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Autor Thema: Und Atatürk ist ihr Prophet...  (Gelesen 11152 mal)
Miro | Beiträge: 1094
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« am: 24. Nov 2007, 21:22 »


Ein Volk, ein Staat, ein Krieg

Von Michael Thumann

Nationalismus ist eine geschichtslose Ideologie. Wo sie entsteht, fließt Blut. Eine historische Analyse am Beispiel der Türkei, einem Staat voll ethnischer Vielfalt



Klicken Sie auf das Bild und sehen Sie alle Illustrationen!

© Alexandra Kardinar und Volker Schlecht, www.drushbapankow.de [M]



Kein Zweifel, Istanbul ist eine türkische Stadt. Oder doch nicht ganz? Manchmal ist es ein marmorner Hauseingang mit griechischen Aufschriften, der einen stutzen lässt, andernorts eine fast vergessene Kirche hinter Neubauten und Leuchtreklamen. Mitunter ist es eine alte, ehrwürdige Ladenpassage wie diese auf der breiten Istiklal-Straße im Zentrum des alten Istanbuls: Suriye pasaj. In der syrischen Passage zwischen sechsstöckigen Stadtpalästen verkauften einst christlich-arabische Händler aus Damaskus, Beirut und Jerusalem ihre Waren. Heute locken die heißen Mokkas der türkischen Cafés, die knatschbunten Magazine des Zeitungskiosks, die Pelze eines türkischen Kürschners.

Dazwischen fällt ein altes griechisches Schild kaum noch auf: Tageszeitung Apogevmatini. »Willkommen!«, hallt es aus einem Raum hinter dem mit grauer Farbe zugepinselten Schaufenster. Flackernde Neonröhren hängen von der hohen Decke. Die Büroutensilien stammen aus einem vordigitalen Zeitalter, Briefwaage, Tintenlöscher, Briefbeschwerer, dazu Schwarz-Weiß-Fotos, Stapel von Zeitungen. In der Ecke steht ein alter Computer. Das ist die Welt von Michalis Vassiliadis, Chefredakteur des griechischen Blattes, eines der ältesten der Türkei. Der 68-Jährige und seine 1925 gegründete Zeitung sind Denkmäler einer Epoche, in der Istanbul für Türken und andere Völker gleichermaßen Heimat war. Die Türken waren in der Stadt eine Minderheit unter Minderheiten. Die »anderen« waren hier geboren, ihre Eltern und Urahnen auch, sie lebten und sie starben hier. Heute kommen die »anderen« nur noch zu Besuch.

Was zwischen jener vergangenen Zeit und der Gegenwart liegt, lässt sich in einem Wort verdichten: Nationalismus. Hinter diesem Begriff stecken 200 Jahre Weltgeschichte, wehende Flaggen und verheerende Kriege, Nationalfeiertage und Vertreibungen, Parlamentsgründungen und Pogrome, Massenaufläufe und Massengräber. Der Philosoph Norbert Elias hat den Nationalismus das »mächtigste Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts« genannt. Hunderte Millionen Menschen sind ihm verfallen, Hunderte Millionen Menschen mussten dafür sterben. Hinter dem Wort Nationalismus verbergen sich ungezählte Geschichten auf allen Kontinenten. Eine davon ist die von Michalis Vassiliadis und den Griechen von Istanbul.

»Kommen Sie, ich zeige Ihnen meine Stadt!«, ruft Vassiliadis, richtet seinen kleinen Zopf aus grauen Haaren und schließt sein Kontor ab. Er bahnt sich den Weg durch das Gewühl von Beyoglu, dem Istanbuler Szene- und Ausgehviertel. Früher nannten die Griechen diesen mondänen Stadtteil Pera, es war ihre Gegend. An der vierspurigen Tarlabasi-Straße bleibt Vassiliadis stehen, zeigt auf ein historisches, stuckübersätes Wohnhaus. Im ersten Stock, sagt er, hat seine Familie in den fünfziger Jahren gewohnt. Daneben lebten Türken, darüber Madame Marie, eine Armenierin, im dritten bis fünften Stock waren gleichfalls Griechen eingezogen. »Es war ein gutes Haus, man verstand sich prächtig.« Rechts neben dem Gebäude steht noch heute eine türkische Polizeistation. Gegenüber war eine griechische Konditorei, wo der Polizeikommissar seinen Kuchen zu Vorzugspreisen kaufte und jeden Mittag eine Partie Backgammon spielte. Dahinter, den Berg hinunter, die griechischen Kirchen, St. Helena, St. Konstantin. »Das war unser Istanbul.« Bis zum 6. September 1955.




Am Morgen dieses warmen Sommertages arbeitete der damals 16-jährige Michalis Vassiliadis im Ägyptischen Basar nicht weit von der Hagia Sofia. Achtzig Prozent der Textilläden im Basar gehörten damals Griechen, Armeniern und Juden. Sie bildeten das Rückgrat des Handels und Handwerks in der Türkei. Auf der Straße zwischen ihren Geschäften begannen an diesem Morgen merkwürdige Leute zu patrouillieren. Offensichtlich kamen sie nicht aus Istanbul, sie waren alle gleich gekleidet, hatten wohl zum ersten Mal eine Krawatte gebunden und trugen dazu einer ungewöhnlichen Mode folgend einen Klappspaten am Bund. »Die türkischen Händler kamen zu uns und meinten, wir sollten besser unsere Läden schließen«, sagt Vassiliadis. Sein Chef folgte dem Rat und ließ die Rollläden herunter. Vassiliadis lief nach Hause. Er ging über die elegante Einkaufsstraße Grande Rue de Pera und sah, wie die ersten Türken Steine in die Läden warfen. Der Pogrom hatte begonnen.

»Heute bin ich kein Kommissar, mein Freund, heute bin ich Türke«

Er kam zu Hause an, da fing ihn Ahmet ab, der türkische Hausmeister. »Schnell, versteck dich«, zischte Ahmet und schwenkte vor dem Haus eine türkische Flagge. Dann kam ein Geschwader mit Steinen und Knüppeln und zog an dem Haus vorbei. Sie gingen zur Konditorei und begannen die Fensterscheiben einzuschlagen. Der griechische Inhaber suchte Hilfe bei jenem Polizeikommissar, mit dem er schon so viele Stunden Backgammon gespielt hatte. Er hörte eine Antwort, die an diesem Tag jeder türkische Polizist jedem Hilfe suchenden Griechen gab: »Heute bin ich kein Kommissar, mein Freund, heute bin ich Türke.«

Wenigstens Hausmeister Ahmet hatte sich voll für seine Griechen ins Zeug gelegt. »Hier wohnen nur Muslime!«, rief er vor dem Haus und schwenkte unermüdlich die türkische Flagge. Als der letzte Verwüstungstrupp vorbeigezogen war, brachte er die Fahne in den Keller und holte einen nagelneuen Klappspaten hervor. Mit dem rannte er hinter den Brandschatzern her und schlug die Fenster griechischer Häuser ein. »Ahmet hatte uns geschützt, weil wir seine Herrschaften waren«, sagt Vassiliadis. Jene, bei denen er danach die Wohnungen zerstörte, waren für ihn einfach nur Griechen.

Die Schwadronen verheerten bis zum nächsten Morgen 3500 Wohnungen und mehr als 4000 Geschäfte und Büros, sie legten Feuer in 72 Kirchen und 31 Schulen, sie entweihten Friedhöfe, plünderten, vergewaltigten nichtmuslimische Frauen und töteten 30 Menschen. Als Vassiliadis zwei Tage später in den Ägyptischen Basar zur Arbeit zurückkehrte, waren die Geschäfte der Griechen, Armenier und Juden verwüstet. Die Läden der Türken nicht. »Sie waren zuvor alle sorgfältig gekennzeichnet worden.« Es war nichts dem Zufall überlassen worden. In Istanbul hatte nicht nur einfach ein wild gewordener nationalistischer Mob randaliert. Die Stadt war Schauplatz eines staatlich organisierten Massenverbrechens geworden.

Adnan Menderes, der damalige Ministerpräsident, gab später in seinem eigenen Prozess zu Protokoll: »Wir hatten erlaubt, einige Fensterscheiben einzuschlagen.« Es war mehr als das. Menderes nutzte den kontrollierten nationalistischen Krawall, um von seiner missratenen Wirtschaftspolitik abzulenken und um der Türkei im Ringen um die Insel Zypern Vorteile zu verschaffen. Seine »Demokratische Partei« hatte Tage zuvor Gruppen von Arbeitern und Polizisten aufgestellt, sie mit Spaten und anderem Gerät versorgt und nach Istanbul fahren lassen. Ein türkischer Geheimdienstmann hatte im Geburtshaus des Republikgründers Atatürk im griechischen Thessaloniki eine Bombe gelegt, um einen passenden Anlass zu schaffen. Nationalistische Medien schrien die Nachricht vom Anschlag am 6. September 1955 heraus, um die Leute zu mobilisieren. Jetzt lief alles wie von selbst. Am Abend desselben Tages informierte der Istanbuler Polizeichef den Premier und den türkischen Präsidenten über die Zerstörungen. Zuversichtlich bestiegen die beiden türkischen Führer um viertel nach acht den Zug nach Ankara.

Nationalismus – das ist die Rage der aufgewiegelten Massen in Tateinheit mit dem ausgefeilten Schlachtplan der Mächtigen. Eine tödliche Ideologie, wenn Schreibtischtäter und Schläger sich gegen die Schwachen im Land verbünden. Vertreibungen und erzwungene Flucht bedürfen wissenschaftlicher Vorbereitung, konzertierter Propaganda und der Befehle von oben. Erst kommt die Idee, dann werden Musketen und Äxte verteilt.

Im internationalen Vergleich war Adnan Menderes freilich einer der kleinen Täter. Wenige Jahre vor ihm hatten europäische Regierungschefs und Diktatoren in großem Stil den Vielvölkerkontinent Europa umgepflügt, Millionen von Menschen entwurzelt, deportiert, ermordet oder in Todesfabriken vergast. Vor allem die Deutschen unter Hitler haben der Welt das bis heute unübertroffene Schreckbild eines entfesselten Nationalismus geliefert. Dagegen benutzte der Georgier und Kommunist Josef Stalin den russischen Nationalismus als Vehikel, um ganze Völker umzusiedeln und auszurotten. Der Brite Winston Churchill stimmte auf den Kriegskonferenzen bis 1945 der erzwungenen Umsiedlung von Millionen Polen und Deutschen zu. Der Tscheche Eduard Beneš verwirklichte nach Rückkehr aus dem Exil nach Prag seinen lang gehegten Plan der Vertreibung der Sudetendeutschen.

Durch die Abgrenzung vom Fremden wird das Selbstbild geschärft

Mit dem Nationalstaat entstand im 19. Jahrhundert die Idee von der »Selbstbestimmung« und der »ethnischen Reinheit«. Im Gegensatz zur politischen Nation wie etwa in den USA, wo viele Ethnien sich um eine nationale Idee zusammenschlossen, haben in Mittel- und Osteuropa einzelne Völker ihre Staaten begründet, in denen sie fortan keine Fremden mehr sehen wollten. Doch die Reiche, aus denen sie herausbrachen, waren Vielvölkerimperien, die Städte, die sie eroberten, multikulturelle Räume. Die »Befreiung« von den alten Imperien, der Krieg um das nationale Territorium geriet so rasch zum Kampf um nationale Homogenität. Durch Abgrenzung vom anderen, vom Fremden, vom Feind wurde das Selbstbild geschärft. Was der deutsche Publizist Carl Ludwig Börne im 19. Jahrhundert den »Völkerfrühling« nannte, schlug an vielen Orten Europas um in ungehemmten Völkerhass.

»Die Gründung Griechenlands 1821«, sagt Michalis Vassiliadis, »hat viele der kosmopolitischen Griechen von Istanbul lange Zeit nicht reizen können.« Die vielsprachige, quirlige »Metropole des Osmanischen Reiches war unser Zuhause, nicht das bäuerliche Neuhellas«, das in einer Kette von Aufständen gegen die Osmanen auf dem Peloponnes und in Athen entstand. »Aber je mehr sich der Nationalismus verbreitete«, sagt er, »desto mehr waren wir gezwungen, uns damit zu identifizieren.«

Dem griechischen Beispiel waren die Serben vorangegangen, es folgten Bulgaren, Rumänen, Tschechen, Polen, die ihre Nationalstaaten bildeten und feststellten, dass sie in ihren Grenzen nicht allein, sondern zum Zusammenleben mit Minderheiten verdammt waren. Nirgendwo fielen die Siedlungsgrenzen mit den neuen Staatsgrenzen zusammen. Um beides irgendwie zur Deckung zu bringen, hat Südosteuropa 200 Jahre Krieg erlebt. Vom griechischen Aufstand 1821 bis zu den Massakern in den Balkankriegen 1912/13, von den Überfällen armenischer Nationalisten auf Türken bis zu den groß angelegten Massakern der Türken an den anatolischen Armeniern 1915. Der Krieg flammte in den 1990er Jahren neu auf, als Kroaten und Serben die Muslime in Bosnien-Herzegowina vertrieben oder zu Tausenden umbrachten.

Griechen und Türken hatten Anfang der zwanziger Jahre einen ganz besonderen Dreh gefunden, um ihre Territorien von Fremden zu säubern: den Bevölkerungsaustausch. Nach dem Abkommen von Lausanne 1923 mussten weit über eine Million Griechen Anatolien verlassen und bis zu einer halben Million Türken das neue Griechenland. Ausgenommen blieben die Griechen von Istanbul und die Muslime im griechischen Thrakien. Sie waren fortan die Geiseln des griechisch-türkischen Dauerkonflikts.

Die türkische Bartholomäusnacht des 6. September 1955 stand schon im Schatten des heraufziehenden Konflikts um Zypern. Danach wurde das Leben für die Griechen von Istanbul immer schwieriger. »Ich musste wegen der türkisch-nationalistischen Studentenbewegungen die Universität verlassen«, sagt Michalis Vassiliadis. Sobald er etwas auf Griechisch sagte, folgte der Rüffel: »Wir sind hier nicht im Land der Ungläubigen!«

Griechen zahlten in Istanbul mehr Abgaben und erhielten weniger Lohn

Die Diskriminierungen nahmen zu. Griechen zahlten mehr Abgaben, bekamen weniger Lohn. Bei einem Verkehrsunfall war immer der Grieche schuld. An Schulen und an der Universität wurden Griechen gemobbt. Als in Zypern 1964 erneut ethnische Konflikte ausbrachen, wies das türkische Innenministerium über Nacht 12000 Istanbuler Griechen aus. Der junge Journalist Vassiliadis wurde für seine Artikel in griechischen Zeitungen mit einem zehnjährigen Dauerprozess gequält. »Das Leben wurde moralisch und ökonomisch unerträglich«, sagt er.

Bei Ausbruch des Zypernkrieges 1974 war Michalis Vassiliadis mürbe geworden. Der Istanbuler Grieche zog mit seiner Mutter in die Fremde, in den Nationalstaat Griechenland nach Athen. Dort war gerade das Obristenregime gestürzt worden, eine neue demokratische Regierung wagte ihre ersten Schritte. Vassiliadis arbeitete als Journalist weiter – und bekam alsbald Probleme. »Wir Istanbuler Griechen wurden in Athen von den griechischen Nationalisten umarmt«, erzählt Vassiliadis. Die Zeitung Konstantinopoli lud ihn ein zu schreiben. Doch schnell geriet er mit dem Chefredakteur aneinander: »Türkendreschen war bei denen schwer in Mode«, sagt Vassiliadis. Je rassistischer, desto besser: »Türken sind Feinde, sind Barbaren, sind minderwertig.« Ein militanter, revanchistischer Ton zog sich durchs ganze Blatt: »Die Hagia Sofia ist unser!«

Vassiliadis desertierte alsbald von der antitürkischen Front und ging zu einem anderen Blatt von Exil-Istanbulern. Dort schrieb er über einen Streit zwischen Griechen und Muslimen in Nordgriechenland. Es ging um die Höhe eines Minaretts, das angeblich 25 Zentimeter zu lang geraten sei und deshalb vor dem Abriss stand. »Ich plädierte für das Minarett«, sagt Vassiliadis. Dafür nannten ihn die Kommentatoren anderer Zeitungen »Stiefellecker der Türkei«. Vassiliadis und seine nationalistischen Gegner überzogen einander mit Beleidigungsklagen.

Seit fünf Jahren nun lebt Michalis Vassiliadis wieder in seiner türkischen Heimat. Er verbringt die Tage in seinem Istanbuler Büro neben der Briefwaage und dem Tintenlöscher und den Zeitungsstapeln. Er schreibt in einer Sprache, die nicht mehr viele Istanbuler lesen können. Etwa 2000 Griechen leben heute noch in der 15-Millionen-Stadt, Apogevmatini hat eine Auflage von 600 Exemplaren. Hinter Vassiliadis hängen zwei Bilder, eines von Kemal Atatürk, dem legendären Gründer der türkischen Republik, und eines von Hrant Dink, dem mutigen armenischen Journalisten, der im Januar 2007 von einem türkischen Nationalisten in Istanbul ermordet wurde. Dem Mörder applaudierten türkische Fußballfans und Polizisten. Für solche Nationalisten kann die Nation nie rein genug sein.

In Griechenland war das nicht anders, sagt Vassiliadis. Aber: »Das Land hat seit den achtziger Jahren ein kleines Wunder erlebt, das den Nationalisten die Köpfe zurechtgerückt hat.« Das Wunder hieß Europäische Gemeinschaft. Griechenland sei von einem Balkanland, wo Diskussionen gern in Messerstechereien endeten, zu einem normalen Land in einer Gemeinschaft demokratischer Länder geworden. Das habe dem Nationalismus den Stachel genommen.

Auch die Türkei habe in den vergangenen Jahren unter ihrem Premier Tayyip Erdoğan Riesenschritte nach vorn gemacht, sagt Vassiliadis. Zum ersten Mal werde von der ethnischen Vielfalt der Türkei gesprochen. Im Jahr 2005 gab es in Istanbul eine Ausstellung über die Pogrome gegen die Griechen von 1955. Und doch, sagt Vassiliadis vor dem Bild des ermordeten Hrant Dink, sei die Glut des türkischen Nationalismus noch nicht erstickt. Um sie zu löschen, empfiehlt der Istanbuler Grieche ein Mittel, das wiederum viele Griechen und Europäer in heißen Furor versetzt: den EU-Beitritt der Türkei.

Literatur:

Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation
Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts; Campus-Verlag 2005; 3. Aufl., 308 S., 19,90 Euro

Miroslav Hroch: Das Europa der Nationen
Die moderne Nationsbildung im europäischen Vergleich; Vandenhoeck & Ruprecht 2005; 279 S., 24,90 Euro

Eric Hobsbawm: Nationen und Nationalismus
Mythos und Realität seit 1780 Campus Verlag 2005; 3. Aufl., 256 S. 17,90 Euro

Siegfried Weichlein: Nationalismus und Nationalstaat in Europa
Ein Forschungsüberblick; Neue Politische Literatur 51 (2007), Heft 2/3

Ernest Gellner: Nationalismus und Moderne
Rotbuch Verlag 1995; nur antiquarisch




http://www.zeit.de/2007/48/OdE5-Nationalismus?page=all
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Miro | Beiträge: 1094
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« Antworten #1 am: 24. Nov 2007, 21:59 »

Zitat
Adnan Menderes, der damalige Ministerpräsident, gab später in seinem eigenen Prozess zu Protokoll: »Wir hatten erlaubt, einige Fensterscheiben einzuschlagen.« Es war mehr als das. Menderes nutzte den kontrollierten nationalistischen Krawall, um von seiner missratenen Wirtschaftspolitik abzulenken und um der Türkei im Ringen um die Insel Zypern Vorteile zu verschaffen. Seine »Demokratische Partei« hatte Tage zuvor Gruppen von Arbeitern und Polizisten aufgestellt, sie mit Spaten und anderem Gerät versorgt und nach Istanbul fahren lassen. Ein türkischer Geheimdienstmann hatte im Geburtshaus des Republikgründers Atatürk im griechischen Thessaloniki eine Bombe gelegt, um einen passenden Anlass zu schaffen. Nationalistische Medien schrien die Nachricht vom Anschlag am 6. September 1955 heraus, um die Leute zu mobilisieren. Jetzt lief alles wie von selbst. Am Abend desselben Tages informierte der Istanbuler Polizeichef den Premier und den türkischen Präsidenten über die Zerstörungen. Zuversichtlich bestiegen die beiden türkischen Führer um viertel nach acht den Zug nach Ankara.

Nationalismus – das ist die Rage der aufgewiegelten Massen in Tateinheit mit dem ausgefeilten Schlachtplan der Mächtigen. Eine tödliche Ideologie, wenn Schreibtischtäter und Schläger sich gegen die Schwachen im Land verbünden. Vertreibungen und erzwungene Flucht bedürfen wissenschaftlicher Vorbereitung, konzertierter Propaganda und der Befehle von oben. Erst kommt die Idee, dann werden Musketen und Äxte verteilt.

wie schön sich die geschichte wiederholt.....

und wer anhand dieser fakten immernoch von der brüderlichkeit zwischen türken und anderen ethnien in der türkei insbesondere mit kurden träumt, den kann man nur noch gute nacht wünschen....
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« Antworten #2 am: 25. Nov 2007, 00:01 »

Vielen Dank, Miro, dass du uns auf diesen Artikel aufmerksam gemacht hast. Ich habe mir auch die Leserkommentare dazu angesehen, wovon einige eher scheinheilig dem Autor unterstellten, die von Griechen verübten Gräueltaten im Anschluss an den 1. Weltkrieg verschwiegen zu haben, und einer sogar eine von Griechen geplante ethnische Säuberung in ganz Anatolien behauptete. Aber Thumanns Thema waren die Griechen im heutigen Istanbul, und die haben weder in Anatolien noch in Bosnien-Hezegowina gewütet, wurden aber eben 1955 Opfer eines von der damaligen Regierung Menderes initiierten und organisierten Pogroms, einschließlich des auslösenden Attentats auf das Geburtshaus von Mustafa Kemal in Saloniki. Ist es für den heutigen Leser verwerflich, da gleich an Semdinli zu denken?

In den Leserkommentaren fand ich aber auch einen, der meiner Meinung nach unbedingt in dieses Thema gehört, darum zitiere ich ihn hier:

Zitat
5. Wo Ideen zur Ideologie erstarren, DA fließt Blut!

Dies - und allein dies - ist der entscheidende Punkt, Herr Thumann Sonst müsste es auch heißen

- Wo Religion gelebt wird, da fließt Blut.

-Wo Sozialismus entsteht, da fließt Blut

- usw.

Nationalismus ist per se genauso wenig schlecht wie Sozialismus, Christentum, Hedonismus, usw. In dem Moment aber, wo eine Idee bzw. ein Gesellschaftsentwurf zur religionsartigen Ideologie erstarrt, beginnt diese sich selbst unangreifbar zu machen. Echte und vermeintliche Abweichler werden wie Ketzer verfolgt, da sie den schönen Traum zu zerstören suchen. Die einst gute Idee fällt in ihr dunkles Gegenteil: Sie wird totalitär.

Ebenso ist das Schreibtischtäterbeispiel universell gültig: Die Vertreibung von 15 Mio. Deutschen wurde von Stalin gezielt nach dem Motto betrieben: "Tue Böses und rede darüber". Die nackte Angst trieb Millionen Menschen nach Westen, wobei die Wut der Soldaten auf die Deutschen Invasoren über eine unmenschliche Propaganda in derartigen in Hass gesteigert wurde, dass ihnen alle Deutschen wie Tiere erschienen. Die brutalste Gewalt endete nahezu abrupt hinter der Oder/Neiße Linie - genau dann, als das Ziel erreicht war.

War hier Nationalismus im Spiel? Nein, es war eiskalte Machtpolitik, die Schreibtischtäter verbanden sich mit dem rasenden Mob. Das von Ihnen beschriebene Prinzip, werter Herr Thumann, lässt sich auf alle organisierten Gräueltaten anwenden. Es gilt genauso für die Schreckensherrschaft der Jakobiner, für die Judenprogrome des Mittelalters, für die Kreuzzüge, etc.

Nationalismus ist bei uns als Wort extrem negativ belegt, obwohl dies nüchtern betrachtet nicht der Fall ist. Es stellt die Vision einer Gesellschaft dar, als (einigermaßen) homogenes Volk zusammenzuleben und nicht als gesichtslose "Gesellschaft" oder als "Vielvölkerstaat". Zudem ist das Wort "Nationalismus" bei uns in einer Zeit entstanden, wo Fürsten über viele Deutsche Staaten herrschten, also genau das Gegenteil der heutigen Vermischungspolitk vorherrschte (ein Volk lebte damals in vielen Staaten und heute sollen viele Völker in einem Staat leben).

Sobald aber Nationalismus in Chauvinismus oder gar in Rassismus fallt, dann besteht die Gefahr, welche von Ihnen skizziert wurde. Aber sie besteht auch, wenn man die Gefahren, welche sich aus multiethnischen Gesellschaften ergeben, blind negiert. Die von Ihnen gelobte USA haben sich doch längst in ethnische Bruchlinien geteilt, das kann man in jeder amerikanischen Stadt beobachten. Die USA sind längst eine Art Vielvölkerstaat.

Sehr viele multiethnische Gesellschaften sind irgendwann explodiert, auch den USA könnte dies noch bevorstehen. Wir werden das bei der nächsten wirklich schweren, fundamentalen Wirtschaftskrise erleben, welche irgendwann kommen wird. Die USA könnten dann sehr schnell entlang ihrer ethnischen Sollbruchlinien zerfallen, ein zweiter amerikanischer Bürgerkrieg ist dann nicht ausgeschlossen.

Alles was extrem ist, alles was ideologisch erstarrt, alles was als als heiliges Tabu brachial verteidigt wird, läuft Gefahr irgendwann zu explodieren oder in ihr Gegenteil zu fallen. Leider war die Multi-Kulti Ideologie lange genau so ein Fall. Im Grunde wurde in ihr die ideologische Erstarrung des Chauvinismus spiegelbildlich kopiert. Die Folgen kann niemand abschätzen.

Quelle: http://kommentare.zeit.de/commentsection/url/2007/48/OdE5-Nationalismus





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« Antworten #3 am: 17. Mär 2008, 19:41 »

Zitat
Der hinterhältige Anschlag auf den Penis von Atatürks Standbild-Pferd

von Mustafa Akyol,
Übersetzung: Karl G. Mund

Da haben Sie was verpasst. In der letzten Woche enthüllte der CHP-Vorsitzende der Stadt Denizli, Herr Ali Kavak, die jüngste Attacke auf unsere säkulare Republik und ihren Gründer. Allen Ernstes stellte er sich vor die Pressekameras mit einem Foto der Statue von M. Kemal Atatürk, die im Stadtzentrum aufgestellt wurde. "Wie Sie sehen," sagte er, "wurde der Penis des Pferdes abgebrochen, auf dem Atatürk sitzt." Dann fuhr er fort den finsteren Plan aufzudecken, der hinter dieser Gotteslästerung stünde: "Wir glauben, dass AKP-Funktionäre den Penis abgebrochen haben," versichterte er, "die Geisteshaltung, welche die Köpfe unserer Frauen mit Tüchern verdeckt vergreift sich nun an Kunstwerken!"

Die Tageszeitung Hürriyet brachte die Meldung auf der Titelseite: "Die schockierende Debatte über das Atatürk-Denkmal." Nach Auskunft des Hürriyet-Reporters leugnete der AKP-Vorsitzende der Stadt, gleichzeitig ihr Bürgermeister, diese Anschuldigung völlig. "Das ist überhaupt nicht wahr," sagte er und fügte hinzu: "Wir finden diese Auseinandersetzung beschämend." Auch er zeigte Fotos der Statue aus dem Jahre 2004 zum Beweis, dass die angebliche übertriebene Beschneidung niemals stattgefunden habe.

Bizarre Verbrechen

Der Hürriyet-Reporter sprach auch mit dem früheren Dekan der Mimar Sinan Kunsthochschule, Dr. Tamer Başoğlu, dem Schöpfer jener Statue. "Ich habe diese Statue mit meinen Händen geformt," bestätigte er, "und ich finde diese Anschuldigungen bizarr."

In der Tat, der Vorfall ist völlig bizarr. Selbst wenn die AKP-Leute heimliche Islamisten wären und vorhätten aus der Türkei eine Art Iran zu machen, wie viele CHP-Anhänger fantasieren, würden sie wohl kaum damit anfangen, die Pferde der Atatürk-Statuen zu kastrieren. Aber solche Wahnvorstellungen über den Staatsgründer und die "Angriffe" auf ihn werden wohl nie aus der öffentlichen Wahrnehmung der Türken verschwinden. Vor ungefähr einem Monat wurde eine andere Ortsgruppe der AKP, diesmal in Kuşadası, beschuldigt "Atatürk beleidigt zu haben", weil sie bei einer Versammlung ein Plakat mit seinem Bild aufgehängt hatten und es später wieder abnahmen. Dieses "Verbrechen" wurde durch die Medien entlarvt und die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Bald stellte sich heraus, dass die Strippen, die das überlebensgroße Plakat mit dem Bild des Obersten Führers trugen, nicht stark genug waren und dass eine während der Veranstaltung zerriss. "Deshalb mussten wir das auf halbmast hängende Poster abnehmen," erklärte Ibrahim Üstün, der örtliche AKP-Vorsitzende. "Wir hatten wirklich keine bösen Absichten."

Als Bürger der Türkei seit mehr als drei Jahrzehnten habe ich ungezählte derartige Vorfälle erlebt, die ein grundlegendes Problem unserer Nation aufzeigen: Wir haben Atatürk zu einer gottgleichen Figur erhoben, und dieser Personenkult führt uns zu irrationalem Verhalten und zur Engstirnigkeit. Zweifellos war er ein großer Führer, der Dankbarkeit verdient und Respekt. Aber das sollte geschehen in der Art, wie die Amerikaner George Washington betrachten, nicht so, wie die Nordkoreaner mit Kim Il Sung umgehen.

Meinen Sie, der Begriff "Anbetung" sei übertrieben? Dann denken Sie mal hierüber nach: Es gibt türkische Dichter wie z.B. den berühmten Behçet Kemal Çağlar, der Atatürk wörtlich bezeichnete als "Gott, der in Samsun das Land betrat" (um 1919 den "Befreiungskrieg" zu beginnen). Die Lehrpläne der Schulen sind voll mit ähnlichen Sprüchen. Und deshalb schreiben unsere Schüler weiterhin Gedichte wie dieses:

Du bist im Himmel, mein Atatürk!

Du siehst herab auf uns aus den Sphären!

Du bist nie von uns gegangen.

Du bist es, der unser Schicksal beschließt.

Du hast uns aus Tod und Sklaverei errettet.

Du bist der, welcher uns Leben gibt!"

Dieses Gedicht der 12-jährigen Schülerin Ecem siegte im "Atatürk Lyrik-Wettbewerb", der in diesem Jahr für die Grundschulen in Istanbul ausgeschrieben wurde. Solche Wettbewerbe gibt es Jahr für Jahr in allen Schulen im ganzen Land, und ähnliche Gedichte schwirren überall herum. Es ist ja keine Überraschung: Das türkische Erziehungssystem ist nicht für die Erziehung zu kritischem Denken eingerichtet, sondern zur Produktion unkritisch gehorchender Bürger.

Aus all dem habe ich zwei Schlussfolgerungen gezogen: Die erste besagt, dass, wenn Sie die Debatte in der Türkei über "Islam gegen Säkularismus" betrachten, Sie beachten sollten, dass Säkularismus hier seine eigenen religiösen Züge hat, die sich vom Kult um den Obersten Führer herleiten. In diesem Sinne kann die Türkei in mancher Hinsicht als "theokratisch" bezeichnet werden. Im benachbarten Iran stützt sich die Theokratie auf den Islam, und die Ayatollahs, welche die Auslegungshoheit dafür beanspruchen, genießen außergewöhnliche politische Macht. In der Türkei haben wir stattdessen eine säkulare Priesterschaft –die staatlichen Institutionenm, welche die Interpretationshoheit über Atatürk beanspruchen – und damit die politische Souveränität des Volkes an sich binden. Der Fairness halber will ich zugestehen, dass unser "Theokratie" um vieles sanfter und offensichtlicher ist als die im Iran, aber sie ist immer noch ein Hindernis für die Demokratie.

Karikaturen und Eiferer

Meine zweite Schlussfolgerung befasst sich mit dem Eifer, den "säkulare" Kemalisten bei der Verteidigung ihrer Kultobjekte an den Tag legen. Ihre Intoleranz gegen jede wirkliche wie eingebildete Herausforderung gegenüber Atatürk (und sogar die Pferde seiner Statuen!) in Verbindung mit dem tiefsitenden Glauben an die Existenz gar schröcklicher Verschwörungen gegen ihn ähnelt sehr stark einer anderen Plage in diesem Teil der Welt: Jenen wütenden Muslimen, die es nicht ertragen können, irgendetwas Kritisches gegenüber dem Islam zu hören oder zu sehen. Diese religiösen wie säkularen Gläubigen sind scheinbar nicht so verschieden voneinander bei der Verteidigung dessen, was sie als heilig ansehen.

Vielleicht kommt aber das Eiferertum jener extremistischen Muslime nicht unbedingt von den zentralen Lehrinhalten des Islam, wie viele Menschen im Westen dieser Tage glauben mögen, sondern aus dem tief verwurzelten Glauben in östlichen Gesellschaften an absolute Wahrheiten, absolute Herrscher und absoluten Gehorsam.

Noch ein Hinweis von mir: Wir wissen wie heftig einige Muslime auf die Karikaturen über den Profeten Mohammed reagierten. Was denken Sie, wie würden Kemalisten auf ähnliche Karikaturen über Atatürk antworten? Ich habe keine Idee, weil ich noch nie eine solche zu Gesicht bekam.



Kommentar:

Ist es Zufall, dass dieser Artikel des von mir bis auf wenige "Ausrutscher" (gelegentliche Anfälle von Vaterländischkeit) sehr geschätzten Kolumnisten-Kollegen Mustafa Akyol just einen Tag vor der Aktion des führenden Staatsanwalts Abdurrahman Yalcinkaya zur Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen die Partei von RTE & Co. in "Turkish Daily News" erschien? Was das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, der Geduld des Staatsanwalts den letzten Dolchstoß in den Rücken setzte? Wir werden es wohl nie erfahren. 

Auf jeden Fall hat Mustafa Akyol mit seiner heutigen Meinungskolumne noch eins draufgesattelt und über den Versuch eines Staatsstreichs durch die türkische Justiz geschrieben. Das werde ich wohl auch noch übersetzen, bitte meine LeserInnenschaft aber noch um etwas Geduld.   
« Letzte Änderung: 18. Mär 2008, 19:49 von Amos » Gespeichert

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« Antworten #4 am: 18. Mär 2008, 02:58 »

Wenn ein Staat angesehene Menschen hervorgebracht hat, so wird dieser Staat, sofern er nicht einer totalitären und undemokratischen Führung bzw. Diktatur ausgesetzt ist, keinen Personenkult betreiben! Es ist angebracht und sogar wünschenswert jener Menschen zu gedenken, die Großes in der Geschichte geleistet haben, damit ihre Taten nicht vergessen werden und Nachahmer finden...
...aber alles hat eine Grenze!

In demokratischen Staaten sind der Selbstdarstellung und Verehrung von Partei- und Staatsführern Grenzen gesetzt. Ausgeprägten "Personenkult" gab es  im Nationalsozialismus um Adolf Hitler, oder um Saddam Hussein im Irak. Ihre Statuen und Bilder waren überall! Zu ihren Lebzeiten schon waren sie um ein egozentrisches Leben bemüht, während in der Türkei mit Atatürks Nationalismus beginnend vor allem nach seiner Zeit eine Gesellschaft aufgebaut wurde, der man bereits im Kindesalter eine absolute Unterwerfung vor dem Atatürk-Doktrin anordnet.
Personenkult in sozialistischen Diktaturen gab es unter der Herrschaft Stalins in der Sowjetunion und davon abgeleitet in den anderen Staaten des sozialistischen Lagers um Mao Zedong in der Volksrepublik China, um Boleslaw Bierut in Polen sowie in Turkmenistan um "Türkmenbasi" und heute noch in Nordkorea um Vater und Sohn Kim.

Der türkische Professor und Politikwissenschaftler Yayla sollte bis zu drei Jahre ins Gefängnis, weil er den Staatsgründer Atatürk bei einer Podiumsdiskussion als «diesen Mann» bezeichnet haben soll, denn mit dieser Formulierung sei Atatürk beleidigt worden, lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft im westtürkischen Izmir nach Medienberichten.

Ipek Calislar war vorgehalten worden , Atatürk in einer Biografie über seine Frau Latife Hanim als "Angsthasen" dargestellt zu haben. Laut Anklage drohten der Schriftstellerin bis zu viereinhalb Jahre Haft. In der Biografie beschreibt die Autorin einen Mordanschlag, dem Atatürk entgangen sein soll, weil er auf Anraten von Latife Hanim mit einem Schleier als Frau verkleidet aus dem Präsidentenpalast geflüchtet sei.

Die Moral ist nun nicht die Erforschung des Wahrheitgehaltes dieser Aussage, sondern zu schweigen, selbst wenn die Aussage einer Wahrheit entsprochen hätte, denn in der Türkei ist „das Bild des Vaters aller Türken bereits fixiert“ und neue Erkentnisse eine Herausforderung für von jahrelanger Gehirnwäsche isolierter Köpfe!

Ein weiteres Verfahren lief gegen Verleger Ragip Zarakolu, worin ist er wegen „Verunglimpfung des Staates und der Republik” gemäß Artikel 159 (ebenfalls umgewandelt in ein Verfahren gemäß Artikel 301) angeklagt wurde, sowie wegen “Beleidigung des Andenkens an Atatürk” nach Gesetz Nr. 5816 aufgrund der Veröffentlichung einer türkischen Übersetzung des Buches „Die Wahrheit wird uns befreien: Versöhnung zwischen Armeniern und Türken“ von George Jerjian ("Gerçek bizi Özgür Kalıcak; İstanbul: Belge 2004").

Ich zitiere hier nicht Fälle, die Atatürk beleidigen oder ihm unangemessene Dinge unterstellen, sondern den blinden Nationalismus einer türkischen Gesellschaft, der nur zur Befriedungen eigener niederer Triebe dient!

Nicht selten wird Atatürk auch einem Propheten gleichgesetzt, denn so schrieb schon der Spiegel :

„...Als Kaddor hier zu unterrichten begann, glaubten manche Kinder, Mohammed sei in Istanbul geboren und Atatürk ein Prophet

Als die Proteste gegen die Reformen der AKP in Ekstase verliefen, schwörte der pensionierte Pilot Oberst Senay Güray  die Menge ein:

"Du bist, mein Vater (Atatürk), der zur Heilung der Kranken von Gott augetragen wurde, ein unbenannter Prophet...!“

Beinahe alles wurde nach Atatürk benannt, dem „Vater aller Türken“, dessen Bild jedes Klassenzimmer schmückt und jeden Arbeitsplatz und auf allen Veranstaltungen nicht entbehrt wird, jedoch selten in voller Körpergröße, denn auf seinen vom Alkoholgenuß geformten Bauch konnte man verzichten!
Kemal Atatürk, der mehr und mehr zu einer sakralen Figur hochstilisiert wird. "Grosser Führer Mustafa Kemal Atatürk", sprach bei der Demonstration in Ankara Ali Ercan, Vorstandsmitglied des Atatürkschen Denkvereins, den toten Staatsmann in seinem Mausoleum direkt an:

"24 992 Tage sind es, seit du von uns gegangen bist. Wir treten heute voll Scham und Trauer vor dich hin."

Kemal Atatürk, der bis zum Tod über die Türkei herrschte, denn selten lassen Diktatoren von ihrer Macht ab und sie alle rechtfertigen es auf die selbe Weise: Ohne sie würde der Staat zerfallen!

Der kemalistische Laizismus ist auch deshalb ein Etikettenschwindel, weil er einen anderen Glaubenskult schützt. In den Universitäten, die den Kopftuchfrauen verboten sind, hängen mehr Atatürk-Bilder als Kruzifixe im Vatikan. Und nicht nur dort! Ein Denkmal des Staatsgründers steht fast in jedem Dorf und in jedem Büro. In den Schulen müssen die Schüler jeden Montagmorgen im Schulhof antreten und ihre Treue zu Atatürk im Chor beschwören.  Im Unterricht wird das Leben Kemal Atatürks gelehrt wie eine Heiligenlegende. Wer die infrage gestellt, riskiert eine Blasphemie-Klage nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzes, der "die Beleidigung des Türkentums" unter Strafe stellt.

Wenn man sich in der Türkei aufhält, dann begegnet einem Atatürk zwangsläufig, sei es in Form von Bildern, Büsten, Statuen oder Zitaten. Die kultische Verehrung seiner Person ist Dogma der Staatsideologie der Republik! Hier ist er primär der "Vater der Nation", der "unsterbliche", "omnipräsente" und "größte Held der Türken".

Und natürlich hat der Staatsheilige auch seine Wallfahrtsstätte: das Atatürk-Mausoleum (Anitkabir) in Ankara, zu dem jährlich zu Atatürks Todestag Hunderttausende pilgern! Selbst der Zeitpunkt von Atatürks Tod ist allen Türken gegenwärtig: Um 9.05 Uhr heulen an jedem 10. November die Polizeisirenen auf, und viele Türken erstarren in Ehrfurcht und grüßen die nächste türkische Fahne!

Und: Nein! Vergleiche mit dem Dritten Reich müssen wir nicht aufstellen!

Kurioser ist, dass der Personenkult um den Vater aller Türken sogar Verfassungsrang hat. Laut Präambel ist Atatürk der "unsterbliche Führer und unvergleichliche Held", dessen "Reformen und Prinzipien" samt seiner "Auffassung von Nationalismus" für Staat und Nation verbindlich sind: Die Ehrfurcht der Atatürk-Kinder ist zum Verfassungsprinzip erstarrt.
Doch das kemalistische Verfahren des "Nation-Building" hatte auch zahlreiche faschistische Merkmale. Der Journalist Mustafa Aykol zählt dazu auch die offiziellen "Fantasien zur Überlegenheit der türkischen Rasse" und die Ernennung Atatürks zum "ewigen Führer". (Turkish Daily News, 7. Oktober 2007).

Selbst kurdische Parteien werden argwöhnisch beobachtet, wenn sie der Verehrung des ewigen Führers nicht Folge leisten:“Warum wurde auf dem DTP-Kongress kein Atatürk-Bild gezeigt und warum nicht die türkische Fahne gehisst?” klagen Medien an (Bianet, 09.11.07), als wären diese Forderungen gesetzlich geregelt!

So viel zu Atatürk, der nach Ismail Cem ("Türkiyede gerikalmiz ligin olusumu", 1973) Herr über folgendes Vermögen war:

15 472 Hektar kultivierten Boden, eine Brauerei (daran er letztendlich auch starb), zwei Molkerein mit 30 000 Litern pro Tag, zwei Joghurtfabriken, eine Fabrik für alkohlische Getränke (80 000 Liter Wein pro Jahr), Restauratns, Kasinos, Nachtklubs, 50 Häuser usw.

Dies wirft ein besonderes Licht auf die von Mustafa Kemal ausgegebene und täglich von den türkischen herrschenden Klassen hinausgeschmetterte Parole:

"Wir sind ein Volk ohne Klassen und Privilegien!"
« Letzte Änderung: 20. Apr 2009, 09:30 von X e m x w a r » Gespeichert
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BIJI GELE KURDISTAN KURD NAMRIN !!!



« Antworten #5 am: 18. Mär 2008, 21:13 »

Haben sie gut gemacht

Das hatt nichts mit feige zu tun sonder mit WUT/HASS

Ich hätte auf Ataturks Statur schön editSmiley
« Letzte Änderung: 18. Mär 2008, 22:48 von aram » Gespeichert

BIJI GELE KURDISTAN KURD NAMRIN !!!!
JEK DEWLAT,JEK WELAT,JEK KURDISTAN !!!

http://de.youtube.com/watch?v=AYX2nce-S5I <<<
http://de.youtube.com/watch?v=UzfNY98C0ts <<<
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« Antworten #6 am: 19. Mär 2008, 01:25 »

Der Kemalismus und Mustafa Kemal, der ihm seinen Namen gab, besitzen im Ausland heute noch eine ganze Legende , progressistisch und sogar „revolutionär“ eingefärbt, aufgebaut von einem Dutzend im allgemeinen sehr mittelmäßigen Werken (ausgenommen jedoch das von Lord Kinross:“The Birth of Nation“), dazu bestimmt, ein akzeptables Modell vorzustellen, einen Archetyp für gewisse Tyrannen und Potentanten der Dritten Welt, die „den Sozialismus nicht mögen, weil dieser eine fremde Ideologie ist“ und die dennoch eine „nicht-kapitalistische“, „progressistische“ Fassade aufbauen müssen.

Dieser Kemalismus unter Atatürk galt einen Augenblick lang gar als „Dritter Weg“. Dies begrüßte der französische Edouard Herriot in seinem Vorwort zu einem Werk (Bk. E. Herriot''un Mukaddimesi, Tekin Alp, Kemalizm, İstanbul 1936, s. III.) des Ultranationalisten Tekin Alp:“ Diese türkische Revolution vollzieht sich mit der Ordnungsmäßigkeit eines logischen Plans. Sie kennt weder die Entfesselung menschlicher Leidenschaften, noch die Zerstörung materieller Reichtümer, noch die blutige Feindschaft von Parteien und Klassen.“

Es wäre zweifellos nicht überflüssig, ein wenig den „progressiven“ Lack des Kemalismus nazukratzen, ein Wort über seinen Klassencharakter, über sein politisches System zu verlieren. Der Unabhängigkeitskrieg hatte sich auf die Notabeln gestützt und es ist diese türkische Bourgeoisie, die sich der Staatshebel des neuen Staates bemächtigte (Wirtschaftskongress von Izmir, 1922). Der Kemalismus ist ihre Ideologie, ihre Vernebelungstaktik!

In der Periode der Privatinitiative wurden die Generäle und Würdenträger des Unabhängigkeitskrieges Mitglieder in den Verwaltungsräten, den Gesellschaften, Bankiers und Importeure. Übrigens: Es war Mustafa Kemal persönlich, der mit einer persönlichen Einlage von 250 000 Pfund (damals etwa 6 Millionen Francs) zusammen mit einigen Notablen des Regimes 1924 die Handelsbank der Türkei gründete. Dies war im übrigen nicht die einzige kaumännische Initiative Atatürks (siehe Ismail Cem ). Ihrem Führer folgend machten sich alle militärischen und zivilen Bürokraten des Unabhängigkeitskrieges und natürlich die Natablen an eine ungezügelte Bereicherung.

Das türkische Volk manifestierte jedesmal, wenn es dazu Gelegenheit hatte, seine Opposition dagegen. Mustafa Kemal war vor allem das Idol der „zivilisierten“ Notablen und Bürokraten. Die Liberale Partei ( „Serbest Fikra“ ), die Mustafa Kemal von einem seiner Angehörigen, Fethi Okyar, einem früheren Premierminister, 1929 gründen ließ, um die Unzufriedenheit im Lande zu messen, erlebte einen so bemerkenswerten Erfolg, dass sie einige Monate nach ihrer Gründung verboten werden musste.

Auf politischer Ebene fanden sich durchaus Beobachter und Historiker, die bestätigen, dass das kemalistische Regime faschistischen Charakter hatte. Tatsächlich sind Ähnlichkeiten festzustellen: Mustafa Kemal Atatürk wurde ab 1930 „Ewiger Führer“ (Ebedi Sef) genannt, eine Bezeichnung, die an „Führer“ und „Duce“ erinnert. Später ließ sich sein Nachfolger Ismet Inönü „Nationaler Führer“ (Milli Sef) nennen. Die folgenden Regierungen wurden nach den Gutdünken des „Führers“ eingesetzt und abberufen und ihr ganzes Programm war die Durchführung seiner Direktiven.

Das System war ein Ein-Partei-System („Republikanishe Volkspartei“), die vorgab, „alle Klassen“ zu vertreten, aber tatsächlich vertrat sie nur die Interessen der türkischen Bourgeoisie und der höheren zivilen und militärischen KreiseIhre Verschmelzung mit dem Staat war total!
In den Städten waren es die Valis (Präfekten), die den Bezirksorganisationen der Partei vorstehen.
Die Ähnlichkeiten mit dem Faschismus machen hier noch nicht halt! Im Juni 1936 übernimmt die türkische Regierung eine Arbeitsgesetzgebung, die dem italienischen Faschismus entlehnt ist; zwei weitere Gesetzvorschriften werden gleichfalls aus Italien importiert, mit dem Ziel, die „Sicherheit und Existenz des Staates angesichts subversiver Aktivitäten, wie des Kommunismus und Anarchismus zu gewährleisten“: Streik und Gewerkschaften werden verboten! .

Später wurden Parteien, die schnell Erfolge verzeichnen konnten, einach verboten, wie z.B. die TSEKP („Sozialistische Arbeiter-Bauern-Partei der Türkei“). Erst 1950 (also etwa 27 Jahre nach Staatsgründung) kam es zu ersten freien und allgemeinen Wahlen in der Geschichte der Türkei und prompt wurde Menderes (welcher 1955 mit dem Irak, Iran und Pakistan den antikommunistischen und antikurdischen Bagdadpakt schloss) unterstützt und nicht, weil das Volk ihr Programm oder ihre Anführer kannte, sondern als Reaktion auf das kemalistische Terrorregime.

In einem waren sich die Nachfolger Atatürks jedoch einig: Die Unterdrückung der Kurden! Für jedes ausgesprochene kurdische Wort mussten die Kurden, wenn das Delikt von einem Agenten festgestellt wurde, damals 5 Piaster bezahlen (zum Vergleich: ein Hammel kostete damals 50 Piaster), siehe dazu Ali Kemali in seinem Werk „Erzincan“ (türkisch).
Die Zeitung „Cumhuriyet“, 31. Juli 1966, schrieb: Trotz aller ergriffenen Zwangsmaßnahmen beherrschten drei Viertel der Kurden in der Türkei immer noch nicht die offizielle Sprache dieses Staates. In Mardin sprechen 91% der Bevölkerung kein Wort türkisch, in Siirt 87%, in Hakkari 81%, in Diyarbakir 67%, in Bingöl 68% usw.
Nach einem Regierungserlaß vom 25. Januar 1967, erschienen im offiziellen Anzeiger der türkischen Republik (T.C. Resmi Gazete) vom 14. Februar 1967 war die Einfuhr und Verbreitung jeglicher Druckerzeugnisse, Tonbänder usw., die in kurdisch im Ausland erschienen sind, auf dem Gebiet der Republik zu verbieten!

Wenn die Türkei sich zu einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft gestalten will, muss sie sich ihrer Geschichte stellen und bereit sein die Bürde der begangenen Verbrechen zu tragen und Atatürk  einerseits seiner Verdienste wegen gedenken, aber andererseits seine Verbrechen und diktatorische Unterdrückungspolitik ansprechen und ablehnen:

„Der auf Atatürk bezogene vergöttlichende Führerkult und die damit im Sinne der Einheit von Führer und Volksgeist verbundene religiöse Aufwertung des Türkentums kann eine Parallele nur im NS-Ideologiekomplex finden...“

Noch heute ignoriert ein Großteil der türkischen Gesellschaft das an Kurden begangene Verbrechen und heute noch sind Ausreden parat! Jedoch können sie eine Form der Unterdrückung nicht ausreden, die nach Lenin folgende wäre:

„Die Verweigerung des Rechts, einen unabhängigen Nationalstaat zu gründen, ist eine der wichtigsten Formen nationaler Unterdrückung!“
« Letzte Änderung: 20. Apr 2009, 09:24 von X e m x w a r » Gespeichert
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« Antworten #7 am: 19. Mär 2008, 11:07 »

@ Xemxwar:

Vielen Dank für Deine ausführlichen Kommentare. Die werden einem "Portal für Politik und Kultur" so richtig gerecht!  Smiley

Ich hab dann angefangen, ausgehend von Deinen Links, noch etwas weiter zu googlen und möchte die folgende Kurzfassung eines religionswissenschaftlichen Aufsatzes unserer LeserInnenschaft hier vorstellen, auch um Mut zu machen für eine intensive Beschäftigung mit dem Thema:
Zitat
Kerim Edipoglu, "Die religiöse Überhöhung der Gesellschaft. Zur Ideologie der kemalistischen Volkshäuser", in: ZfR 10, 2002, 175-194.
Der Kemalismus gilt als der entschiedenste Versuch, in einem islamischen Land die vollständige Säkularisierung der Gesellschaft einzuleiten. In Publikationsorganen, die der von Mustafa Kemal Atatürk gegründeten "Republikanischen Volkspartei" (Cumhuriyet Halk Partisi; CHP) nahe stehen, finden sich Aussagen über Führer, Volksgeist und zivilisatorische Mission des Türkentums, die deutlich religiöse Züge aufweisen. Häufig sind dies solche Symboliken, die an die islamische Tradition anknüpfen und sich auf Schöpferkraft oder Prophetentum beziehen; auffällig sind jedoch auch Anknüpfungen an polytheistische vorislamische Vorstellungen. Selbstverständlich wird man vergeblich nach einer systematischen alternativen Deutung der transzendenten Grundfragen, wie der Frage nach der Herkunft des Menschen und dem Leben nach dem Tod, suchen. Bei den einzelnen Autoren ist es daher oft schwer zu entscheiden, ob es sich dabei um den Versuch der Durchsetzung einer neuen humanistischen oder völkischen Religiosität handelt oder lediglich unter Instrumentalisierung der islamischen Begrifflichkeiten die Mobilisierung des Lesers für die neuen Ziele des Nationalstaats erreicht werden soll.
In einem zweiten Teil wird der Befund mit einigen funktionalistischen religionssoziologischen Theorien zur Zivilreligion verglichen. Neben Robert Bellah und Niklas Luhmann ist vor allem die Theorie Émile Durkheims von der religiösen Natur der Gesellschaft aufschlussreich. Eric Voegelins Begriff der "Politischen Religion" beleuchtet dabei kritisch die Sakralisierung von Führer und Volk
.
Quelle: © 2006 | www.zfr-online.de
Dies möchte ich auch als freundliche Aufforderung an unseren Freund SiWan verstehen, damit er aus seinem selbstgewählten Exil zurückkehrt und sich diesem Thema widmet, für das er ja schon so viel getan hat.



« Letzte Änderung: 19. Mär 2008, 17:46 von Amos » Gespeichert

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« Antworten #8 am: 21. Apr 2008, 14:19 »

Gott oder Atatürk - und kein Weg dazwischen?
Der Kampf zwischen Islamisten und Säkularisten in der Türkei verwirrt nicht nur westliche Beobachter

Seitdem die türkische Armee mit einer Intervention gegen die Präsidentschaftskandidatur des gemässigten Islamisten Abdullah Gül drohte, kommt die Türkei nicht mehr zur Ruhe. Doch in diesem Fall vertreten die Säkularisten nicht unbedingt freiheitliches Ideengut.

«Bis zum Memorandum der türkischen Generäle und zu den Massendemonstrationen in der Türkei haben die deutschen Medien die türkische Regierungspartei AKP als ‹konservativ› bezeichnet und in ihr ein muslimisches Gegenstück zur deutschen CDU gesehen. Jetzt nennen sie sie ‹islamistisch›.» Das beobachtet die türkische Krimiautorin Esmahan Akyol, die gute Beziehungen nach Deutschland hat. So einfach ist das - ein Adjektiv verändert, und schon ist die Welt wieder im altbekannten Lot: Islamisten bedrohen Säkulare, die unter Führung von westlich orientierten Frauen für ihre Werte auf die Strasse gehen.

Die Suche nach griffigen Erklärungen ist allerdings verständlich; zu sehr stellt, was in der Türkei vor sich geht, gängige Vorstellungen auf den Kopf. Da protestieren Hunderttausende, darunter viele Frauen und Jugendliche, Vertreter der gut ausgebildeten und europäisierten Mittelschichten, gegen eine Regierung, welche ihr Land wie sonst keine in den letzten Jahrzehnten in Richtung Europa geführt hat. Da bringt die Angst vorm Untergang der säkularen Republik das Militär dazu, mit einem Putsch zu drohen, und als Beispiele für die existenzielle Bedrohung nennen die Generäle die Aufführung von religiösen Liedern in der Schule und Wettbewerbe im Koranvortrag. Da spricht das Militär von seinem Recht, eine demokratisch gewählte Regierung sechs Monate vor den Neuwahlen zu stürzen, und erhält dafür von der Partei stärksten Applaus, die Mitglied in der sozialdemokratischen Sozialistischen Internationale ist. Und da lassen sich Millionen bei ihrem Protest gegen die Regierung nicht davon stören, dass die Gefahr eines Staatsstreichs droht. Welchen Sinn erkennen in alledem türkische Meinungsführer und Intellektuelle? Wie erklären sie sich, ihrer Gesellschaft und Europa, was in der Türkei geschieht?

«Am wichtigsten ist Atatürk»

Die Professorin Türkan Saylan ist Gründerin und Vorsitzende des Vereins für modernes Leben, der sich für die Beschulung von Mädchen aus der Provinz einsetzt und dafür weit über die Grenzen der Türkei hinaus gewürdigt wird. Türkan Saylan ist jedoch auch eine der Hauptinitiantinnen der grossen «Demonstrationen für die Republik», die in Ankara, Istanbul und zuletzt am 13. Mai in Izmir Millionen gegen die AKP-Regierung auf die Beine brachten. Saylan muss gefühlt haben, wie gross die gegenwärtige Verwirrung in Europa ist, denn Mitte vergangener Woche verfasste sie einen offenen Brief an die EU. In ihm rechnet sie mit der Politik Europas der Türkei gegenüber ab und erklärt Europa die Sicht der türkischen Nation.

«In manchen Dingen», schreibt Türkan Saylan in ihrem Brief, «ist das Volk der Republik Türkei äusserst sensibel . . . Am wichtigsten ist Atatürk. Ob Dorf oder Stadt, ob sieben Jahre oder siebzig, ob Unter- oder Oberschicht, der Schöpfer dieses Landes, der grosse Mensch, der die Reformen durchgeführt und der die säkulare Ordnung aufgerichtet hat, wird ausnahmslos geachtet und von Herzen geliebt. Nur Separatisten und radikale Religiöse sowie einige wenige Intellektuelle denken anders.» Dann fährt sie fort: «Wenn jetzt auch noch Verantwortliche der Europäischen Union Kritik an Atatürk betreiben, dann schaden sie unseren Beziehungen, die ohnehin an einem Seidenfaden hängen.» Und genau denselben Effekt hat nach Saylan jedes Herummäkeln Europas am politischen Einfluss des Militärs. Denn weder die Europäer noch die USA könnten sich vorstellen, schreibt Saylan, wie stark das Band aus Achtung und Liebe sei, welches in der Türkei das Volk und die Armee verbinde.

Ein zweiter Motor der Grossdemonstrationen heisst Atatürkscher Denkverein. Im Vorstand sitzt der frühere Befehlshaber der türkischen Gendarmen und ausserdem die Professorin Necla Arat. Auch sie will im Memorandum der Militärs nichts Aussergewöhnliches sehen. Schliesslich erklären sich auch Ingenieure und Unternehmer, Politiker und Intellektuelle öffentlich. «Warum werden wir unruhig, wenn die Soldaten ihre Meinung sagen?», fragt deshalb Necla Arat. Wie Saylan meint auch Arat, dass das umso mehr in Situationen gilt, in denen der Islamismus droht, der in der Türkei gern die «religiöse Reaktion» genannt wird. Was das ist, hat letzte Woche eine andere Akademikerin auf den Punkt gebracht. In ihrer Rede zum 139. Jahrestag der Gründung des Obersten Verwaltungsgerichtshofs sagte dessen Präsidentin Sumru örtoglu: «Jede Bewegung, die nicht mit Atatürks Prinzipien und Reformen übereinstimmt, gehört zur religiösen Reaktion.» Noch prägnanter lässt sich die offizielle Ideologie der Türkischen Republik nicht in Worte fassen.

Wo bleibt die Mitte?

Ist damit auch der Rahmen für jede Art politischer Freiheiten abgesteckt? Und was geschieht mit jenen, die Sozialisten oder liberale Demokraten sind - politische Entwürfe, mit denen die Ideen Atatürks nicht allzu viel gemein hatten, fragt Murat Belge, der liberale Vordenker Istanbuls. Hinzufügen könnte man Begriffe wie Pluralismus und Antimilitarismus, Individualismus und Vorstellungen von einer offenen Gesellschaft, ein Gutteil dessen eben, was seit dem Zweiten Weltkrieg politisches Denken in der EU bestimmt.

Für die Organisatoren der Grossdemonstrationen haben solche Ideen wenig Gewicht. In ihren Reden geht es um eine «nationale Einheit», die gegen «künstliche Grenzziehungen» verteidigt werden muss; um «neokoloniale Einflussnahme des Auslands», um die «Spaltung des Vaterlands» und natürlich um die «religiöse Reaktion». Es sind exakt die Formeln, die auch das Militär in seinen Erklärungen verwendet, Begriffsbausteine, die sich nahtlos zu einem grossen Tabu zusammenfügen lassen. Gerechtfertigt wird dieses Tabu mit dem Vermächtnis des Republikgründers Kemal Atatürk, der mehr und mehr zu einer sakralen Figur hochstilisiert wird. «Grosser Führer Mustafa Kemal Atatürk», sprach bei der Demonstration in Ankara Ali Ercan, Vorstandsmitglied des Atatürkschen Denkvereins, den toten Staatsmann in seinem Mausoleum direkt an: «24 992 Tage sind es, seit du von uns gegangen bist. Wir treten heute voll Scham und Trauer vor dich hin.»

«Wenn ich doch auch ein Glied der kemalistischen Kirche wäre und wie ein Kind unter nicht endender Vormundschaft leben könnte», persifliert die Schriftstellerin Perihan Magden in ihrer Kolumne diesen Personenkult und schreibt: «Ich würde meine Stirn auf den Marmor des Mausoleums von Atatürk legen, die Steine des Grabmals küssen und sagen: ‹Mein Vater, ich fühle mich so allein!› Dann käme eine Stimme aus dem Dunkeln und sagte: ‹Du bist doch nicht alleine! Du hast den Generalstabschef Yasar Büyükanit, der sich für meinen Stellvertreter hält; du hast Deniz Baykal, der als Chef meiner Partei (Republikanische Volkspartei, CHP) gilt; und du hast Hunderttausende Brüder und Schwestern, die wie du selbst von Demokratie nicht viel verstehen.›»

Wie Magden glauben viele liberale Intellektuelle nicht daran, dass von der AKP eine islamische Gefahr ausgeht. Fünfhundert von ihnen haben Anfang dieser Woche eine Erklärung gegen die Putschdrohung des Militärs veröffentlicht. «Wir glauben nicht, dass die laizistische Republik durch Memoranden des Militärs gestärkt werden kann, sondern nur durch mehr Demokratie», heisst es darin. Solch klare Worte fanden bisher weder die Opposition noch die Teilnehmer der Grossdemonstrationen, welche in Izmir der Besatzung eines Kriegsschiffes zugejubelt haben. Denn mehr Demokratie, wie sie in der Erklärung der 500 Akademiker gefordert wird, löst das Problem der säkularen Mittelschichten auf den Demonstrationen nicht. Mehr Demokratie zielt auf die politische Integration bisher benachteiligter Schichten: der Frommen Anatoliens und der Kurden. Es sind diese Gruppen, welche dem Idealbild vom säkularen Türken nicht ohne weiteres entsprechen und die sich trotzdem immer stärker bemerkbar machen, wirtschaftlich, kulturell und eben auch politisch.

Günter Seufert
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« Antworten #9 am: 25. Apr 2008, 00:39 »

Aus dem „Time Magazine“, 9. Januar 1933, Seite 64:

[...]

Kein gottesfürchtiger Mann dieser Diktator Atatürk, denn er zieht keinen Grund in Betracht, warum die Türken Allah nicht mit seinem türkischen Namen „Tanri“ rufen sollten. Abgesehen von Jahrhunderten von Tradition gibt es dazu keinen Grund und ausgenommen die türkischen Imame, welche den Koran auf arabisch auswendig können, während, wenn überhaupt nur wenige es sich auf türkisch eingeprägt haben. Streng nach der Grausamkeit letzter Woche war Diktator Kemals Erlass, dass der Muezzin [...] nicht mehr den geheiligten „Allahu akbar“ (arabisch für „Gott ist groß“), sondern die ungewohnten Wörter „Tanri uludur!“, die selbe Bedeutung auf türkisch, rufen sollte.

[...]

Aus dem Time Magazine“, 20. Februar 1933, Seite 18:

Word for God

A hard father to his people, Mustafa Kemal told his Turks last December that they must forget God in the Arabic language (Allah), learn Him in Turkish (Tanri). Admitting the delicacy of renaming a 1300-year-old god, Kemal gave the muezzins a time allowance to learn the Koran in Turkish. Last week in pious Brusa, the "green city", a muezzin hallowed "Tanri Uludur" from one of the minarets whence Brusans had heard "Allah Akbar" since the 14th Century. Raging at Kemal Pasha's god, they mobbed the muezzin, mobbed the police who came to save him.

Quick to defend his new word for God, quicker to show new Turkey the fate of the old-fashioned, Kemal the Ghazi, "the Victorious One," pounced on Brusa, had 60 of the faithful arrested, ousted the Mufti (ecclesiastical judge) of the Ouglubjami mosque and decreed that henceforth God was Tanri.


[...]

Aus dem „Time Magazine“, 15. Februar 1926, Seite 15-16:


"Turkey presents today the most promising and challenging field on the face of the earth for missionary service." Thus wrote James L. Barton, missionary executive, in last week's issue of 'Christian Work.' But first he summarized the revolutionary changes in Turkey since 1923. The changes: ......... For a hundred years Christian missionaries have struggled hopelessly to capture the hearts of the Caliph-awed Turks. They had come, said Mr. Barton, to suspect that "the Moslem was outside the sphere of the operation of divine grace."

[...]

Emil Lengyel, 1941, in „Turkey“, Seite 140-141:

Noch am Anfang der Karriere Mustafa Kemals waren vieler seiner Befolger der Ansicht, dass er ein Sieger im Namen des Islams war und sie die Christen bekämpften. „Gazi, Bezwinger des Christentums“ wurde er genannt. Sollten sie jedoch seiner wahren Absichten bewusst werden, würden sie ihn „Gazi, Bezwinger des Islams“ nennen.

H.C. Armstrong , in „Grey Wolf, Mustafa Kemal: An Intimate Study of a Dictator“, 1933:

He was drinking heavily. The drink stimulated him, gave him energy, but increased his irritability. Both in private and public he was sarcastic, brutal and abrupt. He flared up at the least criticism. He cut short all attempts to reason with him. He flew into a passion at the least opposition. He would neither confide in nor co-operate with anyone. When one politician gave him some harmless advice, he roughly told him to get out. When a venerable member of the Cabinet suggested that it was unseemly for Turkish ladies to dance in public, he threw a Koran at him and chased him out of his office with a stick.

Lord Kinross , in „Ataturk, The Rebirth of a Nation“, 1965, Seite 365:

Bei Besichtigung einiger Soldaten in Anatolien, fragte einst Kemal:“ Wer ist Gott und wo lebt er?“
Ein Soldat, bestrebt gefällig zu sein, antwortete:“ Gott ist Mustafa Kemal. Er lebt in Angora [alter Name für Ankara].“
„Und wo liegt Angora?“, fragte Mustafa Kemal.
„Angora liegt in Istanbul“, war die Antwort.
Weiter entlang der Linie fragte er einen anderen Soldat:“ Wer ist Mustafa Kemal?“
Die Antwort lautete:“Unser Sultan“.
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Gelê kurd carek din bindestiyê qebûl nake!



« Antworten #10 am: 22. Jun 2008, 15:22 »



Ein Kommentar von Fatih Altayli ( Habertürk )

10.06.2008

Der Bericht über den Fall: Memri! (englisch, mit Video)

Zitat
Übersetzung aus dem Türkischen von "Corax", fact-fiktion.net!

Am 9. Juni 2008, hatte der türkische Journalist Fatih Altayli vier Studentinnen zu Gast in seiner Diskussionssendung “Teke Tek”, um mit ihnen über die Kopftuchfrage zu diskutieren. Er war von den Äußerungen der koptuchtragenden Studentinnen so geschockt, daß er die folgende Nacht nicht schlafen konnte. Am nächsten Tag schrieb er darüber einen Artikel in der Internetzeitung Haberturk:

    Sie liebt nicht Atatürk, sondern Chomeini

    Fatih Altayli

    Gestern Nacht muß der Schock, den ich während der Sendung “Teke Tek” erlebt habe, meinem alten Herzen zusehends schwer zu schaffen gemacht haben, denn ich konnte bis zum Morgen nicht einschlafen.

    Ich wollte mit Studentinnen über die Kopftuchfrage in den Universitäten reden und diskutieren. Von meinen vier Gästen waren zwei junge Frauen mit und zwei ohne Kopftuch.
    Von den Studentinnen ohne Kopftuch bezeichnete sich die eine als liberal, die andere als Kemalistin. Alle vier junge Frauen engagieren sich in Vereinen, die ihren Ansichten entsprechen.

    Und glauben Sie mir, bis jetzt hat mich noch keine “Teke Tek”-Sendung so geschockt wie diese.

    Nuray, eine Kopftuchaktivistin seit 1999, verteidigte im Rahmen der Glaubensfreiheit das Recht auf das Studium mit Kopftuch, sagte aber auch, daß die Kopftuchfreiheit nicht auf das Studium beschränkt bleiben sollte und auf jedweden Bereich, auch auf den Staatsdienst, ausgedehnt werden müsse.

    Daran haben wir uns schon gewöhnt. Alle Kopftuchaktivistinnen bringen das ja des öfteren vor. Die Annullierung der von der AKP vorgenommenen Grundgesetzänderung würde sie nicht stoppen, das war schon klar.

    Doch Nuray brachte ganz andere Forderungen auf den Plan.

    Ich fragte Nuray: “Wer kann garantieren, daß nicht unter Berufung auf den Glauben eine Aversion gegen das durch die Gesetzgebung geschaffene Recht aufkommt und ihr morgen eine eurem Glauben gemäße Justiz fordert und daß ihr dann aber übermorgen nicht wollt, daß ihr in einem moslemischen Gericht von einem Kadi abgeurteilt werdet?”

    Sie gab eine sehr ehrliche Antwort: “Niemand kann das garantieren. Wir wollen es sogar. Warum soll man nicht unter dem Recht leben, an das man selbst glaubt.”

    Ich war schockiert. Ich fragte: “Das bedeutet ein System mit mehreren Rechtssystemen. Wie kann so etwas in einer Demokratie möglich sein?”

    “Warum soll das nicht möglich sein?” antwortete sie.

    Danach fragte ich das andere kopftuchtragende Mädchen:

    “Du sagst, daß das Unterdrückungsregime im Iran kein Beispiel für den Islam sein kann, aber auf deiner Facebook-Seite gibt es Bilder von Chomeini.”

    “Ja,” antwortete sie, “ich liebe Chomeini sehr.”

    “Aber er ist es doch, der das Regime im Iran gegründet hat,” sagte ich.

    “Das Regime, das er gegründet hatte, haben sie zerstört,” erwiderte sie.

    “Gut, du liebst also Chomeini. Liebst du auch Atatürk?” fragte ich.

    “Als Soldat war er sehr erfolgreich,” antwortete sie.

    Die Betonung auf das Militär fand ich interessant. Das war ein typischer Milli-Görüs-Zug.

    Ich richtete dann dieselbe Frage auch an meinen anderen kopftuchtragenden Gast Nuray.

    Auch sie liebte Chomeini sehr.

    “Gut, liebst du Atatürk?” fragte ich auch sie.

    Sie zögerte zuerst ein wenig und wußte nicht, was sie sagen sollte. Dann sagte sie: “Ich würde mich doch wohl strafbar machen, wenn ich sagen würde, was ich denke.” Doch dann sagte sie in voller Aufrichtigkeit: “Nein, ich liebe Atatürk überhaupt nicht.”

    “Warum?” fragte ich.

    “Weil er der Grund ist für die Drangsal, unter der wir seit 85 Jahren leiden,” antwortete sie.

    “Gut, aber dieser Mann, den du nicht liebst, hat die Türkei von der Okkupation durch die Engländer, Franzosen und Griechen befreit. Dank seiner wurden wir zu einem unabhängigen Land. Hätte es ihn nicht gegeben, würden wir heute unter dem Mandat eines fremden Landes leben. Wir wären kolonisiert,” sagte ich.

    Aber Nuray blieb standhaft. “Den Befreiungskrieg hatte nicht Atatürk, sondern gläubige Muslime begonnen. Der Befreiungskrieg nahm seinen Anfang, als man sich in Maras [dem heutigen Kahramanmaras] am Kopftuch einer Frau vergriffen hatte. Mit Atatürk hat das nichts zu tun.” sagte sie.

    “Wenn aber Atatürk diesen Krieg nicht organisiert hätte, wären diese und andere Reaktionen [Aufstände] wie in Maras niedergekämpft worden,” antwortete ich.

    Auch darauf hatte sie eine Antwort: “Vielleicht wäre das sogar besser gewesen. Vielleicht hätten wir unter fremdem Mandat unseren Glauben besser leben können, hätten freier sein können.”

    Werte Leser,

    das ist die Situation, der die Republik Türkei gegenübersteht.
    Das ist es, was sie wollen.
    Das ist es, was sie fordern werden, auch wenn sie es heute noch nicht aussprechen.
    Das ist der Grund für die Reaktionen auf das Urteil des Verfassungsgerichts.
    Das ist die Revanche, die sie gegen die Republik Türkei nehmen wollen.

    Freiheit ist dafür der Deckmantel.
    Demokratie ist dafür der Deckmantel.
    Liberalismus ist dafür der Deckmantel.

    Das soll hingenommen werden, und wenn nicht, wird Gewalt angewendet.
    So sagen sie’s.

    Anmerkung: Die junge Frau, die in der Sendung ihre liberalen Ansichten in einer utopischen Welt zur Sprache brachte, wirkte sehr glücklich, als am Ende der Sendung unzählige Glückwuschtelefonate von kopftuchtragenden Mädchen auf sie niederregneten.

    Anmerkung 2: Nach dieser Sendung habe ich wirklich angefangen, vor der Zukunft, die die Türkei erwartet, Angst zu haben. Ich hoffe, daß Hülya Avsar, die den Ministerpräsidenten [in ihrer kurz zuvor ausgestrahlten Interviewsendung] umschmeichelt hatte, diese Sendung gesehen hat.

    Wann kommen wir endlich zur Vernunft?

    Wenn wir begreifen, was die, die sagen, daß sie Freiheit wollten, in Wirklichkeit wollen.
Gespeichert

 
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