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Autor Thema: Türkische Erpressungen gegen Basler Kulturfestival  (Gelesen 479 mal)
Miro | Beiträge: 1094
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« am: 01. Nov 2008, 12:47 »

Zitat
Türkei erpresste Basler Kulturfestival
Von Kai Strittmatter, Istanbul. Aktualisiert am 31.10.2008 60 Kommentare

Auf Druck aus Ankara sind ein Film und Texte aus dem Programm eines Türkei-Festivals gekippt worden. Es steht unter dem Patronat von Pascal Couchepin.








Im Film «Gitmek» verliebt sich eine türkische Schauspielerin in einen kurdischen Kollegen. Es gibt nur ein Problem: Er lebt im Nordirak. Gerade als die Amerikaner im Irak einmarschieren. Werden die beiden zusammenkommen? Die Schweizer werden es nicht erfahren: Der Film flog gerade aus dem Programm des Culturescapes-Festivals. Auf Druck der Türkei. Das Festival beginnt am Samstag. Es ist das grösste Fest türkischer Kunst, das jemals auf Schweizer Boden stattgefunden hat. Und es ist ein zensiertes Fest.

Türkische Botschaft und türkisches Kulturministerium haben hinter den Kulissen Druck auf die Festivalmacher ausgeübt. Ergebnis: Aus dem Programm flog der Film «Gitmek», und aus dem Programmheft flogen in letzter Minute fünf Essays von Türkeikennern. Diskreter Hinweis auf die Intervention ist eine weisse, leer gebliebene Seite. Drei der zensierten Artikel stammen von in der Türkei lebenden Journalisten wie Amalia van Gent («Neue Zürcher Zeitung») oder dem Autor dieses Berichtes*; sie haben den Weg des Landes in die Moderne zum Gegenstand. Man müsse Rücksicht nehmen auf türkische «Empfindlichkeiten», verteidigte Ibrahim Yazar, der zuständige Beamte im Kulturministerium in Ankara, das Vorgehen gegenüber dem TA. «Dazu passen keine strittigen Töne.»

Es ist ein ambitioniertes Programm, das Festivalmacher Jurriaan Cooiman da zusammengestellt hat: 150 Veranstaltungen in zehn Schweizer Städten. Gemeinsam finanziert mit je 400'000 Euro von der Schweiz und vom türkischen Staat. Film, Tanz, Musik, Literatur, Debatten. Ein Festival, das die spannende, neue, offene Türkei zeigen sollte. Kaum einer hatte damit gerechnet, dass der alte, autoritäre Apparat danach greifen würde.

400'000 Euro standen auf dem Spiel

Festivalchef Cooiman wollte zum Vorgehen der Türkei keinen Kommentar abgeben. Beamte des Kulturministeriums in Ankara hatten seinem Team dem Vernehmen nach ein Ultimatum gestellt: Wenn es die Artikel und den Film nicht streiche, werde die Türkei ihre 400'000 Euro zurückziehen. Das Festival wäre kollabiert. Schon im Vorfeld hatte es Spannungen gegeben: Eine Diskussion mit Hans-Lukas Kieser von der Uni Zürich über die Türkei unter den Jungtürken 1908–1914 findet nun zwar statt, aber ausserhalb des offiziellen Programms. Die Türken hatten Angst, es könne Unliebsames zum Massaker an den Armeniern zur Sprache kommen.

Ein «Land der Gegensätze» nennt das Programmheft die Türkei. Wohl wahr. Was die Zensurattacke merkwürdig macht, sind zwei Dinge. Erstens: die Willkür. Das Programm ist nämlich noch immer voll von hervorragenden Produktionen, die einen unabhängigen Geist atmen. Das Stück «Mehmet liebt Basar» etwa handelt von einem schwulen Kurden, der den Kriegsdienst verweigert. Zweitens passt der Eingriff so gar nicht zu den Zeichen der Zeit. Kulturminister Ertugrul Günay etwa wickelte eben erst mit einer liberalen Charmeoffensive die Besucher der Frankfurter Buchmesse um den Finger: Erstmals trat die Türkei dort mit einem offensiven Bekenntnis zu ihren Minderheiten an und erntete viel Applaus.

Verantwortlich für die Säuberung des Programms ist Ibrahim Yazar, stellvertretender Generaldirektor für Information im Kulturministerium: «Ich vertrete hier die Empfindlichkeiten der türkischen Öffentlichkeit», sagte er gestern. Und die wären? «In Südostanatolien sind in diesen Tagen 20 Soldaten getötet worden. Deshalb sollten wir Themen meiden, die diese Empfindlichkeiten verletzen.» Was genau, Herr Yazar, stört Sie also am Artikel des TA-Korrespondenten? Da könne er sich leider nicht mehr genau erinnern. Und was am Film «Gitmek»? Hat der Film nicht sogar Preise bekommen am Istanbuler Filmfestival? «Da verliebt sich ein türkisches Mädchen in einen Kurden aus dem Nordirak», sagt Yazar. Aha. Und? «Das ist keine sympathische Sache für uns. Finden Sie das etwa sympathisch?» Wäre es denn nicht schön, wenn sich mehr Kurden und Türken ineinander verliebten? «In normalen Zeiten, ja, da kann sich jeder in jeden verlieben. Aber wir leben in Zeiten des Terrors.» Mehr, sagt Yazar, könne er zum Film leider nicht sagen. Er habe ihn nämlich gar nicht gesehen.

Zitat
Info-Box
«Diskussionen über den Inhalt des Festivals»

Gern hätte man von Bundesprä­sident Pascal Couchepin erfahren, ob er nach wie vor findet, das Festival «Cultu­rescapes » sei eine gute Gelegenheit, um «eher unbekannte Aspekte der Türkei zu entdecken». Dies schreibt der Kulturmi­nister in seinem Grusswort zur Veran­staltung. Oder ob er sich nun der Mei­nung in der Adresse des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül ans Schweizer Publikum anschliesst, es wür­den «einige Dimensionen der kulturellen Vielfalt» der Türkei dargestellt. Doch Couchepin, der zurzeit Staatsbesuch aus Ungarn betreut, konnte keine Stellung nehmen. Sein Sprecher betonte, der Bun­despräsident habe – wie Gül – als Patron von «Culturescapes» keinen Einfluss auf die Programmgestaltung. Das Bundes- amt für Kultur, das 50 000 Franken an das Festival zahlte, mochte den Zensurvor­gang nicht bestätigen, liess aber verlau­ten, dass es «Diskussionen über den In­halt des Festivals» gegeben habe.
Drei Mitglieder des Patronatskomi­tees gaben sich auf Anfrage weniger zu­rückhaltend. Der deutsche Europaabge­ordnete Cem Özdemir erklärte, ein Ein­griff des türkischen Staates wäre «eine Ungeheuerlichkeit, die man sich nicht bieten lassen sollte.» Man müsste die Herren Beamten daran erinnern, dass der Staat, der ihnen den Lohn zahlt, Mitglied der Europäischen Union werden wolle und die EU ohne Zensur funktioniere. «Wer das anders sieht», sagte der Politi­ker der Grünen, «darf sich gern für ein Kulturfestival in Nordkorea bewerben.» Der designierte Basler Stadtpräsident Guy Morin zeigte sich enttäuscht: «Die türkischen Vertreter haben an der Frankfurter Buchmesse offen über Ta­buthemen wie Minderheiten und Zensur geredet.» Daher befremde es ihn, wenn die offizielle Türkei kurz danach versu­che, Einfluss auf schweizerische Kultur­veranstaltungen zu nehmen: «Das ist ein grosser Rückschritt.» SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner hält es für «inakzeptabel, dass eine Re­gierung in einem Kulturaustausch Zen­sur übt». Es sei das erste Mal, dass er höre, dass dies in der Schweiz vor­komme: «Ich hoffe, dass die Organisato­ren trotz des Drucks an ihrem Programm festhalten und die Kinos alle Filme zei­gen und so ein Zeichen setzen.» (tok)


Quelle
« Letzte Änderung: 01. Nov 2008, 13:59 von Rewsen » Gespeichert
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« Antworten #1 am: 01. Nov 2008, 13:06 »

Wenn die Schweizer schlau sind, dann sorgen sie dafür, dass dieser Film von kommerziellen Kinos landesweit gezeigt wird, genug Reklame für volle Kassen bei den aufführenden Kinos sollte ja nun gegeben sein. Und wenn die Kinobesitzer noch schlauer sind als ihr Staat, dann fügen sie die verbotenen Artikel dem Programmflyer für diese Aufführungen hinzu.  Lächelnd

Und wenn die deutschen und österreichischen Kinobetreiber schlau sind, dann übernehmen sie eine solche Aktion, aber subito!  Grinsend
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« Antworten #2 am: 01. Nov 2008, 13:58 »


Ich will den Film unbedingt sehen und hoffe, dass er auch bald in Deutschland gezeigt wird. Zum Trailer von "Gitmek - My Marlon and Brando" geht es auf Englisch hier und auf Türkisch hier.

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Gotina rast sondê naxwaze

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« Antworten #3 am: 05. Nov 2008, 10:43 »



Turkish festival marred by censorship claims


Alleged Turkish interference in a culture festival in Switzerland results in the removal of a movie and five articles written by leading journalists from the printed program. "I shouldn't have followed the pressure but the pressure was so strong," says the director of CultureScapes.

FULYA ÖZERKAN
ANKARA – Hürriyet Daily News



Gitmek - Marlon ve Brandom / To go - My Marlon and Brando




Claims of a censorship attempt by Turkey on a movie featuring a love affair between a Turkish woman and a Kurdish man from northern Iraq have overshadowed the Swiss festival CultureScapes.

The artistic director of the festival said yesterday that the movie "Gitmek" was taken out of the printed program after a threat from the Culture and Tourism Ministry.

"The Culture Ministry threatened to withdraw money if the movie was not removed from the program. And they did it very offensively," Jurriaan Cooiman told the Hürriyet Daily News in a telephone interview.

Starring Turkey as "guest of honor" this year, the annual festival's 800,000 euro budget is equally financed by the Turkish and Swiss governments. Turkey's Culture and Tourism Ministry contributes 200,000 euros, with Turkey's other half coming from the Promotion Agency of the Prime Ministry.

Cooiman said he contacted İbrahim Yazar in the Culture Ministry shortly before the festival began Nov. 1 but faced Yazar's objection.

"Terrorism is a very sensitive issue in Turkey at the moment. Soldiers are losing lives on the border with Iraq. The Turkish public doesn't want to see their government supporting questionable films in foreign countries. It would be a bad sign if it came out," Yazar said, according to Cooiman.

In response, Cooiman told him "Switzerland is the wrong place to show politics. We agreed on the program months ago and we cannot change it with such short notice."

The pressure was not confined only to the movie, Cooiman said, adding that the ministry also opposed five articles written by leading journalists and a theater play, “Çirkin İnsan Yavrusu,” telling the story of three women: one Kurd, one lesbian and one who wears a headscarf.

"I could only save the play in the printed program," he said. "I warned the ministry not to censor the articles because they are not very critical about Turkey. And the film 'Gitmek' won a prize in Istanbul and it is just a love story," said Cooiman.

The movie and the five articles were taken out of the program. But the film will be displayed in theaters throughout Switzerland during the festival that ends Dec. 6, while the articles are around and some of them already have been published in Swiss newspapers.

"I did apologize in my opening speech of the festival to my partners and to the audience. I shouldn't have followed the pressure but the pressure was so strong and so shortly before print," said Cooiman.

Still, he praised the collaboration with the Turkish government and the Turkish Embassy in Bern and said: "I think we should focus on the wide diversity in our program and not on the mistakes … I work for modern Turkey and I want to show a modern Turkey."


Ministry denies censorship claims

In Istanbul, Culture and Tourism Minister Ertuğrul Günay acknowledged that as one of the partner countries, Turkey made some proposals about the festival program.

"Can we consider our demand not to turn a festival we financially support into a political show as a censure, like some newspapers write?" he told a press conference yesterday. "Shall we remain silent in the face of broadcasts against Turkey?"

The allegations of Turkish interference in the festival, which came before the Swiss President's visit to Turkey beginning Friday, were largely covered by the Swiss media.

"The censorship claims have marred Turkey's image in Switzerland," Ümit Yoker, journalist for Neue Zürcher Zeitung, told the Daily News. She said in the eyes of the European public, Turkey was notorious for suppressing free speech and free thought, underlining that the latest incident has made the situation worse for Turkey.

"As soon as the claims were published in several Swiss newspapers, the public remembered what happened to Orhan Pamuk," said Yoker.

Turkey's Nobel Laureate Pamuk was put on trial due to remarks in an interview with a Swiss magazine about the alleged genocide of Armenians. The charges filed under the now-amended Article 301 of the Turkish penal code were later dropped.


Quelle: Turkish Daily News vom 05.11.2008
« Letzte Änderung: 05. Nov 2008, 10:44 von Rewsen » Gespeichert

Gotina rast sondê naxwaze

Jaban | Beiträge: 867
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Gelê kurd carek din bindestiyê qebûl nake!



« Antworten #4 am: 02. Dez 2011, 22:16 »

Theaterprojekt "München/Diyarbakir"
Für türkische Bühnen zu heikel

Spiegel, 30.11.2011



"Am Ende weiß keiner, wovor er sich eigentlich fürchtet": Mit "München/Diyarbakir" wollte die Theatermacherin Christine Umpfenbach ein interkulturelles Stück über die Kurden-Problematik machen. Doch mit so massivem Widerstand von türkischer Seite hatte sie nicht gerechnet.

"Viereinhalb Jahre lang war mein Vater im Gefängnis", erzählt das 17-jährige Mädchen mit den langen braunen Locken. Dann klingt die Stimme des Vaters aus den Lautsprechern, berichtet davon, wie er vom Gefängnispersonal in Diyarbakir mit einem Holzknüppel verprügelt wurde, davon, wie seine Familie jede Nacht Besuch von der Polizei erhielt, davon, wie er keinen anderen Ausweg mehr sah, als mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter aus der Türkei zu fliehen - und Gülbahar, das Mädchen mit den Locken, in der Heimat zurückzulassen. Erst zweieinhalb Jahre später folgte sie ihren Eltern in die Bundesrepublik.

Es ist eine Sehnsuchtsgeschichte, die im Werkraum der Münchner Kammerspiele auf die Bühne kommt: die Geschichte einer kurdischen Flüchtlingsfamilie, die aus politischen Gründen nicht mehr zu ihren anatolischen Verwandten zurückkehren kann. Zugleich ist es die Momentaufnahme eines zerrissenen Landes, in dem die größte ethnische Minderheit noch immer unterdrückt wird. Eben weil die Kurdenfrage in der Türkei nach wie vor ein Tabuthema ist, geriet das dokumentarische Theaterstück "München/Diyarbakir" zuletzt auch zu einer Chronik des Scheiterns. Eigentlich nämlich wollte Regisseurin Christine Umpfenbach ihr Stück als deutsch-türkisch-kurdische Co-Produktion nicht nur in München, sondern auch in Diyarbakir aufführen. Daraus ist nichts geworden.

Christine Umpfenbach scheint abonniert auf Dokumentartheater zu sein, auf Stadt- und Migrationsgeschichten. Zwei Jahre lang leitete sie das Obdachlosentheater "RATTEN 07" an der Berliner Volksbühne, in Wismar lud sie zu einer Stadtrundfahrt mit Wende-Verlierern ein, und in München machte sie auf das Schicksal von Gastarbeitern aufmerksam, die man in den sechziger Jahren in einen Luftschutzbunker unter dem Münchner Hauptbahnhof verfrachtete.

Aus Diyarbakir geht keiner freiwillig


Es habe sie immer interessiert, Menschen auf die Bühne zu stellen, deren Geschichten in der Mehrheitsgesellschaft weitgehend unbekannt sind, sagt Umpfenbach. Eben deshalb wurde sie neugierig, als bei den Münchner Kammerspielen eine Kooperationsanfrage aus Diyarbakir eintraf. Die Millionenmetropole im Südosten der Türkei gilt als inoffizielle Hauptstadt der Kurden, als Hochburg der PKK. Menschen, die diese Stadt verlassen, tun dies in der Regel nicht freiwillig, nicht aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit, nicht aufgrund der großen Armut in der Region. Gewöhnlich sind diese Menschen keine Arbeitsmigranten, sondern politische Flüchtlinge. Das stellte Christine Umpfenbach fest, als sie nach Menschen aus Diyarbakir suchte, die in München leben. Und vielleicht hätte sie in dieser frühen Phase bereits ahnen können, dass ihr Theaterprojekt bald zu einem Politikum werden sollte. Spätestens während einer Recherchereise nach Diyarbakir im Juni dieses Jahres wurde ihr zumindest klar, dass sich die Arbeit schwieriger gestalten würde, als sie es erwartet hatte.

Auf einer Videoleinwand kann man sie beobachten, die gemeinsamen Arbeitsessen mit den Vertretern der staatlichen Theaterzentrale in Ankara und dem Leiter des Goethe-Instituts in Diyarbakir, der allen Beteiligten einschärfte, sie sollten ja nicht offen von Folter sprechen. Am Tisch sitzt auch jene ominöse Schauspielerin, deren Funktion Christine Umpfenbach bis zuletzt ein Rätsel blieb. War sie ein Spitzel der Regierung in Ankara?

Ein Spitzel war auch für die Verhaftung von Gülbahars Vaters verantwortlich: Dieser sei für die Kurdenpartei BDP tätig gewesen und damit ein "Feind des türkischen Staates". Die Familie eines solchen Mannes auf die Bühne zu stellen, das sei in der Türkei schlicht nicht möglich, hieß es aus der Staatstheater-Zentrale in Ankara. Immer wieder war Christine Umpfenbach erstaunt über den großen Einfluss der Regierung auf die türkische Theaterlandschaft. Im streng zentralistisch organisierten Staatstheaterbetrieb fungiere das Theater von Diyarbakir, an dem kein einziger Kurde beschäftigt ist, als "apolitisches Verlautbarungsorgan", so heißt es im Stück.

Ende Juli, als klar war, dass die künstlerische Reise auf vermintes Gelände führen würde, brach das türkische Staatstheater den Kontakt zu den Münchner Kammerspielen ab. Kurze Zeit trug sich Christine Umpfenbach mit dem Gedanken, das Projekt mit dem Stadttheater in Diyarbakir weiterzuführen, doch dieses gehört, wie auch der Bürgermeister der Stadt, der kurdischen BDP an, weshalb sich schließlich auch das Goethe-Institut zurückzog.

Ein Tabu schwebt über allem


Der offensichtlich zwischen allen ethnischen Stühlen klemmende Leiter des Goethe-Instituts in Diyarbakir möchte nicht namentlich genannt werden. Zwar hat man seinen Kopf aus den projizierten Fotos herausretuschiert, auf der Münchner Werkraumbühne tritt er dennoch in Erscheinung: in Form einer kleinen wächsernen Goethe-Puppe. Und Dramaturg Malte Jelden legt der Puppe jene Worte in den Mund, die der Institutsleiter ihm am Ende des Türkeibesuchs mit auf den Heimweg gab: "Am Ende weiß keiner mehr, wovor er sich eigentlich fürchtet. Aber alle fürchten sich. Es ist ein über allem schwebendes Tabu entstanden."

Kurze Zeit später begann auch er, sich zu fürchten. Die politische Lage in der Türkei verschärfte sich, in der Region nördlich von Diyarbakir, in der das Heimatdorf von Gülbahar liegt, griff die PKK einen Militärstützpunkt an, dreizehn Soldaten kamen ums Leben. Und Anfang Oktober äußerte der türkische Ministerpräsident Erdogan den deutschen Stiftungen gegenüber jenen Vorwurf, den sich auch Christine Umpfenbach und ihr Team gefallen lassen mussten: Sie würden nichts anderes bezwecken, als Lobbyarbeit für die Terroristen der PKK zu betreiben.

Vielleicht sei sie zu naiv an dieses Projekt herangegangen, gibt Christine Umpfenbach zu. Letztlich aber habe eine gewisse Naivität auch etwas Gutes: Sie erlaube es, Fragen zu stellen, die ansonsten nicht aufgeworfen werden. Die Zeit mag noch nicht reif dafür sein, die Belange der kurdischen Minderheit auf einer türkischen Staatstheaterbühne zu verhandeln. Aber vielleicht ist es der Münchner Delegation zumindest gelungen, einen Dialog vor Ort in Gang zu setzen, hofft Christine Umpfenbach. Für sie bleibt die Erkenntnis, wie wertvoll es ist, an deutschen Staatstheatern auch unbequeme Meinungen vertreten zu dürfen.

Und für das Münchner Theaterpublikum bleibt eine Geschichte, die es wert ist, gehört zu werden. Dass das Projekt "München/Diyarbakir" wirklich gescheitert ist, darf deshalb getrost bezweifelt werden.

Aufführungen am 1., 3. und 4. Dezember jeweils um 20 Uhr im Werkraum der Münchner Kammerspiele.


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