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Autor Thema: Bertholt Brecht: Kluger Kopf mit Scheuklappen  (Gelesen 842 mal)
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Rewsen
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« am: 15. Aug 2006, 10:31 »






Zwischen Brecht und seinen Jüngern, die man Brechtianer nannte, gab es einen entscheidenden Unterschied: Sie wollten ein Theater, das die kommunistische Gesellschaft ermöglichen sollte, er wollte die kommunistische Gesellschaft, damit sie sein Theater ermöglichte. Trifft das ganz zu?


1942 meinte er nach einem Gespräch mit der Schauspielerin Elisabeth Bergner, „daß sie das publikum nicht als eine versammlung von weltänderern sieht, die einen bericht über die welt entgegennehmen”. 1943 sprach er vom neuen Theaterpublikum, „das die welt nicht mehr zu interpretieren, sondern zu ändern gekommen ist oder kommen soll”.


Ein Leben lang Illusionen?

Natürlich hat ein nüchterner und erfahrener Mensch wie Brecht genau gewußt, daß jene, die die Welt verändern wollen, sich „einen bericht über die welt” von Politikern, von Historikern und Soziologen und vielleicht von den Philosophen liefern lassen, doch ganz bestimmt nicht von den Poeten. Ist es denkbar, daß er sich hinsichtlich der realen Wirkungsmöglichkeiten des Theaters ein Leben lang Illusionen gemacht hat?

Man hüte sich, Brecht bornierte Naivitäten zu unterstellen. Ungleich klüger und skeptischer als die Brechtianer, war er sich sehr wohl darüber im klaren, daß bisweilen die Politik das Theater verdirbt, doch niemals das Theater die Politik verbessern kann. Er hat schon gewußt, daß die von ihm apostrophierte „versammlung von weltänderern” nichts anderes als eine Fiktion war. Oder auch: eine Utopie. Doch wollte er sich von ihr auf keinen Fall trennen: Er brauchte sie als generelle Arbeitshypothese.


Er brauchte den Klassenkampf

Was seine eifrigen Anhänger für bare Münze nahmen und auch nehmen sollten, war für ihn selber nicht mehr und nicht weniger als ein Hilfsmittel, das er pragmatisch und bisweilen zynisch anwandte. Nicht deshalb schreib Brecht immer wieder über das epische Theater, weil es ihm um den Klassenkampf ging, wohl aber redete er gern über den Klassenkampf, weil er ihn als Impuls, als Thema für sein Werk benötigte.

Noch zu Brechts Lebzeiten konstatierte Dürrenmatt knapp: „Brecht denkt unerbittlich, weil er an vieles unerbittlich nicht denkt.” Um das zu können, hat er sich solide Scheuklappen verfertigt, und nichts auf Erden konnte ihn zwingen, auf diese Scheuklappen auch nur für einen Augenblick zu verzichten: Wenn sich Leben und Lehre nicht decken wollten, dann war es desto schlimmer - aber immer nur für das Leben und nie für die Lehre.


Furcht vor der Realität

Der vorgab, die Realität verändern zu wollen, fürchtete sich, die Realität kennenzulernen, weil ihn dies vielleicht gezwungen hätte, seine Anschauungen zu korrigieren. „Die Stadt, wo er sich auf unbestimmte Zeit niederzulassen gedachte, beachtete er mit keinem Blick” - berichtete Max Frisch, und gemeint war Zürich anno 1948. Aber so war es, wohin ihn auch sein Fluchtweg geführt hatte: in Dänemark, Schweden und Finnland und erst recht in der Sowjetunion und in den Vereinigten Staaten.

In Los Angeles lebte er über sechs Jahre. Einst hatte er in den Vereinigten Staaten, die er überhaupt nicht kannte, „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” und die „Heilige Johanna” spielen lassen. Benutzte er nun die Gelegenheit, um seine Visionen des kapitalistischen Amerika mit der amerikanischen Wirklichkeit zu vergleichen? Er dachte nicht daran.


Es sind bloß Märchenwelten

Im Unterschied zu den Brechtianern wußte Brecht sehr wohl, wie wenig seine Stücke mit den Ländern zu tun haben, die er als Hintergrund verwendete. Das Indien von „Mann ist Mann” und das Rußland der „Mutter”, das London der „Dreigroschenoper” und das Chicago der „Heiligen Johanna” - es sind bloß Märchenwelten, also poetische Fiktionen. Die Stadt Mahagonny liegt ebensowenig in den Vereinigten Staaten wie Sezuan in China.

Doch was immer zum Thema Brecht gesagt werden muß, man darf nie vergessen, welche einzigartige Bedeutung ihm und seinem Werk in der Geschichte der deutschen Literatur zukommt. 1921, also im Alter von dreiundzwanzig Jahren, notierte er: „Ich beobachte, daß ich anfange, ein Klassiker zu werden.” Das war eine freche Bemerkung, für die sich keinerlei Begründung sehen ließ. Aber sie hat sich als zutreffend erwiesen. Dank seiner Lyrik vor allem ist Bertolt Brecht tatsächlich ein Klassiker, vielleicht der größte deutsche Poet seit 1926, also seit Rilkes Tod.


Quelle: F.A.Z., 14.08.2006, Marcel Reich-Ranicki

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Gotina rast sondê naxwaze

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« Antworten #1 am: 24. Jan 2012, 22:53 »

Gedicht: Deutschland (1933)

Mögen andere von ihrer Schande sprechen,
ich spreche von der meinen

O Deutschland, bleiche Mutter
Wie sitzest du besudelt
Unter den Völkern.
Unter den Befleckten
Fällst du auf.

Von deinen Söhnen der ärmste
Liegt erschlagen
Als sein Hunger groß war
Haben deine anderen Söhne
Die Hand gegen ihn erhoben.
Das ist ruchbar geworden.

Mit ihren so erhobenen Händen
Erhoben gegen ihren Bruder
Gehen sie jetzt frech vor dir herum
Und lachen in dein Gesicht.
Das weiß man.

In deinem Hause
Wird laut gebrüllt, was Lüge ist.
Aber die Wahrheit
Muß schweigen
Ist es so?

Warum preisen dich ringsum die Unterdrücker, aber
Die Unterdrückten beschuldigen dich?
Die Ausgebeuteten
Zeigen mit Fingern auf dich, aber
Die Ausbeuter loben das System
Das in deinem Haus ersonnen wurde!

Und dabei sehen dich alle
Den Zipfel deines Rockes verbergen, der blutig ist
Vom Blut deines
Besten Sohnes.

Hörend die Reden, die aus deinem Hause dringen, lacht man.
Aber wer dich sieht, der greift nach dem Messer
Wie beim Anblick einer Räuberin.

O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie haben deine Söhne dich zugerichtet
Daß du unter den Völkern sitzest
Ein Gespött oder eine Furcht!


(Übrigens dieses Gedicht kann man auf alle Unterdrücker münzen!)
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Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, daß er genug davon habe.

 
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