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Yasar Kemal

Friedensmanifest

Vorgetragen auf der Konferenz „Die Türkei sucht ihren Frieden“ am 3. und 4. Januar 2007 in Ankara

„[...] Das zwanzigste Jahrhundert war ein Jahrhundert, in dem Ereignisse stattfanden, die der Menschheit nicht zu Gesicht gestanden haben. Zwei blutige Weltkriege sind in diesem Jahrhundert ausgebrochen, große Völkermorde wurden in diesem Jahrhundert begangen. Wir haben ein schreckliches Jahrhundert hinter uns gelassen.

Die Menschen, die nach dem ersten Weltkrieg zurückblieben, waren nicht mehr die gleichen wie vor dem Krieg. Sie waren Ängsten ausgeliefert, hatten kein Selbstvertrauen mehr, waren hoffnungslos und hatten ihre Kreativität und ihre Persönlichkeit verloren... Die Lage nach dem zweiten Weltkrieg war noch schlimmer. Und der dritte Weltkrieg, also der Kalte Krieg [...]. Wir können nicht sagen, dass die Menschheit sich komplett von den Zerstörungen dieser Kriege befreit hat. Und das Warten auf einen Atomkrieg, der die Welt in einen Feuerball verwandelt... Darauf warten, wann der Krieg ausbricht, ist wie das Warten auf den Tod.

Jetzt werden Sie fragen, ob sich alles Schlechte auf falsche Kriege schieben lässt. Natürlich mache ich nicht nur den Krieg für alles verantwortlich, was die Menschen unglücklich macht. Aber das meiste Unglück resultiert aus dem Krieg... Kriege sind ein Todesbefehl für die Menschen. Kriege sind der Tod für die Erde, auf der wir leben, für die Natur.

Wir haben voller Ängste und Schmerz ein Jahrhundert hinter uns gelassen [...], aber in diesem Jahrhundert haben auch Dinge stattgefunden, die der Menschheit Ehre machen, die die Gesichter der Menschen aufhellen. Die Menschheit kann sich auch loben für Dinge, die sie getan hat.

Europa versucht zunehmend, sich von den Auswirkungen der drei großen Kriege zu befreien, und das wird gelingen. So große Anstrengungen werden nicht leer verlaufen. Die Europäische Union wurde nicht umsonst gegründet. Sie wurde für einen unsterblichen Frieden gegründet, für eine gegenseitige Beeinflussung der Kulturen. Für eine glückliche Welt ohne Kriege. Um Wege zum Frieden, zur Schönheit, zur Achtung der Menschenwürde zu ebnen, damit Menschen keine Menschen mehr erniedrigen und ausbeuten.

Bei meinen Worten handelt es sich nicht um Wunschdenken. Der Hauptgrund für die Gründung der Europäischen Union ist der Frieden. [...] Auf diese Hoffnung setzte die Gemeinschaft Europas. Denn sie hatte drei schreckliche Kriege erlebt, die die gesamte Menschheit hätten auslöschen können. [...]

Kommen wir jetzt zu unserem ‚Krieg light’, wie die seit 25 Jahren andauernden Auseinandersetzungen niedriger Intensität auch genannt werden. Obwohl mehrere Male ein Waffenstillstand ausgerufen wurde, hört dieser unser Krieg einfach nicht auf. Wie und warum findet er kein Ende? Hierfür muss es einen unbekannten Grund geben. Der erste Weltkrieg hat vier Jahre gedauert, der zweite sechs Jahre. Wie lange unser 25-jähriger Krieg noch andauert, ist ungewiss.

Unserem Land ist durch diesen Krieg großer Schaden entstanden. Von denen, die im Krieg kämpfen, sind 30.000 Menschen gestorben. Die Anzahl der zivilen Krieger, die Dorfschützer genannt werden, belastet mit über 70.000 das Gewissen unseres Landes. Die meisten Häuser in 5000 Dörfern wurden niedergebrannt. Die Bewohner verloren sich in anderen Teilen des Landes. Ein Teil von ihnen ist unter Hunger und Armut zusammen gebrochen. ‚Morde unbekannter Täter’ wurden zum normalen Teil des Krieges. Prominente Kurden wurden auserwählt und fielen Morden unbekannter Täter zum Opfer. Ein Teil der staatlichen Institutionen wurde korrumpiert. Hätte es schlimmer sein können, wenn wir in den zweiten Weltkrieg eingetreten wären?

Dieser Krieg hat der Türkei das Rückgrat gebrochen. Wir sind zu einem Land geworden, das gegen die eigene Bevölkerung kämpft. Vor den Augen der Welt verschlechtert sich unsere Lage zunehmend. Unter keinen Umständen wird uns Recht gegeben.

Die Welt verfolgt unsere Lage ebenso sehr wie wir selbst. Wir haben die Guerilla Terroristen genannt und davon Hoffnung erwartet (dass alle daran glauben, sie sind Terroristen, A.d.V.).Begriffe können sich jederzeit und unter allen Umständen verändern und eines Tages unbrauchbar werden. Am Anfang waren die Gründe dafür, in die Berge zu gehen, weitgehend unbekannt. Man dachte, es handele sich mehr um ein Abenteuer. Wer in die Berge ging, hatte zuvor studiert, einige hatten ihr Studium bereits beendet. Fast alle, die in die Berge gingen, konnten lesen und schreiben. Die europäischen Medien maßen dem keine Wichtigkeit bei. Heutzutage dagegen wissen die weltweiten Medien alles über uns. Ein Krieg, der vor den Augen der Welt fortgesetzt wird, ist ein Krieg, der das Land verrotten lässt.

Und es heißt, dass 100 Milliarden Dollar in diesen Krieg gesteckt wurden. Sie können sagen, was sie wollen, diese Zahl ist nicht richtig. Es wurde noch viel mehr Geld verbraucht. Und die anderen Verluste? Unter dieser Bürde kann das Land nicht wieder aufstehen.

Wenn man nach dem Hauptgrund für die Entstehung der großen Zivilisationen fragt, wird deutlich, dass die Gegenden, in denen sie aufgeblüht sind, die fruchtbarsten und klimatisch gesehen die ergiebigsten waren. Zum Beispiel Ägypten, Westanatolien, Mesopotamien... Dazu gehören auch Ost- und Südanatolien. Sowohl West- als auch Ostanatolien sind die Wiege vieler Zivilisationen. Dass Ostanatolien die Wiege vieler Zivilisationen war, ist nicht ausreichend bekannt. Die Böden Ostanatoliens haben den Zivilisationen Mesopotamiens geholfen, so wie Euphrat und Tigris ...

Mesopotamien hat seinen Namen von diesen beiden Flüssen erhalten. Diese Gegend war die Wiege vieler Zivilisationen wie die der Urartu und der Hurriter. Heute leben die Menschen dieser Gegend in Armut. Vor diesem Krieg waren die Menschen dieser Gegend trotz allem nicht so arm. Die Felder der Menschen, die in diesem Krieg vertrieben wurden, sind leer geblieben. Die Viehwirtschaft ist vorbei, die Gärten vertrocknet. Die Bienenkörbe sind leer. Die Dorfschützer haben alles, was in diesen Dörfern übrig geblieben ist, geraubt. Zwischen Dorfschützern und solchen, die keine Dorfschützer sind, ist eine irreparable Feindschaft entstanden. Auch in den Dörfern, deren Bewohner nicht vertrieben wurden, ist das Leben vergiftet.

Wie konnte eine ganze Gegend mit allem, was sie ausmacht, zur Armut verurteilt werden? [...] Unser Staat führt Krieg, die Bevölkerung wird vertrieben, die fruchtbaren Böden bleiben unbestellt... Die Vertriebenen wurden Hunger und Elend ausgesetzt, und ihre Kinder schickten sie unweigerlich in die Berge... Wie viele junge Menschen sind in die Berge gegangen, weiß die Regierung ihre Anzahl?

Und weiß der Staat, wie sehr diese Haltung der Türkei geschadet hat? Wissen unsere kriegsliebenden Nationalisten, welchen Schaden diese Gewalt, dieser Krieg der Türkei zugefügt hat? Weiß jemand, wie sehr wir uns mit diesem Krieg verausgabt haben, wie sehr wir uns mit jedem weiteren Tag verausgaben werden? Weiß jemand, wohin wir mit diesem Verlauf kommen?

Macht, was Ihr wollt, aber spielt nicht mit der Würde eines Menschen, eines Volkes! Diese Worte sind seit meiner Jugend Balsam für meine Zunge. Aber unsere Regierenden haben das Gegenteil getan. Es gibt nichts, was sie dem Volk nicht angetan hätten. [...]

In unserem Land gibt es Rassisten, die sich nationalistisch geben. Auch sie haben einen Satz, der für sie Balsam ist: Der Türkei hat keinen anderen Freund als den Türken. Etwas Schrecklicheres lässt sich nicht zu der Bevölkerung eines Landes sagen. Und zu den Kurden sollte man so etwas schon gar nicht sagen. Sie werden es übel nehmen. Ich sage folgendes zu den lieben nationalistischen Freunden, damit sie sich freuen und es ihnen besser geht: Türken haben noch andere Freunde als Türken. Nicht heimlich und verborgen. Seit Malazgirt (Im Jahr 1071 fand hier die Schlacht von Manzikert statt, in der die Seldschuken unter Alp Arslan das Byzantinische Reich besiegten NN) sind Kurden und Türken Freunde. Das hat bis zum Befreiungskrieg angedauert (Gemeint ist der Krieg gegen die alliierten Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg, die das osmanische Reich aufteilen NN.) Manche sagen, wenn die Kurden nicht gemeinsam mit den Türken im Befreiungskrieg gewesen wären, wäre dieser Krieg sehr viel schwerer gewesen.

Es war die große Intelligenz von Mustafa Kemal Pascha, die diese Schwierigkeit bewältigte. Warum machte er den Kongress nicht in Samsun, nachdem er dort angekommen war? Oder wenn das nicht passend war, weil es am Meeresufer liegt, warum nicht in Amasya oder in Ankara? Dieser große intelligente Mensch musste einen wichtigen Beweggrund dafür haben. In Erzurum war eine Armee, die unter dem Befehl des Armeeinspekteurs hätte stehen müssen. Kommandant der Armee war General Kazim Karabekir, er folgte dem Ruf des Armeeinspekteurs, sagte „Zu Befehl, mein General“, und ab da stand an der Seite des Armeeinspekteurs eine weitere Kraft: Das waren die Kurden.

In Erzurum kam als Vertreter der Kurden Haci Musa dazu. Mit ihm wurde eine schriftliche Vereinbarung getroffen, die verloren gegangen ist. [...]

Und dann gab es die Konferenz von Lausanne. Wenn die Kurden nicht auf die Türkei, sondern auf die Engländer gesetzt hätten, sähe ihre Lage heute wohl anders aus. Vor der sowjetischen Revolution hatte sich ein Teil der Kurden mit den russischen Kurden vereinigt. Doch die Mehrheit blieb bei den Osmanen. Wenn die Kurden sich nicht den Osmanen, sondern den russischen Kurden angeschlossen hätten, hätten die Sowjets später nicht einen Sowjetstaat daraus gemacht? Und wenn das so ist, warum haben sie soviel Leid und Einsamkeit akzeptiert? Wussten die Kurden nichts von der Welt? Wenn man die Politik dieses Staates betrachtet, könnte man sie als dumm bezeichnen.

Die Großen in unserem Staat und unsere Medienvertreter sagen, wenn die Kurden im Irak unabhängig werden, müssen wir das als Kriegsgrund betrachten. Warum? Was gehen Euch die Kurden im Irak an? Jeder soll glauben, was er will, ich wende mich an unsere nationalistischen Rassisten: Wenn wir einen Freund haben auf dieser Welt, dann sind es die irakischen Kurden im Süden, die auf den Ölquellen sitzen.

Ein solcher Freund hat den Wert vieler Freunde. [...] Die Kurden im Nordirak wollen keine Unabhängigkeit, weil diese nicht in ihrem Interesse liegt. Sie wollen aus ganzem Herzen eine Föderation. [...]

Einige Menschen, der Staat, die Medien, alle sagen sie, die Kurden werden die Türkei spalten. Vielleicht wissen sie irgendetwas, was sonst niemand weiß. Vielleicht wissen sie, dass diese Gewalt nicht aufhören wird, und wenn sie das nicht wissen, dann ist es das, was sie wollen. Vielleicht weiß auch niemand irgendetwas.

So sehr ein Krieg auch in niedriger Intensität stattfindet, es ist trotzdem Krieg. Auch wenn der Staat, der eine Fortdauer des Krieges befürwortet, sehr stark ist, so hat er trotzdem Verluste und Verschleiß. Wir sehen, dass die Macht, über die diejenigen verfügen, die diesen Krieg sinnlos fortsetzen, ihnen nicht viel nützt. Das Leid des Krieges ist in allen Herzen.

Die Kurden wollen Frieden. Wenn ihr Wunsch nicht von Herzen kommt und es sich lediglich um ein Manöver handelt, dann würde das schnell offensichtlich. Es gibt nationalistische Rassisten in unserem Land, die die Kurden diskriminieren. Sie haben die Freiheit, alles zu sagen. Aber sie haben keine Ahnung von der Welt und von den Menschen im Land. Obwohl unsere Bevölkerung sich nach Frieden sehnt, haben sie den Segen der Demokratie nicht erreicht. Wenn es so weiter geht, werden wir die Wohltat der Demokratie nicht erleben. In unserem Zeitalter ist es eine Ehre für ein Land, zur Demokratie zu kommen.

Vor vielen Jahren habe ich gesagt, dass Demokratie von der kurdischen Frage abhängt. Verbiete die Sprache von Millionen von Mitbürgern, verbiete Schulen, in denen die eigene Sprache gesprochen und geschrieben wird, verbiete auch Universitäten, die die eigene Sprache erforschen... Die Kurden sind aus Lausanne nicht als eine Minderheit hervorgegangen. Gut, dass sie keine Minderheit sind. Es ist fast nichts übrig, was den Kurden nicht verboten worden ist.

Wie könnten die Geschwister, die seit Malazgirt Geschwister sind, die im Befreiungskrieg gemeinsam für die Befreiung gekämpft haben, die sich gemeinsam über den Sieg gefreut haben, als Minderheit betrachtet werden? Die Kurden haben sich selbst niemals als eine Minderheit betrachtet. Auch wenn ihnen das Menschsein vorenthalten wurde, haben sie sich nicht als Minderheit betrachtet. Trotz Vertreibung und Erniedrigung, obwohl ihre Sprache als erfunden bezeichnet wurde, haben sie nie gesagt, dass sie eine Minderheit seien. Denn sie sind keine Minderheit, sie sind Geschwister. Das kann niemand ihnen nehmen. Dafür sprechen die letzten tausend Jahre.

Wenn die Verbote der letzten achtzig Jahre nicht wären, wenn nicht vergessen worden wäre, dass die Kurden Geschwister sind, wenn sie nicht mit Verboten erstickt worden wäre, würden wir heute nicht so reden. Das türkische Volk hat die Geschwisterlichkeit nicht vergessen. Gegen die Kurden wurde fürchterliche Propaganda gemacht. Sie wurden Opfer von Lynchmorden, und in der Verbannung wurden sie erneut in die Regionen vertrieben, aus denen sie gekommen waren. Es wurden große Anstrengungen unternommen, um einen Bürgerkrieg zu provozieren. Aber die Menschen, die hier gemeinsam leben, haben diese Provokationen nicht zugelassen. Das ist eine Haltung, die Anlass zur Freude und Hoffnung gibt. [...]

In unserem Zeitalter besteht ein Kulturproblem. Insbesondere in den letzten Jahren wird viel zu Kultur gearbeitet. [...] Es ist nicht umsonst, dass der Kultur zunehmend mehr Bedeutung beigemessen wird auf der Welt. Was den Menschen zum Menschen macht, ist die Kultur.

Die Welt ist ein Kulturgarten mit Tausenden Blumen. Jede Blume hat eine eigene Farbe, einen eigenen Geruch. Die Menschheit müsste vor jeder Kultur zittern. Es gibt Tausende Kulturblumen, wenn wir eine davon pflücken, verliert die Menschheit einen Geruch, eine Farbe.

Bis zum Imperialismus haben die Kulturen sich gegenseitig genährt, ebenso die Zivilisationen. Es gibt keine Kultur und keine Zivilisation auf dieser Welt, die sich allein entwickelt hat.

Eine Reihe von Personen, die sich selbst zu den Wissenschaftlern und Intellektuellen dieses Landes zählen, zerreißt sich förmlich, um zu beweisen, dass eine Multikultur nicht möglich ist - und das in Anatolien, der Wiege großer Kulturen. Für diese Menschen zu sprechen, steht uns nicht zu.

Der Imperialismus hat von der Renaissance als Erbe zwei Begriffe übernommen: „Primitive und überlegene Menschen“. Und die Imperialisten haben sich selbst als berechtigt gesehen, den primitiven Menschen Kultur und Zivilisation zu bringen.

Wenn wir eine wirkliche Demokratie nach Anatolien bringen wollen, dann werden die Kulturen Anatoliens sich wieder gegenseitig nähren und Anatolien wird wie in früheren Zeiten einen reichen Beitrag zu Menschheitskultur leisten.

Wenn sich die Menschen eines Landes dafür entscheiden, menschenwürdig zu leben, wenn sie das Glück und die Schönheit wählen, dann geht das zunächst über die universellen Menschenrechte und dann über die universelle, grenzenlose Gedankenfreiheit. Die Menschen der Länder, die sich dagegen stellen, werden im 21. Jahrhundert als Menschen leben, die ihre Würde verloren haben und nicht in das Gesicht der Menschheit schauen können.

Wir haben es in der Hand, die Ehre, das Brot und den kulturellen Reichtum unseres Landes zu schützen.

Entweder eine wahre Demokratie oder nichts...“

Ankara, 13. Januar 2007
Übersetzung: ISKU, Quelle: ANF, 13.01.2007

Publiziert am: Donnerstag, 29. Dezember 2011 (5967 mal gelesen)
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