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Autor Thema: Ein vergessener Völkermord  (Gelesen 2055 mal)
aram | Beiträge: 1046
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« am: 17. Apr 2006, 22:13 »

   
   

Der kurdische Schriftsteller Haydar Isik erinnert mit einem historischen Roman an die Zerstörung von Dersim vor 65 Jahren





Wenn heute um den EU-Beitritt der Türkei verhandelt wird, erinnert sich kaum noch jemand an den Völkermord der türkischen Armee vor 65 Jahren an den Kurden von Dersim. Bis zu 100.000 Menschen – Männer und Frauen, Alte und Kinder – wurden damals von der Armee nieder geschlachtet, vergast, verbrannt. Ihre einzige Schuld war es, als Kurden geboren zu sein.

 

Mit dem jetzt auf deutsch in der Edition Ararat erschienen historischen Roman „Die Vernichtung von Dersim“ erinnert der nach dem Militärputsch 1980 aus der Türkei zwangsausgebürgerte und heute in München lebende kurdische Schriftsteller Haydar Isik an den Schicksalswinter seines Volkes. Isik ist selber ein Überlebender der Massaker. Geboren im Jahr 1937 rettete seine Mutter ihren einzigen Sohn in die Wälder, wo sie ihn permanent säugte, damit die Soldaten nicht durch das Schreien des Babys alarmiert wurden.

 

„Vergesst niemals dieses Massaker! Vergesst niemals diesen Vernichtungsfeldzug! Erzählt euren Kindern von diesem Grauen!“ Diese in den Mund seines Romanhelden, des Dorfältesten Alibinat gelegte Mahnung an die Überlebenden des Genocids ist für den Schriftsteller Verpflichtung. Schon sein erster Roman „Der Agha aus Dersim“  der ihn trotz sofortigen Verbots in der Türkei bekannt machte, widmete sich dem Schicksal der Dersim-Kurden.

 

Dersim galt Mitte der 30er Jahre als die „letzte freie Burg“ der Kurden in der Türkei. In den unzugänglichen Berghöhen waren die kleinen Bauerndörfer der Kontrolle des türkischen Staates weitgehend entzogen. Von den anderen Kurden waren die Dersimer durch ihren alewitischen Glauben, einen liberale Strömung des Islam isoliert. So schwiegen die Dersim-Kurden auch, als die Armee gegen die anderen Kurden als „islamische Reaktionäre“ vorging oder sie kämpften wie die Romanfigur des Unteroffiziers Riza Tschausch sogar auf Seiten des Staates.

 

„Dersim ist für die Türkische Republik eine Eiterbeule. Es ist absolut erforderlich, diese Eiterbeule zu operieren, bedauerlichen Vorfällen zuvorzukommen, die Gesundheit der Heimat zu erhalten“ – mit diesen Worten erklärte die Regierung von Ankara im Dezember 1935 Dersim den Krieg. Ab 1936 wurde Dersim von der türkischen Armee attackiert. Dorfbewohner wurden angegriffen, kurdische Schulen geschlossen, das Wort „Kurde“ und „Kurdistan“ verboten. Auch der kurdische Name Dersim wurde bis heute durch den türkischen Namen „Tunceli“, das beutet „Eisenfaust“, ersetzt.

 

Gegen die einsetzende Repression bildeten sich innerhalb weniger Wochen starke kurdische Guerillaverbände, die in den Bergen erbitterten Widerstand leistete. Geführt wurde der Aufstand für die Autonomie der Dersim-Kurden von dem Geistlichen Seyid Riza, bis dieser durch Verrat verhaftet und im November 1937 in Elazig hingerichtet wurde.

 

Da die mit über 50.000 Soldaten in der Region Dersim aktive Armee den Widerstand der Bauernguerilla nicht bezwingen konnte, ging sie im Winter 1937/38 zur völligen ethnischen Säuberung gegen die Zivilbevölkerung über. Ganze Dörfer wurden von der Armee umzingelt, die Männer auf dem Dorfplatz erschossen, Frauen und Kinder in ihren Häusern verbrand. Wo es der Bevölkerung gelang, in Berghöhlen zu fliehen, mauerten die Soldaten die Höhleneingänge zu oder warfen Gasbomben hinein. Tausende Frauen stürzten sich von den hohen Felsen in den Fluss Munzur, um nicht von den Soldaten vergewaltigt zu werden. Nach dem Ende des Vernichtungskrieges gegen Dersim 1938 ließ die Regierung Hunderttausende Überlebende in andere Landesteile deportieren, weitere Zehntausende wurden dabei ermordet. Erst mehr als 40 Jahre später sollte es mit dem Guerillakrieg der PKK zu einem neuen großen Aufstand in Türkisch-Kurdistan kommen. Die Niederschlagung des Dersim-Aufstandes veranlasste übrigens Adolf Hitler dazu, den türkischen Staatsführer Mustafa Kemal Atatürk zu seinen Vorbildern zu erklären.

 

Im Zentrum von Haydar Isiks Roman steht das Schicksal der Bewohner des Dorfes Mergasur in Ost-Dersim. Der Schriftsteller versetzt den Leser zurück in jenen eisigen und blutigen Winter 1937/38. Die religiösen und sozialen Bräuche der Alewiten, ihre Liebe zu den „heiligen Bergen“, ihr Stolz und ihre Toleranz gegenüber Fremden werden in farbigen Worten geschildert. Isik zeigt aber auch, wie die Feindschaft der Clans untereinander und die Kollaboration einzelner Bandenführer und Aghas mit dem Staat es der Armee leicht machten, den Widerstand der Kurden zu brechen.

 

Im weiteren Verlauf konzentriert sich die Handlung auf das Schicksal des Mädchens Gule, das die Massaker überlebte und von einer türkischen Offiziersfamilie adoptiert wurde. Gule, die einen neuen türkischen Namen erhält und kemalistisch erzogen wird, ist ein Symbol für die Assimilierungspolitik des türkischen Staates gegenüber den Kurden. Als junge Frau wird sie Nacht für Nacht von den Albträumen des in ihrem Unterbewusstsein gespeicherten Genozids geplagt, bis sie von ihrer wahren Herkunft erfährt und in ihrem Adoptivvater den Mörder ihrer Familie erkennt. Und so, wie Gule zu ihrer kurdischen Identität zurückfindet und als Lehrerin nach Dersim geht, konnte die türkische Vernichtungspolitik bis heute nicht des Geist des kurdischen Widerstandes in Dersim auslöschen. „Gule ist mein Dersim“ kommentiert Isik seinen Roman.

 

Dr. Nick Brauns

Haydar Isik: Die Vernichtung von Dersim, Edition arArat im Unrast Verlag, Gebunden, 344 S, 16 €, ISBN 3-89771-852-9
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aram | Beiträge: 1046
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« Antworten #1 am: 17. Apr 2006, 22:23 »

 
Zitat
„Dersim ist für die Türkische Republik eine Eiterbeule. Es ist absolut erforderlich, diese Eiterbeule zu operieren, bedauerlichen Vorfällen zuvorzukommen, die Gesundheit der Heimat zu erhalten“ – mit diesen Worten erklärte die Regierung von Ankara im Dezember 1935 Dersim den Krieg. Ab 1936 wurde Dersim von der türkischen Armee attackiert. Dorfbewohner wurden angegriffen, kurdische Schulen geschlossen, das Wort „Kurde“ und „Kurdistan“ verboten. Auch der kurdische Name Dersim wurde bis heute durch den türkischen Namen „Tunceli“, das beutet „Eisenfaust“, ersetzt.


 
Zitat
Da die mit über 50.000 Soldaten in der Region Dersim aktive Armee den Widerstand der Bauernguerilla nicht bezwingen konnte, ging sie im Winter 1937/38 zur völligen ethnischen Säuberung gegen die Zivilbevölkerung über. Ganze Dörfer wurden von der Armee umzingelt, die Männer auf dem Dorfplatz erschossen, Frauen und Kinder in ihren Häusern verbrand. Wo es der Bevölkerung gelang, in Berghöhlen zu fliehen, mauerten die Soldaten die Höhleneingänge zu oder warfen Gasbomben hinein. Tausende Frauen stürzten sich von den hohen Felsen in den Fluss Munzur, um nicht von den Soldaten vergewaltigt zu werden. Nach dem Ende des Vernichtungskrieges gegen Dersim 1938 ließ die Regierung Hunderttausende Überlebende in andere Landesteile deportieren, weitere Zehntausende wurden dabei ermordet.  


 

Und dann gibt es sogenannte Historiker, die Behaupten die Türkei hätte nie einen Kurden umgesiedelt!

Dieses Land hat noch viel mehr Dreck am stecken, als uns vorgemacht wird.
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Mirxas | Beiträge: 195
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« Antworten #2 am: 17. Apr 2006, 23:18 »

 
Zitat
Und dann gibt es sogenannte Historiker, die Behaupten die Türkei hätte nie einen Kurden umgesiedelt!

Dieses Land hat noch viel mehr Dreck am stecken, als uns vorgemacht wird.


Wie erklärt man sich denn die Kurdensiedlungen in Nevsehir,Konya,Ankara,Sivas ?
Sind die freiwillig in dahin gesiedelt und haben sich dort  so rasch vermehrt, das daraus zisch Tausende wurde?
Es gibt auch 300-400 Tausend Kurden in Kasachstan, meinen diese Historiker , dass die auch freiwillig dort hin zogen?
Wenn eine Tatsache in der Geschichte vorkam und die Welt dieser Taten Anerkennung schenkt und hinnimmt, würde ich mich als Historiker schämen wenn ich versuchen würde dies zu vertuschen.Da lacht man einen aus, wenn man einen Massaker wie in Dersim, Ararat oder Genozid an Armeniar leugnet.Wenn das Historiker wären, wie manche von sich behaupten, so würde man heute diese Lügen nicht entdecken brauchen. Historiker sind Forscher der Vergangenheit und Vergangenheit lügt nicht, nur die, die diese Verganheit versuchen umzuschreiben.
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alya | Beiträge: 529
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« Antworten #3 am: 18. Apr 2006, 00:02 »

 
Zitat
Historiker sind Forscher der Vergangenheit und Vergangenheit lügt nicht, nur die, die diese Verganheit versuchen umzuschreiben.


Gäbe es eine Zeitmaschine, dann wissen wir ja wer sie zuerst und am meisten verwenden würde.
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« Antworten #4 am: 30. Mär 2011, 13:07 »

Der erste Urteil über Dersim '38: Verjährung

Radikal, 14.03.2011

Am 18. Augsut sagte der türkische Premierminister T. Erdogan über den Völkermord von Dersim (als Antwort auf Kemal Kilicdaroglu):
"...ich verstehe nicht warum Du nicht zugibst, dass Du aus Dersim bist ... was versteckt sich unter dem Massenmord von Dersim? Zehntausende Menschen wurden massakriert. Tunceli wurde massakriert, wer hat massakriert, welche Gesinnung hat massakriert? Die Gesinnung der CHP hat massakriert."

Nun hat der 86jährige Efo Bozkurt, der während des Dersim-Massakers seine Eltern und 5 jüngere Geschwister verloren hatte, eine Anklage eingereicht. Die Staatsanwaltschaft antwortete, dass die Unruhen in Dersim nicht als 'Völkermord' aufgegriffen werden, lediglich der Mord an (bestimmte) Personen ermittelt werden könnte; eine Anklage könne jedoch nicht erhoben werden, denn die Morde seien verjährt.

Bereits Necip Fazıl (Kısakürek) beklagte die Dersim-'Tragödie' mit über 50.000 Ermordeten, für die es in der Geschichte kein ähnliches Beispiel gebe (aus seinem Buch "Die Tragödie im Osten", April 1990).

Laut gängigen Quellen wurden 1938 über 40.000 Zivilisten ermordet, über 12.000 wurden vertrieben. Laut dem türkischen Meldeamt wurden 8.605 Zivilisten ermordet, der Generalstab nennt 13.160 ermordete Zivilisten.

***

ANF, 29.03.2011

Auch Rani Baran hat eine Anklage eingereicht: Darin bestätigt er sogar die Erschiessung von Babys durch die türkischen Streitkräfte. Auch hier bestätigte die Staatsanwalt die Morde, aber auch hier sei "Verjährung" eingetreten.
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« Antworten #5 am: 10. Nov 2011, 17:41 »

State, CHP responsible for Dersim massacre, says CHP deputy Aygün

Today's Zaman, 10.11.2011

A deputy from the main opposition Republican People’s Party (CHP) has said the Dersim massacre took place with the knowledge of the state and the government at the time, the CHP, and that it is just a “myth” that Mustafa Kemal Atatürk was not aware of it.

 
The CHP’s Tunceli (formerly Dersim) deputy Hüseyin Aygün told Today’s Zaman that an event called the Dersim rebellion, which was forcefully suppressed, never took place and that the Alevis of Dersim were just defending themselves against the state forces that were trying to destroy them.

While those claiming genocide say that around 70,000 Kurdish-Alevi people were killed in Dersim between 1937 and 1938, no official figures have been provided by the authorities. What officials call the “Dersim rebellion” took place in 1937 in Dersim, which had historically been a semi-autonomous region. Dersim was renamed Tunceli after the rebellion. The fighting was led by Seyid Riza, the chief of a Zaza clan in the region.

The Turkish government of the time, led by former CHP leader İsmet İnönü, responded with air strikes against the rebels. CHP deputy Onur Öymen in 2009 angered Turkey’s Alevi community by referring to the government’s response to the rebellion as an example of fighting terrorism. Tens of thousands of Alevi Kurds and local Zaza were killed and thousands more forced into exile during state’s efforts to quell the unrest in Dersim.

Most Alevis reserve a special place for Atatürk, the founder of modern Turkey. In their houses of worship, cemevi, Atatürk’s portrait is placed next to the portrait of Hz. Ali – the fourth caliph and the son-in-law of the Prophet Muhammad -- whom the Alevis follow.

Aygün asserted that Alevis made themselves believe that Atatürk did not have a role to play in the Dersim massacre.

The Dersim events started in 1925 and ended in 1938. Atatürk was the head of state during that time. He was a decision-maker. But the Alevis tried to separate Atatürk from the events because they did not want to cast a shadow on his leadership. That was their way of survival in the Republican period. This is understandable from a humanitarian point of view,” he said.

Aygün, who has written books on Dersim such as “Dersim 1938 ve Zorunlu İsyan” (“Dersim 1938 and Compulsory Rebellion”) and “1938, Resmiyet ve Hakikat” (“1938, Officiality and Reality”) said that the assimilation of Alevis is continuing. He added that past practices against them amounted to “genocide.”

“There was no planned rebellion in Dersim, but resistance against the practices of the military. Since there was no planned political movement, it cannot be said that there was a rebellion,” he said. “People were just trying to protect themselves.”

According to Aygün, it is first the Turkish Republic and then the CHP who are responsible for the Dersim massacre.

It is also not correct to say that the Dersim massacre was carried out by the CHP. There was no other political party at the time,” he said.

Since 1925, there was only elimination and assimilation. No peaceful method was tried to deal with the problem. ‘Rebellion’ was not a fact. The state wanted to be the sole ruler in Dersim. Ten thousand people from Dersim were driven out of Dersim,” Aygün added.
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« Antworten #6 am: 18. Nov 2011, 21:45 »

The CHP’s test over the Dersim massacre

Todays Zaman, 18.11.2011



The statements of Republican People’s Party (CHP) Tunceli deputy Hüseyin Aygün, who claimed last week that the 1937 Dersim massacre took place with the consent of the state and the ruling CHP and that it is just a “myth” that Mustafa Kemal Atatürk was not aware of it, have led to turmoil within the party.
 
Some CHP deputies reacted harshly to Aygün for his statements, saying that they are “unacceptable” and went so far as to demand his expulsion from the party. What officials call the “Dersim rebellion” took place in 1937 in Dersim, which had historically been a semi-autonomous region. Dersim was renamed Tunceli after the rebellion, which was violently suppressed by the state. The fighting was led by Seyid Rıza, the chief of a Zaza clan in the region. Around 70,000 Kurdish-Alevi people were reportedly killed in Dersim between 1937 and 1938. The latest controversy over this massacre at the CHP once again shows the lack of intra-party democracy at the CHP and how the party is far from coming face-to-face with realities.

Taraf’s Ahmet Altan voices his surprise over CHP deputies’ reactions to Aygün and says he cannot understand why they opposed his remarks. “Do they not hold the state and the CHP responsible for the Dersim massacre in 1937? Did the state not carry out the Dersim massacre? If they think something other than the Turkish Republic is behind the Dersim massacre, they should reveal it. Who perpetrated that massacre other than the state? Was the owner of the state at that time not the CHP?” asks Altan.

Regarding Aygün’s statement that Atatürk was also aware of the massacre, Altan says Aygün’s remarks are very kind, as he says it was impossible for Atatürk, the absolute ruler of the country, not to be aware of this incident and that he was even the person who planned and gave the orders for the massacre. He says those who suspect this is true may find evidence at a museum in Trabzon, where there is an operation plan Atatürk worked on before the violent suppression of the massacre in Dersim. Considering all this, Altan says Aygün will perhaps be expelled from the CHP, but this will not change the facts and that all CHP members, mainly its leader, Kemal Kılıçdaroğlu, will have concealed all the facts, distorted incidents and lied.

Considering the fact that the CHP is constantly shaken by intra-party crises, Sabah’s Nazlı Ilıcak says Kılıçdaroğlu’s job is very difficult due to the narrow-minded mentality at the party, which is an obstacle before the breaking of taboos. “Was the staging of the Dersim massacre possible without Atatürk’s knowledge? You can just confront what really took place and explain to people the circumstances of the time and that there were fears about the country’s division among the founders of the republic [which might have prompted them to violently suppress the rebellion]. You can just offer an apology to the people of Dersim and settle accounts, but the reality is always covered up in Turkey. The best thing is actually to face reality and then go on your way peacefully,” suggests Ilıcak.

In the wake of the latest crisis at the CHP over the Dersim massacre, Radikal’s Oral Çalışlar says this debate is yet another sign of the party’s constant failure in the elections as the party is filled with a pro-status quo mentality and cannot make democratic moves. “The situation of the CHP is not bright. The boat is taking on water. Pro-status quo forces are at work. Kılıçdaroğlu lags behind daily developments. The party cannot do politics on major issues and conducts its opposition over corruption and bribery allegations against the government. It is difficult to see a ray of hope for the CHP,” says Çalışlar.
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« Antworten #7 am: 18. Nov 2011, 22:13 »

Nachdem Hüseyin Aygün, der Dersim-Abgeordnete der CHP, die Schuldigen des Dersim-Massakers nannte...

"Für das Dersim-Massaker waren der Staat und die CHP verantwortlich. Atatürk wusste darüber Bescheid."

...erhoben sich die wahren Vertreter der CHP-Mentalität gegen Aygün.

Auch Ahmet Altan hat sich mit einem (wie immer) lesenswerten Artikel in die Diskussion eingeschaltet:

Dersim

Taraf.com.tr, 18.11.2011


lesen...

So schreibt Altan:

"Aygün hat sich (gar) höflich ausgedrückt, da Atatürk nicht (einfach) nur davon wusste, sondern (sogar selbst) die Pläne für das Dersim-Massaker schmiedete. In Dersim wurden die Menschen wie Mäuse in den Höhlen emordet, sie wurden enthauptet. Eines Tages wird der Name der 'Sabiha Gökcen', die Bomben auf Zivilisten warf und nach der ein Flughafen benannt wurde, aus diesem Land verschwinden."

Ahmet Altan lädt die CHP nach Trabzon ins Museum ein, um sich persönlich über die von Atatürk geschmiedeten Pläne zu informieren.

Am Ende glaubt Ahmet Altan, dass Seyid Riza folgende Worte an Kilicdaroglu richten würde:

"Es ist beschämend, es ist Ungerechtigkeit, es ist Mord."
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« Antworten #8 am: 20. Nov 2011, 23:28 »

Ein (fast) vergessenes Massaker

1938 brachte die türkische Armee in Dersim bis zu 70 000 Aleviten um. Dank einiger beherzter Privatpersonen konnte der Völkermord dem Vergessen entrissen werden.

Helga Hirsch, WELT, 19.11.2011



Dersim '38" steht auf dem Transparent, das aus dem vierten Stock im Zentrum der ostanatolischen Stadt Tunceli hängt. Vor kurzem noch ein unvorstellbares Bild - der Gebrauch des alten Namens der unbotmäßigen Provinz war im öffentlichen Leben verboten. Unvorstellbar auch, ausgerechnet an das Dersim des Jahres 1938 zu erinnern - an jene Zeit, in der das türkische Militär mit schließlich 50 000 Soldaten große Teile der alevitischen Bevölkerung der Provinz erschoss, erstach, verbrannte und deportierte. Und in der am Steuer eines der Flugzeuge, die die Dörfer bombardierten, Sahiba Gökçen saß, die Adoptivtochter von Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk, die hier ihre ersten Einsätze als Kampfpilotin flog.

Vor einem Jahr nun hat die Föderation der Dersim-Gemeinden in Deutschland ein Büro im Zentrum der Provinzstadt eröffnet: ein Arbeitsplatz mit Computern und Telefon für einige Mitarbeiter, die in Deutschland geschult wurden, um nach dem Vorbild des Spielberg-Archivs Interviews mit Zeitzeugen des Massakers von 1937/38 zu führen. Der Publizist und Dokumentarfilmer Cemal Tas fand die über Achtzigjährigen überall: in Istanbul, an der türkischen Westküste, sogar in Deutschland, wo inzwischen 150 000 bis 200 000 Emigranten aus der Region leben. Die meisten aber fand er in Dersim selbst, in den abgelegenen Bergdörfern und kleinen Orten ihrer Heimat.

"Komm einfach vorbei", hat Xidir Tunc gesagt. "Ich bin immer da." Xidir Tunc ist 84 Jahre alt. Rüstig, mit faltigem, dunkelbraun gegerbtem Gesicht und flinken Augen. Er hockt auf einem Schemel im Schatten eines Maulbeerbaumes, während Cemal Tas die Kamera aufstellt, die Lichtverhältnisse prüft und den obligatorischen Fragebogen zur Person ausfüllt. Xidir Tunc wird der 211. Zeitzeuge im Oral-History-Projekt Dersim '38 sein, das die Dersim-Gemeinden in Europa mit privaten Spendengeldern seit zwei Jahren finanzieren.

Xidir Tunc war zwölf Jahre alt damals, an jenem Tag im Sommer, als türkische Soldaten in sein Dorf einrückten. Auf einer höher gelegenen Weide hütete er gerade die Tiere. So sah er, wie Soldaten die Menschen aus ihren Häusern trieben, die Männer auf dem Dorfplatz sammelten und die Frauen und Kinder zum Hang an einem nahe gelegenen Bach scheuchten. Dann hörte Tunc einen Schuss, offensichtlich das Signal zum Beginn des Mordens. Gleich darauf wurden die Männer mit Maschinengewehren niedergemäht und die Frauen und Kinder mit Gewehren erschossen. Anschließend zogen die Soldaten von Haus zu Haus und legten Feuer. Alles, was nicht aus Stein war, ging in Flammen auf. Am Abend hat Xidir Tunc sich noch einmal in das stille, von Rauchschwaden überlagerte Dorf gewagt. Er sah sie liegen, 120 bis 140 Leichen, alles Verwandte und Bekannte von ihm. Auch sein Vater und zwei Geschwister waren darunter. Der Zwölfjährige floh von der Stätte des Grauens in die Berge, hauste einen Monat lang in einer Höhle und schlug sich dann zu einer Tante durch. Nur etwa 30 Dorfbewohner - das erfuhr Tunc später - haben überlebt, weil sie sich wie er zufällig woanders aufhielten. Heute sind gerade einmal fünf Häuser wieder bewohnt.

Cemal Tas kennt inzwischen viele ähnlicher Geschichten. Seine Neugier hält dennoch unvermindert an. Jeder Zeuge fügt dem Bild ein neues Mosaiksteinchen hinzu. Jeder Zeuge hilft, die Konturen der dem Schweigen entrissenen Geschichte schärfer zu zeichnen. In seinen jungen Jahren hat Tas die Tragödie seines Volkes nicht interessiert. Seit der Mittelschule lebte er in Istanbul. Tas wollte keine ethnischen oder regionalen Sonderinteressen vertreten, er wollte gemeinsam mit Arbeitern, armen Bauern und Studenten für eine internationalistische, klassenlose Gesellschaft kämpfen. "Darüber" sprach man nicht. "Wir wollten unser Geheimnis mit ins Grab nehmen", hörte Cemal Tas später von seiner Mutter. "Wir hatten Angst, ihr würdet euch rächen." Nur manchmal, wenn der Schmerz zu groß wurde, hatte Cemal Tas' Vater die Saz von der Wand genommen, das traditionelle anatolische Saiteninstrument, und mit dem Onkel Klagelieder angestimmt. Die Mutter hatte geweint.

Tas war bereits über 30, als er erkannte, wie sehr er sich von seinen Wurzeln entfernt hatte. Wenn er in sein Heimatdorf fuhr, sprachen ihn die Verwandten auf Kirmanci (bzw. Zazaki) an, der Muttersprache der Aleviten in der Dersim-Provinz - seiner Muttersprache. Doch er antwortete auf Türkisch, das er erst ab dem siebten Lebensjahr in der Schule gelernt hatte. "Ich war wie ein Baum", sagt er, "dessen Äste abgesägt und durch Äste eines anderen Baums ersetzt worden waren." Fast wäre es der Politik gelungen, ihn entsprechend der Leitlinie "Ein Staat - eine Sprache - eine Nationalität" zu assimilieren. Heute hat er nur ein Lächeln übrig für die hilflosen Versuche der Regierung in Ankara, die Dersimer mit riesigen steinernen Schriftzügen an den Berghängen - "Ich bin stolz, ein Türke zu sein" - zu demütigen.

Er schämte sich damals, er wollte etwas wieder gutmachen. Gemeinsam mit anderen gründete er einen Dersim-Heimatverein, der den von Ankara aufgezwungenen türkischen Namen Tunceli (Eiserne Hand) tragen musste. Er veröffentlichte Artikel über Volkslieder und Sitten in seiner Kirmanci/Zazaki-Muttersprache und reiste als angeblicher Busfahrer in die unter Ausnahmerecht stehende Heimat. Busfahrer wurden bei den achtfachen Militärkontrollen nicht überprüft. Das erste Interview über das Massaker von 1938 führte er mit seinem Onkel; seitdem kennt er seine Familiengeschichte.

19 Männer, Frauen und Kinder, so erfuhr er, waren damals in einem anderthalbstündigen Fußmarsch von türkischen Soldaten aus seinem Heimatdorf zu einem Hang irgendwo in den Bergen getrieben worden. Gewehrkugeln sollten an ihnen nicht verschwendet werden; statt sie zu erschießen, haben die Soldaten sie mit ihren Bajonetten erstochen. Allein der kleine, damals sechsjährige Onkel ist nach drei Tagen unter den Leichen hervorgekrochen.

Seit diesem Gespräch ist die Zeitzeugenbefragung Cemal Tas' seine Lebensaufgabe. 150 Überlebende hat er auf eigene Faust interviewt, 200 weitere Personen im Rahmen des Projekts Dersim '38. Fast jeder Ort ruft bei ihm tragische Geschichten wach.

Tas hörte von einem dreijährigen Mädchen, das bei der Deportation entführt und unter geändertem Namen in einer türkisch- sunnitischen Familie zu einer Muslimin erzogen wurde. Er hörte von den Frauen und Kindern, die in einen Heuschuppen gelockt und bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Ein Baby starb, als die Kugel, die bei der Mutter im Nacken einschlug, vorn am Hals wieder austrat. Ein junges Mädchen wurde vor seiner Erschießung noch vergewaltigt, damit es nicht als Jungfrau ins Paradies einginge. Mütter setzten ihre Kinder im heiligen Bergfluss Munzur aus in der Hoffnung, sie würden irgendwo angetrieben und gerettet. Andere töteten ihre Kinder, weil sie fürchteten, deren Weinen könne im Versteck alle verraten. Stammesangehörige, die sich mit Waffen in Höhlen zurückgezogen hatten, wurden als "Räuber" von Sprengstoff zerrissen. Ein Zeitzeuge berichtete von wilden Hunden, die über die Leichen von Ermordeten hergefallen seien. Dersim, sagt Cemal Tas, ist ein großer Friedhof. Hoch in den Bergen über einem Dorf liegen die Knochen von 97 ermordeten Männern bis heute unter freiem Himmel im Geröll. An anderer Stelle spült Regen die Knochen von notdürftig Verscharrten wieder frei. Die Ereignisse in Dersim 1937/38 bilden eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Türkischen Republik.

Die Provinz Tunceli/Dersim, eine unzugängliche Region in Ostanatolien mit tiefen Schluchten und Bergketten bis zu 3600 Metern Höhe, war ein Rückzugsgebiet für verfolgte Aleviten schon seit frühen Osmanischen Zeiten. In den 1930er-Jahren lebten hier und an den Rändern der Nachbarprovinzen gut 150 000 Menschen alevitischen Glaubens, von den Türken verächtlich als "Kisilbasch-(Rotköpfe)-Aleviten" bezeichnet.

Anfangs haben die Aleviten Ostanatoliens die Gründung der säkularen Türkischen Republik 1923 begrüßt, befreite sie sie doch von der Herrschaft des Kalifats, das sie als Häretiker teilweise brutal verfolgt hatte. Sie setzten auf den Staatsgründer und Staatspräsidenten Mustafa Kemal Atatürk, der allen Bürgern ohne Ansehen der ethnisch-religiösen Zugehörigkeit gleiche Rechte zugesichert hatte. Atatürk stieß sich jedoch schnell an der feudalen Struktur ihrer Stammesverbände und dem großen Einfluss ihrer Führer - das stand im Widerspruch zu seinen Republikanismus und seinem Modernisierungsstreben. Er stieß sich auch an der ethnischen Herkunft ihrer Bewohner und ihrer Religion - das stand im Widerspruch zu seiner Vorstellung von einem homogenen türkischen Nationalstaat sunnitischer Prägung. Ethnisch-religiösen Minderheiten haftete auch in der türkischen Republik der Geruch des Separatismus und der Unbotmäßigkeit an. Nicht-türkische Bürger wurden deshalb aus dem Grenzgebiet zu Syrien vertrieben, Griechen zur Ausreise gedrängt, kurdische Aufstände niedergeschlagen. Anfang der 1930er Jahre gerieten auch die Stämme in Dersim ins Visier.

Die Provinz bilde das wichtigste innenpolitische Problem, erklärte Atatürk anlässlich der Parlamentseröffnung 1936: "Um diese Wunde, diesen furchtbaren Eiter in unserem Innern samt der Wurzel anzupacken und zu säubern, müssen wir alles unternehmen - egal was es koste." Dersim sollte nur assimiliert existieren oder gar nicht. Als das Gerücht auftauchte, einige Stämme würden einen Aufstand vorbereiten, fasste die türkische Zentralmacht am 4. Mai 1937 den Beschluss zur Durchführung der Operation "Züchtigung und Deportation".

Von einem Aufstand der Stämme mag Cemal Tas nicht sprechen. Nicht Kämpfe zwischen bewaffneten Gegnern hätten den Konflikt 1937/38 geprägt, sondern die Gräueltaten des türkischen Militärs gegenüber der Zivilbevölkerung. Ermordet wurden nicht allein die Kämpfer. Oft, so der in Dersim eingesetzte Oberst Hulusi Ibrahim Yahyagil, wären die Soldaten eingesetzt worden gegen "Bergdörfler, die in jenem Jahr einfach keine Steuern gezahlt" hätten. Oder ihre Söhne nicht zum Militär geschickt, oder nicht - wie gefordert - alle Waffen abgeliefert hätten. Vernichtet wurden selbst Angehörige von Stämmen, die dem Staat loyal gegenüber standen. Und die meisten Morde an Männern, Frauen und Kindern fanden erst statt, als sich Seyid Riza aus dem Stamm der Abasan, der angebliche Anführer des Aufstands, bereits ergeben hatte. Er war im Schnellverfahren verurteilt und am 15. November 1937 hingerichtet worden.

"Wir brachten Seyit Riza zum Richtplatz", berichtete Ihsan Sabri Cagliyangil, der als junger Beamter das Gerichtsverfahren zu organisieren hatte, später in seinen Memoiren. "Niemand war da. Aber Riza sprach in die Stille und Leere, als ob der Platz voller Menschen sei: 'Wir sind Kinder Kerbelas. Wir haben nichts verbrochen. Es ist eine Schande. Es ist grausam. Es ist Mord.' ... Er legte sich selbst den Strick um, trat den Stuhl weg und vollstreckte seine eigene Hinrichtung." Die Ungebrochenheit des 75-jährigen, der vom Gericht um fünf Jahre jünger gemacht wurde, damit er noch gehängt werden durfte, hat ihn zu einer Identifikationsfigur für den aufrechten Gang werden lassen. Im Sommer 2010 errichtete die Stadtverwaltung von Tunceli eine große Seyit-Riza-Statue am Eingang der Altstadt. Und obwohl der Provinzgouverneur sofort Protest einlegte, steht sie unangetastet bereits über ein Jahr.

Für die Dersimer erhält das Massaker von 1938 eine ähnlich große Bedeutung wie der Völkermord von 1915/17 für die Armenier oder der Holocaust für die Juden. Fast keine Familie, kein Dorf blieb von den Morden und Deportationen durch das türkische Militär verschont. Fast kein Thema hält die Menschen als Schicksalsgemeinschaft heute so fest zusammen.

Über die Zahl der Opfer gibt es große Differenzen. Von Regierungsseite werden inzwischen 14 300 Ermordete zugegeben; Cemal Tas geht von bis zu 30 000 Toten aus. Huseyin Aygun der Rechtsanwalt, Menschenrechtler und Abgeordnete der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP, kam aufgrund seiner Recherchen auf 40 000 bis 70 000 Ermordete. Weitere 12 500 Personen sollen in den Westen der Türkei deportiert worden sein.

Noch debattieren die Wissenschaftler, ob die Massaker die Kriterien der 1948 festgelegten Definition von Völkermord erfüllen, oder ob es sich noch um einen Ethnozid handelt, um die vorsätzliche Zerstörung von Sprache, Kultur und Religion einer Gruppe, aber nicht um deren vorsätzliche physische Vernichtung. Den Dersimern ist diese Debatte zu akademisch. Sie sprechen vom Massaker oder in ihrer Kirmancki/Zazaki-Sprache von "Tertele", das heißt von Vernichtung: der Vernichtung von Menschen, Kultur, Religion, der Vernichtung von Lebensgrundlagen, der Vernichtung fast einer ganzen Minderheit so wie im Fall der Armenier, ihrer einstigen Nachbarn.

Als der Soziologe Ismail Besikci 1990 über den "Dersim-Genozid" schrieb, wurde das Buch unmittelbar nach seinem Erscheinen verboten und Besikci zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Cemal Tas' erste Interviewpartner gaben nur unter großer Verschwiegenheit Auskunft. Andere weigerten sich zu erzählen. Sie hatten Angst. Inzwischen ist Dersim glücklicherweise kein Tabuthema mehr; das Thema drang bis auf die Titelseiten der großen türkischen Zeitungen vor. Ministerpräsident Erdogan sprach 2009 im Parlament von einem "Massaker" und wiederholte auf einer Kundgebung in der Provinz Sakarya: "Zehntausende wurden massakriert. Tunceli wurde massakriert." Selbst wenn diese Äußerungen der Diskreditierung der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP dienten, die im Einparteienstaat von Atatürk die Verantwortung für das Massaker trug, so ist doch eine Tür aufgestoßen worden. Das Trauma in Dersim dauert an. Aber die Angst ist gewichen, und das Selbstbewusstsein gewachsen.

Tunceli ist heute der freieste Ort in ganz Ostanatolien. Obwohl der Stadt in den Neunzigerjahren eine Moschee aufgezwungen wurde und der Islamunterricht seit über zwei Jahrzehnten Pflichtfach in den Schulen ist, trägt nach wie vor keine alevitische Frau ein Kopftuch; die wenigen Kopftuchträgerinnen in der Stadt sind zugereiste türkische Studentinnen an der neu errichteten Universität. Obwohl türkische Soldaten an den Einfahrtstraßen der Provinz stationiert sind, Militärfahrzeuge regelmäßig durch das Stadtzentrum patrouillieren und sich türkische Soldaten und PKK-Kämpfer in den umliegenden Bergen manchmal Gefechte liefern, fand in diesem Sommer schon zum elften Mal das Munzur-Kulturfestival statt. Tausende von Besuchern jubelten Künstlern zu, die zu traditioneller Musik Texte auf Kirmancki/Zazaki sangen, das viele im Stadion nach der Zwangsassimilierung mit türkischer Sprache nicht mehr verstehen. Es gibt ein starkes, wenn auch diffuses Wir-Gefühl.

Seitdem Kemal Kilicdaroglu den Parteivorsitz in der oppositionellen CHP übernommen hat, ist diese Partei trotz ihrer Verantwortung für das Massaker von 1938 zur Hoffnung von Dersimern geworden. Denn Kilicdaroglu ist ein Mann "von uns", ein Alevit, geboren in der Provinz Tunceli. Bei den letzten Parlamentswahlen erhielt die CHP in Dersim fast zwei Drittel aller abgegebenen Stimmen.
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« Antworten #9 am: 21. Nov 2011, 22:16 »

Tunceli kann wohl kaum mit "eiserne Hand" übersetzt werden. Wie würde Frau Hirsch eigentlich "Rumeli" übersetzen?
Es ist auch nicht wahr, dass die Türkei der 1930er Jahre "sunnitisch" war. Das mag für die Gegenwart zutreffen, aber nicht für die Zeit vor Menderes.
« Letzte Änderung: 21. Nov 2011, 22:22 von Qers » Gespeichert

„ . . wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt...”
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« Antworten #10 am: 21. Nov 2011, 22:44 »

Dieser Völkermord war erstmal religiös motiviert. Es waren auch sunnitische Kurden an diesem Massenmord beteiligt. Unvorstellbar, dass der Holocaust, der Armenier-Genozid oder Dersim38 passiert wären, wenn es nicht die religiöse Motivation/Legitimation gegeben hätte.
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