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Slémani Zindi

Kurdische Mythen und Märchen

Es war einmal ein armer Mann. Was war sein Beruf? Er erhob sich täglich beim Morgengrauen und ging ein Bündel Holz auf dem Berge suchen; das verkaufte er. Von dem Gold, das er so verdiente, lebte er mit seiner Frau.

Eines Tages dachte er:“ Heute werde ich weit gehen, um ein Bündel gutes Holz heimzutragen.“ Er überquerte die Steppe und wanderte bis zum Abend. Am nächsten Morgen nahm er den Weg wieder auf. So ging es zwei Tage lang; schließlich gelangte er an einen Ort, an dem sich keine menschliche Seele befand. Das Holz, das man hier fand, war alt und trocken. Unser Mann sagte sich:“ Dieser Ort ist sicher nicht ganz verlassen.“


Er hatte großen Hunger. Er prüfte die Umgebung und entdeckte auf dem Gipfel des Gebirges eine tiefe Klamm, aus der sich eine dünne Rauchsäule erhob. Er sagt sich:“ Zweifellos ist dies der Rauch eines Feuers, das Schäfer angezündet haben, oder aber Diebe und Räuber. Ich bin ein armer Mann, niemand wird mich töten. Ich werde die aufsuchen, die das Feuer entzündet haben, und sehen, ob sie mir nicht ein wenig Brot zu essen geben werden.“

Er machte sich auf den Weg. Als er sich näherte, sah er, dass der Rauch, aus der Mündung einer Höhle kam. Er trat ein und bemerkte ein Ungeheuer, das neben einem Herde schlief, auf dem Kochtopf mit Bärenfleisch, Wolfsfleisch und dem Fleisch anderer Tiere kochte. Da das Ungeheuer schlief, suchte er sich ein wenig Fleisch aus dem Topf und sättigte sich. Dann stand er auf.

Im Innern der Grotte gab es fünf Zimmer. Er suchte die Schlüssel dazu; da er sie nicht fand, durchsuchte er das Ungeheuer, aber ohne Erfolg. Schließlich sah er, dass sie in dem Bart desselben versteck waren. Er nahm sie und öffnete die Räume. In einem waren fünf Säcke mit Gold nebeneinander aufgestellt. Er füllte seinen Bettelsack, steckte die Schlüssel wieder in den Bart des Ungeheuers und lud seine Last auf seine Schultern. Er nahm auch ein wenig Holz auf seinen Rücken und wandte sich heimwärts. Als er inmitten seines Dorfes angekommen war, versammelten sich die Leute um ihn und prüften das Holz, das er heimbrachte. Sie sahen, dass es ausgezeichnet war und dass es in nichts dem glich, was man auf ihrem Berg fand. Sie sprachen :“Verkauf uns dieses Holz.“

„Freunde, ich verkaufe heute kein Holz“, erwiderte er. Er ging davon, trat in seine Hütte und schloss die Tür.Seine Frau sprach zu ihm:“ Elender, nun warst du drei Tage fort- wo warst du?“

„Frau, stelle mir keine Fragen. Ich habe einen Schatz gefunden; sieh her, ich habe meinen Sack mit Goldstücken gefüllt. Ich werde dir nun jeden Tag einen solchen Sack holen gehen.“

„Möge ich für dich geopfert werden!“

Aber lassen wir den armen Mann und begeben uns wieder zu dem Ungeheuer. Dieses Monstrum hatte sieben Söhne. Kein Krieger war ihnen vergleichbar: sie fingen die Vögel, die im Himmel fliegen, mit der Hand und beschnitten ihre Flügel. Sie jagten vom Morgen bis zum Abend und kehrten bei einbrechender Nacht in ihre Höhle zurück.

An diesem Abend kamen sie wie gewöhnlich heim. Als sie noch etwa eine Stunde von ihrem Bau entfernt waren, sprachen sie zueinander: „Heute riecht es bei uns nach einem mit Muttermilch aufgezogenen Menschen.“ Bei ihrer Ankunft fanden sie ihren Vater immer noch schlafend. Sie sprachen zu ihm: „Vater!“

„Was gibt’s?“

„Heute riecht es in unserer Höhle nach einem mit Muttermilch aufgezogenen Menschen!“

Der Menschenfresser wurde zornig:“ Seit heute früh bis zu eurer Rückkehr habe ich kein Auge geschlossen, wie hätten Menschen hereinkommen können?“

Die Söhne öffneten die Zimmer und sahen, dass ihr Gold weniger geworden war. Sie sprachen zu ihrem Vater: „Vater, man hat unser Geld weggetragen!“

Am nächsten Tag blieb der jüngste Sohn des Ungeheuers zu Hause und verbarg sich; seine Brüder sagten zu ihm: „Sieh wohl hin! Wenn dieser Mensch kommt, isst und davongeht, sage ihm nichts, aber wenn du siehst, dass er gekommen ist, um zu stehlen, töte ihn.“ Er versteckte sich.

Aber kehren wir zu dem armen Mann zurück! Er erhob sich sehr zeitig am Morgen, nahm seinen Bettelsack, befestigte ihn auf seinem Rücken und machte sich ganz fröhlich auf den Weg. Bei der Höhle angekommen, näherte er sich dem Ungeheuer, das schlief. Er nahm die Schlüssel aus seinem Bart und ging geradewegs auf die Tür des Raumes zu, in welchem sich das Gold befand. Er trat ein und füllte seinen Sack. Al er noch damit beschäftigt war, packte ihn der Sohn des Ungeheuers bei der Hand und sprach zu ihm:“ Mein Freund, was tust du hier?“

Der arme Mann hatte große Angst. Die Zunge blieb ihm stumm im Munde, er war unfähig zu sprechen. Der Sohn des Ungeheuers schlug ihn mit einem Stein in den Nacken und tötete ihn. Den Leichnam war er in den Höhleneingang.

Nun lasst uns wieder die Frau des Unglücklichen aufsuchen. Sie war schwanger. Nach neun Monaten gebar sie einen Sohn, den sie Slémani Zindi nannte; dies ist der Held unserer Geschichte. Er wuchs heran und nahm an Alter zu; er war bald acht Jahre alt und trat in sein neuntes Lebensjahr. Nun hatte er als Nachbarn den Sohn einer alten Frau. Eines Tages spielten die beiden Kinder Hockey. Der Stab des Sohnes der Alten traf Sléman am Bein. Sléman packte das Ohr seines Kameraden und riss es aus. Der andere lief heim. Als sie ihren Sohn von Blut rot sah, fragte die Alte: „Mein Sohn, wer hat dir das getan?“

„Mutter, wahrlich, es war Sléman.“

Die Alte suchte Sléman auf und sagte:“ Dein Vater ist fort gegangen, und niemand weiß, wer ihn getötet hat. Inzwischen bist du stark genug geworden, um meinem Sohn das Ohr auszureißen. Wenn du ein Mann bist, gehe den Vater rächen!“

Sléman erwiderte nichts; er ging mit traurigem Herzen heim. Zu hause sagte er zu seiner Mutter: „ Du wirst mir sagen, wer der Mörder meines Vaters ist.“

Die Mutter Slémanis erwiderte:“ Mein Sohn, dein Vater war ein armer Mann; er besaß nichts. Er ging jeden Tag ein Bündel Holz suchen, das er für vier Piaster verkaufte, das erlaubte uns zu leben. Einmal ging er los und blieb zwei Tage fort; am übernächsten Abend sag ich ihn zurückkommen, mit einem Bündel beladen. Es hatte noch niemand ein Holz mitgebracht, das diesem vergleichbar war, so alt und so gut. Die Dorfbewohner folgten ihm, in dem sie sagten:“ Verkaufe uns dieses Holz.“ –„Nicht heute“, antwortete dein Vater. Er trat ein, schloß die Tür und legte sein Bündel nieder. Ich sah, dass er seinen Bettelsack mit Goldstücken gefüllt hatte. Ich fragte ihn:“ Woher hast du dieses Gold?“ – „Ich habe einen Schatz gefunden“, sagte er.“ Ich werde dir alle Tage einen Sack voll Gold holen gehen.“ Am nächsten Morgen nahm er seinen Sack und seine Axt und wandte sich der Wüste zu. Er ist niemals wieder gekommen.“

Sléman sagte:“ Ich schwöre, dass ich keine andere Waffen tragen werde, als eine Axt. Da mein Vater mit der Axt arbeitete, ist es die, mit der ich den Rittern und Helden die Stirn bieten werde.“

Er ging zum Schmied:“ Schmied, wie viel nimmst du, um eine Axt zu machen?“

„Vier Medschidiyes“.

„ Hier sind zwanzig, mache mir eine Axt ganz aus Stahl, die den Kopf eines Kamels spalten kann.“

Der Schmied machte ihm eine Axt und einen guten Stil daran. Er nahm seine Axt und ging nach Hause. Er sagte zu seiner Mutter: „Mutter, ich gehe meinen Vater rächen.“

Die Mutter Slémans erwiderte weinend:“ Du bist ein Kind und allein; ich fürchte, man wird dich töten, der Schmerz wird meine Eingeweide verbrennen. Ich beschwöre dich im Namen Gottes, geh nicht fort!“

„Muttrer, wahrlich, ich gehe, selbst wenn ich wüsste, dass man mich gleich töten wird.“

Er machte sich auf den Weg, und seine Mutter weinte viel nach seiner Abreise. Sléman wanderte dahin. Er kam zu dem Berg, von dem sein Vater das Holz heimgeholt hatte. Plötzlich bemerkte er eine tiefe Klamm, aus der eine dünne Rauchsäule aufstieg. Er ging auf sie zu und sah, dass der Rauch aus einer Höhle kam. Er trat ein und fand ein Ungeheuer, das schlief. Er ließ es schlafen. Beim Herausgehen stieß er auf die Gebeine seines Vaters, die auf der Schwelle der Grotte liegen geblieben waren. Er dachte nach und sagte sich:“ Ich werde hier bleiben; wenn das Ungeheuer Kinder hat, werden sie gegen Abend heimkehren. Ich werde mit ihnen kämpfen. Entweder werden sie mich töten, und der Kummer wird die Eingeweide meiner Mutter verbrennen, oder ich werde es sein, der sie tötet. Dann werde ich ihren Vater gefangen nehmen.“

Sléman setzte sich an den Eingang der Höhle und schlug seine Axt in den Boden. Gegen Abend bemerkte er sieben Ritter, welche hintereinander anmarschierten, der Älteste voran. Bei unserem Helden angekommen, riefen sie ihm zu:“ Freund, ist dieser Ort ohne Besitzer, das du dich dort niederlässt? Welches Recht hast du auf dein Leben? Du hast dich unserer Gnade ausgeliefert. Hast du denn noch nicht von uns reden hören?“
Sléman erwiderte:“ Kerle, tut nicht groß! Es steht einem Mann nicht an zu prahlen. Ich werde euch einen nach dem andern töten, ich, Slémani Zindi, ich!“

Der Älteste ging vor, um sich mit Slémani zu schlagen. Er schleuderte seine Keule und ließ ihn in einer Wolke zu Staub verschwinden. Nach einer halben Stunden sagte er:“ Vielleicht habe ich ihn getötet.“

Daraufhin kam Sléman aus dem Staube hervor:“ Bin nicht diesmal ich an der Reihe?“

Der andere erwiderte:“ Ja.“

Sléman erhob sich auf das linke Bein, schwang seine Axt und versetzte ihm einen Schlag auf den Kopf. Er enthauptete ihn. Nun waren seine Gegner nur noch zu sechst.

Der zweite sprach:“ Du hast meinen Bruder getötet, jetzt ist die Reihe zu schlagen an mir.“ Er versetzte Sléman einen Schlag und ließ ihn in einer Staubwolke verschwinden. Der Held ging aus einer Staubwolke heraus, ging vor und tötete ihn auch .Blieben fünf Brüder.

Der dritte sagte:“ Du hast meine zwei älteren Brüder getötet, jetzt bin ich an der Reihe!“ Er ergriff seine Keule, schwang sie, schlug zu und ließ Sléman im Staube verschwinden. Nach einer Stunde erhob sich Sléman wieder, öffnete die Augen und sprach: „ Jetzt st es an mit!“

Er hob seine Axt, ergriff den Sohn des Ungeheuers bei der Hand und versetzte ihm einen Schlag mitten auf den Kopf, der ihn bis zwischen die Schultern spaltete. Er tötete ihn auch.

Blieben nur noch vier Söhne des Ungeheuers.

Der folgende näherte sich, um mit dem Helden zu kämpfen, er schlug ihn, aber ohne ihm einen Schaden zuzufügen. Sléman trat vor, ergriff ihn bei der Hand, zog ihn zu sich und schlug ihn mit einem einzigen Schlag in zwei Teile.

Nun blieben nur noch drei Söhne des Ungeheuers übrig. Als sie sahen, dass Sléman ihre Brüder getötet hatte, bekamen sie Angst und ergriffen die Flucht. Der Held machte sich auf zu ihrer Verflgung und schlug sie alle nieder. Dann kehrte er zu der Höhle zurück.

Der Menschenfresser schlief noch immer. Er stieß ihn mit dem Fuß an und sagte: „Auf, großes altes Ungeheuer! Hier steht Slémani Zindi, der deine sieben Söhne getötet hat!“ Er nahm das Ungeheuer beim Arm. In der Höhle war eine tiefe Grube, wie ein Brunnen. Sléman führte seinen Gefangenen dorthin und stieß ihn in das Loch. Dann ging er einen großen Stein suchen, mit dem er die Öffnung verstopfte.

Heimgekehrt sprach er zu seiner Mutter:“ Mutter, ich habe die sieben Söhne des Ungeheuers getötet. Erhebe dich, wir werden uns in jener Höhle einrichten. Das Gebirge, das sie umgibt, ist sehr schön: ich werde dort jagen gehen, und du wirst für uns kochen. Wir werden von nun an dort wohnen.“

Sléman ließ seine Mutter aufs Pferd steigen, und um Mitternacht zogen sie nach der Höhle los. Der Held setzte die Alte in die Grotte und sagte:“ Mutter, wenn du schmutziges Wasser weggießen willst, schütte es da hinein.“

Die Mutter Slémans wusste nicht, dass der Stein, den ihr Sohn ihr zeigte, die Öffnung des Brunnens verbarg, in dem das Ungeheuer lag. Sie schüttete regelmäßig das Schmutzwasser hinein. Als sie eines Tages wieder das Wasser ausschütten wollte, hörte sie eine schwache Klage, die aus den Eingeweiden der Erde kam. Sie spitzte die Ohren und sagte sich:“ Mein Gott, wer seufzt so? Ist es ein Mensch, oder ist es ein Geist? Was für eine Art Tier könnte es sein?“ Sie hob den Stein auf und schaute in das Innere des Brunnens und sag das Ungeheuer. Sie rief: „ Wer bist du?“

„Ich bin das Ungeheuer! Ich hatte sieben Söhne. Ein gewisser Slémani Zindi hat sie getötet und mich gefangen genommen. Er hat mich gefesselt und mich in diese Grube geworfen“

„Mein Kleiner, ich werde dich herausholen, und du wirst mein Liebhaber sein.“

Das Ungeheuer fürchtete sich und sagte:“ Gute Frau, wenn du mich töten willst, lass einen Stein auf mich herunterfallen; wenn nicht, warum verspottest du mich?“

Er glaubte der Mutter Slémans nicht, bis sie geschworen hatte;“ Ich werde dich heraufholen, ich werde dir den Kopf waschen, ich werde dich anziehen und ich werde dich „Schwarzer ,vom Grunde des Vorratskellers“ nennen. Wenn Slèman auf die Jagd geht, werde ich dich rufen:“ Schwarzer vom Grunde des Vorratskellers, geh auf den Grund des Kellers!“

Das Ungeheuer glaubte ihr und erwiderte:“ Wahrlich, liebe Herrin, nach deinem Belieben!“

Die Frau zog ihn aus dem Brunnen und führte ihn in die Höhle. Dann bereitete sie ihm eine gute Mahlzeit und setzte sie ihm vor; er sättigte sich. Sie wusch ihm den Kopf und bekleidete ihn mit einem schönen Gewand. Am Abend, als sie den Hufschlag des Pferdes Slémans hörte, sprach sie zu ihrem Freund:“ Schwarzer vom Grunde des Vorratskellers, auf, geh auf den Grund des Kellers; da kommt Sléman!“

Sléman kam heim,aß und schließ bis zum Morgen, dann stieg er wieder in den Sattel, um in der Steppe zu jagen. Zehn Tage gingen dahin. Das Ungeheuer war wütend auf Sléman; es sagte:“ Herrgott, was für einen Streich können wir ihm spielen?“

Eines Tages setzte es sich neben seine Herrin und sagte:“ Sléman liebt dich sehr. Du wirst einen Brotfladen trocknen und unter den Arm nehmen; wenn dein Sohn heimkommt, wirst du dich auf die Seite drehen: dann wird das Brot zerbrechen. Darauf wird er dich fragen:“ Mutter, was ist denn da zerbrochen?“ Antworte ihm:“ Mein Sohn, das sind meine Rippen.“ -

„Welches Heilmittel kann dich kurieren?“ wird er fragen. Du wirst ihm antworten: “Geh mir ein paar Wassermelonen aus dem Garten der Geister besorgen, sonst werde ich sterben“. Er wird ausziehen, und der Rote Geist wird ihn töten. Er wird niemals wiederkommen. Dann können wir uns immerfort amüsieren.“

Die Mutter Slémans ließ Brot trocknen und steckte es unter ihre Achsel. Als Sléma am Abend heim kam, spielte sie die Kranke und fing zu seufzen an. Sléman fragte sie:“ Mutter, wo tut es dir weh?“ Sie drehte sich auf die Seite, und das Brot zerbrach. Sléman sprach zu ich: „Mutter, was ist dir passiert?“

„Mein Sohn, meine Rippen sind zerbrochen.“

Einige Tage gingen dahin, die Alte kam nicht unter ihren Decken hervor. Schließlich sagte Sléman zu ihr: „Mutter, wir müssen uns nach einem Heilmittel für dich erkundigen.“

„Mein Sohn, wenn man mir Wassermelonen aus dem Garten der Geister brächte und ich sie äße, würde ich gesund.“

„Mutter, ich werde gehen und dir welche besorgen; bereite mir Brot für zehn Tage, ich reise ab.“

Die Mutter Slémans machte Brot für Tage. Der Held küsste ihr die Hand, stieg zu Pferde und machte sich auf den Weg. Eines Tages erreichte er eine Ebene, in der er inmitten eines Gartens ein sehr schönes Schloß bemerkte. Sléman war sehr müde. Er stieg ab, führte sein Pferd in den Obstgarten und ließ es frei. Dann legte er sich nieder, hüllte sich in seinen Pelzrock und schlief ein.

Nun war dies der Garten des Roten Geistes. Dieser hatte eine Tochter, die man Herdemxan nannte. Als deren Dienerin sah, dass ein junger Mann sich auf ihrem Besitz zum Schlafen niedergelegt hatte, rief sie ihre Herrin und sagte:“ Herrin, komm diesen jungen Mann bewundern, er ist sehr schön. Aber man sieht, dass er ein Fremder ist, der nicht weiß, das dieser Garten deinem Vater gehört. Wenn der Rote Geist zurückkommt und ihn dort findet, wird er ihn töten. Das wäre sehr schade!“

Die Tochter des Roten Geistes nahm ihr Fernglas und betrachtete den Reisenden. Sei verliebte sich über alle Maßen in ihn. Sie sagte zu ihrer Diener:“ Mein Kind, sage diesem Knaben:“ Die Tochter der Roten Geistes grüßt dich; sie hat erklärt: möge dieser junge Mann nehmen, was er will, und fortgehen vor der Heimkehr meines Vaters, denn der wird ihn töten.“

Die Dienerin suchte Sléman auf, schüttelte ihn und sagte:“ Erhebe dich, mein Freund. Meine Herrin lässt dich grüßen, sie lässt dir sagen:“ Möge dieser junge Mann nehmen, was er will, und abreisen, bevor mein Vater von der Jagd heimkehrt, denn der wird ihn töten!“

Da öffnete Sléman die Augen und sagte:“ Mädchen, ich weiß nicht, wem dieser Garten gehört.“

„Er gehört dem Roten Geist.“

„Wohin ist der Rote Geist heute hingegangen?“

„Heute ist er nach Sonnenaufgang gegangen.“

Sléman wandte sich in Richtung des Untergangs, aber machte absichtlich eine Wendung und nahm den Weg nach Osten. Er setzte sich dort hin, um den Roten Geist zu erwarten. Gegen Abend sah er eine Staubwolke sich auf dem Weg des Roten Geistes erheben. Er war es, der heimkehrte. Als er einen Menschen vor sich sitzen sah, rief er:“ O du Sperling unter dem Mais, aus dir werde ich einen Mundvoll Kitt machen und ihn auf meine Zähne pappen.“

Sléman erwiderte:“ O Roter Geist, ich bin Sléman Zindi. Ich bin es, der die Helden tötet und ihre Schlösser ohne Besitzer lässt! Ich bin es, der den Leuten den Becher des Todes an die Lippen setzt – ich! Heute bin ich gekommen, um mich mit dir zu schlagen. Bereite dich, ich will nicht, dass du sagst:“ Sléman hat mich heimtückisch überfallen.“ Aufgepasst! Entweder wirst du mich töten und meine Mutter ohne Ernährer in der Höhle des Ungeheuers lassen, oder ich werde dich töten und deine Tochter entführen.“ Der Rote Geist stieß ein Wutgeheul aus. Er hob einen ungeheueren Stein auf und warf ihn auf Sléman, der ihn im Staube verschwinden ließ. Dort, wo er herabstürzte, machte er in den Felsen ein Loch, so tief wie ein Schacht. Indessen wurde der Held nicht getroffen. Er kam aus dem Staub heraus, näherte sich dem Geist und sagte:“ Bin ich diesmal an der Reihe?“

„Ja, schlag zu.“

Sléman erhob sich auf ein Bein und schlug seine Axt auf den Nacken des Riesen. Der sprach:“ O Sléman, gib mir den Gnadenstoß´.“

„Roter Geist, ich schlage nie ein zweites Mal auf Ritter und Tapfere.“

Als er diese Worte hörte, starb der Geist vor Wut. Sléman schnitt ihm Nase und Ohren ab und tat sie in seine Tasche und ging davon, ein paar Wassermelonen zu pflücken. Beim Untergang der Sonne stieg die Tochter des Roten Geistes auf ihre Terrasse, da sah sie den Ritter, der im Garten geschlafen hatte. Er band sein Pferd vor dem Schloß an und kam herauf. Er ward die Nase und die Ohren des Riesen vor Herdemxan. Sie sagte zu ihm: „ Tritt ein, mein lieber Ritter, setzen wir uns.“ Sie setzten sich Seite an Seite und amüsierten sich mit einander bis zum Augenblick des Schlafengehens.

Dann bereitete Herdemxan ihr Lagen und das Slémans im gleichen Bett. Bevor sie sich ausstreckten, zog der Held seine Axt hervor und legte sie zwischen sich und das junge Mädchen. Am nächsten Morgen fragte sie ihn weinden:“ O Sléman, warum hast du das getan?“ Er erwiderte:“ Liebes Fräulein, ich habe eine Sorge auf dem Herzen und habe geschworen, mich nicht zu vermählen, ehre ich nicht davon befreit bin.“

„Was macht dir denn solche Sorge, o Sléman Zindi?“

„Meine Mutter ist krank, sehr krank; ich muss ihr einige Wassermelonen bringen. Möge ich sie noch lebend antreffen!“ Er nahm Abschied von der Tochter des Roten Geistes und machte sich auf den Weg, um wieder zu seiner Höhle zu gelangen. Als er sich näherte, hörte seine Mutter den Hufschlag seines Pferdes; sie sagte:“ Schwarzer vom Grunde des Vorratskellers, da kommt Sléman!“

„Sléman ist tot, und zwar schon lange! Du sprichst noch von ihm?“

„Ich wiederhole: erhebe dich und geh auf den Grund des Kellers, denn hier kommt Sléman!“

Im gleichen Augenblick erschien Sléman auch schon am Eingang der Höhle, er rief:“Mutter!“

„Möge deine Mutter dir als Lösegeld dienen! Du bist zurück, Sléman?“

„Ja, da bin ich zurück – wie geht es dir, Mutter?“

Seine Mutter begann zu seufzen und sagte:“ Wenn du die Wassermelonen bringst, werde ich genesen, andernfalls sterbe ich!“„ Mutter, hier sind sie, ich habe sie für dich im Garten der Geister gepflückt!“ Sie sah ,dass er seine Jagdtasche auf die Erde stellte, sie war voller Wassermelonen. Er schnitt eine auf, sie aß davon. Am nächsten Tag hatte Sléman Lust zu jagen; er ritt in die Wüste. Darauf rief die Alte:“ Schwarzer von Grund des Vorratskellers, komm, wir wollen die Wassermelonen essen.“

Sie vergnügten sich miteinander, dann schmiedeten sie einen neuen Plan. Die Alte fragte:“ Wie können wir Sléman töten?“ „ Stelle dich wieder krank; wenn er heimkommt, komme nicht aus deinen Decken hervor. Er wird dich fragen:“ Mutter, wo tut es dir weh?“ Du wirst ihm antworten:“ Mein Sohn, ich habe Rheumatismus.“ „ Was ist das Heilmittel dagegen“, wird er fragen. Sage ihm:“ Das Heilmittel?“ Bringe mir die Milch einer Löwin, im Fell eines Löwen, auf dem Rücken eines Löwen, dann werde ich genesen, andernfalls sterbe ich.“ Sléman liebt dich sehr, er wird den Berg der Löwen besteigen. Die Bestien werden ihn in Stücke zerreißen, und wir sind ihn los.“

Am Abend, als Sléman von der Jagd heimkehrte, erhob sich die Mutter nicht vom Bett. Sie verbrachte die ganze Nacht mit Seufzen. So ging es zwei Tage, drei Tage. Schließlich sagte Sléman zu ihr:“ Mutter, was ist mit dir geschehen?“ Sie erwiderte:“ Mein Sohn, ich habe Rheumatismus.“„Nun, was ist das Heilmittel dagegen?“ „Mein Sohn, das Heilmittel ist die Milch einer Löwin, im Fell eines Löwen, auf dem Rücken eines Löwen: wenn du mir diese bringen könntest und ich mich damit einriebe und ein wenig davon tränke, würde ich gesund werden. Andernfalls sterbe ich.“ Sléman sprach zu seiner Mutter:“ Mutter, bereite mir Brot für einen Monat, ich werde ausziehen und dir diese Milch beschaffen.“

Die Mutter Slémans erhob sich und backte Brot für einen Monat; er verstaute den Vorrat in seiner Satteltasche und nahm von ihr Abschied. Er stieg aufs Pferd und machte sich auf den Weg. Er ging zu der Tochter des Roten Geistes, die ihn begrüßte:“ Sei willkommen, o Slémani Zindi,; ich bin glücklich, dich zu sehen. Geht es dir gut?“ „ Bei Gott, meine Mutter ist krank, sie hat Rheumatismus. Ich steige auf den Berg der Löwen, um einen zu töten und von seiner Mutter zu erlangen, dass sie mir ein wenig von ihrer Milch gibt, um sie in die Haut ihres Jungen zu füllen. Ich werde die Milch meiner Mutter bringen, damit sie gesund wird. Sie hat viel Mühe gehabt, mich großzuziehen.“ „ O Sléman, deine Mutter wird dich ins Verderben stürzen. Das ist ein Weg ohne Wiederkehr. Du kannst nicht auf den Berg der Löwen steigen: die Bestien werden sich gegen dich vereinen und dich in Stücke reißen.“ „Trotzdem werde ich gehe, o Tochter des Roten Geistes.“ Darauf sprach Herdemxan:“ Ich habe eine ältere Schwester, die sich Gulxan nennt. Du wirst ihr Schloß nach drei Reisetagen erreichen. Sie ist sehr tapfer, und niemand kann sich mit ihr messen. Ich habe Angst, dass sie dich töten wird.“

„Was macht deine Schwester, o Herdemxan?“ „Sie betreut die Blinden und heilt ihre Augen.“

Sléman stieg aufs Pferd und machte sich auf den Weg. Herdemxan rief ihn zurück. Sie schrieb ihm einen Brief und gab ihn ihm:“ O Sléman, wenn du fortgehst, wird dich dein Weg notwendigerweise zu meiner Schwester führen. Sie wird dich nicht vorüberlassen. Wenn du dich mit ihr schlägst und merkst, dass sie dich besiegen wird, hole diesen Brief raus und gebe dich zu erkennen. Dann wirst du nichts mehr von ihr zu befürchten haben.“ Sléman nahm Abschied von der Tochter des Roten Geistes. Er ritt drei Tage, dann bemerkte er am Wege ein ganz weißes Schloss. Als er sich näherte, sah er einen Ritter herauskommen, der ihm zurief: Heda! Hast du noch nicht von mir reden hören, dass du heute hierher kommst?“
Sléman erwiderte:“ Überhebe dich nicht. Prahlerei steht den Tapferen nicht!“ Darauf ging die Tochter des Roten Geistes auf ihn los. Sie kämpften drei Tage lang zu Pferd. Sie mochten tun, was sie wollten, weder der eine noch der andere konnte seine Gegner aus dem Sattel heben. So beschlossen sie einen Vertrag:“ Freund, unsere Pferde sind halbtot vor Müdigkeit, steigen wir ab und schlagen wir uns auf dem Boden. Der Jenige, der hinabstürzt, bekommt den Kopf abgeschnitten“. Sie kämpften während weiterer drei Tage. Am vierten Tag, mittags, packte Sléman die Tochter des Roten Geistes und hob sie hoch über die Erde. Darauf rief sie:“ Ich ergebe mich!“ Sléman ließ los, zog den Brief der Herdemxan hervor und gab sich zu erkennen. Sie war sehr zufrieden und sagte:“ Komm zu mir herein, Slémani Zindi.“ Sie blieben bis zum Abend Seite an Seite beieinander sitzen, nahmen sich ihr Vergnügen und vertrieben sich die Zeit. Als die Stunde zum Schlafengehen kam, bereitete Guxan ihr Lager und das Slémans auf dem gleichen Bet. Sléman zog sein Schwert und legte es zwischen sich und das junge Mädchen; er schlisse bis zum Morgen. Gulxan war sehr böse, sie sagte:“ O Sléman, vielleicht träumst du davon, einmal eine Frau zu finden, die kämpferischer, tapferer und schöner ist als ich, dass du deinen Säbel zwischen uns legst?“ „ Gewiss nicht, o Gulxan. Noch nie habe ich eine bessere Frau als dich getroffen, noch eine tapfere, aber mein Herz ist nicht ruhig, sondern voll Sorge. Ich habe geschworen, mich nicht zu vermählen, ehe ich nicht von dieser Sorge befreit bin.“ „Was ist es denn?“ „Meine Sorge, o Gulxan? Ich habe eine Mutter,die mich sehr liebt und die lahm ist. Ich gehe auf den Berg der Löwen, um ihr Löwenmilch zu holen, in einer Löwenhaut, auf dem Rücken eines Löwen, damit sie gesund wird.“

Sléman erhob sich und nahm Abschied von der Tochter des Roten Geistes. Sie sprach zu ihm:“ O Sléman, dieser Weg ist ein Weg ohne Wiederkehr. Der Berg der Löwen ist ständig von Nebel bedeckt, niemand wagt dorthin zu gehen. Dort fließt eine Quelle, ein Jungbrunnen. Nun habe ich Blinde bei mir, und das Wasser dieser Quelle ist ein Heilmittel für ihre Augen. Wenn du weggehst, nimm eine Flasche zu diesem Zweck mit. Wenn du auf deiner Reise heil und gesund dort ankommst, fülle sie mit Wasser und bringe sie mir.“

Sléman versprach es und nahm Abschied und ritt in Richtung auf den Palast der ältesten Tochter des Roten Geistes, die sich Laléxan nannte. Als er sich dem Schloss näherte, kam Laléxan heraus. Als sie einen Ritter sah, der wie ein Fremdling aussah, rief sie: „Mein Sohn, wozu kommst du hierher?“

„Wozu mich befragen?“ erwiderte Sléman. „Mein Weg ist weit.“

„Mein lieber Ritter, ich lasse hier keinen Tapferen vorbei. Komm mit mir auf die Wiese!“

Sie gingen auf den Platz und schlugen sich vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis zum Abend, mit dem Säbel wie mit der Lanze. Schließlich siegte Sléman, er warf Laléxan nieder und machte sie zu seiner Gefangenen. Sie sprach:“ Ich ergebe mich!“ Er stieg ab, und beide gingen ins Schloss. Nun zog Sléman einen Brief aus der Tasche, den er bei sich hatte; Gulxan hatte ihn ihm übergeben. Er überreichte ihn Laléxan, die sagte:“ Sei willkommen!“

„O Laléxan, ich will auf den Berg der Löwen steigen.“ „Sléman – wenn du auf mich hören willst – geh nicht. Niemand geht diesen Weg, denn es ist ein Weg ohne Wiederkehr!“

„Bei Gott, meine Mutter ist krank; sie hat Rheumatismus. Ich werde ihr Löwenmilch holen, im Fell eines Löwen, auf dem Rücken eins Löwen. Vielleicht wird sie dank dieses Mittels gesund.“

Laléxan konnte tun, was sie wollte, es gelang ihr nicht, Sléman zu überzeugen. Er wiederholte: “Ich reise ab.“

Da sprach sie:“ O Sléman, niemand wagt, dorthin zu gehen. Der Berg wird nur von Löwen bewohnt. Nun hat aber die Mutter der Löwen einen Eiterbeutel an der Pfote. Zu Mittag kommen die Bestien zur Tränke an den Jungbrunnen, dann legen sie sich dort schlafen. Da kommt auch ihre Mutter, sie taucht dann ihre Pfote in das Wasser und beklagt ihr Los. Um der Liebe Gottes willen werde ich dir einen Rat geben, denn es wäre schade, wenn du getötet würdest. Ich werde dir einen Rat geben, denn es wäre schade, wenn du getötet würdest. Ich werde dir ein scharfes Rasiermesser geben; du wirst dein Pferd unten am Berg anbinden, dann gehst du und versteckst dich an dem Jungbrunnen. Wenn alle Löwen getrunken haben und sich zum Schlaf niederlegen, wird ihre Mutter kommen und ihre verletzte Pfote ins Wasser hängen; stoße so mit dem Rasiermesser zu, dass du die Beule an ihrer Pfote öffnest. Es wird viel blut und Eiter herauskommen. Die Löwin wird rasend sein; zeige dich nicht, ehe ihr Schmerz abgeklungen ist. Dann wird sie sagen:“ Ah – wer hat mich geheilt? Bei der Liebe Gottes, wenn ich ihn sähe, würde ich ihm alles geben, was er will!“ Du wirst dich zeigen und sagen: „Bei Gott, ich bin es, der dich geheilt hat!“ Sie wird erwidern:“ Was willst du?“ Sage:“ Ich will Löwenmilch in der Haut eines Löwen, auf einem Löwen.“

Sléman verabschiedete sich von Laléxan und machte sich auf den Weg. In der Nähe des Berges der Löwen angekommen, band er sein Pferd an und ging zu Fuß weiter. Auf dem Gipfel fand er eine Quelle. Er suchte Kräuter und trockene Pflanzen, die er am Rande des Wassers aufhängte und in denen er sich, das Messer in der Hand, verbarg. Zu Mittag sah er die Bestien kommen. Sie tranken und legten sich schlafen. Dann nahte sich ihre Mutter – sie hinkte. Sie stillte ihren Durst, dann legte sie sich hin und tauchte ihre Pfote ins Wasser. Mit einem Schnitt des Messers öffnete Sléman die Geschwulst; es kam viel Blut und Eiter heraus. Die Löwin stöhnte und biss vor Schmerz in die Steine. Zwei Stunden lang ließ sie ihre Pfote im Wasser. Als sie sich besser fühlte, sah sie, dass die Geschwulst verschwunden war. Sie sagte:“ Ah – wer hat mich geheilt? Wenn ich ihn sähe, würde ich sein Leben schonen und ihm alles geben, um was er mich bitten würde.“

Darauf kam Sléman aus seinem Versteck hervor und sagte:“ Wahrhaftig, ich bin es, der dich geheilt hat.“ „Mensch, verlange, was du willst, ich bin dir zu Diensten.“

„Meine Mutter ist krank, sie hat Rheumatismus. Man sagte mir, das Heilmittel, das sie kurieren könnte, sie die Milch einer Löwin, in der Haut eines Löwen, auf dem Rücken eines Löwen. Ich habe mich Gott überliefert und nach Gott – dir.“

Die Mutter der Löwen erwiderte:“ Hätte es doch Gott gefallen, dass meine Pfote noch sieben Jahre länger krank geblieben wäre, als dass du mir diese Rede halten musstest! Geh, nimm einen meiner Kleinen, kneble ihn, damit ich ihn nicht schreien höre, und erdrossele ihn. Wenn ich etwas höre, werde ich dich töten. Du wirst ihn abhäuten, und ich werde dir von meiner Milch geben!“ Sléman ging ein Löwenjunges suchen, knebelte es und erwürgte es. Er brachte seine Haut herbei, die Löwenmutter ließ ihre Milch hineinlaufen- Sie gab ihm auch zwei Junge mit, die Haut mit der Milch zu tragen. Sléman rief sie, wusste aber ihre Namen nicht. Die Löwin sagte:“ Der eine nennt sich Xap und der andere Xup.“

Sléman rief sie:“ Xap! Xup!“, und beide folgten ihm. Er nahm auch eine Flasche Wasser aus dem Jungbrunnen mit für Gulxan; dann suchte er sein Pferd auf, setzte sich in den Sattel und ritt glücklich zum Haus der ältesten Tochter des Roten Geistes. Diese war auf der Terrasse ihres Schlosses dabei, den Weg zu beobachten, auf dem Sléman zurückkommen musste. Sie sah ihn kommen, gefolgt von zwei Löwenjungen.

In dieser Nacht schließ Sléman bei Laléxan. Am Morgen nahm er von ihr Abschied und ritt nach dem Schloss der zweiten Schwester. Diese stand an der Terrasse ihres Palastes, das Fernglas in der Hand, mit dem sie aufmerksam den Weg betrachtete, den Sléman genommen hatte.

Sie bemerkte ihn, der zwei Löwenjunge mitgebracht hatte. Er gab ihr die Flasche mit dem Wasser des Jungbrunnens:“ Da ist die Besorgung, die du mir aufgetragen hast.“

Er nahm Abschied von ihr und wandte sich nach dem Haus der jüngsten Schwester. Als das junge Mädchen Sléman kommen sah, stieg sie auf die Terrasse ihres Schlosses, stieß einen Freudenschrei ausund rief:“ Gott sei dank, du bist zurück!“ Die Nacht blieb Sléman bei ihr. Am Morgen erhob er sich, nahm Abschied und machte sich auf den Heimweg nach seiner Höhle. Als er sich näherte, hörte seine Mutter den Hufschlag seines Pferdes. Sie saß neben dem Schwarzen aus dem Grunde des Vorratskellers. Sie sprach zu ihm:“ Auf, Schwarzer vom Grunde des Vorratskellers! Ich höre das Pferd Slémans.“ „Nun, nun! Die Löwen haben ihn in Stücke gerissen! Sie hatten noch nicht ausgeredet, als sie Sléman rufen hörten: „Mutter! Mutter!“

„Da bist du ja, mein Sohn!“ „Ja, da bin ich!“ Sléman küsste die Hand seiner Mutter, legte sie auf seinen Kopf und sagte:“ Sieh her, ich habe dir Löwenmilch mitgebracht.“ Die Alte trank ein wenig von der Milch und rieb sich mit der übrigen den Körper ein, dann erklärte sie:“ Tatsächlich, mein Sohn, ich bin geheilt!“ Zehn oder zwölf Tage vergingen, dann sagte der Schwarze vom Grunde des Vorratskellers zu Slémans Mutter:“ Frage deinen Sohn, in welchen Teil seines Körpers seine Kraft steckt!“ Am Abend, als der Held von der Jagd heimkehrte, fragte ihn die Mutter:“ In welchem Teil deines Körpers steckt deine Kraft?“ Sléman erwiderte:“ Mutter, nimm eine Handvoll Haare vom Schanz meines Pferdes,tauche sie in den Harn des Tieres und binde mir damit die beiden Daumen sehr fest zusammen. Nur wenn ich Angst bekomme, werde ich diese Fessel zerreißen können.“

Sie riss eine Handvoll Haar aus, tauchte sie in den Harn und brachte sie an. Sléman legte seine Daumen übereinander, und seine Mutter band sie sehr fest zu. Sie machte sieben Knoten. Sléman versuchte die Fessel zu zerreißen, aber er empfand keine Furcht; sie schnitt ihm ins Fleisch ohne zu zerbrechen. Die Alte rief den Schwarzen vom Grunde des Vorratskellers:“ Komm, ich habe Sléman gebunden, komm ihn ansehen!“ Sléman sah, dass das Ungeheuer, das er in die Grube geworfen hatte, frei war und um ihn herum sprang. Die Mutter Slémans sagte:“ Was sollen wir mit ihm machen?“ „Wir werden ihm die Augen ausreißen“, sagte der Schwarze vom Grunde des Vorratkellers. Sie rissen Sléman beide Augen aus und steckten sie ihm in die Tasche. Hoch im Berg war ein Brunnen. Der Schwarze vom Grunde des Vorratskellers sagte:“ Nimm ihn an der Hand, er ist blind, er sieht nichts mehr. Führe ihn an den Rand des Brunnens und gib ihm einen Stoß, das er hineinfällt und stirbt.“

Die Mutter nahm ihren Sohn bei der Hand. Er fragte sie:“ Wo führst du mich hin?“ „Geh, mein Sohn, ich führe dich irgendwohin.“ Sléman sagte:“ Mutter, um der Liebe Gottes willen! Du hast mir die Augen ausgerissen, aber meine beiden Löwenjungen bleiben bei dir. Du musst jedem alle Tage zwei Brotkuchen geben.“ Als sie bei dem Brunnen angekommen waren, stieß die Mutter ihren Sohn, sodass er hineinfiel. Sie ging zu dem Schwarzen vom Grunde des Vorratskellers zurück und sagte:“ Ich habe Sléman in den Brunnen geworfen.“

Wie war dieser Brunnen? Der Grund bestand zum Teil aus einem Felsen, welcher das Wasser überragte. Sléman stieg aus dem Wasser heraus und setzte sich auf den Stein.

Am nächsten Morgen gab die Alte jedem Löwenjungen zwei Brotfladen. Sie aßen sie nicht, sondern nahmen sie in den Rachen, rannten bis zum Rande des Brunnens warfen Sléman ihr Brot zu. Er aß es und überließ sich Gott. Er sprach:“ Mein Gott, wann wirst du mich sterben lassen, damit ein Ende ist?“

Ein oder zwei Monate gingen dahin. Eines Tages verluden die mächtigsten Kaufleute in Bagdad die Waren der Regierung und machten sich auf den Weg nach Stambul. Sie kamen in die Wüste, nahe dem Brunnen. Es war Hochsommer, und ihnen war heiß. Sie richteten ihre Zelte auf und legten sich nieder, wobei sie einen der ihren als Wache aufstellten.

Plötzlich sah die Wache zwei Löwenjunge sich dem Brunnen nähern und Brote hineinwerfen, die sie in ihren Rachen hielten. Die Wache suchte den Chef der Reisenden auf und sagt:“ Erhebe dich, ich habe etwas Erstaunliches gesehen!“

„Was ist denn, mein Sohn“?

„Bei Gott, ich habe eben zwei Löwenjunge gesehen, die jeder einen Brotkuchen im Rachen trugen. Sie haben sich dem Brunnen genähert und ihr Brot hineingeworfen, nachdem sie einige Augenblicke gejammert haben. Ich glaube, es ist jemand auf dem Grunde des Brunnens.“

Der Chef der Reisenden erhob sich und begab sich an den Rand des Brunnens, zusammen mit zehn Männern. Sie banden einen der ihren an das Ende eines Seiles und ließen ihn hinab. Auf dem Grunde angekommen, bemerkte er einen sehr schönen jungen Mann, aber blind und in beklagenswertem Zustand: seine Haare waren lang und seine Kleider verrottet. Man zog den Unglücklichen herauf; bei seinem Anblick fingen alle an zu weinen. Sie sagten:“ Jammerschade um einen Tapferen, der ins Unglück stürzt!“

Der Chef der Reisenden kannte die Tochter des Roten Geistes; er hatte erzählen hören, dass sie die Blinden heile. Er sagte zu Sléman:“ Mein Freund, wenn ich dich zu der Tochter des Roten Geistes führe und sie deine Augen heilt, wirst du mir dann diese Löwenjungen geben?“

„Ja, ich werde sie dir geben.“ Er nahm Sléman bei der Hand, ließ ihn zu Pferde steigen und trennte sich von der Karawane, nachdem er seinen Gefährten gesagt hatte:“ Bleibt zehn Tage hier, ich werde diesen Blinden zu der Tochter des Roten Geistes führen und zur Belohnung die beiden Löwenjungen erhalten.“

Als die Löwenjungen sahen, dass Sléman aus dem Brunnen heraus war, liefen sie zu ihm, um ihm die Hand zu lecken. Der Chef der Reisenden ließ Sléman auf ein Pferd steigen und nahm ihn mit, bis sie an das Schloss der Tochter des Roten Geistes kamen. Siléman rief die Löwenjungen:“ Xap! Xup!“ und sie folgten ihm. Am fünften Tag kamen sie zu Mittag bei dem Schloss der Tochter des Roten Geistes an. Der Chef der Kaufleute vertraute Sléman den Wächtern an, die an der Tür der Blinden Wache hielten. Der Kommandant ging die Löwenjungen suchen. Aber er konnte machen, was er wollte, sie folgten ihm nicht. Da gab er es auf und ging weg. Am zehnten Tage vereinigte er sich wieder mit seiner Karawane.

Sléman verübte an den Blinden alle Art Streiche. Sie beklagten sich über ihn:“ Bahrmherzigkeit! Wir bitten die Tochter des Roten Geistes darum, dass sie diesen Blinden fortjage!“

Die Tochter des Roten Geistes kam, um ihn zu strafen. Sléman stellte sich hinten an die Wand und versteckte sich; das Mädchen ging wieder weg. Die Blinden riefen sie zurück. Sie kam wütend zurück und ließ die Blinden der Reihe nach vorübergehen; sie sah, dass es einen neuen darunter gab, dessen Haare sehr lang waren. Sie nahm ihn an der Hand, da sah sie den Ring, den sie ihm gegeben hatte. Sie sprach:“ O Sléman, in was für einem Zustand bist du?“

Sléman schämte sich und sagte:“ Ich bin nicht Sléman, ich bin ein armer Blinder.“

Sie durchsuchte ihn und fand seine Augen in seiner Tasche. Sie schickte ihn ins Bad, man wusch ihn; sie ließ ihn bekleiden mit dem Gewand eines Wesir oder Fürsten und ließ ihn zum Barbier führen, der ihm den Kopf rasierte, dann legte sie ihn auf ein Lager. Sie fügte seine Augen wieder in ihren Platz, befeuchtete sie mit dem Wasser des Jungbrunnens und tröpfelte das Heilmittel hinein. Sie pflegte den Kranken mit aller Sorgfalt.

Nach zwei Tagen fragte sie ihn:“ Wie geht es deinen Augen?“ Er erwiderte:“ Bei Gott, dasd Licht hat sich aus ihnen zurückgezogen. Hundert Mann erscheinen mir wie ein einziger.“

Sie fuhr mit der Behandlung noch drei Tage fort, dann fragte sie ihn:“ Wie geht es deinen Augen heute?“ „ Sehr viel besser“. Sie pflegte ihn noch drei Tage, dann öffnete Sléman die Augen, er war geheilt. Am Abend bereitete Gulxan ihr Lager und das Slémans auf dem gleichen Bett. Sléman legte einen Säbel zwischen sich und sie. Am Morgen erhob sich das junge Mädchen und sagte:“ O Sléman, vielleicht rechnest du damit, eine bessere Frau als mich zu finden?“ Er erwiderte:“ Wahrlich, nein. Aber ich trage eine Sorge im Herzen und habe geschworen, mich nicht zur vermählen, ehe ich nicht davon befreit bin.“

Sléman blieb bei ihr, bis er sich gut erholt hatte, und versorgte auch Xap und Xup, bis sie ihre Kräfte wiedererlangt hatten. Endlich eines Tages stieg er zu Pferde, nahm die Tochter des Roten Riesen auf die Kruppe und rief seine Löwen:“ Xap! Xup!“ Sie folgten ihm. Er ritt in Richtung auf seine Höhle. Als er in der Nähe angekommen war, rief er:“ Mutter!“ Darauf sprach die Alte zum Schwarzen vom Grunde des Vorratskellers:“ Ich höre die Stimme Slémans!“ „ Geh doch, Sléman ist tot!“ Er hatte kaum aufgehört zu sprechen, als Sléman auf der Schwelle stand. Er rief seine Mutter zu:“ Mutter, geh raus!“ Sie kam weinend heraus und sagte:“ Sei willkommen, mein Sohn. Bist du auch diesmal wiedergekommen!“ Sléman sagte:“ Xap! Xup!“ Die beiden Löwenjungen packten die Alte, der eine beim rechten, der andere beim linken Bein; der eine zog nach Sonnenuntergang, der andere nach Sonnenuntergang: sie töteten ich. Darauf sagte Sléman:“ Schwarzer vom Grunde des Vorratskellers, komm und triff auf Sléman!“ Der Schwarze vom Grunde des Vorratskellers rief:“ O Sléman, ich ergebe mich!“ Sléman rief:“ Xap! Xup!“ Die Bestien ergriffen das Ungeheuer, warfen es zu Boden und töteten es. Sléman suchte ein wenig Holz und verbrannte die Leiche seiner Mutter und des Schwarzen vom Grunde des Vorratskellers. Danach vermählte sich Sléman mit Gulxan, der Tochter des Roten Geistes.

Mögest du bei guter Gesundheit bleiben!


Kurdische Märchen, Luise-Charlotte Wentze

Publiziert am: Samstag, 04. März 2006 (9725 mal gelesen)
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