Um bei diesem Lied weinen zu können…  | | Im Open-Air-Theater wurde versucht, mit psychischer Aggression die kurdischen Lieder Aynurs zu ersticken. Während des Konzertes „Frauen des Wassers“, an dem Aynur im Rahmen des Istanbuler Jazz-Festivals teilnahm, sah sie sich noch während Ihres Auftrittes gezwungen, die Bühne zu verlassen. |
ISTANBUL - Es war ein Tag voller Gram. Durch den Schmerz über die
13 gefallenen Soldaten „war die Luft schwer wie Erde“. Auf einer Seite der
Ausruf der „Demokratischen Autonomie“ des DTK [Demokratik Toplum Kongresi = Kongress für eine demokratische Gesellschaft], auf der anderen Seite die Schwierigkeiten bei der Erstellung eines gültigen Protokolls über die Versprechen zwischen der AKP und der BDP. Durch diese aufwühlenden Ereignisse war die Woche ohnehin schon belastet.
Im Rahmen des Istanbuler Jazz-Festivals, wurde das Konzert von Patrick Wolf [Anm.: britischer Sänger und Komponist], das unter dem Motto „Istanbul Modern“ schon am Donnerstag hätte stattfinden sollen, auf Freitag verschoben.
Am Freitag allerdings, fand das Konzert von Javier Limon, einem der bedeutendsten Künstler der Flamenco-Szene], im Harbiye-Open-Air-Theater statt, der im Rahmen des Konzertes „Frauen des Wassers“ gemeinsam mit Sängerinnen verschiedener Mittelmeerländer singen und spielen wollte.
Nach einigen Überlegungen und einiger Unschlüssigkeit, beschloss ich, wie anfangs geplant, zum Konzert „Frauen des Wassers“ zu gehen. Als ich ankam, hatte das Konzert schon begonnen, es war kaum noch ein freier Platz zu finden. Es war eine der schönsten Nächte unter freiem Himmel: Das Amphitheater war voller Menschen, ein leichter Sommerwind wehte, einige Sterne und was für ein wunderschöner Vollmond…
Durch die magische Melancholie des Flamencos waren wir alle wie verzaubert und die Sängerinnen begannen mit Ihren Aufführungen. Eine jede trug vier bis fünf Lieder vor und begab sich nach ihrem Auftritt hinter die Bühne. Javier Limon erzählte davon, wie sehr ihn die Schönheit Istanbuls in seinen Bann gezogen hätte. Das freute uns alle, wir applaudierten. Dann erzählte er davon, wie sehr ihm die vielen, ineinander verschmelzenden Kulturen dieses Landes gefielen und das dies ein Grund für den [kulturellen] Reichtum [Istanbuls] sei… Das gefiel uns, wir applaudierten erneut. Nach diesen Worten bat er Aynur auf die Bühne.
Unsere verlorenen Lieder Viele kennen Aynur aus der unvergesslichen Szene in „Gönül Yarasi“ [türkischer Film]. Die Szene, wo Dünya [Anm.: eine Türkin] und Nazim [Anm.: ein Kurde] eine Bar besuchen, in der Aynur auftritt und
„Dar Hejîrokê“ [Anm.: kurdisches Lied] singt und Dünya weint. Nazim, der das bemerkt, fragt sie: „Verstehst Du Kurdisch?“, was Dünya verneint. Er fragt sie: „Weshalb weinst Du dann?“, woraufhin sie ihm entgegnet: „Bruder, muss man Kurdisch können, um bei diesem Lied zu weinen?“
Während des Istanbuler Filmfestivals im Jahre 2008 wurde Nezih Ünens wunderbarer Film
„Anadolu’nun Kayıp Şarkıları“ [„Die verlorenen Lieder Anatoliens"] gezeigt. Im anschließenden Konzert, welches dem Film gewidmet wurde, trat auch Aynur auf, die in kurzer Zeit die Herzen und die Begeisterung des Publikums für sich gewann. Auch im Ausland besitzt Aynur eine ernstzunehmende Fangemeinde.
Was für eine gute Wahl hat Javier Limon getroffen und im Rahmen dieses Projektes Aynur eingeladen. Er hätte auch eine Künstlerin einladen können, die auf Türkisch singt, er entschied sich jedoch für Aynur. Vielleicht, weil sie auf Kurdisch singt und er sie daher mehr bewundert oder respektiert. Vielleicht aber auch, weil sie jene Frau in diesem Land ist, die, seiner Meinung nach, am schönsten singen kann. Womöglich aus beiden Gründen zugleich.
Ein Gruß in Weiß
| | Aynur trat in einem weißen Kleid auf. Um ihren Hals trug sie eine Kette, die aussah, als wäre sie einem alten anatolischen Märchen entliehen worden.
Als sie anfing zu singen, zog sie alle in ihren Bann. Dies geschieht immer, wenn Aynur singt. Denn in ihrer Stimme liegt sehr viel Gefühl; Gefühl, das durch viel Schmerz hervorgerufen wird. Unser aller Gefühl, unser aller Schmerz.
Es war beim zweiten Lied, glaube ich, als ich einige Leute aufstehen und den Saal verlassen sah. Am Ende des Liedes bemerkte ich einen Zuhörer, der etwas in Richtung der Bühne schrie. Danach folgte das Ausbuhen und das Pfeifen, dutzende Menschen gingen verärgert und fluchend zum Ausgang. |
Als Aynur
ihr drittes Lied anstimmte, war die Zuhörerschaft bereits geteilt: Obwohl wir alle noch bis vor einigen Sekunden nebeneinander saßen und applaudierten, gab es jetzt Menschen, die Buh-Rufe von sich gaben, pfiffen und schimpften und andere, die das Theater - voller Entsetzen und Ärgernis darüber, ihre Ohren einem kurdischen Lied ausgesetzt zu haben - schleunigst verließen.
Jemand in meiner Nähe schrie lauthals „Sing Türkisch!“. Als wir im Gegenzug hierzu anfingen, sie mit „Aynur Aynur“- Rufen anzufeuern, wechselten sie und Javier Limon einige Worte miteinander und sie schritt unter unseren Anfeuerungen, den Buh-Rufen und Pfiffen stolz hervor, grüßte uns, und verließ die Bühne.
Als das Programm mit den anderen Musikerinnen fortgesetzt wurde, hörten wir von weiter hinten laute Rufe. Eine große Menschenmenge hatte sich angesammelt und was denkt Ihr, was sie dort taten? Sie begannen, den „İstiklal Marşı“ [Anm.: Freiheitsmarsch; die türkische Nationalhymne] zu singen!
Nachdem sie endlich verstummt waren, wurde das Konzert fortgesetzt, aber es hatte seinen Zauber verloren.
Lieder in allen Sprachen der WeltEine der zuletzt aufgetretenen Sängerinnen sagte: „Musik verbindet uns! Und solange die ganze Welt nicht eins ist, wird es immer Dinge geben, die unvollendet sind.“
Im Anschluss bat Javier Limon alle „Frauen des Wassers“ auf die Bühne. Die „Frauen des Wassers“ umarmten und küssten einander, aber am meisten umarmten und küssten sie Aynur. Als die Bühne sich leerte, riefen wir laut „Aynur, Aynur“ in der Hoffnung, dass sie vielleicht zu uns käme, was sie leider nicht tat.
Einer derjenigen, die Aynur ausbuhten, rief: „Wer wird uns Rechenschaft für die dreizehn gefallenen Soldaten ablegen?“
Sie, mein Herr, Ihr, meine Herren, wie werden Sie mit einer Gesinnung, die zu einem Volk sagt „Ihr habt keine Sprache, Ihr habt keine Lieder, Ihr besitzt keine Geschichte, Ihr habt keine Wiegenlieder“, Rechenschaft für diese Aggressivität ablegen können?
Was würde diese Aggression mehr anschüren: Wenn Aynur ihre Lieder auf der Bühne frei singen dürfte oder wenn ihr dies verboten wäre?
Und eins möchte ich noch hinzufügen: Aynur trat in Weiß auf, obwohl Grün dieses Jahr sehr in Mode ist. Hätte sie ein Kleid getragen, das rot, gelb, grün wäre, hätte ihr das bestimmt sehr gut gestanden. Sie entschied sich jedoch für das weiße Kleid und für dessen Bedeutung.
Wenn sie aber lächelnd, in einem weißen Kleid die Bühne betrat und mit Zeige- und Mittelfinger ein Victory-Zeichen formte, so sollte man sich fragen, welcher Sieg, welche Bedeutung denn dahinter stecken mag: „Wenn Sieg für ein Volk bedeutet, in seiner eigenen Sprache singen zu dürfen….“
Es gibt ein Projekt, das ich vor einigen Jahren begann: in allen Sprachen der Welt ein Lied auswendig zu lernen. Kurdisch, Griechisch, Latein und Spanisch waren die Lieder, die ich bislang auswendig singen konnte.
In meiner Liste habe ich noch etliche andere Lieder stehen. Mal sehen, in wie vielen Sprachen ich bis zu meinem Tod singen kann.
Mein Herr, meine Herren, Sie werden allerdings bis zu Ihrem Tode nur den „İstiklal Marşı“ auswendig singen können, wie traurig…
Originalquelle: N. Buket Cengiz in der
Radikal vom 16. Juli 2011Übersetzung: Burcu Jiyan Kaya, Stefanie Ba