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Autor Thema: Lorenz Jägers Beitrag in der F.A.Z.  (Gelesen 759 mal)
Ciwanro Kani | Beiträge:
Ciwanro Kani
Gast
« am: 06. Mär 2010, 03:23 »




Es ist an der Zeit, dass wir die Deutschen Medien hinterfragen. Wie verlässlich sind sie bei kritischen Themen, wie z.B. bei der Kurdistanfrage?. Aber auch wenn es um Gerechtigkeitsfragen, Muslime und Ausländer geht, werden tägliche Artikel erfasst, die nach Stimmungsmache und mangelnder Seriosität riechen. Ein Forum sollte auch Gelegenheit bieten, wo Schriftsteller, Kolumnisten etc. mit ihren Lesern debattieren können.

Einer von denen wäre Lorenz Jäger, dessen Beitrag zu ROJ-TV kürzlich bei der F.A.Z. veröffentlicht wurde.


Lorenz Jäger


Zitat
Kurden-TV
Öcalan bleibt auf Sendung


Von Lorenz Jäger

Roj wie Tag: Das Bundesverwaltungsgericht hat den Widerstand gegen den kurdischen Fernsehsender aufgegeben

01. März 2010 Vor zwei Jahren hatte Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, den kurdischen, von Dänemark aus operierenden Fernsehsender „Roj TV“ in Deutschland verbieten lassen. Der Kanal, so die Begründung, diene der Propaganda der verbotenen „Kurdischen Arbeiterpartei“ (PKK). Wie um einen letzten, schlüssigen Beweis der Verbotsbegründung zu liefern, entführte die PKK im Juli 2008 deutsche Bergsteiger am Ararat und verlangte eine Änderung der aus ihrer Sicht kurdenfeindlichen deutschen Politik - und eine Aufhebung des Verbots von „Roj TV“. Nach zwölf Tagen kamen die Geiseln wieder frei.

Nun hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass der Sender bis auf weiteres wieder nach Deutschland ausstrahlen kann. Man hat den Fall an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg weitergegeben, die Frage betrifft Gemeinschaftsrecht. Die Dänen werden ein Wort mitzusprechen haben - als Standort des Betreibers. Und man könnte sich vorstellen, dass Dänemark die Gelegenheit nutzt, der Türkei einmal ganz "menschenrechtlich" ein Bein zu stellen und „Roj TV“ deshalb weiter senden zu lassen.



Abdullah Öcalan, als Führer der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK, von der Türkei zu lebenslangerr Haft verurteilt



Die PKK ist keine romantische Guerilla

Ruft man die Seite des Senders im Netz auf, dann erscheint meist als Erstes ein Porträt des inhaftierten PKK-Gründers und, im Sprachgebrauch der Organisation, „Führers“ Abdullah Öcalan. Mitschnitte in den üblichen Video-Suchmaschinen zeigen allerdings hauptsächlich Volksmusik-Clips. Dennoch: Die PKK ist keine harmlose zivilgesellschaftliche NGO, auch keine romantische Berg-Guerrilla à la Che Guevara, die ausschließlich gegen repressive Regierungstruppen kämpfen würde.

Sie verübt terroristische Anschläge gegen zivile Ziele und Selbstmordattentate; sie ermutigte in der Vergangenheit ihre Anhänger zu Selbstverbrennungen. Nicht nur in der Türkei, sondern auch in der Europäischen Union gilt sie als terroristische Vereinigung. Seit knapp zwei Jahren wird sie zudem von den Diensten der Vereinigten Staaten als Organisatorin des internationalen Drogenhandels zwischen Zentralasien und Europa betrachtet. Aber sie hat in Europa durchaus Freunde. Und es lohnt sich, diesen Unterstützerkreis näher zu betrachten.

Doppelspiel der Diskurse

In Brüssel als Lobby-Organisation angesiedelt ist die „European-Turkey Civic Commission“, kurz Eutcc. Der Name klingt unverfänglich, von der PKK und Öcalan ist erst mal keine Rede, und nur, wer sich die Namen der Vorstandsmitglieder und ihre Aktivitäten genauer ansieht, kommt dann auch auf die kurdische Spur. Was diese „Kommission“ tatsächlich betreibt, ist ein Doppelspiel der Diskurse. In Brüssel unternimmt man nach außen hin das Geschäft eines „Monitoring“ der Menschenrechtslage in der Türkei und gibt vor, auf diese Weise den Beitritt des Landes zur Europäischen Union fördern zu wollen. Gleichzeitig aber ist man wohl so etwas wie der Briefträger der PKK. Es war die Eutcc, die forderte, die PKK von der EU-Liste der terroristischen Vereinigungen zu streichen.

Zum Vorstand der „Kommission“ gehört ein Deutscher namens Hans Branscheidt. In den siebziger Jahren leitete er eine westdeutsche Solidaritätsorganisation für die nordirische IRA. Irgendwann kamen seine internationalistischen Bestrebungen im wilden Kurdistan an. Branscheidt repräsentiert noch viele andere Gruppen, die vermutlich nur aus ihm selbst bestehen, darunter eine „Mezopotamian Development Society“, in deren Auftrag er 2008 eine Unterstützungserklärung für „Roj TV“ unterzeichnete. 2002, vor dem Krieg, trat er als Repräsentant einer ansonsten unbekannten „Koalition für einen demokratischen Irak“ auf und erklärte sich für den Angriff der Vereinigten Staaten. Schließlich spricht er für die „Theo van Gogh-Gesellschaft“, von der kein Mitglied weiter bekannt ist als eben Branscheidt.

Welche Rolle spielt Hans Branscheidt?

„Plädoyer für den freien Menschen“ heißt ein Buch des PKK-“Führers“ Öcalan, das 2005 auf Deutsch erschien. Im Anhang findet sich der Aufruf zur Freilassung Öcalans, von Branscheidt unterzeichnet. Zur Ironie der Sache gehört es, dass dieser seltsame Apostel, als die Geiseln am Ararat entführt worden waren, von den deutschen Medien als „PKK-Experte“ befragt wurde und sich zu den Zielen der Aktion mit viel Kreide in der Kehle vernehmen ließ: „Man will, dass Brüssel deutlicher auftritt, um demokratisierende Forderungen auf die Tagesordnung zu setzen. Die PKK ist prinzipiell für Frieden durch Dialog. Es würde mich nicht wundern, wenn sie“ - die Geiseln - „nach ihrer Freilassung sogar Verständnis für die Lage der Kurden äußern werden.“

Die Kurden bilden eine zahlenmäßig starke ethnische Minderheit in der Türkei, in Iran, Syrien und im Irak. Wer sich ihrer Unterstützung versichern könnte, wäre in der Lage, die Landkarte des Nahen Ostens grundlegend zu verändern. Deshalb ist es kein leeres Spiel, ihren deutschen und europäischen Unterstützerkreis - oft aus der „antideutschen“ Linken - unter die Lupe zu nehmen. Selbst wenn es manchem Bauchschmerzen bereitet, sich in der Einschätzung der PKK plötzlich an der Seite der türkischen Regierung wiederzufinden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa


Zitat
Roj wie Tag: Das Bundesverwaltungsgericht hat den Widerstand gegen den kurdischen Fernsehsender aufgegeben

Seit wann geben Gerichte auf? Soviel ich weiss fällen Gerichte Entscheide.

Zitat
Man hat den Fall an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg weitergegeben, die Frage betrifft Gemeinschaftsrecht. Die Dänen werden ein Wort mitzusprechen haben - als Standort des Betreibers. Und man könnte sich vorstellen, dass Dänemark die Gelegenheit nutzt, der Türkei einmal ganz "menschenrechtlich" ein Bein zu stellen und „Roj TV“ deshalb weiter senden zu lassen.

Also geht es Dänemark nicht um Meinungsfreiheit? Was denkt eigentlich Herr Jäger über die Muhammed-Karikaturen. Die F.A.Z., die Herr Jäger für solche Artikel bezahlt, war jedenfalls beim Karikaturen-Streit ein militanter Verfechter der Meinungsfreiheit.



Zitat
Ruft man die Seite des Senders im Netz auf, dann erscheint meist als Erstes ein Porträt des inhaftierten PKK-Gründers und, im Sprachgebrauch der Organisation, „Führers“ Abdullah Öcalan. Mitschnitte in den üblichen Video-Suchmaschinen zeigen allerdings hauptsächlich Volksmusik-Clips. Dennoch: Die PKK ist keine harmlose zivilgesellschaftliche NGO, auch keine romantische Berg-Guerrilla à la Che Guevara, die ausschließlich gegen repressive Regierungstruppen kämpfen würde.

Wo? Das Porträt ist nicht aufzufinden. -> www.roj.tv
Übrigens würden wir gerne wissen, wie Herr Jäger von "Video-Suchmaschienen zeigen hauptsächlich Volksmusik" zu " jedenfalls ist die PKK keine romantische Berg-Guerilla a la Che Guevera" kommt. Wie kommt man zu solchen Zusammenhängen?


Zitat
Sie verübt terroristische Anschläge gegen zivile Ziele und Selbstmordattentate; sie ermutigte in der Vergangenheit ihre Anhänger zu Selbstverbrennungen.

Kann uns jemand die Daten der Anschläge und die Zahl der zivilen Opfer angeben?
Mir ist aber bekannt, dass letztes Jahr die Bundeswehr Anschläge verübt hat, wo zivile Opfer ums Leben kamen. Ist die BDR terroristisch?
In den vergangen Tagen hat ein von deutsches Gericht Haftstrafen gegen die Sauerland-Gruppe verhängt. Bei der Verhörung stellte sich heraus, dass ein türkischer Geheimdienstler den Terroristen Material für die Sprengsätze besorgt hat. Wurde der türkische Geheimdienst zur Rechenschaft gezogen?

Zitat
In Brüssel als Lobby-Organisation angesiedelt ist die „European-Turkey Civic Commission“, kurz Eutcc. Der Name klingt unverfänglich, von der PKK und Öcalan ist erst mal keine Rede, und nur, wer sich die Namen der Vorstandsmitglieder und ihre Aktivitäten genauer ansieht, kommt dann auch auf die kurdische Spur.

Dürfen nur noch echte Türken und Regimetreue im Namen der Türkei Kommissionen gründen?

Zitat
Zum Vorstand der „Kommission“ gehört ein Deutscher namens Hans Branscheidt. In den siebziger Jahren leitete er eine westdeutsche Solidaritätsorganisation für die nordirische IRA. Irgendwann kamen seine internationalistischen Bestrebungen im wilden Kurdistan an.

Herr Lorenz Jäger hat in seinem Beitrag über Kurden folgende Begriffe verwendet: Berg-Guerilla, kurdischer Spur und wildes Kurdistan. Ist er eigentlich der Meinung, dass Kurden Menschen sind oder wenigstens Untermensch?

Zitat
„Plädoyer für den freien Menschen“ heißt ein Buch des PKK-“Führers“ Öcalan, das 2005 auf Deutsch erschien. Im Anhang findet sich der Aufruf zur Freilassung Öcalans, von Branscheidt unterzeichnet.

Dies fordern auch einige englische Politiker.  Im englischen Parlament wurde letztens eine Debatte über die Freilassung Öcalans geführt. Wie denkt Herr Lorenz Jäger darüber?
Übrigens würden wir gerne wissen, wieso er das Wort Führer mehrmals mit Anführungszeichen hervorgehoben hat, soll das eine Anspielung auf Hitler sein? Und wenn ja, will er damit Hitler verharmlosen oder Öcalan diffamieren?

Zitat
Zur Ironie der Sache gehört es, dass dieser seltsame Apostel, als die Geiseln am Ararat entführt worden waren, von den deutschen Medien als „PKK-Experte“ befragt wurde und sich zu den Zielen der Aktion mit viel Kreide in der Kehle vernehmen ließ: „Man will, dass Brüssel deutlicher auftritt, um demokratisierende Forderungen auf die Tagesordnung zu setzen. Die PKK ist prinzipiell für Frieden durch Dialog. Es würde mich nicht wundern, wenn sie“ - die Geiseln - „nach ihrer Freilassung sogar Verständnis für die Lage der Kurden äußern werden.“

Was ist daran verkehrt, wenn die PKK für Frieden und Dialog ist?



Falls wir Lorenz Jägers irgendwie erreichen können, laden wir Ihn auf eine herzliche Diskussion im Forum ein, und wenn nicht, dann wünschen wir Ihm alles Gute.







« Letzte Änderung: 06. Mär 2010, 03:46 von Ciwanro Kani » Gespeichert
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« Antworten #1 am: 06. Mär 2010, 15:38 »

Ein Artikel dieser Art in der "FAZ" ist in keiner Weise verwunderlich. Lorenz Jäger, seit 1997 Redakteur des Ressorts "Geisteswissenschaft" bei der FAZ, hat wohl auch maßgeblich den "Geist" dieser Zeitung mit geprägt.

Aus dem biografischen Artikel bei Wikipedia:
Zitat
Lorenz Jäger studierte Soziologie und Germanistik an der Philipps-Universität Marburg und der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. In Marburg habe zu seiner Studienzeit ein heute kaum noch vorstellbares "Klima des dogmatischen Marxismus" geherrscht, in dem lediglich vier Professoren "Inseln der Seligen" bildeten: der Soziologe Heinz Maus, der Germanist Heinz Schlaffer, der Kunsthistoriker Martin Warnke und der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott.[1] Jäger legte bei dem Adorno-Schüler Heinz Maus die Diplomprüfung ab.
Diese Diplomarbeit wurde überwiegend negativ beurteilt. Er steht konservativsten katholischen Klerikern nahe, von denen sich selbst der ebenfalls sehr konservative Papst inzwischen distanzieren musst. Jürgen Habermas, inzwischen auch gerngesehener Gesprächspartner des Papstes, stell ihn (in einem FAZ-Artikel!) als Rechtsaußen der Feuilleton-Redaktion" dar. Dafür steht die neofaschistische Zeitschrift "Neue Freiheit" auf seiner Seite:
Zitat
Thorsten Thaler, Chefredakteur der "Jungen Freiheit", schrieb über Jäger: "Lorenz Jäger gehört in der deutschen Journalistenzunft zum kleinen Häuflein derer, die kaum je ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn es darum geht, Sachverhalte zu beschreiben oder die eigene Haltung zu markieren; seine Texte zählen zu den interessantesten und besten, die das Feuilleton der FAZ nach diversen personellen Aderlässen noch zu bieten hat."["Junge Freiheit" vom 18.91.2008]
Zu seinem Buch "Das Hakenkreuz. Zeichen im Weltbürgerkrieg. Eine Kulturgeschichte" schreibt Bernd Buchner Mitarbeiter der iKatholischen (!!) Nachrichtenagentur:
Zitat
Jägers Buch ist eine Hakenkreuz-Apologie. Er macht sich darin nicht einmal die Mühe, das völkische und von den Nationalsozialisten freudig aufgegriffene Gegensatzpaar „Arier“ – „Jude“ als das zu bezeichnen, was es ist, nämlich als historisch und wissenschaftlich unhaltbar. Die „Arier“ sind genauso wenig eine „Rasse“ wie die Juden – es handelt sich hier um einen Begriff aus der Sprachwissenschaft, der die Völker des indoiranischen Zweiges der indogermanischen Sprachfamilie kennzeichnet. Stattdessen schildert Jäger die vermeintliche „Lage um 1900: Man hatte eine Vorstellung vom Rassenkampf als Geschichtsgesetz, man hatte eine arische Rasse – und ein Symbol, ein Feldzeichen, das man dieser zuschreiben konnte“ (S. 29). Nachdem er im Schlusskapitel die Nachkriegsgeschichte des Hakenkreuzes mit der Verwendung unter anderem in der Punk-Szene und bei der chinesischen Sekte „Falun Gong“ geschildert hat, beendet der Autor sein Buch mit der Bemerkung: „Gegenwärtig werden in Deutschland die letzten noch verbliebenen Hakenkreuze entfernt.“ (S. 222) [erschienen in: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-170]

Wegen der "islamistischen" Ausrichtung der gegenwärtigen trk. Regierung ist er natürlich gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei, und weil die Kurden allgemein für Leute seines Schlages als noch islamistischer gelten, somit auch die PKK, schreibt dieser Meinungsbildner aus Deutschlands konservativer Kaderschmiede [Eigenraklame früher: "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf"  Grinsend] halt so, wie er schreibt.

Doch inzwischen wird er wohl auch im eigenen Lager nicht mehr allzu ernst genommen, deshalb sollten wir ihm auch nicht zu viel der Ehre antun.

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Gelê kurd carek din bindestiyê qebûl nake!



« Antworten #2 am: 15. Okt 2011, 01:42 »

Adieu, Kameraden, ich bin Gutmensch

Nicht mehr unter Rechten: Der Konservativismus hat sich selbst verraten. Er ist zu einer Ideologie der Großindustrie und der Kriegsverkäufer geworden.


Von Lorenz Jäger , FAZ

or einem guten Jahr erreichte mich ein Anruf aus München: was ich von der Möglichkeit einer neuen rechten Sammlungsbewegung hielte, nur einmal so als Gedankenexperiment? Mit Hans-Olaf Henkel, Peter Sloterdijk, Thilo Sarrazin und Friedrich Merz als möglichen Galionsfiguren.

Unabhängig davon, ob diese Phantasie zu verwirklichen wäre - langfristig gibt es sicher ein Potential von Protestwählern um die sieben Prozent -, war meine Antwort, dass ich davon rein gar nichts hielte, und das, obwohl ich einmal von Jürgen Habermas als der „einschlägig bekannte Rechtsaußen des Feuilletons“ bezeichnet wurde.

Nein, ich bin nicht mehr dabei, please count me out. Es war eine schöne Zeit, diese vergangenen zehn Jahre unter Rechten, ich gestehe es. Vor allem aber war sie bequem. Allein schon gegen den Stachel der „Political Correctness“ zu löcken konnte für den Journalisten die halbe Miete bedeuten.

Heiner Müller hat einmal vom „politischen Rinderwahnsinn“ der westlichen Welt gesprochen, und aus diesem Biotop gab es ja fast an jedem Tag etwas zu glossieren, ob staatliches Gender-Training auf dem Programm stand oder das offiziöse Herunterreden von Migranten-Kriminalität - lachen konnte man immer. Aber nicht nur, dass solche Pointen irgendwann schal werden: Mir leuchtet die ganze Richtung nicht mehr ein.

Ein Begriff wurde entführt


Ich verstehe nicht, warum der Konservative, zum Beispiel, den menschengemachten Klimawandel für Panikmache von Gutmenschen und die Umweltauflagen gegenüber der Industrie für eine sozialistische Erfindung halten muss. Warum das Bekenntnis zu Atomkraftwerken den rechten Rechten ausmachen soll.

Ich verstehe auch nicht, was an Barack Obamas Reform der Krankenversicherung so übel sein sollte - wenn man den einen wirklich problematischen Punkt der staatlichen Abtreibungsfinanzierung einmal ausnimmt.

Vor allem will ich nicht verstehen, dass „Islamkritik“ in allen Spielarten, bis hinunter zur offenen Demagogie, fast das einzige Prunk- und Ehrenzeichen konservativer Politik geworden ist. Natürlich verstehe ich es doch. Denn es scheint die einzige Chance neuer rechter, populistischer Parteien und Bewegungen in Europa zu sein, mit diesem Thema einen Wahlerfolg zu landen.

Das hat nicht funktioniert - die Partei „Die Freiheit“ von René Stadtkewitz kam bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus gerade einmal auf ein Prozent. Die ähnlich ausgerichtete Konkurrenz „Pro Deutschland“ erreichte 1,2 Prozent. Aber nicht der Misserfolg auf FDP-Niveau ist das Entscheidende, sondern die Sache selbst.

Damit kommt man auf das Ursprungsland dieser Gedanken, die Vereinigten Staaten. Von dort beziehen die europäischen Populisten einen Großteil ihrer Ideologie, etwa aus dem Blog „Frontpage“ von David Horowitz, den man mit der deutschen „Achse des Guten“ von Henryk M. Broder vergleichen kann.

Lange Zeit war auch die zum Murdoch-Imperium gehörige Fernsehstation FoxNews mit ihrem Kommentator Glenn Beck eine gute Adresse der Rechten. Inzwischen ist Becks Stern wieder etwas gesunken; seine hysterischen Auftritte, die er gern mit Tränen vor der Kamera würzte, machten ihn auf die Dauer doch zum Gespött. Dennoch hat er immer noch Anhänger. Beck, ein Mormone, war es, der Obama als den „Kommunisten im Weißen Haus“ bezeichnete. Wenn FoxNews rechts ist, dann bin ich es definitiv nicht.

Aus den Niederlanden kommen die praktischen Rezepte des Populismus. Geert Wilders, der Mann mit dem echt blondierten Haar, ist das Idol von Stadtkewitz; so wie dieser glaubte der Berliner triumphieren zu können. Ihn lud er zu einer bizarren Wahlveranstaltung der Partei „Die Freiheit“ nach Berlin ein. Wilders war es, der den Islam - nicht den Islamismus! - mit Faschismus und Kommunismus gleichsetzte, der ein Verbot des Korans forderte, analog zum Verbot von Hitlers „Mein Kampf“.

Deutschnationale Begleitmusik

Am unteren Ende des Niveaus stehen die Blogger von „Politically Incorrect“, einer hauptsächlich islamkritischen Internetseite. Wenn sie sich schon im Titel „proisraelisch“ und „proamerikanisch“ nennen, dann bedeutet das nur: Sie klinken sich in Strategien ein, an deren Planung und Formulierung sie keinen Anteil haben. Sie sind so etwas wie eingeborene Hilfstruppen, Askaris, Fremdenlegionäre. Sie beziehen ihre Ideologie aus zweiter Hand - und setzen ihren ganzen Stolz darein. Insofern sind sie wirklich so dumpf und stumpf, wie man es von der Rechten immer behauptet hat. Der eigentliche Witz dabei ist, dass „PI“ vorgibt, eine Haltung jenseits des „Mainstreams“ einzunehmen - just in dem Augenblick, da ein ehemaliger Verteidigungsminister der Bundesrepublik beim „Center for Strategic and International Studies“ in Washington anheuert.

Die Publikationen der deutschen Rechten - allen voran die „Junge Freiheit“ - haben die Werbebanner von Stadtkewitz auf ihren Seiten im Netz gespielt; die „Junge Freiheit“ ehrte den Spitzenkandidaten mit einem ausführlichen Interview. Und auch der oppositionellen „Tea Party“, einem anderen Trend aus den Vereinigten Staaten, hechelt die Wochenzeitung hinterher. Dieter Stein, Chefredakteur der JF, veröffentlichte im März 2010 seinen Leitartikel „Für eine deutsche ,Tea Party‘“. Noch scheint man nicht genau zu wissen, ob man dazu nur die deutschnationale Begleitmusik machen will oder ob man mehr kann.

Nun ist die „Tea Party“ - mit der bemerkenswerten Ausnahme des texanischen Kongressabgeordneten Ron Paul - ein Zentrum von „Unilateralisten“, Erben von George W. Bush, die ein aggressiveres Vorgehen der amerikanischen Außenpolitik wünschen. Neokonservativ, das ist, diesseits und jenseits des Atlantiks, die eigentliche Kriegspartei. Und es sind die schärfsten Islamkritiker, die meistens auch einer Nebenbeschäftigung als Kriegsverkäufer nachgehen. Wenn es gute konservative Tradition ist, auf Wehrfähigkeit zu halten, so ist es doch vermessen, nach Art solcher Abenteurer die ganze Welt beglücken zu wollen. Abenteurer wie Daniel Pipes etwa, eine Größe der Islamkritik, der im vergangenen Jahr mal eben einen Krieg gegen Iran beginnen wollte. Oder ist es umgekehrt, und die Islamkritik ist nur der intellektuelle Arm solcher Strategen?

Genuin konservativ wäre es, die Vorschläge Barack Obamas zum Friedensprozess im Nahen Osten - Israel in den Grenzen von 1967 - ernster zu nehmen als die expansiven Anliegen der israelischen Siedler. Aber gerade mit deren Parteien haben sich Wilders, Stadtkewitz, die FPÖ und der belgische rechtspopulistische „Vlaams Belang“ im vergangenen Jahr höchst offiziell verbündet. Übrigens treffen sich die Rechten in diesen außenpolitischen Vorstellungen ganz mit den Linksextremen von „Konkret“, der „Jungle World“ oder den „Bahamas“. Antideutsch und überdeutsch spielen uns einen Streit vor, aber wir sehen sie Arm in Arm. Und plötzlich findet sich der genuine Konservative, der vermeintliche Militarist, in der ungewohnten Rolle des Pazifisten wieder.

Genuin konservativ zu sein würde vor allem zweierlei bedeuten: ein Gefühl für das Gewicht der Wirklichkeit zu haben; daraus folgt von selbst eine Mäßigung. Und - nicht weniger wichtig - jedenfalls die Sehnsucht nach Maßstäben, die von oben kommen, vielleicht von Gott. Aber das ist die Sache von Einzelnen, keine Partei und kein Volkstribun wird’s richten. Das war’s, Kameraden.
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