern abzuschließen. Warum hast es nicht getan?’

Die Debatte geht aber nicht um Frieden, sondern um einen ‚Friedensprozess’.

Mittlerweile lebt sich Zipi Livni in ihrem neuen Job als Führerin der Opposition ein . Ihre erste Rede war kraftvoll und äußerst kritisch. Wir werden bald wissen, ob sie diesen Job mit Inhalt füllt. Werden ihre Reden über den Frieden sie schließlich selbst von dessen Wert überzeugen? Wird sie dann eine wirkliche Alternative für die Regierung Lieberman werden?
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« Antworten #9 am: 28. Apr 2009, 11:38 »

Können zwei zusammengehen?

von Uri Avnery - 25.04.2009

Zitat
ICH SAGE nicht, dass Mahmoud Achmadinejad ein Agent des Mossad sei.

Absolut nicht. Ich will nicht wegen Verleumdung gerichtlich belangt werden.

Ich sage nur, wenn er ein Agent des Mossad wäre, hätte er sich kaum anders verhalten.

Und: wenn es ihn nicht geben würde, dann hätte der Mossad ihn erfinden müssen.

Auf jeden Fall ist die Unterstützung, die er der Regierung Israels gibt, von unschätzbarem Wert.

SCHAUEN WIR auf den Skandal der letzten Woche.

Vor Jahren wurde von der UN in Durban, Südafrika, eine Konferenz gegen Rassismus abgehalten. Es war verständlich, dass solch ein Forum u.a. die israelische Regierung für ihre Politik gegen die Palästinenser – die Besatzung, die Siedlungen, die Mauer - denunzieren würde.

Aber die Konferenz war damit noch nicht zufrieden. Sie wurde zu einer Plattform für eine wilde Hetze gegen den Staat Israel – und ausschließlich gegen ihn. Kein anderer Staat der Welt wurde wegen Verletzung der Menschenrechte denunziert – und unter den Denunzianten waren einige der widerlichsten Tyrannen der Welt.

Als die Vorbereitungen für eine zweite ‚Durban-Konferenz’ – dieses Mal in Genf – anliefen, tat die israelische Regierung alles, was in ihrer Macht stand, um wenigstens die Länder Nordamerikas und Europas davon zu überzeugen, sie zu boykottieren. Das war nicht so einfach. Es gelang den USA vor Beginn der Konferenz die Erwähnung Israels im Entwurf seiner Abschlussresolution zu löschen (es blieb nur ein Verweis auf die Resolutionen der 1. Konferenz) und am Ende entschieden sie, die Konferenz doch zu boykottieren. Aber die meisten europäischen Länder waren damit einverstanden, an ihr teilzunehmen.

Die israelische Regierung erwartete die Konferenz mit großer Besorgnis. Die Gräueltaten während des Gazakrieges haben die öffentliche Meinung gegenüber Israel in vielen Ländern zu Ablehnung werden lassen. Die Konferenz konnte ein Ventil für diese Emotionen werden. Die intelligentesten Köpfe in Jerusalem versuchten Wege zu finden, um dies zu verhindern.

Und dann kam Achmadinejad. Da er das einzige Staatsoberhaupt war, das an der Konferenz teilnahm, konnten die Organisatoren es nicht verhindern, dass er als erster sprach. Er hielt eine provokative Rede. Es genügte ihm nicht, Israel zu kritisieren, seine Worte drückten hemmungslosen Hass aus. Dies war ein willkommener Vorwand für die europäischen Vertreter, aufzustehen, um in einer eindrucksvollen Pro-Israel-Demonstration hinauszugehen. Die Konferenz wurde lächerlich.

Wenn die ‚Weisen von Zion’ die Konferenz geplant hätten, sie hätte nicht besser enden können, soweit es die israelische Regierung betraf .

ALL DIES geschah am Holocausttag, wenn Juden in Israel und in aller Welt der Millionen Opfer des Genozids gedenken.

Die Erinnerung an den Holocaust vereinigt alle Juden in der Welt. Jeder Jude weiß, wenn die Nazis ihn erreicht hätten, dann hätte auch er in die Todeslager gehen müssen. Wir, die wir damals in Palästina lebten, wussten, dass wir das Schicksal des Warschauer Ghettos geteilt hätten, wenn es dem deutschen General Erwin Rommel gelungen wäre, die britischen Linien bei El-Alamein zu durchbrechen.

Alle Juden empfinden, es sei ihre moralische Pflicht, das Gedächtnis an den Holocaust wach zu halten. Diesem tiefen Empfinden wird eine politische Sichtweise hinzugefügt: das Gedenken an den Holocaust veranlasst Juden überall, den Staat Israel zu unterstützen, der sich selbst als ‚Staat der Shoa-Überlebenden’ definiert.

Aber mit der Zeit verblasst die Erinnerung. Deshalb ist ein gegenwärtiger, aktueller Feind, ein ‚zweiter Hitler’ nötig, der alle latenten Ängste, die in der jüdischen Seele lauern, neu weckt. Einst war es Gamal Abd-al-Nasser, ‚der ägyptische Tyrann’. Dann spielte Yasser Arafat diese Rolle. Heute ist es die Hamas, aber dies genügt nicht. Es gibt nichts, das jemanden überzeugen würde, dass die Hamas Israel möglicherweise auslöschen könnte.

Achmadinejad ist der ideale Ersatz. Er ist ein konsequenter Holocaustleugner. Er erklärt, die „zionistische Entität“ müsste von der Landkarte verschwinden. Er arbeitet an der Herstellung einer Atombombe. Und dies ist ernst zu nehmen; denn ein paar Atombomben auf israelische Bevölkerungszentren könnten Israel tatsächlich auslöschen.

Also haben wir einen ‚zweiten Hitler’, der einen ‚zweiten Holocaust’ plant. Gegen ihn können sich alle Juden der Welt vereinigen. Was würden wir ohne ihn tun?

DIE VERMUTLICHE iranische Atombombe spielt noch eine andere Rolle. Sie dient jetzt als Instrument dafür, dass das palästinensische Problem in Vergessenheit gerät.

Im nächsten Monat wird sich Netanyahu selbst im Weißen Haus vorstellen. Das könnte ein schicksalhaftes Treffen werden. Präsident Barack Obama könnte eine klare Forderung stellen: mit einem Friedensprozess zu beginnen, der zur Schaffung eines palästinensischen Staates führt. Netanyahu wird sich verzweifelt darum bemühen, dies zu verhindern; denn Frieden würde die Evakuierung der Siedlungen bedeuten. Wenn er damit einverstanden wäre, würde seine Koalition sofort aus einander fallen.

Was kann man da tun? Nun - Gott sei Dank - gibt es die iranische Bombe. Sie stellt eine existentielle Bedrohung für Israel dar. Es ist selbstverständlich, dass der israelische Ministerpräsident sich auch nicht mit Bagatellen wie dem Frieden mit den Palästinensern abgeben kann, wenn das iranische nukleare Schwert über seinem Kopfe schwebt!

Netanyahus Vorgänger wandten genau diesen Trick auch an. Wann auch immer jemand die Sache mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt vorbrachte und von unserer Regierung verlangte, mit wirklichen Verhandlungen zu beginnen, den Siedlungsbau einzufrieren, Außenposten aufzulösen, Gefangene zu entlassen, die Blockade der Bevölkerung des Gazastreifen zu beenden, die Straßensperren zu entfernen – dann erschien die iranische Bombe ex machina. Nun gab es keine Zeit mehr, um an anderes zu denken. Die Bombe steht oben auf unserer Agenda. Die Bombe ist unsere Agenda.

Eine Menge Ironie steckt in all diesem. Der Iran war am wenigsten an der Misere der Palästinenser interessiert. Auch Achmadinejad kümmert sich einen Dreck um sie. Wie alle nahöstlichen Regierungen benützt er die palästinensische Sache, um eigene Interessen voran zu bringen. Jetzt will er die sunnitisch-arabische Welt durchdringen, um den Iran zu einer regionalen Vormachtstellung zu verhelfen. Zu diesem Zwecke erhebt er das Banner für den palästinensischen Widerstand. Aber bisher ist es ihm nur gelungen, die sunnitisch arabischen Regime in die Arme Israels zu treiben.

ACHMADINEJADS begeistertste Anhänger sitzen im Verteidigungsministerium in Tel Aviv. Was würden sie ohne ihn anfangen?

Jedes Jahr bricht aufs Neue der Kampf um das Verteidigungsbudget aus. In diesem Jahr in Anbetracht der Weltwirtschaftskrise wird die Debatte noch viel erbitterter sein. Das kleine Israel hat eines der größten und teuersten Militärapparate der Welt. Im Verhältnis zum GNP (Bruttoinlandprodukt) übertrumpfen wir leicht die USA, und erst recht Europa.

Muss man fragen warum? Israel ist von Feinden umgeben, die uns alle zerstören wollen. Ägypten ist zwar jetzt der loyalste Kollaborateur Israels und der Irak hat zunächst die Bühne verlassen. Syrien hat schon lange aufgehört, eine Bedrohung zu sein; Jordanien ist bescheiden, die palästinensische Behörde tanzt nach unserer Pfeife. Es ist schwierig, so ein riesiges Verteidigungsbudget zu rechtfertigen, um gegen die kleine Hisbollah und die winzige Hamas zu kämpfen.

Aber da ist noch der Iran, Gott sei Dank. Und da gibt es die furchterregende iranische Bombe. Hier ist ehrlich eine existentielle Gefahr. Unsere Luftwaffe erklärt, sie sei täglich, nein, jede Minute bereit, loszufliegen, um all die vielen iranischen Atomanlagen zu vernichten.

Dafür benötigt sie Geld, eine Menge Geld. Sie braucht die modernsten, am weitesten entwickelten Flugzeuge der Welt, von denen jedes viele, viele Millionen kostet. Sie benötigt die entsprechende Ausrüstung, um die Ziele zu erreichen und um die Aufgabe zu erfüllen. Das ist wichtiger als Bildung, Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen. Schließlich ist es die iranische Bombe, die uns alle tötet, einschließlich der Kinder, der Kranken und der Unterprivilegierten. (Den Wirtschaftsbossen mag es noch gelingen, rechtzeitig wegzukommen.)  Grinsend

Das Budget wird wohl genehmigt werden, aber die Flieger werden nicht fliegen. Es ist nicht klar, ob solch ein Angriff überhaupt machbar ist. Es ist auch nicht klar, ob dies die Produktion der Bombe bedeutend beeinträchtigen würde. Aber klar ist, dass solch ein Angriff politisch nicht möglich ist: er kann ohne die ausdrückliche Genehmigung der USA nicht ausgeführt werden, und dafür gibt es keine Chance. Der Angriff würde fast automatisch die Schließung der Hormuz-Meeresstraße zur Folge haben, durch die alles Öl des Golfs verschifft wird. Dies wäre katastrophal, besonders während einer Wirtschaftskrise, wenn ein enorm gestiegener Ölpreis die so schon geschwächte Wirtschaft weiter beeinträchtigt. Unsere kühnen Piloten werden damit zufrieden sein müssen, die Wohngebiete im Gazastreifen zu bombardieren.

ES KÖNNTE behauptet werden: wenn Achmadinejad sich wie ein Mossad-Agent verhält, dann verhält sich Avigdor Lieberman wie ein Agent des iranischen Geheimdienstes.

Das sage ich - Gott bewahre - nicht. Ich will wirklich nicht wegen Verleumdung gerichtlich belangt werden.

Aber Liebermans Verhalten ist tatsächlich – wie soll man sagen – etwas seltsam.

Er sah zwar für einen Augenblick wie ein Gewinner aus. Nachdem er Hosny Mubarak zur Hölle gewünscht hat, berichten die israelischen Medien, dass der wichtigste ägyptische Minister sich mit ihm getroffen, seine Hand geschüttelt und ihn nach Ägypten eingeladen habe. Vielleicht wollte er ihm den Assuanstaudamm zeigen, den Lieberman einst zu bombardieren wünschte. Aber am nächsten Tag reagierte ein wütender Mubarak und leugnete die ganze Geschichte und erklärte, dass es Lieberman nicht erlaubt sei, seinen Fuß auf ägyptischen Boden zu setzen.

Mittlerweile veröffentliche eine bedeutende russische Zeitung ein Interview mit Lieberman, in dem er behauptete, dass ‚die USA alle unsere Entscheidungen akzeptieren’. Das würde bedeuten: wir beherrschen Amerika; Obama wird das tun, was wir ihm sagen.

Solch eine Rede wird Israels Popularität im Weißen Haus nicht gerade vermehren – um es milde auszudrücken. Besonders jetzt, nachdem bekannt wurde, dass die Israel-Lobby, die AIPAC, eine Kongressabgeordnete angefragt hat, zugunsten von zwei amerikanischen Juden zu intervenieren, die wegen Spionage für Israel angeklagt wurden. Dafür – so versprach die AIPAC – würde man die Kongressabgeordnete zur Vorsitzenden eines sehr wichtigen Komitees ernennen. Wie? Sehr einfach: AIPAC wird der Mehrheitsführerin des Kongresses sagen, dass wenn sie dem Wunsch nicht entspricht, ein gewisser jüdischer Milliardär aufhören würde, ihren Wahlfond zu unterstützen. Das ist keine angenehme Enthüllung.

Kurz gesagt: der iranische Achmadinejad und der israelische Lieberman sind wie siamesische Zwillinge. Der eine braucht den anderen. Lieberman reitet auf der iranischen Bedrohung, Achmadinejad reitet auf den israelischen Bedrohungen.

‚Können denn zwei mit einander gehen, sie seien denn einig untereinander?’ fragt der Prophet Amos (3,3). Die Antwort lautet: Ja, tatsächlich. Diese zwei können sehr wohl zusammengehen, ohne mit einander in irgend etwas überein zu stimmen.
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Gelê kurd carek din bindestiyê qebûl nake!



« Antworten #10 am: 19. Jul 2010, 16:52 »

  Ein parlamentarischer Mob

von Uri Avnery / Zmag

Zitat
ALS ICH das erste Mal in die Knesset gewählt wurde, war ich entsetzt über das, was ich vorfand. Ich entdeckte abgesehen von wenigen Ausnahmen, dass der intellektuelle Inhalt der Debatten nahe Null war. Er bestand hauptsächlich aus Klischees, so wie man sie auch auf Allgemeinplätzen hören kann. Während der meisten Debatten war das Plenum fast leer. Die meisten Mitglieder sprachen ein vulgäres Hebräisch. Beim Abstimmen hatten viele Mitglieder keine Idee, worüber sie pro oder contra stimmen sollten – sie folgten nur den Ordern ihrer Partei.

Das war 1967, als die Knesset Mitglieder wie Levy Eshkol und Pinhas Sapir, David Ben Gurion und Moshe Dayan, Menachem Begin und Yohanan Bader, Meir Yaari und Yaakov Chazan einschloss, nach denen heute Straßen und Vororte benannt werden.

Im Vergleich zur gegenwärtigen Knesset sieht die damalige Knesset wie Platons Akademie aus.

WAS MICH mehr als alles andere erschreckte, war die Bereitschaft der Mitglieder, unverantwortliche Gesetze zu erlassen, um – besonders in Zeiten von Massenhysterie - flüchtige Popularität zu gewinnen. Eine meiner ersten Knessetinitiativen war, eine Gesetzesvorlage einzureichen, nach der eine zweite Regierungskammer hätte geschaffen werden können, eine Art Senat, zusammengesetzt aus herausragenden Persönlichkeiten, die die Vollmacht hätten, die Einführung neuer Gesetze aufzuhalten und die Knesset zu zwingen, sie nach einer Pause neu zu überdenken. Ich hoffte, dies würde verhindern, dass Gesetze übereilt in hitziger Atmosphäre angenommen werden würden.

Diese Gesetzesvorlage wurde nicht ernst genommen, weder von der Knesset noch von der allgemeinen Öffentlichkeit. Die Knesset stimmte beinahe einstimmig dagegen. ( nach ein paar Jahren sagten mir einige Mitglieder, dass sie ihre Abstimmung von damals bedauerten). Die Zeitungen betitelten die vorgeschlagene Kammer „House of Lords“ und machten sie lächerlich. Haaretz widmete dem Vorschlag eine ganze Seite Karikaturen und stellte mich im Gewand eines britischen Adligen dar.

Es gibt also keine Bremse. Die Produktion unverantwortlicher Gesetze, von denen die meisten rassistisch und anti-demokratisch sind, gedeiht. Je mehr sich die Regierung selbst in eine Versammlung politischer Parteibonzen verwandelt, um so geringer wird ihre Fähigkeit, solche Gesetzgebung zu verhindern, Die gegenwärtige Regierung, die größte, die minderwertigste und verachtetste in Israels Geschichte, arbeitet mit den Knessetmitgliedern zusammen, um solche Gesetzesvorlagen einzureichen, ja sie sogar selbst zu initiieren.

Das einzig verbliebene Hindernis für diese unverantwortliche Haltung ist der Oberste Gerichtshof. Da wir keine Verfassung haben, hat er sich die Vollmacht genommen, skandalöse Gesetze, die die Demokratie und die Menschenrechte verletzen, zu annullieren. Aber der Oberste Gerichtshof wird selbst von rechten Extremisten belagert, die ihn zerstören wollen. Er verhält sich deshalb sehr zurückhaltend. Er interveniert nur in extremen Fällen.

So hat sich eine paradoxe Situation ergeben: das Parlament, der höchste Ausdruck von Demokratie, ist jetzt selbst zu einer ernsthaften Bedrohung der israelischen Demokratie geworden.

DER MANN, der dieses Phänomen mehr als jeder andere personifiziert, ist das Knessetmitglied Michael Ben-Ari von der „Nationale Union“-Partei, dem Erben von Meir Kahane, dessen Organisation „Kach“ ( „So“) vor vielen Jahren wegen ihres offen faschistischen Charakters verboten worden war.

Kahane wurde nur einmal in die Knesset gewählt. Die Reaktion der anderen Mitglieder war eindeutig: wann immer er aufstand, um das Wort zu ergreifen, verließen fast alle anderen Mitglieder den Saal . Der Rabbiner musste seine Rede vor einer handvoll ultra-rechter Kollegen halten.

Vor ein paar Wochen besuchte ich die augenblickliche Knesset das erste Mal seit ihrer Wahl. Ich ging hin, um einer Debatte zuzuhören, die auch mich betraf: die Entscheidung der palästinensischen Behörde, die Produkte der Siedlungen zu boykottieren – viele Jahre, nachdem Gush Shalom diesen Boykott gestartet hatte. Ich verbrachte ein paar Stunden in dem Gebäude, und von Stunde zu Stunde wuchs mein Widerwille.

Der Hauptgrund war eine Tatsache, die mir bis dahin nicht bewusst war: MK Ben-Ari, der Schüler und Bewunderer von Kahane, lässt sich dort feiern. Er ist kein isolierter Außenseiter am Rande des parlamentarischen Lebens, wie es sein Mentor gewesen war. Im Gegenteil, er steht im Mittelpunkt. Ich sah Mitglieder fast aller Fraktionen sich in der Cafeteria der Mitglieder um ihn scharen und ihm und seinem endlosen Gerede im Plenum mit gespannter Aufmerksamkeit zu lauschen. Zweifellos hat sich der Kahanismus – eine israelische Version von Faschismus – vom Rand ins Zentrum bewegt.

VOR KURZEM ist das Land Zeuge einer Szene geworden, die so aussah, als hätte sie im Parlament von Südkorea oder Japan stattgefunden.

Auf dem Rednerpult des Knessetsprechers stand das Knessetmitglied Hanin Soabi von der arabisch-nationalistischen Baladfraktion und versuchte zu erklären, warum sie sich der Gaza-Hilfs-Flotille angeschlossen hatte, die von der israelischen Marine angegriffen worden war. MK Anastasia Michaeli, ein Mitglied der Lieberman-Partei, sprang von ihrem Sitz auf und lief mit grauenerregenden Schreien und erhobenen Armen auf das Podium zu, um Hanin Soabi mit Gewalt von dort wegzuziehen. Andere Mitglieder erhoben sich von ihren Sitzen, um Michaeli zu helfen. Neben der Rednerin versammelte sich ein drohendes Knäuel von Knessetmitgliedern. Nur mit großer Mühe gelang es Saalordnern, Soabi vor körperlichem Schaden zu bewahren. Eines der männlichen Mitglieder schrie sie in einer Mischung von Rassismus und Sexismus an: „Geh nach Gaza und sieh, was man dort mit einer 41jährigen unverheirateten Frau tun wird!“

Es hätte keinen größeren Unterschied zwischen den beiden weiblichen MKs ( Mitglieder der Knesset) geben können. Während Hanin Soabi aus einer Familie aus der Gegend Nazareths kommt, deren Ursprünge Jahrhunderte zurückgehen, vielleicht bis in Jesu Zeiten, wurde Anastasia im (damaligen) Leningrad geboren, wurde zur Miss Sankt Petersburg gewählt, wurde dann Mannequin, heiratete einen Israeli, konvertierte zum Judentum und immigrierte mit 24 nach Israel, behielt aber ihren sehr russischen Vornamen bei. Sie wurde Mutter von acht Kindern. Sie könnte eine israelische Sara Palin sein, die schließlich auch eine Schönheitskönigin war.

So weit ich ausmachen konnte, hat sich kein einziges jüdisches Mitglied erhoben, um Soabi während des Tumultes beizustehen. Nichts als ein paar schwache Proteste des Knessetpräsidenten Reuven Rivlin und des Meretz-Mitglieds Chaim Oron.

In all den 61 Jahren ihrer Existenz hat die Knesset keinen solchen Anblick geboten. Innerhalb einer Minute verwandelte sich die souveräne Versammlung in einen parlamentarischen Lynchmob.

Man muss nicht die Ideologie der Baladpartei teilen, um die beeindruckende Persönlichkeit von Hanin Soabi zu respektieren. Sie spricht fließend und gut (auch hebräisch) , hat akademische Grade von zwei israelischen Universitäten, kämpft für die Rechte der Frauen innerhalb der israelisch-arabischen Gesellschaft und ist das erste weibliche Mitglied einer arabischen Fraktion in der Knesset. Die israelische Demokratie könnte stolz auf sie sein. Sie kommt aus einer arabischen Großfamilie. Der Bruder ihres Großvaters war Bürgermeister von Nazareth und ein Onkel stellvertretender Minister, ein anderer Richter am Obersten Gerichtshof. (Tatsächlich schlug ich an meinem ersten Tag in der Knesset ein anderes Mitglied der Soabi-Familie vor, zum Knessetpräsidenten gewählt zu werden).

In dieser Woche entschied eine große Mehrheit der Knesset, einen Vorschlag von Michael Ben-Ari anzunehmen, der von Likud und Kadima-Mitgliedern unterstützt wurde: es sollten Hanin Soabis parlamentarische Privilegien entzogen werden. Davor fragte der Innenminister sogar den Rechtsberater der Regierung um die Genehmigung seines Planes, Soabi wegen Hochverrats die israelische Staatbürgerschaft zu entziehen. Eines der Knessetmitglieder schrie sie an: „Du gehörst nicht in die israelische Knesset! Du hast kein Recht, einen israelischen Ausweis zu tragen.!“

Am selben Tag befasste sich die Knesset mit einer Aktion gegen den Gründer von Zoabis Partei, Asmi Bishara. Bei einer ersten Anhörung genehmigte sie einen Gesetzesentwurf – auch dieser von Likud und Kadima-Mitgliedern unterstützt - der dahin zielte, Bisharas Pension zu streichen, auf die er nach seinem Rücktritt aus der Knesset ein Recht hat. (Er ist im Ausland geblieben, nachdem ihm mit einer Anklage wegen Spionage gedroht worden war.)

Die stolzen Eltern dieser Initiativen, die massive Unterstützung von Likud, Kadima, Liebermans Partei und all den religiösen Fraktionen erhielten, verbargen ihre Absicht nicht, alle Araber aus dem Parlament zu vertreiben und endlich eine rein jüdische Knesset zu errichten. Die letzten Entscheidungen der Knesset sind nur teil einer seit langem andauernden Kampagne, die fast jede Woche neue Initiativen von öffentlichkeitshungrigen Mitgliedern hervorruft, die wissen, dass je rassistischer und antidemokratischer ihre Gesetzesentwürfe sind, sie bei vielen Wählern um so populärer werden .

So war auch die Knessetentscheidung dieser Woche: die Bedingung für den Erwerb der Staatbürgerschaft zu bestimmen: der Kandidat muss einen Eid auf Israel als einen „jüdischen und demokratischen Staat“ schwören. Das würde bedeuten, dass Araber ( besonders ausländische arabische Ehepartner von arabischen Bürgern) sich der zionistischen Ideologie unterwerfen. ( Das US-Äquivalent würde die Forderung gegenüber neuen amerikanischen Bürgern sein, die einen Eid auf die USA als einem „weißen, angelsächsischen protestantischen Staat“ ablegen müssten.)

Es scheint keine Grenzen der parlamentarischen Unverantwortlichkeit zu geben. Alle roten Linien sind schon vor langer Zeit überschritten worden. Dies betrifft nicht nur die parlamentarische Vertretung von mehr als 20% von Israels Bürgern. Es gibt eine klare Tendenz, allen arabischen Bürgern die Staatsbürgerschaft zu entziehen.

DIESE TENDENZ ist mit dem anhaltenden Angriff auf den Status der Araber in Ost-Jerusalem verbunden.

In dieser Woche war ich auch bei einer Gerichtsverhandlung im Jerusalemer Amtsgericht wegen der Verhaftung von Muhammed Abu-Ter, einem der vier Hamasmitgliedern des palästinensischen Parlaments von Jerusalem. Die Verhandlung wurde in einem winzigen Raum abgehalten, in dem nur etwa ein Dutzend Zuhörer Platz hatten. Mir gelang es, nur mit großen Schwierigkeiten hinein zu kommen.

Nachdem sie in demokratischen Wahlen gewählt worden waren und - entsprechend Israels expliziter Verpflichtung nach dem Oslo-Abkommen - den Arabern Ost-Jerusalems erlaubt worden war, daran teilzunehmen, verkündete die Regierung, dass ihr Status als „permanente Bewohner“ widerrufen worden sei.

Was bedeutet das? Als Israel Ost-Jerusalem 1967 annektierte, dachte die Regierung nicht im Traume daran, den Bewohnern die Bürgerschaft zu geben, was den Prozentsatz arabischer Wähler in Israel bedeutend vergrößert hätte. Man erfand auch keinen neuen Status für sie. Da andere Alternativen fehlten, wurden die Einwohner zu „permanenten Bewohnern “, einem Status, den man Ausländern gibt, die in Israel wohnen bleiben wollen. Der Innenminister hat das Recht, diesen Status zu widerrufen und solche Leute in das Land ihres Ursprungs zu deportieren.

Natürlich passt diese Definition des „permanenten Bewohner“ nicht für die Einwohner Ost-Jerusalems. Sie und ihre Vorfahren wurden hier geboren. Sie haben keine andere Staatsbürgerschaft und keinen anderen Wohnort. Der Widerruf ihres Status’ macht sie zu politisch Heimatlosen, die nirgendwo hingehören und ohne irgend einen Schutz sind.

Der Staatsanwalt behauptete vor Gericht, dass mit dem Streichen seines Status als „permanenter Bewohner“ Abu-Ter eine „illegale Person“ geworden sei, dessen Weigerung, die Stadt zu verlassen, unbegrenzte Haft rechtfertigt.

(Einige Stunden vorher befasste sich der Oberste Gerichtshof mit unserer Petition, die die Untersuchung des Gaza-Flotille-Vorfalls betraf. Wir errangen einen partiellen, aber bedeutsamen Sieg:

zum ersten Mal in der Geschichte des Obersten Gerichtshofes stimmte dieser zu, sich in einer Sache einzumischen, die eine Untersuchungskommission betraf. Das Gericht entschied, dass wenn die Kommission die Zeugenaussagen der Offiziere fordert und die Regierung dies zu verhindern versucht, sich das Gericht einmischen würde.)

WENN EINIGE Leute versuchen, sich selbst etwas vorzumachen und glauben, dass der parlamentarische Mob „nur Araber“ verletzen will, dann haben sie sich sehr geirrt. Die einzige Frage ist: wer kommt als nächstes dran ?

In dieser Woche adoptierte die Knesset bei der ersten Lesung einen Gesetzesentwurf, der schwere Strafen über Israelis verhängt, die sich für einen Boykott Israels im allgemeinen und auf wirtschaftliche Unternehmen, Universitäten und andere israelische Institutionen, einschließlich Siedlungen im Besonderen aussprechen. Jede dieser Institutionen ist berechtigt, einen Schadenersatz von 5000 Dollar von jedem Unterstützer des Boykotts zu verlangen.

Ein Aufruf zum Boykott ist ein demokratisches Ausdrucksmittel. Ich bin gegen einen allgemeinen Boykott Israels, aber ( nach Voltaire) bin ich bereit, dafür zu kämpfen, dass jeder das Recht hat , zum Boykott aufzurufen. Das wirkliche Ziel der Gesetzvorlage ist natürlich, die Siedlungen zu schützen. Es ist dafür bestimmt, diejenigen abzuschrecken, die zu einem Boykott der Produkte von Siedlungen aufrufen, die außerhalb der 1967er -Grenze im besetzten Land bestehen. Dies schließt mich und meine Freunde ein.

Seit der Gründung Israels hat dieses nie aufgehört, sich damit zu rühmen, die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ zu sein. Dies ist ein Juwel in der Krone der israelischen Propaganda. Die Knesset ist das Symbol der Demokratie.

Es scheint, dass der parlamentarische Mob, der die Knesset übernommen hat, entschlossen ist, dieses Image ein für alle Mal zu zerstören, so dass Israel seinen eigentlichen Platz irgendwo zwischen Libyen, dem Jemen und Saudi Arabien finden wird.

Warum erinnert mich diese israelische Regierung so sehr an die alte Türkei? Hanin Soabi widerfährt in gewisser Hinsicht das gleiche Schicksal wie Leyla Zana ... die Türkei und Israel sind sich ähnlicher als sie glauben!
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