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Autor Thema: Die Machtkrankheit: Ein zentrales Werk Abdullah Öcalans ist auf deutsch erschienen  (Gelesen 1929 mal)
Peskevin | Beiträge: 359
Peskevin
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Beiträge: 359

... ji bo Kurd, kurdi u Kurdistan!



« am: 19. Okt 2010, 00:09 »

Zitat
Die Machtkrankheit
Ein zentrales Werk Abdullah Öcalans ist auf deutsch erschienen



Fußballspielen in der Illegalität – Öcalan 1990
Foto: R. Maro/Version


Von Nick Brauns

Der seit seiner Verschleppung im Februar 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali inhaftierte Abdullah Öcalan ist auch heute noch der einflußreichste kurdische Politiker in der Türkei. Meldungen über eine Verschlechterung seiner Haftsituation führten mehrfach zu wochenlangen Unruhen in den kurdischen Landesteilen, während auf seine Anregung hin Waffenstillstände der Arbeiterpartei Kurdistans PKK ausgerufen wurden. Ohne eine Einbeziehung Öcalans wird es keine Lösung der kurdischen Frage geben. Das mußte auch die türkische Regierung zur Kenntnis nehmen, die im September dieses Jahres erstmals zugab, daß Geheimdienstvertreter in einen Dialog mit Öcalan getreten seien. Dank der »Internationalen Initiative Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan« liegt jetzt unter dem Titel »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt« ein zentrales Grundlagenwerk Öcalans sorgfältig ediert in deutscher Sprache vor. »Dieses Buch ist die bisher ausführlichste Darstellung von Philosophie und Politik der PKK und der kurdischen Befreiungsbewegung aus der Feder ihres wichtigsten politischen Repräsentanten«, versprechen die Herausgeber.
Konföderalismus
Um das bereits 2004 verfaßte mehr als 550seitige Werk an der Militärzensur vorbei aus der Gefängniszelle zu bringen, wurde es offiziell als Eingabe an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte formuliert. Doch vor allem wollte Öcalan der kurdischen Befreiungsbewegung eine neue emanzipatorische Orientierung geben, als sich unter dem Eindruck der Etablierung der kurdischen Autonomieregion im Nordirak eine rechte Gruppe um seinen Bruder Osman von der PKK getrennt hatte, um mit der US-Besatzungsmacht zu kollaborieren. »Nationalismus, Religion und Etatismus lasten auf der mittelöstlichen Gesellschaft schwerer als irgendwo sonst und schnüren ihr die Luft ab« – aus dieser Feststellung leitet Öcalan das Projekt eines »demokratischen Konföderalismus« durch Selbstorganisation der kurdischen Nation im Rahmen einer »demokratischen Autonomie« innerhalb der bestehenden Staatsgrenzen ab. Einer nationalstaatlichen Lösung durch Separation erteilt er dagegen eine entschiedene Absage.

Bei seiner Argumentation greift Öcalan weit bis in die Epoche der Urgesellschaft zurück. Er untersucht die Entstehung von Hierarchien und Machtstrukturen und zeigt dabei die jeweiligen Gegenbewegungen in der Geschichte auf – beim Widerstand von Stämmen gegen die Eroberung durch Staaten, bei religiösen Minderheiten, die ihre Eigenständigkeit gegen die dominanten Glaubensgemeinschaften verteidigen, und insbesondere bei den Frauen, die er zu allen Zeiten in einer Oppositionshaltung zu den patriarchalen Strukturen sieht.
Vollständige Demokratie
Kern der Argumentation Öcalans, die an anarchistische Staatskritik erinnert, ist der von ihm behauptete Gegensatz »etatistische Gesellschaft« versus egalitär organisierter »natürlicher Gesellschaft«. »Sozialismus erfordert sozialistische Instrumente. Diese sind vollständige Demokratie auf allen Ebenen, die Umweltbewegung, die Frauenbewegung, die Menschenrechte und die Selbstverteidigungsmechanismen der Gesellschaft«, fordert Öcalan, der dem Marxismus zwar »große historische Erfahrung im Kampf für Freiheit und Gleichheit« zugesteht, doch gleichzeitig »grundsätzliche Mängel« insbesondere durch die Nutzung des Instruments »Staatsmacht« ausmacht, die in der Praxis wieder zum Kapitalismus geführt hätten. Da die materiellen und geschichtlichen Bedingungen, unter denen es zu Deformationen kam, nicht hinterfragt werden, bleibt diese Kritik am Realsozialismus allerdings an der Oberfläche.

Auch die PKK, die Öcalan durch Bandenwesen auf der einen und Beamtentum auf der anderen Seite korrumpiert sah, wird einer radikalen Kritik unterzogen. »Ihr Führungsstil bestand darin, die wertvollsten Genossen hinterrücks zu erschießen, als seien sie lästige Fliegen«, schreibt er über PKK-Kommandanten, die der »Krankheit der Macht« erlegen waren. Seine eigene als »serok Apo« (Führer Apo) jenseits aller Institutionen angesiedelte Stellung innerhalb der Befreiungsbewegung hinterfragt der von vielen Kurden als eine prophetenähnliche Gestalt verehrte Öcalan dabei nicht grundsätzlich.

Deutlich wird, daß sich Öcalan, der den Sozialismus in der Türkei Anfang der 70er Jahre lediglich in einer vom Maoismus, Guevarismus und Kemalismus beeinflußten dogmatischen Variante kennengelernt hatte, niemals intensiv mit der marxistischen Theorie auseinandergesetzt hat. Wie eine von seinen Rechtsanwälten zusammengestellte Bücherliste im Anhang zeigt, hatte der Autor die Werke von Marx, Engels und Lenin bei der Abfassung seines Buches nicht zur Verfügung.

Um so intensiver setzte er sich mit den Ideen des US-amerikanischen Vordenkers eines Öko-Anarchismus, Murray Bookchin, des postmarxistischen Soziologen Immanuel Wallerstein sowie des Philosophen Michel Foucault auseinander, die ihn bei seinem Entwurf einer »demokratisch-ökologischen Gesellschaft« beeinflußten. Kaum eine Rolle im Denken Öcalans spielt die Ökonomie. Wieweit sich der demokratische Konföderalismus auch auf die Wirtschaft beziehen soll – etwa durch den Aufbau von Kooperativen – bleibt offen.
Selbstorganisation
Öcalans Plädoyer zum Aufbau einer starken und komplexen selbstorganisierten Zivilgesellschaft, ohne gegen den Staat direkt vorzugehen, ähnelt dem Zapatismus in Chiapas. Voraussetzung ist allerdings, daß der bestehende Staat eine solche Selbstorganisation zulässt. In der Türkei ist dies bislang nicht der Fall. Während der letzten eineinhalb Jahre wurden rund 1700 Aktivisten der kurdischen Basisbewegung verhaftet.

Sollte die türkische Führung keine Änderung ihrer Kurdenpolitik durchführen, könnten sich am Ende auch die Kurden in der Türkei in einer Koalition mit dem US-Imperialismus wiederfinden, warnt Öcalan vor einer Entwicklung wie im Irak. Sollte es allerdings eine demokratische Lösung der kurdischen Frage geben, könne die Türkei eine Führungsrolle im Mittleren Osten übernehmen, wirbt er für eine strategische türkisch-kurdische Allianz.

Nicht jede zivilisationsgeschichtliche These Öcalans wird sich wissenschaftlich belegen lassen, und seine Kritik am Marxismus erscheint vielfach ungerecht. Allerdings entstand dieses Buch in Isolationshaft ohne Möglichkeit der Diskussion. Erinnert sei schließlich an Karl Marx’ Erkenntnis: »Eine Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.« Und Abdullah Öcalans Botschaft hat die Massen in Kurdistan ergriffen.

Abdullah Öcalan: Jenseits von Staat, Macht und Gewalt – Verteidigungsschriften. Mezopotamien Verlag, Köln 2010, 573 Seiten, 15 Euro * ISBN: 978-3-941012-20-2


Quelle: http://www.jungewelt.de/2010/10-18/001.php
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« Antworten #1 am: 23. Nov 2010, 18:44 »

Der Titel des Themas sollte geändert werden in:

Abdullah Öcalans "Jenseits von Staat, Macht und Gewalt"

Denn dies ist der Titel des Buches im Deutschen und um dieses Buch geht es ja auch.
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Firat Amed | Beiträge: 150
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« Antworten #2 am: 23. Nov 2010, 18:48 »

Lesung von Abdullah Öcalans Buch „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ in Marburg


Einige Ortsgruppen des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan (YXK) organisiert gemeinsam mit der Internationalen Initiative "Freiheit für Abdullah Öcalan - Frieden in Kurdistan" eine Lesereise zu dem Werk Abdullah Öcalans "Jenseits von Staat, Macht und Gewalt".
Die Termine lauten wie folgt:

Marburg: 29.11., 20.00, DGB-Haus (Bahnhofstr.6)
Gießen: 30.11., 19.00, Magarete-Bieber-Saal (Ludwigstr. 34)
Darmstadt: 1.12., 18.00, Informations- und Beratungszentrum (Elisabethenstr. 44)
Düsseldorf: 13.12., 19.00, Linkes Zentrum Hinterhof (Corneliusstr. 108)
Wien: 17.12., 13.30, Kritische Literaturtage im ÖGB (Johann Böhm Platz 1)

Der Autor des Buches, Abdullah Öcalan, führte bis zu seiner Entführung im Februar 1999 die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als deren Vorsitzender an. Seitdem befindet er sich in Isolationshaft auf der eigens für ihn eingerichteten Gefängnisinsel Imrali im Mittelmeer, gilt allerdings immer noch als wichtigste Persönlichkeit für den kurdischen Befreiungskampf und Schlüssel für eine politische, friedliche Lösung der kurdischen Frage.

In seinem kürzlich auf deutsch erschienen Buch „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ analysiert Öcalan die Entwicklung der Zivilisation im Mittleren Osten und die politischen und gesellschaftlichen Probleme der Region, womit er an das bereits auf deutsch erschienene zweibändige Buch mit dem Titel „Gilgameschs Erben“ anknüpft.
Das Kernthema des aktuellen Werkes ist eine radikale Kritik von Hierarchien und Gewaltverhältnissen in der menschlichen Gesellschaft. Hierfür stellt der Autor die Frage nach dem Ursprung von Herrschaft in der menschlichen Geschichte und verfolgt die Entstehung und Entwicklung der Zivilisation und des Staates. Bei dieser Analyse nimmt der Geschlechterwiderspruch eine zentrale Rolle ein, da der Autor ihn als wichtigsten Ansatzpunkt sieht, um die Machtverhältnisse der Gesellschaft zu kritisieren, zu dekonstruieren und zu verändern. Auch die von ihm mitgegründete und geführte Bewegung unterzieht er einer radikalen Kritik, wobei er seine eigene Person dabei keineswegs auslässt und die Selbstkritik in neue Perspektiven für den kurdischen Freiheitskampf münden.
Mit dem Buch „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ konkretisiert Abdullah Öcalan seine Lösungsvorschläge für die kurdische Frage und seinen Gesellschaftsentwurf nach dem Paradigmenwechsel der kurdischen Bewegung um die Jahrtausendwende für einen demokratischen und friedlichen neuen Mittleren Osten.

Weitere Informationen zu der Internationalen Initiative „Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan“, sowie zu Abdullah Öcalan selbst oder dem Buch erhalten Sie auf der Homepage der Initiative (www.freedom-for-ocalan.com) oder in direktem Kontakt zu ihr: info@freedom-for-ocalan.com
Informationen zu dem Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK) erhalten Sie auf der Internetseite des Verbandes (www.yxk-online.de) oder über E-Mail: info@yxk-online.de

Alle Interessierten sind herzlich zu der Lesung und der anschließenden Diskussion eingeladen. Über rege Teilnahme freuen sich die VeranstalterInnen, die von lokalen BündnispartnerInnen unterstützt werden.


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aagit | Beiträge: 114
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« Antworten #3 am: 23. Nov 2010, 22:16 »

mein erster gedanke zum titel = huh endlich mal subtile kritik zur machtkrankheit öcalans

aber nun....... e
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Firat Amed | Beiträge: 150
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« Antworten #4 am: 30. Nov 2010, 14:10 »

@ aagit:

lies das buch und du wirst sehen, dass es durchaus eine umfassende (selbst-)kritik der alten ausrichtung der pkk auf staat, macht und gewalt ist.
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