Die Kraft der kurdischen JugendEin Essay von Dr. Derman Dersimi ( dersimi@usa.com )Soll sagen wer will, das Nationalbewusstsein der Kurden nimmt mit schnellen Schritt seinen Lauf. Des weiteren weitet sich die Lobbyarbeit der Kurden in Europa immer weiter aus, erstarkt ebenso das Nationalbewusstsein der europäischen Kurden, und führt dazu, dass sich die Interessenvertretung des Türkischen Staates in Europa noch weiter einschnürt.
Die Rechnung der türkischen Politiker, mit der Niederschlagung des Guerillakrieges eine Atempause zu gewinnen wird nicht aufgehen. Die Kurden geben in den heißen Fragen des Sprachgebrauchs, ihrer Kultur und in der Einführung eigener Schulen nicht auf. Falls dies so weitergehen wird, ist damit zu rechnen, daß die Kurdische Lobby in Europa innerhalb von nur 10 Jahren die Effektivität der Armenischen Lobby um das 100fache übertreffen wird. Wenn die Türkei ihre Verleugnungs- und Unterdrückungspolitik fortzusetzen gedenkt, so wird sie hierfür über Lang oder Kurz eine satte Rechnung bezahlen müssen. Drei Vorfälle mit drei verschiedenen Protagonisten innerhalb von drei Monaten sind nur verheerende Beispiele dafür, dass türkischen Politiker gut geraten wären, diese Angelegenheit wahrzunehmen.

Der erste Vorfall, von dem ich berichten möchte ereignete sich in Griechenland, wo ich meinen Sommerurlaub verbrachte. Aufgrund meines (bedruckten) T-Shirts kam ein kurdischer Landsmann auf mich zu, begrüßte mich und machte sich bekannt. Wie es sich aus dem nachfolgenden Gespräch mit ihm herausstellte, handelte es sich bei ihm um einen sehr erfolgreichen Geschäftsmann aus London. Er hat in Griechenland Duzende von Immobilien erworben. Auf meine Frage warum er nicht in der Türkei investiere, antwortete er mir, dass er in einem Staat, der seinen Bruder unter Folter ermordet, sein Dorf in Schutt und Asche legt, seine Sprache verbiete und keine kurdischsprachigen Schulen zulasse, nicht einmal 1 Cent investieren würde. Die einzigen Investitionen, die er tätigen wollte, würden sich auf sein Heimatdorf beschränken, und das verbleibende Geld, sei im Ausland besser angelegt. Ich traf auf einen erfolgreichen Kurden mit einem unglaublichen und entschlossenen Nationalbewusstsein. Menschen, die wir uns aus unseren Reihen lange ersehnt haben, deren Zahlen aber mit jedem neuen Tag stetig anwachsen.
Solche Vorangehensweisen bei denen Kurden, statt in der Türkei, in anderen Staaten wie Griechenland, Südkurdistan oder Italien Investitionen tätigen, oder ganz bewusst in andere touristische Ziele ansteuern als in der Türkei. Diese entscheidende Reflexe in der Gesamtheit auf die Verleugnungspolitik der Türkei gegenüber den Kurden sind es, die der Türkei teuer zu stehen kommen werden. Die Türkei hat sich zwar entschieden, weiterhin diese Rechnung zu bezahlen, jedoch steigt der Betrag von Tag zu Tag.
Der zweite Vorfall ereignete sich in Deutschland. Als ich mir in einem deutschen Bekleidungskaufhaus einen Pullover kaufen wollte und mich in die Reihe vor der Kasse anstellte, fiel mir auf, dass ein junger Mann die ganzen Etiketten der Kleidungsstücke, die er gerade gekauft hatte, noch einmal kontrollierte. Aus der Menge der gekauften Stücke sortierte er eines aus und meldete der Kassiererin an, dass er dieses T-Shirt zurückgeben wollte. Als die Kassiererin höflich nach dem Grund fragte, antwortete der junge Mann folgendermaßen:
„Ich bin Kurde und dieses T-Shirt ist in der Türkei produziert. In der Türkei werde ich verleugnet und unsere Kinder werden dort immer noch nicht in ihrer Muttersprache unterrichtet, deshalb kaufe ich kein einziges Produkt, dass in der Türkei produziert wird.“ Mit dieser Stellungsnahme kam seine Ablehnung zum Vorschein.
Während unser kurdischer, junger Mann das T-Shirt der Marke „La Marina“ an der Kasse zurückgab, äußerte plötzlich auch ein deutscher Käufer der gleichen Marke gegenüber der Kassiererin seine Vorbehalte mit der Begründung „Ich will keine Marken aus einem Land benutzen, welches Sprachen verbietet, und Sie müssten eigentlich aus ethischen Gründen diese Produkt aus Ihrem Sortiment herausnehmen.“ Durch meine Fassungslosigkeit hatte ich Mühe das Geschehen weiter zu verfolgen, gerade auch weil ich mir in diesem Augenblick auch bewusst wurde, dass das Geheimnis der Existenz dieses Volkes, zum Trotz all den Jahrtausende andauernden Massakern, Verleugnungen und der Unterdrückung.
Schnell kontrollierte auch ich das Etikett meines Pullovers, und war recht glücklich kein türkisches Produkt ausgewählt zu haben. Nach dem Bezahlen eilte ich dem jungen Kurden hinterher, stellte mich als Kurden vor und lud ihn zu einer Tasse Kaffee ein. Als wir in einem Cafe saßen und Gelegenheit hatten uns zu unterhalten, kam heraus, dass er Student, und dafür, dass er in Deutschland geboren wurde, ein unglaubliches Wissen über seine Nation hatte. Dieser junge Mann erfüllte mich mit Stolz.
Solche Vorfälle werden sich in Zukunft immer weiter häufen. Die Kurden in Europa sind auf dem Weg eine politische Kraft zu werden. Die heranreifenden Kinder der alten kurdischen Vorstreiter erhalten hier eine gute Ausbildung und beherrschen die Sprachen der Länder, in denen sie leben perfekt. Daneben bestehen sie mit großer Sorgfalt auf ihre eigene Identität. Dabei scheint die selbstbewusste Haltung Südkurdistans sich beschleunigend auf die Rückbesinnung der kurdischen Jugend zu wirken.
Ein anderer Vorfall passierte in Köln, dem ich in einem CD-Shop Zeuge wurde. In der Abteilung mit kurdischen CDs, wandte sich der Verkäufer hilfreich an einen Kurden. Der junge kurdische Kunde fragte nach Neuerscheinungen bei kurdischen CDs. Sofort hatte der Verkäufer eine CD parat und pries es in hohen Tönen an. Der junge Mann nahm das Cover in die eigenen Hände und ging die Titel einzeln durch, und entschloss sich sehr schnell diese CD nicht zu kaufen, wandte sich an den Verkäufer mit der Begründung, dass auf dieser CD auch einige türkischen Titel enthalten sind, und dass er und sein Freundeskreis sich entschlossen haben keine CDs mehr auch von kurdischen Künstlern zu kaufen, die Stücke auf Türkisch vortragen.
Ein frappierendes Beispiel. Vor allem, während die Vorreiter der kurdischen Revolution nicht zwischen Türkisch und Kurdisch nicht in dieser Art unterschieden, haben die Kinder der Revolutionären ganz konkrete Prinzipien, an die sie sich halten. In einer kurzen Unterhaltung eröffnete mir dieser junge Mann, „Verstehen Sie es nicht falsch, wir haben eigentlich nichts gegen Türkisch, nur die Sprache eines Staates, der für unsere Kinder sogar Kurdischunterricht in den Schulen als zuviel betrachtet, dessen Sprache lassen wir in Europa auch nicht Zuhause rein.“ Ein verblüffender Satz. Ein maximal 21-jähriger, aber sein geäußerter Satz steht im Nichts der Kraft eines unbezwingbaren Armdrückers nach.
Diese drei Erlebnisse sind nur Drei von Tausenden, und die Türkei sollte sie verstehen. Eigentlich eine Message an alle Länder, die glauben, dass sie mit Verleugnung Kurden vernichten können. Kurden haben den Mongolen, der arabischen Eroberung und der osmanischen Unterdrückung standgehalten, und werden letztendlich auch die Verleugnungspolitik einer 80-jährigen Republik zertrümmern. Dieser Weg führt über die kurdische Erziehung und Bildung.
(... Fortsetzung folgt ...)
Geschrieben von Dr. Derman Dersimi (
dersimi@usa.com )
Quelle : >
http://www.kurdistan-post.com/News-file-article-sid-19266.html