Den Kurden geht es bei der Wahl am 30. Januar nicht um den Irak, sondern um die Stadt Kirkuk und um einen eigenen Staat
von Boris Kalnoky und Özlem Yasak
Istanbul/Erbil - Wenn am Sonntag im Irak gewählt wird, dann legen die Bürger den Grundstein für die Zukunft ihres Landes. So hört man es in Washington, und so sagt es die Regierung, und so sehen es auch die Kurden im Norden des Irak. Nur, das Land, das sie meinen, heißt nicht Irak, sondern Kurdistan. "Unser Volk wird am Wahltag über die Unabhängigkeit abstimmen", sagt Momasta Zirek. Er ist einer der maßgeblichen Organisatoren der "Kurdistan-Referendum Kommission", und wenn er von Wahlen und Kurdistan und Unabhängigkeit spricht, dann meint er das nicht sinnbildlich.
Vor zwei Monaten hat seine Kommission den Vereinten Nationen eine Unterschriftenliste überreicht, auf der mehr als 1,8 Millionen Namen stehen. Das ist etwas mehr als die gesamte kurdische Bevölkerung des Nordirak, was skeptische Beobachter nachdenklich stimmen mag. Zirek erklärt es damit, daß auch Exilkurden unterschrieben haben. Alle, deren Namen da stehen, sagt er, das ganze kurdische Volk im Irak also, fordern einen unabhängigen Staat, die Abspaltung vom Irak. Offiziell formulieren es die beiden großen Kurdenparteien, die die Region faktisch kontrollieren, natürlich anders. Offiziell ist der Irak die Heimat aller Iraker, und man wird sich friedlich in einem irakischen Bundesstaat der Zukunft auf alle Ewigkeit mit Bagdad verbrüdern. Nur, dieselben Kräfte werden es am Wahltag zulassen, daß in allen Wahllokalen eine zusätzliche Urne steht. In diese Urne mag jeder seine Stimme geben, der einen eigenen, unabhängigen kurdischen Staat sehen möchte. Das meint Zirek, wenn er von "Wahlen für Kurdistan" spricht.
Kurdistan ist eine Realität seit Anfang der neunziger Jahre, seit nach dem ersten Golfkrieg eine Flugverbotszone die Kurden vor Saddams Rache schützte. Sie haben ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung, und wer sich in den Norden des Irak begibt, der erhält einen Stempel "Regierung von Kurdistan" in seinen Paß. Das einzige, was fehlt, ist der offizielle Status als Staat. Kurdistan ist eine autonome Region des Irak.
Ein weiteres Problem ist die ölreiche Gegend um die Kurdenmetropole Kirkuk. Unter Saddam wurden mehr als 100 000 Kurden von dort vertrieben, dafür wurden Araber angesiedelt. Die Drei-Völker-Stadt (Kurden, Araber, Turkomanen) ist seit Kriegsende Gegenstand eines erbitterten Tauziehens ihrer drei Volksgruppen und der Mächte, die sie von außen unterstützen. Im Falle der Turkomanen ist es die Türkei, die USA unterstützen die Kurden, und die Araber - nun, sie haben Pech, denn Bagdad hat dem kurdischen Druck nachgegeben Die vertriebenen Kurden dürfen wählen, die Araber werden die Stadt verlassen müssen. Folglich werden sie die Wahlen boykottieren. Zuvor hatten die Kurden mit Boykott gedroht.
Die Wahl in Kirkuk, es geht um den Stadtrat und das Regionalparlament, wird von den Kurden als historisch empfunden, als Wendepunkt der kurdischen Geschichte. Sie waren bereit, zu den Waffen zu greifen, wenn Bagdad nicht eingelenkt hätte. Nun wird die Beteiligung der Vertriebenen den Kurden die Macht in Kirkuk geben und die Stadt als kurdisch etablieren. Viele Beobachter erwarten nach der Wahl einen aggressiven Vorstoß der Kurdenparteien, Kirkuk in das kurdische autonome Gebiet einzugliedern.
Diplomatisch fliegen jetzt schon die Fetzen. Der türkische Außenminister Abdullah Gül hat UN-Generalsekretär Kofi Annan gestern einen Brief geschrieben, in dem er die Wahlen in Kirkuk als "in Widerspruch zu internationalem Recht" bezeichnet. Im Klartext: Ankara wird das Wahlergebnis womöglich nicht anerkennen. Die Kurden warnen, türkische Agenten würden die Turkomanen für einen Aufstand bewaffnen. Ankara und die Turkomanen behaupten, die Kurden würden nicht nur die Vertriebenen, sondern alle möglichen Leute in Kirkuk als Wähler registrieren. Rund 100 000 Rückkehrer lagern in Zelten in und um die Stadt herum; gestern, zwei Tage vor Ende der Registrierungsfrist (die die Kurden verlängern wollen), waren mehr als 70 000 registriert. Als wahlberechtigt gelten nicht nur Vertriebene, sondern jeder, der sich als Familienangehöriger eines Vertriebenen ausweisen kann. Die kurdische Mobilisierung in Kirkuk ist kolossal - mehr als tausend Kurden sind aus dem Ausland angereist, um in Kirkuk zu wählen.
http://www.welt.de/data/2005/01/27/429350.html