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Autor Thema: Gesellschaftsstudien der TESEV und GABB  (Gelesen 1430 mal)
SiWan | Beiträge:
SiWan
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« am: 26. Dez 2008, 01:10 »



Die Vereinigung der Südostanatolischen Gemeinden (GABB) haben am Freitag im Dedeman Hotel in Diyarbakir einen Bericht veröffentlicht, demzufolge die südostanatolischen und allen voran die kurdischen Provinzen wirtschaftlich und sozial benachteiligt werden.

Die GABB ist eine Vereinigung aus 21 türkischen Provinzen und wird vom DTP-Abgeordneten Osman Baydemir geleitet. Der Bericht bemängelt, dass sich von 2001 - 2008 kaum etwas in den 21 anatolischen Provinzen verändert hat und dass der Staat in dieser Region kaum Investitionen tätigt.
Aus diesem Grund fordert die GABB die Einrichtung eines Fonds. Diesen Fonds soll die Regierung mit Geld füllen, damit er für Investitionen in Südostanatolien zur Verfügung steht.

Die GABB hat sich zum Ziel gesetzt, einen wirtschaftlichen Aufschwung in Südostanatolien zu erreichen und soziale Ungleichheiten zu bekämpfen. Die Bevölkerung dieser Region würde in vielen Belangen vernachlässigt. 94% der Frauen seien in dieser Region arbeitslos und in manchen Regionen würden über 56% der Bevölkerung die Grüne Karte (Yesil Kart) benötigen. Die Grüne Karte garantiert mittellosen Personen eine kostenlose medizinische Versorgung und staatliche Hilfen wie Kohle und Gas. 27% der Säuglinstode ereignen sich dem Bericht zufolge in den kurdischen Provinzen.
Die Kosten für den Krieg und Sicherheitskräfte würde pro Kopf 439 YTL betragen. Dieses Geld würde die Wirtschaft der Türkei enorm ankurbeln, wenn es nicht für den Krieg draufginge.

In den 21 Mitgliedsprovinzen der GABB (Ardahan, Kars, Erzurum, Igdir, Agri, Dersim, Mus, Erzincan, Bingöl, Malatya, Elazig, Amed, Bitlis, Van, Siirt, Batman, Adiyaman, Mardin, Urfa, Hakkari und Sirnak)
würde insgesamt weniger investiert werden als in der türkischen Provinz Bursa.

In seiner Rede warf der Vorsitzende der GABB, Osman Baydemir, der AKP-Regierung vor, dass sie ihr Geld nicht für die mit der Armut ringende Bevölkerung aufwende, sondern in den Krieg investiere. "Die Armut ist kein Schicksal sondern wird von der Politik der Regierung begründet", so Baydemir. Baydemir betonte, dass rund zweidrittel der Bevölkerung in den kurdischen Provinzen arbeitslos sei und viele in den sogenannten "Gecekondus" (Slums) unter der Armutsgrenze hausen würden. Viele Menschen seien gezwungen aufgrund der Armut umzuziehen. Die Behandlung der kurdischen Provinzen bezeichnete Baydemir als "Kolonialismus" und "ausbeuterisch". Das Südostanatolienprojekt (GAP) der Regierung würde dies am deutlichsten veranschaulichen. Die aus den Staudämmen gewonnene Energie sei für die westlichen Provinzen bestimmt und würde kaum Arbeitsplätze schaffen.

Eine Kopie des Berichts wurde - wie bei allen vorherigen Berichten der GABB - an das Parlament und an die Regierung gesandt. Baydemir betonte, dass die GABB bisher noch nie eine Stellungnahme von der Regierung erhalten habe. Auch betonte er, dass das Geld, welches in den Krieg investiert würde, viel mehr Nutzen hätte, wenn es in die türkische Wirtschaft investiert würde. Die AKP würde ihr Parteihaushalt und ihr Budget nicht veröffentlichen, es sei aber klar, dass der Großteil des Geldes in den Krieg investiert wird. Der Ökonomiker und Journalist Dr. Mustafa Sönmez unterstützte die Argumente Baydemir und fügte hinzu, dass die AKP seit 2002 ihren Parteihaushalt verheimlichen würde.



Das "Türkische Institut für Ökonomische und Soziale Studien" (TESEV) hat einen Bericht unter dem Namen "Lösungskonzept für die Kurdenfrage: Vorschläge von der Region an die Regierung" veröffentlich. Der Bericht wurde am 23.12.2008 in einer Pressekonferenz vorgestellt und an das Parlament überreicht.

Dem Bericht zufolge ist die Kurdenfrage kein militärisches oder polizeiliches sondern ein politisches Problem. Die rechtlichen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Faktoren müssten bei der Lösung dieses Konfliktes beachtet werden. Als es die PKK noch nicht gab, habe es schon ein Kurdenproblem gegeben. Aus diesem Grund würden die Probleme und Forderungen der Kurden weiterexistieren, selbst wenn die PKK militärisch besiegt würde. In der Zeit, als die direkt gewalttätigen Auseinandersetzungen (gemeint sind damit die von der PKK einseitig ausgerufenen Waffenstillstände) hat der Staat große Möglichkeiten zur Initiierung von Reformen verpasst.

Die Lösungsvorschläge der TESEV, die u.a. eine Veränderung der Verfassung und der darauf fußenden Änderung von Gesetzen sowie politische und wirtschaftliche Reformen fordert, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

-Die Militäroperationen müssen angehalten werden: eine militärische Lösung des Konfliktes ist nicht möglich. Damit die PKK die Waffen niederlegen kann, müssen kurdische Volksvertreter und Parteien eine Vermittlerrolle einnehmen. Den PKKlern muss ermöglicht werden wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden. Den PKKlern muss eine allgemeine Amnestie zuteil werden.

-In der Region sollen Militärausgaben nicht als öffentliche Ausgaben verbucht werden. Es fällt auf, dass die Investitionen in Militär und Sicherheit höher sind wie in die regionale Wirschaft und Industrie. Das muss verändert werden.

-Es muss eine neue Verfassung gemacht werden. Die Verfassung darf nicht ideologiebehaftet sein und auf einer gewissen Ethnie / Religion beruhen. Die neue Verfassung soll die kulturelle Vielfältigkeit der Türkei nicht beschränken und Minderheitensprachen offiziell anerkennen und ihren öffentlichen und staatlichen Gebrauch erlauben.

-Gesetzliche Veränderungen: Die Wahlhürde muss auf 5% gesenkt werden. Vor allem das Parteiengesetz, das türkische Strafgesetz, das Terrorbekämpfungsgesetz? (terörle mücadele kanunu), das Nationale Bildungsgesetz, das Presse- und Radio- bzw. TV-Gesetz müssen geändert werden und die Grundrechte und Freiheiten betreffenden Gesetze brauchen eine Neuordnung.


-Der DTP muss es erlaubt sein Politik zu betreiben. Im Verbotsverfahren muss die AKP und andere Parteien die DTP unterstützen. Die Isolationspolitik im Parlament wirkt sich auch auf die regionale Politik aus. Die türkische Politik muss sich anderen Ansichten gegenüber öffnen und wirklich pluralistisch werden.

-Die Sprachverbote müssen aufgehoben werden, die Hasstiraden in den Medien dürfen nicht mehr von Parteien oder Regierungsinstitutionen unterstützt oder gar initiiert werden. Die Literatur muss von Diskriminierung und Verboten befreit werden. In Südostanatolien eingesetzte Beamte sollten die kurdische Sprache beherrschen.

-Sozialhilfen müssen ausgebaut werden. Die Sozialhilfen dürfen nicht mehr aus politischen Gründen gekürzt werden. Für Personen, die unter der Armutsgrenze leben sind für die Zukunft versprochene Arbeitsplätze wenig hilfreich, die Menschen brauchen schleunigst finanzielle Hilfen.

Außerdem fordert TESEV, dass das Südostanatolienprojekt mit der Fertigstellung der Bewässerungskanäle für die bereits in Betrieb befindlichen Staudämme beendet wird, da es der Region viel mehr schadet, als das es ihr nutzt. Das Dorfschützersystem muss aufgehoben werden, da Dorfschützer in vielen dokumentierten Fällen die ihnen übertragene Macht missbraucht haben und diese Methode nicht zu einem demokratischen Staat passe. Die Region soll von Minen gesäubert werden und örtliche Ämter sollen auch Dienstleistungen anbieten dürfen, die nicht nur von bzw. für Türken erbracht würden. Für einen wirtschaftlichen Aufschwung sei es auch vonnöten, die Grenzprobleme mit Armenien zu lösen und die Wirtschaftsbeziehungen zu den Nachbarländern Syrien, Iran, Irak auszuweiten. Der kurdischen Autonomieregion soll erlaubt sein in Diyarbakir ein Konsulat zu eröffnen. Der Tourismus in der Region soll ausgebaut werden. Voraussetzung dazu seien Werbekampagnen und eine gründliche Minenräumung. Die Region haben ein großes touristisches Potential. Das Bildungssystem der Region brauche ebenfalls starke Veränderungen.

Siwan für Kurdmania
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« Antworten #1 am: 29. Dez 2008, 15:00 »

Die Stiftung für Wirtschafts- und Sozialstudien in der Türkei (TESEV) hatte schon im September 2006 einen Almanach "Sicherheitssektor und demokratische Überwachung" herausgebracht.

Das DTF hat aus diesem 279-seitigen Dokument das Kapitel zur Abteilung "Nachrichtendienst und Kampf gegen Terrorismus" ( Jandarma Istihbarat ve Teörle Mücadele = JITEM ) zusammenfassend übersetzt (in der türkischen Version Seite 168-185)

Verfasser ist der Dozent an der Polizeiakademie, Ertan Bese.

Zitat
Geheimdienstliche Aktivitäten der Gendarmerie (JITEM und/oder JIT)

Über JITEM wurde in den 90er Jahren viel geredet, als der Kampf gegen die PKK besonders hart war. Aber wenig war darüber bekannt und JITEM schien in Vergessenheit geraten zu sein, bis im November 2005 eine Bombe in einem Buchladen in Semdinli explodierte.

Den Anfang nahm die Geschichte mit dem legendären Major Ahmet Cem Ersever . Er wurde im November 1993 in der Nähe von Ankara erschossen. Mit seinem Tode begann die öffentliche Diskussion um JITEM. Das meiste wurde über Enthüllungen von Überläufern der PKK bekannt. [1] Der bekannteste unter den Überläufern, die Taten aus ihrer Zeit als Mörder aufdeckten, ist Abdülkadir Aygan. [2] Ein Buch mit dem Titel "Überläufer: Ein Mitglied von JITEM berichtet" ist 2004 im Verlag Aram erschienen. Die Berichte von Abdülkadir Aygan führten zu den sterblichen Überresten von Murat Aslan, der 2 Jahre zuvor "verschwunden" war. Daraufhin klagte der Staatsanwalt 5 Überläufer, einen pensionierten Offizier und einen Ersatzoffizier wegen 8 Morden zwischen 1992 und 1994 an. [3]

Abdülkadir Aygan agierte unter dem Decknamen Aziz Turan und war mit entsprechenden Dokumenten ausgestattet. Er wurde als Mitglied von JITEM offiziell bezahlt. Dies ist wohl der deutlichste Nachweis der Existenz dieser Einheit. Nützliche Dokumente sind auch die Untersuchungsberichte zu Susurluk, sowohl der eines Sonderausschusses in der Großen Nationalversammlung der Türkei (TBMM) als auch der Bericht von Kutlu Savas, der dafür vom Ministerpräsidenten beauftragt worden war.

Zu den Ergebnissen dieser Berichte gehörte die Erkenntnis, dass kriminelle Organisationen, die Bereicherung zum Ziel hatten, mit einigen Staatsorganen und dort beschäftigten Personen politische Verbindung aufgebaut hatten, bzw. es mit diesen Verbindungen zu illegalen Organisationsformen kam, die nicht kontrolliert werden konnten. Die Berichte kamen des Weiteren zu dem Schluss, dass es in den Einheiten und beim Geheimdienst in Bezug auf den Kampf gegen Terrorismus und organisierte Kriminalität strukturelle Probleme gab. Es gab eine Vielzahl solcher Einheiten, die untereinander keine Koordination besaßen. In diesem Zusammenhang wurde auch JITEM unter die Lupe genommen und seine Existenz als unbestreitbar dargestellt.

Es gab auch Recherchen und Publikationen zu JITEM und Ersever. Einer der Ersten war Soner Yalcin, dem es gelang den Major zu interviewen und der danach das Buch "Geständnisse des Majors Ersever" herausgab. [4] Cetin Agase, ein Freund der Familie Ersever gab 7 Monate nach dem Susurluk Bericht ein Buch mit dem Titel "Cem Ersever und die Realität JITEM" heraus. Laut Agase war Ersever für den General Esref Bitlis wie ein Sohn. [5] Einen Monat nach dessen Tod quittierte Cem Ersever den Dienst. Das Buch enthält im Anhang 2 Dokumente, die auf die Existenz von JITEM hindeuten. So wurde der Major Cem Ersever am 30.11.1990 für seinen "Erfolg als Kommandant bei der Planung und Ausführung bei Spot-Operationen" ausgezeichnet. Das andere Dokument ist eine Liste mit Telefonnummern von Gruppenkommandeuren und Einheiten der JITEM in bestimmten Orten.

Nach dem Vorfall von Semdinli verlangte der Parlamentspräsident Bülent Arinc von der Regierung Aufklärung darüber, ob es JITEM gebe. Er beauftragte den Vorsitzenden des Menschenrechtsausschusses in der TBMM, Mehmet Elkatmis, damit, diesen Punkt zu untersuchen.

Obwohl die Existenz von JITEM dokumentiert wurde, wurde sie offiziell geleugnet. Teoman Koman, Kommandeur der Gendarmerie, teilte dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit, dass es keine legale oder illegale Einheit mit dem Namen JITEM gebe. Demgegenüber stellte Hanefi Avci in seiner Eingabe an den Ausschuss vom 04.02.1997 mit, dass in Regierungskreisen der Eindruck entstanden war, dass der Kampf gegen die PKK und deren Unterstützer Mängel hatte, weshalb zu illegalen Mitteln gegriffen worden sei, wie sie der JITEM Vertreter Cem Ersever praktiziert habe.

Der Susurluk-Bericht von Kutlu Savas hatte 120 Seiten und wurde im Januar 1998 vom damaligen Premierminister Mesut Yilmaz der Öffentlichkeit vorgestellt. Allerdings wurden 11 Seiten als "vertraulich" der Öffentlichkeit vorenthalten. Darin waren auch Angaben des Überläufers Ibrahim Babat enthalten, der später mit dem Journalisten Necdet Acan von der Zeitschrift Aktüel sprach. In diesem Interview nannte Babat seinen Decknamen (Mete) und bezeichnete sich als stellvertretenden Kommandanten einer Gruppe von Überläufern, die von Cem Ersever befehligt wurden. Babat wurde bei einem Gefecht in Kadiköy (Istanbul) gefasst und später zu einer Strafe von 17,5 Jahren Haft verurteilt, obwohl ihm 7 Jahre Haft zugesichert worden waren. Deshalb entschloss er sich, vor dem Susurluk-Inspektor und dem Staatssicherheitsgericht Istanbul auszusagen.

Wegen seines schlechten Türkisch schrieb ein Mitgefangener im Gefängnis Kirklareli die Aussage von 11 Seiten auf. Dem Interview mit dem Journalisten zufolge wurden die 11 Seiten dem Bericht von Kutlu Savas als Anhang 10 beigefügt. Babat behauptete, dass seine Gruppe den Auftrag hatte, jeden zu töten, der in Verdacht stand, mit der PKK in Verbindung zu stehen. Im Jahre 1991 soll die Gruppe auch Bombenattentate verübt haben. Laut Babat soll es später nur noch um Bereicherung und organisierte Kriminalität gegangen sein.

Mindestens der Premierminister Yilmaz hat den Anhang gelesen und soll danach von der Existenz von JITEM überzeugt gewesen sein, aber öffentlich habe er lediglich bekannt, dass es so etwas in der Vergangenheit gegeben haben könnte (Fernsehinterview mit Ugur Dündar am 22.01.1998 auf Kanal D). Allerdings sei die Armee oder die Gendarmerie nie offiziell beteiligt gewesen. Auch der ehemalige Kommandeur für die Gendarmerie im Gebiet unter Ausnahmezustand, der mittlerweile pensionierte General Altay Tokat, sprach in einem Interview mit der Tageszeitung Zaman vom 29.12.2004 von der Auflösung der JITEM, nachdem sie ihre Rolle bei der Bekämpfung der PKK erfüllt habe.

Im Bericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu unaufgeklärten Morden wird auf die Aussage des Hauptmanns S. Dönmez verwiesen, der geheimdienstliche Tätigkeiten als Teil der Gendarmerie beschrieb. Informationen seien sowohl zu terroristischen als auch zu kriminellen Aktivitäten (wie Schmuggel) gesammelt worden. Die Ergebnisse seien dann an die zuständigen Stellen wie den Gouverneur für das Gebiet unter Ausnahmezustand oder den Sicherheitskräften mitgeteilt worden.

Auf den Seiten 26-27 (zitiert nach dem Abdruck durch die Zeitschrift Aktüel) kommt der Bericht von Kutlu Savas zu folgendem Ergebnis: Es kann sein, dass JITEM aufgelöst wurde, aber viele der Mitglieder sind noch am Leben. JITEM war notwendig, um die Aktivitäten der Spezialteams zu koordinieren. Lokale Einheiten der Gendarmerie wussten nichts von der Gegenwart von JITEM.

Nachdem die Aktionen der PKK mit den Überfällen auf die Gendarmeriestationen in Eruh und Semdinli im August 1984 begonnen hatten, entschloss sich Hulusi Sayin, der bei der Gendarmerie in Diyarbakir die Abteilung für Recht und Ordnung leitete, eine Einheit aufzubauen, die sich wie die Abteilung des Geheimdienstes im Generaldirektorat für Sicherheit (oberste Polizeidirektion) nur um Informationsbeschaffung kümmerte und direkt der Kommandantur berichtete. [6]

Rechtlicher Hintergrund


Juristisch basierte die Einrichtung von JITEM auf (dem) Artikel 5 des Gesetzes 2803 (vom 12.03.1983) zur Organisierung und zu Aufgaben und Kompetenzen der Gendarmerie. Das Gesetz zu JITEM oder auch nur JIT (Jandarma Istihbarat Teskilati = Gendarmerie-Nachrichtendienst-Organisation brauchte eine lange Vorbereitung. Zwei Artikel sollten zum Gesetz 2803 hinzugefügt werden. Der Entwurf wurde vom Kabinett am 27.08.1998 an den Präsidenten des TBMM geschickt. Damit sollte eine geheimdienstliche Abteilung in der Gendarmerie gegründet und die Möglichkeit geschaffen werden, zusätzliche Einheiten einzusetzen, wenn die regulären Truppen nicht ausreichten. Der Entwurf wurde nach einer ersten Ablehnung am 13.01.2003 erneut eingereicht, dann aber im Inneren Ausschuss am 20.01.2003 zurückgezogen.

Es kam dann aber dennoch zur Einrichtung einer geheimdienstlichen Abteilung, die zuvor JITEM oder JIT geheißen hatte, und zwar mit dem Gesetz 5397 vom 03.07.2005, das Änderungen an den bestehenden Gesetzen vornahm. Die Gendarmerie wurde autorisiert, "technische Verfolgung" durchzuführen. Das Gesetz 5397 wurde gemeinhin auch das "Tele-Ohr-Gesetz" genannt, denn es ging darum im Wesentlichen um Telefonüberwachung.

V-Leute und Mitarbeiter


In den Anfängen war daran gedacht worden, dass JITEM sowohl Informationen sammelt als auch im Kampf gegen den Terrorismus eingesetzt wird. Daher auch der Name. Dabei hätten die Operationen, die aufgrund der gesammelten Informationen stattfanden, von Einheiten der Abteilung für den Kampf gegen den Terrorismus durchgeführt werden sollen.

Nach allem, was bisher bekannt wurde, sollte die geheimdienstliche Tätigkeit - wie auch in anderen Abteilungen des Geheimdienstes MIT - mit der Methode von Mitarbeitern (V-Leute) und durch technische Überwachung erfolgen. Es kann gesagt werden, dass der Einsatz von V-Leuten im Kampf gegen die PKK erfolgreich war. Auch die Reuegesetze wie das Gesetz 3419 vom 25.03.1988 spielten eine wichtige Rolle.

PKK-Militante, die sich stellten und ihre Informationen mit JITEM teilten, wurden als "Mitarbeiter" eingesetzt und halfen als Dolmetscher, als ortskundige Führer und bei der Analyse von Dokumenten. In dem Artikel von Hasim Söylemez: "Überläufer am Drücker" ("İtirafçılar tetikte") in der Zeitschrift Aksiyon vom 21. Dezember 2005 wurden Überläufer im Zusammenhang mit politischen Morden zum ersten Mal mit dem Mord an dem HEP-Funktionär in Diyarbakir Vedat Aydin im Jahre 1991 genannt. Beim Mord am HEP-Funktionär Remzi Il wurde gestritten, ob es die Hizbullah war oder ob auch Überläufer beteiligt waren. Der Mord an dem Schriftsteller Musa Anter gehört ebenfalls zu den ungeklärten Morden jener Zeit. Geheimdienstler vermuten, dass zwischen 1990 und 2000 1550 ungeklärte Morde verübt wurden, während die PKK die Zahl mit über 2000 angibt. Die meisten Morde wurden in Diyarbakır, Mardin, Nusaybin, Şırnak, Cizre, Batman, Silvan, Şemdinli, Hakkâri und Yüksekova begangen. Die Hizbullah wurde häufig verdächtigt, aber viele Morde trugen eine andere "Handschrift".

Nach dem Vorfall in Semdinli im November 2005 gab ein ungenannter PKK-Überläufer wichtige Informationen an die Zeitschrift Aksiyon weiter. Der Mann mit dem Decknamen Firat kam nach seiner Ausbildung 1989 in die Türkei und war an vielen Aktionen beteiligt, bevor er sich 1990 in der Region von Tunceli stellte. Firat meinte, dass eine Auswahl unter den Geständigen stattfinde, um die richtigen Überläufer auszusuchen. Gutes Wissen über die PKK, gute militärische Ausbildung waren wichtig und es war von Vorteil, wenn die Person nicht verheiratet war.

Es gibt eine Reihe von Büchern und Artikeln, die sich mit dem Phänomen der Überläufer, die zu Kriminellen wurden, auseinandersetzen. Dazu zählen: Fuat Akyol, "JİTEM hayaletiyle gasp terörü" (Raub als Geist der Jitem) Aksiyon vom 1. März 2004; Aydoğan Vatandaş, "Kendisine JİTEM süsü veren mafya" (Mafia, die sich als JITEM ausgibt) Zaman, 4. August 2002; "İtirafçı Timurtaş yakalandı" (Überläufer Timurtas gefasst), Radikal, 5. Mai 2005; Buch von Açan und Yedig, Derin Devletin Peşinde (Dem tiefen Staat auf den Fersen); Sami Demirkıran, Deckname: Mörder von Mehmet (Ankara: Kipa Yayınları, 2002); Sami Demirkan, PKK: Olaylar, Belgeler, Hatıralar!.. (PKK: Ereignisse, Dokumente, Erinnerungen; İstanbul: Kipa Yayınları, 2001).

Der Vorfall in Semdinli


Am 9. November 2005 wurde der Buchladen eines wegen Mitgliedschaft in der PKK zu 15 Jahren Haft verurteilten Mannes in Semdinli bombardiert. Eine Person starb und sechs Menschen wurden verletzt. Passanten verfolgten den Attentäter und übergaben ihn und zwei Angehörige der Gendarmerie, die auf ihn in einem Auto gewartet hatten, den Sicherheitskräften. Im Auto wurden 3 Kalaschnikows, 10 Magazine und 3 von der staatlichen MKE-Firma hergestellte Handgranaten und Dokumente gefunden. Eins der Dokumente  machte deutlich, dass das Fahrzeug der Gendarmerie gehörte. In einer Liste waren Personen aufgeführt, die als gefährlich oder harmlos eingestuft waren. Der Name des Buchladenbesitzers war rot durchgestrichen.

Es wurde ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt. General Mehmet Cörten führte auf 25 Seiten an den Ausschuss aus, dass die Bombenattentate in der Region von der PKK ausgeführt worden seien. Nach zwei Monaten beendete der Ausschuss seine Arbeit ohne ein Ergebnis, weil die Mitglieder sich nicht auf einen Bericht einigen konnten. Der Kommandeur der Gendarmerie, Fevzi Türker bezeichnete den Vorfall als lokales Ereignis. Das Gegenteil sagte Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Er bekundete Entschlossenheit, die Hintergründe aufzuklären, wollte die Aktion aber nicht dem Geheimdienst der Gendarmerie JIT zuordnen.

General Yasar Büyükanit sagte, dass er einen der zwei Gefreiten persönlich als guten Mann kenne. Die Bewertung dieser Aussage führte zu Unstimmigkeiten im parlamentarischen Ausschuss.


[1] Anmerkung des DTF: Das türkische Wort "itirafci" bedeutet eigentlich "Geständiger", aber viele dieser "Geständigen" haben es nicht nur bei umfassenden Aussagen mit der Hoffnung auf Strafnachlass (eine Art "Kronzeugenregelung" mit so genannten Reuegesetzen) belassen, sondern sind als "Abdrücker" (tetikci = Killer) mit einer Vielzahl von politischen Morden zum Teil des "tiefen Staates" (derin devlet = Staat im Staate) geworden.

[2] Abdülkadir Aygan stellte sich im Jahre 1985 und wurde ein Überläufer im Gefängnis in Diyarbakir. Er wurde 1990 aus der Haft entlassen und "rekrutiert". Seiner Einheit bei JITEM gehörten 7 Personen an. Abdülkadir Aygan führte diese Tätigkeit 10 Jahre lang aus. Er ging nach Schweden, bevor seine Enthüllungen in der Zeitung Özgür Gündem publiziert wurden.

[3] Abdülkadir Aygan nannte die Namen von 29 Personen, die zu Opfern der JITEM geworden sein sollen: Musa Anter, Vedat Aydın, Musa Toprak, Mehmet Şen, Talat Akyıldız, Zahit Turan, Necati Aydın, Ramazan Keskin, Mehmet Ay, Murat Aslan, İdris Yıldırım, Servet Aslan, Sıddık Yetmez, Edip Aksoy, Ahmet Ceylan, Şahabettin Latifeci, Abdülkadir Çelikbilek, Mehmet Salih Dönen und ein Onkel (Name unbekannt), İhsan Haran, Fethi Yıldırım, Abdülkerim Zoğurlu, Zana Zoğurlu, Melle İzzettin und sein Fahrer unbekannten Namens, Hakkı Kaya, Harbi Arman, Fikri Özgen und Muhsin Göl.

Der Prozess wurde gegen Mahmut Yıldırım (Deckname Yeşil), Abdülkadir Aygan, Muhsin Gül, Fethi Çetin, Kemal Emlük, Saniye Emlük, Yüksel Uğur und Abdülkerim Kırca angestrengt. Es ging um die Morde an Harbi Arman, Lokman Zuğurlu, Zana Zuğurlu, Servet Aslan, Sahabettin Latifeci, Ahmet Ceylan, Mehmet Sıddık Etyemez und Abdülkadir Çelikbilek.

[4] Soner Yalçın, Binbaşı Ersever’in İtirafları (İstanbul: Kaynak Yayınları, 1994).

[5] Anmerkung des DTF: Der General kam bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz am 17. Januar 1993 ums Leben.

[6] Saygı Öztürk, “Komutan ‘JİTEM’ Gerçeğini Açıklıyor!,” Medya24, 14 November 2005.


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« Antworten #2 am: 03. Jan 2009, 00:34 »

Zitat
Aktuelle Diskussionen zur Lösung der Kurden-Frage
von Stefan Hibbeler



Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Konda (türkisch) leben in der Türkei etwa 11 Millionen Kurden. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von 15,7 %. Nach Bevölkerungsanteil in Regionen treten sie in Istanbul (14,8 %), Nordostanatolien (32 %), mittleres Ostanatolien (79,1 %) und südliches Ostanatolien (64,1 %) hervor.
In der Innenpolitischen Diskussion der Türkei genießt das „Kurden-Problem“ in mehrerlei Hinsicht einen hohen Stellenwert:

    * Es ist mit der Identität des türkischen Staates verbunden – handelt es sich bei der Türkei um einen multiethnischen Staat oder haben sich alle Ethnien in der Türkei der „türkischen Leitkultur“ unterzuordnen?
    * Es ist mit Gewalt und Terrorismus verbunden – seit die PKK in den 1980er Jahren ihren bewaffneten Kampf aufnahm, stellt sie eine der wichtigsten Herausforderungen für die türkischen Sicherheitsorgane dar. In Folge der Kämpfe wurden Hunderttausende von Kurden zwangsweise umgesiedelt. Eine große Zahl von Zivilisten, Angehörige der Sicherheitskräfte und Militante kamen bei Kämpfen ums Leben.
    * Es ist mit dem Entwicklungsgefälle innerhalb der Türkei verbunden – die schwerpunktmäßig von Kurden bewohnten Gebiete im Osten und Südosten der Türkei fallen bei den sozialen Indikatoren (wie z.B. Pro-Kopf-Einkommen, Bildungsabschluss, soziale Infrastruktur wie Ärzteversorgung u.ä.) deutlich zurück.

Während auf der einen Seite die Kurden-Frage als eine der größten Herausforderungen auf der Reformagenda der Türkei steht, ist sie zugleich eng mit Sicherheitserwägungen hinsichtlich des Zusammenhalts des türkischen Staates verbunden.




TESEV-Wegweiser für eine Lösung des Kurden Problems

Am 24. Dezember legte die türkische Stiftung für wirtschaftliche und soziale Studien (TESEV) einen Lösungsplan für die Kurden-Frage (türkisch) in der Türkei vor. Der vierzigseitige Bericht geht von der Feststellung aus, dass zwar in jüngster Zeit einige Schritte unternommen wurden, um Forderungen der kurdischen Bevölkerung in der Türkei entgegenzukommen. Doch bleiben diese Schritte unzureichend. Sie müssen auf einen demokratischen Prozess beruhen und im Dialog mit kurdischen Repräsentanten (politische und andere) erfolgen. Eine Lösung müsse zudem auf gleichzeitigen Schritten in Politik, Wirtschaft, sozialem und anderen Gebieten erfolgen.

Unter den politischen Zielen des Berichts steht an erster Stelle die Entwaffnung der PKK. Die Einstellung der Kämpfe wird als Vorbedingung für alle weiteren Lösungsschritte bewertet. Zur Entwaffnung der PKK sollen die Operationen der türkischen Sicherheitskräfte eingestellt und im Dialog mit der kurdischen Führung im Nord-Irak und kurdischen NGOs und Parteien die PKK zur Niederlegung der Waffen bewegt werden. Eine umfassende Amnestie wird nicht vorgeschlagen, wohl aber Maßnahmen zur Reintegration zurückkehrender Militanter sowie früherer PKK-Häftlinge.

Im Hinblick auf den politischen Dialog wird zunächst festgestellt, dass die DTP allein  nicht die Kurden in der Türkei repräsentiert. Durch einen umfassenden politischen Dialog würde die Möglichkeit zu einer pluralistischeren politischen Landschaft unter den Kurden geöffnet.

Der Bericht bewertet es als positive Entwicklung, dass staatliche Vertreter bei Reisen in die Region einen Dialog mit Nichtregierungsorganisationen aufgenommen haben. Es reiche jedoch  nicht aus, diesen Dialog allein mit Berufsorganisationen und Arbeitgebervereinen zu führen – er muss auch auf Menschenrechts-, Frauenorganisationen, Gewerkschaften und andere ausgedehnt werden.

Der Bericht stellt fest, dass ohne eine Verfassungsreform eine Lösung des Kurden-Problems nicht möglich erscheint.  Auf Verfassungsebene angesprochene Prinzipien sind ein multiethnisches Verständnis der Staatsbürgerschaft, die Gewährleistung von Freiheitsrechten, die Eröffnung der Möglichkeit in Gebieten mit hoher kurdischer Bevölkerung, im Kontakt mit öffentlichen Stellen neben der Amtssprache Türkisch auch Kurdisch nutzen zu können, die Möglichkeit zu Unterricht und Bildung in kurdischer Sprache, die Verwirklichung eines Laizismusverständnisses, das gleichen Abstand zu allen Religionen wahrt sowie Vorkehrungen gegen die Bedrohung der demokratischen Ordnung. Mit diesen Prinzipien sind außerdem Reformen in zahlreichen Gesetzen verbunden – angefangen mit Gesetzen zu den Kompetenzen der Sicherheitskräfte bis hin zum Bildungsgesetz.

Im Hinblick auf wirtschaftliche Maßnahmen unterstreicht der Bericht, dass diese nötig Voraussetzung zur Lösung des Problems, für sich allein genommen jedoch unzureichend sind, wenn sie nicht von anderen Maßnahmen begleitet werden. In dem Abschnitt wird gesondert auf das GAP-Staudamm/-bewässerungsprojekt, Industrie und Handel, Tourismus, Handel mit den Nachbarländern sowie die Landwirtschaft eingegangen.

Als vordringliches sozialpolitisches Problem der Region wird die Bekämpfung der Armut hervorgehoben und ein auf Anspruchsrechte basierendes System vorgeschlagen. Gesondert eingegangen wird außerdem auf die Felder Bildung, Kinder, Frauen und Saisonarbeiter.

Im sechsten Abschnitt geht der Bericht auf die Menschen ein, die zwangsweise ihre Dörfer verlassen mussten. Ihre Zahl wird mit rund einer Million angegeben. Neben der Rückkehr in ihrer Dörfer wird auch das Dorfschützersystem angesprochen, das als ein wichtiges Hindernis für die Rückkehr eingeschätzt wird. Andere Fragen sind die Beseitigung von Mienen und Entschädigungen. Auf die Probleme der in Städte abgewanderten Familien sollte mit sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen eingegangen werden. Die im Zusammenhang mit den Zwangsumsiedlungen eingetretenen Menschenrechtsverletzungen sollen durch unabhängige Kommissionen untersucht und aufgearbeitet werden. Der Staat müsse sich zu seiner Verantwortung bekennen und Schuldige bestrafen.

Im siebten Abschnitt wird auf die Notwendigkeit einer Kommunalreform verwiesen, die insbesondere die Kompetenzen der Provinzparlamente steigern sollte.



Aktuelle Ansätze zum Kurden Problem

Der Bericht fällt in eine Zeit intensiver Gespräche mit den Kurden im Irak. Die Tageszeitung Cumhuriyet berichtete am 27. Dezember 2008, dass nach dem Türkei-Besuch des irakischen Ministerpräsidenten Nuri el Maliki über eine Strategie beraten wird, die auf die Vernichtung der PKK zielt. Bereits seit einiger Zeit hat der Präsident des kurdischen Bundesstaats des Irak Mesud Talabani erklärt, dass für die Kurden die Zeit des „bewaffneten Kampfs“ vorbei sei und die PKK dazu aufgerufen, die Waffen niederzulegen. Die weiteren Schritte sehen dem Zeitungsbericht zufolge vor, dass das irakische Parlament Gesetze zum Verbot der PKK und der sie unterstützenden Organisationen erlässt. Für PKK-Militante, die die Waffen niederlegen und in die Türkei zurückkehren wollen, soll zunächst ein Gewahrsam unter UN-Aufsicht geschaffen werden. Hier soll auch ein Verhör über ihre Tätigkeit stattfinden. Auf der anderen Seite fordert die irakische Seite, den Prozess der Waffenniederlegung durch eine allgemeine Amnestie in der Türkei zu erleichtern. Dies wird jedoch von der türkischen Regierung entschieden abgelehnt. Stattdessen wird über ein Ausbau des bereits vorhandenen Mechanismus im Strafgesetzbuch, der Strafnachlass oder Amnestie bei „tätiger Reue“ vorsieht, nachgedacht. Der Zeitungsbericht führt jedoch auch aus, dass mit einem solchen Schritt voraussichtlich nicht vor den Kommunalwahlen in der Türkei am 29. März zu rechnen sei.

Als konkreter Schritt auf türkischer Seite wurde jedoch der Sendebetrieb des staatlichen Fernsehens TRT in kurdischer Sprache aufgenommen. Offizieller Sendestart ist der 1. Januar, jedoch ist bereits Ende Dezember mit Probesendungen begonnen worden. Ganz ohne Widersprüche ging dies jedoch nicht ab. Während man sich noch darüber streitet, ob das kurdische Sprachniveau angemessen ist, ergeben sich Schwierigkeiten, wenn kurdische Schrift ins Spiel kommt. So wünscht beispielsweise Ministerpräsident Erdogan auf Kurdisch „ein frohes neues Jahr“. Dieser Neujahrsgruß wurde auch von vielen Zeitungen abgedruckt. Während sich die Zeitungen vorhalten lassen mussten, dass sie die kurdische Rechtschreibung nicht eingehalten haben, verwiesen DTP-Politiker darauf, dass es doch sonderbar sei, dass nun Schriftzeichen wie „X“ und „W“, für deren Verwendung viele von ihnen verurteilt wurden, nun im Staatsfernsehen zu sehen seien. Sie fordern dringend eine rechtliche Klärung zugunsten der Zulassung der kurdischen Schriftsprache.

Ein weiterer Schritt zur Anerkennung einer kurdischen Identität in der Türkei ist die Ankündigung, Abteilungen für kurdische Sprache und Literatur an Universitäten in Ankara und Istanbul einzurichten.

Quelle: IstanbulPost
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« Antworten #3 am: 03. Jan 2009, 12:21 »

USCWM: „In der Türkei leben 15,4 Mio. Kurden“

Die Stiftung United States Center for World Mission (USCWM), die weltweit über ethnische, sprachliche und religiöse Bereiche Untersuchungen anstellt, gab ihre Ergebnisse mit dem Stand vom Januar 2008 für die Türkei bekannt.

Demnach beträgt der Anteil der kurdischen Bevölkerung rund 20,8 % in einer Türkei mit einer Gesamtbevölkerung von 74,4 Mio.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Türkei, gesamt – 74.398.700 (100%)

Türken – 54.826.000 (71%)
Kurden (einschl. Zaza) – 15.426.000 (20,8%)
     (Zaza – 1.313.000)
     (Kurden, die Türkisch spechen – 5.902.000)
Araber – 1.800.000
Tscherkessen – 910.000
Perser – 620.000
Azeri – 540.000
Gagavuz – 410.000
Pomaken – 331.000
Bulgaren – 328.000
Lazen - 151.000
Armenier – 76.000
Griechen – 14.000
Juden – 13.000

Quelle: http://kurdish.rizgari.com/modules.php?name=News&file=article&sid=16916
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“ne sire ne piwaze, nehlel guncke germe”
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« Antworten #4 am: 03. Jan 2009, 23:49 »

Die Angabe über die Zahl der Armenier macht mich bissel stuzig. Leben in der Türkei nur 76.000 Armenier?

Zitat
(Kurden, die Türkisch spechen – 5.902.000)

In einem Artikel von netkurd.com oder avestakurd.net hieß es dass 5,9 Millionen Kurden überhaupt kein Wort türkisch sprechen, hier ist es genau anders rum Unentschlossen
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« Antworten #5 am: 03. Jan 2009, 23:54 »

Hier der Artikel:

Weqfa amerîkî United States Center for World Mission(USCWM) ku li tevavyiya cîhanê lêkolînên lis er ol, kokên etnîk û ziman dike di meha 12 yan 2008an de lêkolînek jî li ser Tirkiyeyê kiriye.

Li gor weqfê nifûsa Tirkiyeyê 74 milyon 398 hezar û 700 kes e.

Dîsa li gor weqfê li Tirkiyeyê 15 milyon 426 hezar kurd dijîn û Ji van 1 milyon û 313 hezar zaza ne. Dîsa li gor vê lêkolînê 5 milyon 902 hezar kurd tirkî nizanin.

Li gor vê lêkolînê li Tirkiyeyê 1,8 milyon ereb, 910 hezar çerkez, 620 hezar faris, 540 hezar azerî, 410 hezar gagavûz, 331 hezar pomak, 328 hezar bulgar, 151 hezar laz, 76 hezar ermenî, 28 hezar suryanî, 14 hezar yûnanî, û 13 hezar jî yahûdî dijîn.
 

Quelle: netkurd.com
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« Antworten #6 am: 19. Jul 2010, 13:36 »

Und wieder meldet sich TESEV (Die Stiftung für Wirtschafts- und Sozialstudien in der Türkei) zu Wort:
radikal.com.tr, "Kürt sorununa 17+1 formülü"

So sollen laut der mit Juristen ausgearbeiteten Studie 17 Änderungen in Gesetzen und in der Verfassung vorgenommen werden; anbei Vorschläge der TESEV:

Verfassung:

Änderung von "Die türkische Nation" nach "Staatsbürger der Republik Türkei".

Weitere gesetzliche Änderungsvorschläge:

- Änderungen der § 43, 81, 82, 10 ve 103 im Parteiengesetz (Siyasi partiler yasasi / kanunu) zu Gunsten einer Lösung des kurdischen Problems.
- Änderungen der 10%-Wahlhürde im Abgeordnetenwahlgesetzbuch (Milletvekili secimi kanunu).
- Änderungen im Strafgesetzbuch (ua. §301).
- Änderungen im Gesetz zur Bekämpfung des Terrorismus (Terörle mücadele kanunu).
- Änderungen im Gesetz zur nationalen Bildung und Erziehung (Milli egitim kanunu). Anspielung auf Lehre der Staatsideologie im Bildungssystem.
- Änderungen im Gesetz zur Provinzverwaltung (Il idaresi kanunu). Anspielung auf Namensänderungen kurdischer Dörfer und Städte.
- Änderungen im Gesetz für Familiennamen (Soyadi kanunu). Anspielung auf Verbot kurdischer Namen.
- Änderungen der Gesetze, die Verurteilungen von jenen kurdischen Oppositionellen, welche kurdische Buchstaben verwenden, begünstigen.
- Änderung weiterer Gesetze, welche die Rechte der Kurden beschränken.

***

Zum Online-Lesen: Die türkische Verfassung .


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« Antworten #7 am: 27. Jun 2011, 13:56 »

TESEV report: Current paradigms not valid in solving Kurdish problem

Today's Zaman, 24 June 2011, Friday / YONCA POYRAZ DOĞAN, İSTANBUL



A fresh report prepared by an acclaimed journalist for the Turkish Economic and Social Studies Foundation (TESEV) defends the idea that current paradigms are not able to meet today’s demands to solve the Kurdish problem.
 

Cengiz Çandar explained on Friday while presenting his research on a panel that “a military option is out” as the military and state authorities themselves told Çandar in their interviews for the study that the problem cannot be solved by military actions. “According to the information that we learned from upper-level government officials, before a democratic opening was planned in 2007, the military authority’s opinion was asked regarding whether or not ‘they will be able to end the [Kurdistan Workers’ Party] PKK militarily’ and when the answer was not clearly positive, preparations for an opening started,” Çandar stated in his report, titled “Down the Mountain -- How Can the PKK be Disarmed? The Kurdish Question Freed from Violence.”

Çandar also stated that clichés such as the “Kurdish problem and the PKK or the terrorism problem are not the same” and “the Kurdish problem should be handled independently from the PKK problem” are not true. “This is not a valid idea anymore because without addressing issues related to the unrivaled and single authority of the PKK’s Abdullah Öcalan, without the PKK being disarmed, it is impossible to solve the Kurdish problem,” Çandar said in reference to the leader of the PKK who is currently serving a life sentence in prison.

Another point that Çandar makes is groundbreaking for Turkey, as it is controversial, since he introduces the concept of “insurgency” into the terminology dealing with the PKK, which is always referred to as “terrorist” by the Turkish authorities and media as it is also listed as a “terrorist groups” by the United States and the European Union.

Çandar makes a reference to the study “How Insurgencies End” by Ben Connable and Martin C. Libicki, who make a distinction between an insurgent organization and a terrorist organization. In that study the researchers see “terrorism” as a tactic. In that regard, the Irish Republican Army (IRA) has been defined as an insurgency, while the Real Irish Republican Army has been defined as a terrorist because the former accepted to end armed struggle through negotiation while the latter did not and continued armed activities. “In this definition it is noticeable that the distinction between ‘insurgency’ and ‘terrorist organization’ is ‘subjective.’ Using the same ‘subjective preference’ for the PKK would make it easier to find ways for ‘leaving the mountain,’” Çandar states in the report, which also refers to the study “Insurgency and Counterinsurgency in the 21st Century: Reconceptualizing Threat and Response” by Steven Metz and Raymond Millen for the Strategic Studies Institute in the United States.

In addition, Çandar explained that state authorities have always maintained a dialogue with Öcalan, but that now there needs to be a process of deliberations and Öcalan’s authority over the PKK should be channeled toward exerting efforts to bring PKK fighters down from the mountains. Çandar -- who interviewed about 40 people including state and government officials, such as the president of Turkey, the minister of justice and the minister of interior affairs, PKK executives, Öcalan’s lawyers, representatives of civil society organizations and political parties -- offers a series of recommendations towards a solution that TESEV states could simultaneously be accepted by the parties, which are politically, socially and ethnically different:

-- The first step towards a resolution is to create a climate of mutual trust between the government and the PKK. The precondition for such trust would mean that the majority of the defendants charged in the Kurdish Communities Union (KCK) case (a trial of people accused of being affiliated with the PKK), particularly the elected mayors, ought to be released and the case must be dropped.

-- The climate of trust between the sides is only possible once disarmament takes place. Therefore, the PKK’s state of “inaction” must be maintained. In order to consolidate this state of “inaction,” the operations and attacks on the PKK by the Turkish Armed Forces (TSK) and other security forces must be stopped. The suspension of operations by the state can be achieved only if the military authority is subordinate to civilian authority and only if the civilian authority embraces this approach.

-- Another significant step necessary to show that it is possible for the Kurdish people to engage in politics openly and legitimately, along with dropping the KCK case, is the allowing the most accurate and broadest possible Kurdish representation in Parliament, which would also give people a reason to come down from the mountains and disarm. However, in order for such conditions in which Turkey’s “domestic peace” and “the PKK becoming Turkish” can be achieved, the state must lower the election threshold to less than 10 percent. This is also a democratic necessity, independent of the Kurdish question.

-- The listed steps towards a possible solution to the Kurdish problem would be insufficient and inefficient unless accompanied by mandatory legal changes. First of all, a new constitution must be written which should include a new definition of citizenship. Moreover, the next important problem that must be solved is to find a satisfactory solution for the broad Kurdish demand for a right to be educated in their mother tongue.

-- The new constitution and legal reforms should aim to grant Kurds a new status in Turkey. The hope that Kurdish people can gain a new status is also a consensus among the Kurdish people who are not a part of the PKK or are even against the PKK and its ideology. In accordance with this, Turkey should do away with its reservation on the Council of Europe’s Charter of Local Self-Government.

-- The people who were interviewed before the report was compiled have all

agreed on the fact that Öcalan is a very significant political actor who can play the role of “partner for the solution.” As a result, any change that is to be made to the status of Öcalan’s detention conditions, in the long and short run, cannot be considered separate from the solution to the Kurdish problem and the disarmament of the people in the mountains. Changes in Öcalan’s situation could range from improving detention conditions in the short-term to Öcalan’s release in the medium-term. Interviewees seem to agree upon house arrest for Öcalan.

-- A gradual implementation of amnesty is commonly recognized as a possible step towards ruling out the “fighters up in the mountains” factor both by government officials and administrators of the PKK as well as Kurds who are in opposition to the PKK who were interviewed for the report. In order to stop the PKK armed forces and to demilitarize the Kandil Mountains, amnesty is necessary. Of course, in order to achieve ultimate “social peace” a “progressive implementation of amnesty” must not only be applied for the current members of the PKK but also for all the other thousands of people who have left the PKK and were forced to live abroad and/or people who have been criminally investigated/persecuted due to their participating in protests.
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« Antworten #8 am: 27. Jun 2011, 14:02 »

TESEV hat erneut getagt:

Im Interview mit Nese Düzel hat Cengiz Candar seine Forderungen bekräftigt:

Cengiz Candar: PKK ist eine kurdische Bewegung

"Zur Lösung des Kurdenproblems gehört (auch) die Lösung des Öcalan- und PKK-Problems."

***

Bereits 2008 hatte TESEV eine ausführliche Roadmap vorgelegt:

A ROADMAP FOR A SOLUTION TO THE KURDISH QUESTION:
POLICY PROPOSALS FROM THE REGION FOR THE GOVERNMENT


HIER lesen ...
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