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Autor Thema: Kurdische Sängerin Aynur Doğan wegen kurdischer Lieder ausgebuht  (Gelesen 958 mal)
Rewsen | Beiträge: 3132
Rewsen
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« am: 18. Jul 2011, 18:13 »


Um bei diesem Lied weinen zu können…


           Im Open-Air-Theater wurde versucht, mit psychischer Aggression die kurdischen Lieder Aynurs zu ersticken. Während des  Konzertes „Frauen des Wassers“, an dem Aynur im Rahmen des Istanbuler Jazz-Festivals teilnahm, sah sie sich noch während Ihres Auftrittes gezwungen, die Bühne zu verlassen.




ISTANBUL - Es war ein Tag voller Gram. Durch den Schmerz über die 13 gefallenen Soldaten „war die Luft schwer wie Erde“. Auf einer Seite der Ausruf der „Demokratischen Autonomie“ des DTK [Demokratik Toplum Kongresi = Kongress für eine demokratische Gesellschaft], auf der anderen Seite die Schwierigkeiten bei der Erstellung eines gültigen Protokolls über die Versprechen zwischen der AKP und der BDP. Durch diese aufwühlenden Ereignisse war die Woche ohnehin schon belastet.

Im Rahmen des Istanbuler Jazz-Festivals, wurde das Konzert von Patrick Wolf [Anm.: britischer Sänger und Komponist], das unter dem Motto „Istanbul Modern“ schon am Donnerstag hätte stattfinden sollen, auf Freitag verschoben.

Am Freitag allerdings, fand das Konzert von Javier Limon, einem der bedeutendsten Künstler der Flamenco-Szene], im Harbiye-Open-Air-Theater statt, der im Rahmen des Konzertes „Frauen des Wassers“ gemeinsam mit Sängerinnen verschiedener Mittelmeerländer singen und spielen wollte.

Nach einigen Überlegungen und einiger Unschlüssigkeit, beschloss ich, wie anfangs geplant, zum Konzert „Frauen des Wassers“ zu gehen. Als ich ankam, hatte das Konzert schon begonnen, es war kaum noch ein freier Platz zu finden. Es war eine der schönsten Nächte unter freiem Himmel: Das Amphitheater war voller Menschen, ein leichter Sommerwind wehte, einige Sterne und was für ein wunderschöner Vollmond…

Durch die magische Melancholie des Flamencos waren wir alle wie verzaubert und die Sängerinnen begannen mit Ihren Aufführungen. Eine jede trug vier bis fünf Lieder vor und begab sich nach ihrem Auftritt hinter die Bühne. Javier Limon erzählte davon, wie sehr ihn die Schönheit Istanbuls in seinen Bann gezogen hätte. Das freute uns alle, wir applaudierten. Dann erzählte er davon, wie sehr ihm die vielen, ineinander verschmelzenden Kulturen dieses Landes gefielen und das dies ein Grund für den [kulturellen] Reichtum [Istanbuls] sei… Das gefiel uns, wir applaudierten erneut. Nach diesen Worten bat er Aynur auf die Bühne.



Unsere verlorenen Lieder

Viele kennen Aynur aus der unvergesslichen Szene in „Gönül Yarasi“ [türkischer Film]. Die Szene, wo Dünya [Anm.: eine Türkin] und Nazim [Anm.: ein Kurde] eine Bar besuchen, in der Aynur auftritt und „Dar Hejîrokê“ [Anm.: kurdisches Lied] singt und Dünya weint. Nazim, der das bemerkt, fragt sie: „Verstehst Du Kurdisch?“, was Dünya verneint. Er fragt sie: „Weshalb weinst Du dann?“, woraufhin sie ihm entgegnet: „Bruder, muss man Kurdisch können, um bei diesem Lied zu weinen?“

Während des Istanbuler Filmfestivals im Jahre 2008 wurde Nezih Ünens wunderbarer Film „Anadolu’nun Kayıp Şarkıları“ [„Die verlorenen Lieder Anatoliens"] gezeigt. Im anschließenden Konzert, welches dem Film gewidmet wurde, trat auch Aynur auf, die in kurzer Zeit die Herzen und die Begeisterung des Publikums für sich gewann. Auch im Ausland besitzt Aynur eine ernstzunehmende Fangemeinde.

Was für eine gute Wahl hat Javier Limon getroffen und im Rahmen dieses Projektes Aynur eingeladen. Er hätte auch eine Künstlerin einladen können, die auf Türkisch singt, er entschied sich jedoch für Aynur. Vielleicht, weil sie auf Kurdisch singt und er sie daher mehr bewundert oder respektiert. Vielleicht aber auch, weil sie jene Frau in diesem Land ist, die, seiner Meinung nach, am schönsten singen kann. Womöglich aus  beiden Gründen zugleich.



Ein Gruß in Weiß


          Aynur trat in einem weißen Kleid auf. Um ihren Hals trug sie eine Kette, die aussah, als wäre sie einem alten anatolischen Märchen entliehen worden.

Als sie anfing zu singen, zog sie alle in ihren Bann. Dies geschieht immer, wenn Aynur singt. Denn in ihrer Stimme liegt sehr viel Gefühl; Gefühl, das durch viel Schmerz hervorgerufen wird. Unser aller Gefühl, unser aller Schmerz.

Es war beim zweiten Lied, glaube ich, als ich einige Leute aufstehen und den Saal verlassen sah. Am Ende des Liedes bemerkte ich einen Zuhörer, der etwas in Richtung der Bühne schrie. Danach folgte das Ausbuhen und das Pfeifen, dutzende Menschen gingen verärgert und fluchend zum Ausgang.


Als Aynur ihr drittes Lied anstimmte, war die Zuhörerschaft bereits geteilt: Obwohl wir alle noch bis vor einigen Sekunden nebeneinander saßen und applaudierten, gab es jetzt Menschen, die Buh-Rufe von sich gaben, pfiffen und schimpften und andere, die das Theater - voller Entsetzen und Ärgernis darüber, ihre Ohren einem kurdischen Lied ausgesetzt zu haben - schleunigst verließen.

Jemand in meiner Nähe schrie lauthals „Sing Türkisch!“. Als wir im Gegenzug hierzu anfingen, sie mit „Aynur Aynur“- Rufen anzufeuern, wechselten sie und Javier Limon einige Worte miteinander und sie schritt unter unseren Anfeuerungen, den Buh-Rufen und Pfiffen stolz hervor, grüßte uns, und verließ die Bühne.

Als das Programm mit den anderen Musikerinnen fortgesetzt wurde, hörten wir von weiter hinten laute Rufe. Eine große Menschenmenge hatte sich angesammelt und was denkt Ihr, was sie dort taten? Sie begannen, den „İstiklal Marşı“ [Anm.: Freiheitsmarsch; die türkische Nationalhymne] zu singen!

Nachdem sie endlich verstummt waren, wurde das Konzert fortgesetzt, aber es hatte seinen Zauber verloren.



Lieder in allen Sprachen der Welt

Eine der zuletzt aufgetretenen Sängerinnen sagte: „Musik verbindet uns! Und solange die ganze Welt nicht eins ist, wird es immer Dinge geben, die unvollendet sind.“

Im Anschluss bat Javier Limon alle „Frauen des Wassers“ auf die Bühne. Die „Frauen des Wassers“ umarmten und küssten einander, aber am meisten umarmten und küssten sie Aynur. Als die Bühne sich leerte, riefen wir laut „Aynur, Aynur“ in der Hoffnung, dass sie vielleicht zu uns käme, was sie leider nicht tat.

Einer derjenigen, die Aynur ausbuhten, rief: „Wer wird uns Rechenschaft für die dreizehn gefallenen Soldaten ablegen?“

Sie, mein Herr, Ihr, meine Herren, wie werden Sie mit einer Gesinnung, die zu einem Volk sagt „Ihr habt keine Sprache, Ihr habt keine Lieder, Ihr besitzt keine Geschichte, Ihr habt keine Wiegenlieder“, Rechenschaft für diese Aggressivität ablegen können?

Was würde diese Aggression mehr anschüren: Wenn Aynur ihre Lieder auf der Bühne frei singen dürfte oder wenn ihr dies verboten wäre?

Und eins möchte ich noch hinzufügen: Aynur trat in Weiß auf, obwohl Grün dieses Jahr sehr in Mode ist. Hätte sie ein Kleid getragen, das rot, gelb, grün wäre, hätte ihr das bestimmt sehr gut gestanden. Sie entschied sich jedoch für das weiße Kleid und für dessen Bedeutung.

Wenn sie aber lächelnd, in einem weißen Kleid die Bühne betrat und mit Zeige- und Mittelfinger ein Victory-Zeichen formte, so sollte man sich fragen, welcher Sieg, welche Bedeutung denn dahinter stecken mag: „Wenn Sieg für ein Volk bedeutet, in seiner eigenen Sprache singen zu dürfen….“

Es gibt ein Projekt, das ich vor einigen Jahren begann: in allen Sprachen der Welt ein Lied auswendig zu lernen. Kurdisch, Griechisch, Latein und Spanisch waren die Lieder, die ich bislang auswendig singen konnte.

In meiner Liste habe ich noch etliche andere Lieder stehen. Mal sehen, in wie vielen Sprachen ich bis zu meinem Tod singen kann.

Mein Herr, meine Herren, Sie werden allerdings bis zu Ihrem Tode nur den „İstiklal Marşı“ auswendig singen können, wie traurig…



Originalquelle: N. Buket Cengiz in der Radikal vom 16. Juli 2011

Übersetzung: Burcu Jiyan Kaya, Stefanie Ba
« Letzte Änderung: 18. Jul 2011, 18:15 von Rewsen » Gespeichert

Gotina rast sondê naxwaze

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« Antworten #1 am: 20. Jul 2011, 14:28 »

Der Grund war das sie Kurdin ist und das sie auf kurdisch singen wollte!
Wenn man in einem LAnd  allein wegen einer Sprache gelyncht wird, wie kann man dan da noch von einem EU BEitritt reden???
Nicht das ich diesen nicht Beitritt bevorzuge.
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Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten.

Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
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« Antworten #2 am: 20. Jul 2011, 23:57 »

Bei "Radikal" ist am Montag ein weiterer Artikel zu dem Thema erschienen:
http://www.radikal.com.tr/Radikal.aspx?aType=RadikalDetayV3&ArticleID=1056752&Date=18.07.2011&CategoryID=77

Dazu haben Yildiz Duman und ich eine deutsche Fassung erstellt:

KÜNSTLER/INNEN UNTERSTÜTZEN AYNUR DOGAN

Eine in Istanbul versammelte Gruppe von Intellektuellen und Künstlern hat sich eingesetzt für die auf Kurdisch singende Aynur Dogan, gegen deren Auftritt am 15. Juli protestiert wurde. Eine Presseerklärung wurde sowohl auf Kurdisch als auch auf Türkisch abgefasst.

"Radikal-Autoren": Pınar ÇITAK KOYGUN - Zafer KARAKOÇ

İSTANBUL – Während dieser Zusammenkunft im Restauran „Cezavir“ im Istanbuler Stadtteil Galatasaray sagte u.a. die Künstlerin Yasemin Göksu: "Wir sind heute hier um gegen jene Intervention und die dabei gezeigte fortdauernde Lynchkultur im Zusammenhang mit Aynurs Bühnenauftritt ein deutliches Stopp-Zeichen zu setzen. Wir fordern Sie alle auf, Ihren gesunden Menschenvertand zu benutzen. Wir sind hier für Frieden. Hierbei handelt es sich nicht mehr nur um ein Aynur Dogan oder Ahmet Kaya betreffendes Problem.Wir müssen in großen Maden und mit ihnen den Weg zum Friedens gehen. Wir müssen öfter die Sprache des Friedens benutzen. Wir wollen diejenigen warnen, welche die Völker einander als Zielscheibe zeigen und Apartheid Politik betreiben. Ihr spielt mit dem Feuer und dieses Feuer wird auch euch verbrennen. Lasst uns nicht die SängerInnen der Lieder zum Schweigen bringen, sondern die Waffen."

In der später von Göksu verlesenen Presseerklärung wurde darüberhinaus gesagt: "Die von Aynur Dogan erlebten Zustände im Openair Theater am 15.Juli spiegelten einen Teil von den letzen Geschehnissen in der Türkei wider. Wir verurteilen Intoleranz und eine Todesfälle provozierende Mentalität. Wir fordern alle auf, diesen Todesfälle vorzubeugen und unter Berücksichtigung des demokratischen Aufbruchs des kurdischen Volkes Schritte in Richting Frieden durch verantwortungsbewusstes Handeln zu unternehmen."

Am Ende der Presserklärung merkte Göksü an, dass eine Demonstration organisiert wird zur Solidarität mit Aynur Dogan

am 21.Juli um 19.00 Uhr auf dem "Tünel" Platz im Zentrum Istanbuls unter dem Motto "Es reicht, Wir wollen Versöhnung".

Göksu, auf die Frage warum es zu einem solchen Ereignis kommen kann: "Dies ist durch falsche Motivation und durch woanders aufgeheizte nationalistische Gefühle entstanden."

"DIE POLITISCHE VERANTWORTUNG OBLIEGT DEM MINISTERPRÄSIDENTEN"

Der Präsident der türkischen Medizinervereinigung TTB, Prof.Dr. Gençay Gürsoy, unterstützte Aynur Dogan mit seiner Aussage: "Ich möchte noch hinzufügen: Diese Ereignisse sind spontane Ausbrüche von Wut. Die politische Verantwortung liegt beim Ministerpräsidenten. Der Ministerpräsident macht jetzt mit seiner Aussage die Absicht deutlich, welche wohl schon lange in seinem Sinn schlummerte: „von jetzt an soll man nicht mehr mit unserem Wohlwollen rechnen". Das soll heißen "ich werde diese Angelegenheit nicht lösen" deshalb hat der Ministerpräsident die Folgen zu verantworten.

Der Schriftsteller Adnan Özyalciner meinte dazu: “Das Geschehene ist der [vorläufige] Endpunkt einer politischen Verschwörung. Das Geschehrne ist das Endergebnis einer Provokation einer Separatismus stiftenden, Frieden vernichtenden Rassendiskriminierung, eine politische Provokation, um die Menschen daran zu hindern brüderlich miteinander mit ihren Liedern ihren Sprachen, ihren Gedanken miteinander zu leben. Die heute Herrschenden lösen nicht die aus der Vergangenheit übernommenen Probleme, sondern sie machen einen Knoten daraus. Die jetzigen Herrschenden verknoten die Freiheit der in der Türkei lebenden Völker, ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit zu denken und in Freiheit ihre Lieder zu singen."

Der während des Konzerts anwesende Regisseur Hüseyin Karabey erklärte: "An dem Abend war ich auf dem Konzert. Ich kann es als Mensch nicht in Worten fassen, wie peinlich es mir war. Es war nicht eine Handvoll Menschen, die protestiert haben. Zwei Drittel der Mitteleren Reihe, in der auch mich befand und in der vorderen Reihe ein ganzes Ensemble, dazu fällt mir nur ein Wort ein, Rassismus."

Der Frontgitarrist der mongolischen Gruppe, Taner Öngör: "Im Laufe der Geschichte wurden noch keine Lieder angehalten. Dieser Schall ertönt weiter".

Unter den Künstlern, die Auynur Dogan unterstützten waren: die Dichtern Sennur Sezer, die Gruppe "Kardeş Türküler", Bassgittarist Taner Öugör des mongolischen Teilnehmernsemles, die Chansonette Yasemin Göksu, der Autor Adnan Özyalçıner. Weiterhin unterstützten sie die KünstlerInnen Sezen Aksu, Balçiçek İlter, Cezmi Ersöz, Mehmet Ali Alabora, Pelin Batu, Yavuz Bingöl, Yılmaz Erdoğan, Gülten Kaya, Gruppe Mor ve Ötesi, Servet Kocakaya, Derya Alabora, Lale Mansur und besonders Leman Sam.
« Letzte Änderung: 21. Jul 2011, 00:05 von Amos » Gespeichert

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« Antworten #3 am: 21. Jul 2011, 01:25 »

Es ist eine Schande..mehr kann man dazu nicht sagen..
Aber ich bin ein Mensch der in allem etwas positives sucht..
ich hoffe, dass diese Aktion und die darauffolgende Unterstützung der Sängerin Aynur Dogan, wieder die
Menschen zum nachdenken bringt, ob das was sie getan haben richtig war. Ich hoffe aber, dass es diesesmal
nicht so spät passiert, wie es leider bei Ahmet Kaya der Fall war.

Yasasin halklarin kardesligi ve tam demokratik türkiye!!
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« Antworten #4 am: 21. Jul 2011, 13:20 »

@ "siyabendo": für rassistische Darstellungen und Beleidigungen ist hier kein Platz. Du kannst auch aus der Tatsache, dass ein User Türke ist, keinerlei Rückschlüsse über seinen Charakter ziehen. Wenn "musti28" hier öffentlich seine Scham über das Verhältnis der PöblerInnen bei Aynurs Auftritt in Stembol zum Ausdruck bringt, dann sollte jede(r) hier wenigstens ein Minimum an Benehmen zeigen und das respektieren.

Falls dir also unsere Forenregeln nicht passen, dann such dir ein anderes Betätigungfeld für rassistische Ergüsse.

Amos, für KM-Team
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« Letzte Änderung: 21. Jul 2011, 14:18 von Amos » Gespeichert
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« Antworten #5 am: 21. Jul 2011, 21:47 »


Ein Bericht der BDP-nahen Agentur ANF mit vielen Fotos von der heutigen Solidaritätsdemonstration für Aynur (Text vorerst nur auf Türkisch) ist hier zu sehen:  https://www.facebook.com/kurdmania.kurdistan Weitere Links werden dort in den Kommentaren hinzugefügt.
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« Antworten #6 am: 21. Jul 2011, 23:03 »

Tausende KurdInnen und viele ihrer nicht-kurdischen Freundinnen, versammelten sich am späten Nachmittag des 21. Juli 2011 von der Bergstation der alten unterirdischen "Tünel"-Standseilbahn ausgehend auf dem angrenzenden Taksim-Platz bis in die Istiklal-Flaniermeile hinein, riefen "Aynur Doğan auf die Bühne" und forderten auch die Rücknahme des politischen Betätigungsverbots gegen Hatip Dicle und seine Freilassung.
http://www.demokrathaber.net/guncel/binlerce-kisi-barisalim-yeter-dedi-h2927.html
Zum türk. ANF-Text bei "Demokrat Haber" erschien nun auch eine engl. Textfassung:
http://en.firatnews.com/index.php?rupel=article&nuceID=2715
« Letzte Änderung: 23. Jul 2011, 00:10 von Amos » Gespeichert

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Gelê kurd carek din bindestiyê qebûl nake!



« Antworten #7 am: 03. Dez 2011, 01:52 »

"Geschichten aus meiner Seele"

Die Kurdin Aynur Dogan ist einer der Stars der Türkei. Die wunderschönen melancholischen Lieder ihrer Heimat singt sie auf Kurdisch und beweist Mut, Modernität und Authentizität

WELT, 31.07.2011

Unendlich weit scheint sich die bergige Landschaft auszudehnen, die Aynur Dogan einsam durchwandert, als sie das Titel-Lied ihres neuen Albums singt: "Rewend" heißt auf Kurdisch "Nomade". Das Video hat der türkische Regisseur Fatih Akin mit ihr gedreht, denn beide kennen sich, seit sie 2005 für dessen Film "Crossing The Bridge" zusammen gearbeitet haben. Schlicht Aynur nennt sich die kurdische Sängerin, ein internationaler Star, der auf viele Festivals eingeladen wird, bereits eine Welttournee gemacht hat und vor einigen Monaten schon mal in der sehr gut besuchten Altonaer Fabrik gesungen hat. Nun kommt sie für zwei Konzerte zurück, auf Einladung des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Am 6. August (20 Uhr) singt sie in Hamburg, im Lokschuppen der S-Bahn (Sommerkamp 31), am 7. August, 19 Uhr, in Lübeck am Lehmannkai 2.

Seit Hunderten von Jahren scheint sich in den Bergen und Ebenen des ehemaligen Kurdistan, dessen geschätztes Territorium sich heute auf die Türkei, Iran, Irak und Syrien erstreckt, nicht viel verändert zu haben. Die Kurden haben noch immer keinen international anerkannten Staat, und in der Türkei fühlen sie sich nach wie vor kulturell, politisch und religiös unterdrückt, obgleich sich ihre Situation gebessert hat, seit 1990 das Verbot, die Muttersprache zu sprechen und zu lernen, aufgehoben wurde.

Dennoch musste Aynur Mitte dieses Monats erleben, wie sie bei einem Konzert auf dem Jazzfest in Istanbul ausgebuht wurde - weil einen Tag zuvor bei einem Gefecht mit kurdischen PKK-Kämpfern 13 türkische Soldaten umgekommen waren. "Sing türkisch!!", hatten einige Fans gebrüllt. "Das Blut der Märtyrer ist noch nicht getrocknet", berichtete die "Süddeutsche Zeitung".

Was hatte Aynur damit zu tun? Ihre einzige "Schuld" hatte darin bestanden, dass sie in ihrer kurdischen Muttersprache gesungen hatte. "Ich habe Angst, Traurigkeit und Demütigung gespürt", erzählt sie. "Wenn diese Leute tatsächlich leiden, wie kann ich ihnen vermitteln, dass ich ihren Schmerz teile? Meine Lieder drücken aus, dass ich eine Frau bin und Kriege, Lügen, Scheinheiligkeit, Respektlosigkeit und Gewalt hasse. Natürlich nehme ich so etwas nicht persönlich, es ist vielmehr ein ungelöstes Problem unserer Gesellschaft, das immer noch Schmerz und Tod verursacht. Ein fortwährendes Thema in der Türkei", sagt die Sängerin.

Viele Jahre steht die 35-jährige Aynur nun schon unbeirrt auf der Bühne und singt kurdisch: "Jeder empfindet seine Mutter als besonders und einzigartig. Aber manche haben eine tiefere Beziehung zu ihrer Mutter als andere. Meine Beziehung zur kurdischen Sprache lässt sich damit vergleichen. Meine musikalische Sprache ist Kurdisch. Wenn man sie durch Türkisch, Persisch, Arabisch oder andere Sprachen ersetzen würde, würde der tiefere Sinn der Lieder sich nicht ändern und die gleiche Geschichte erzählen. Ich glaube aber, dass Sprache der Zugang zur Musik ist. Die 'Klams', wie man kurdische Lieder nennt, und die Geschichten kommen aus meiner Seele, deswegen ist Singen auf Kurdisch unvermeidbar."

Von Anfang an hat sich Aynur durchgesetzt, gegen alle Widerstände. Sie schreibt ihre Lieder und deren Texte selbst: "Sie basieren auf traditionellen kurdischen Liedern. Sie ähneln auch der armenischen und iranischen Musik. Ich versuche, einen Weg zu finden, kurdische und westliche Musik zu verbinden. Kurz gesagt, mein Repertoire ist traditionell, aber wie ich die Lieder interpretiere, ist modern." Eine tiefe Melancholie liegt in diesen Liedern, die sie und ihre fünf Musiker hin und wieder mit Jazz und Folk verbinden: "Was ich am Jazz mag, ist die Freiheit und die Fülle von Harmonien. In der traditionellen Musik liebe ich die Fülle, die Buntheit und den Rhythmus, der wirklich Emotionen und Gefühle ausdrücken kann", sagt Aynur.

Meistens sind sechs Musiker auf der Bühne. Manchmal spielen sie aber auch nur zu dritt, oder Aynur tritt ganz allein mit dem Saiteninstrument Tembur auf . Zu hören sind Tembur, Baglama (Laute), Schlagzeug und Kaval (eine Flöte) als Basis, dazu Gitarre und Bassgitarre.

"Diese Lieder sind traditionelle Volkslieder, manche sind mindestens 200 bis 300 Jahre alte 'Klams'. Wenn wir sie heutzutage hören, klingen sie melancholisch, weil sie die jahrhundertealte Realität widerspiegeln. Die meisten dieser 'Klams' basieren auf wahren Geschichten. Ich versuche, diese Wirklichkeit zu spüren und das in meiner Musik auszudrücken", erzählt sie.

Die schönsten Songs sind die langsamen, wie "Ehmedo". Mit lang gezogenen Melodiebögen singt sie: "Mein Schmerz ist der Schmerz Gottes ..." Ihr Ruf klingt wie ein langer Klageruf: "Kurdische Frauen leiden seit Jahrhunderten, und erst wenn die Gesellschaft sich ändert, können sich ihre Lieder auch ändern. Es sind erlebte Schmerzen in diesen Liedern, aus Schicksalsschlägen, Kriegen, Trennungen, Liebschaften und Zerstörungen. In diesem Land ist alles authentisch. Auch der Schmerz."

Ihr neuestes Album "Rewend" hat sie den Menschen der antiken, in den Fels geschmiegten Stadt Hasankeyf im Südosten der Türkei gewidmet. Diese Stadt soll, wenn ein großes Staudammprojekt am Tigris realisiert wird, im Wasser versinken. Damit hat Aynur ein politisches Statement gesetzt, wenn auch kein direktes, denn für platte Parolen ist sie nicht zu haben. "Meine Lieder sind das Ergebnis von dem, was passiert ist und meine Gefühle dazu", sagt sie. Und: "Während ich meine Lieder kreiere, denke ich nicht an Risiken, ich lasse einfach meine Gefühle sprechen." Angst hat sie nicht. "Es ist viel riskanter, wenn man der Gesellschaft, der Geschichte und der Kultur nicht zuhört."
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