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Scheich Said Rebellion (1925)

Kurdische Aufstände

Am 13. Februar 1925 brach in den kurdischen Gebieten der südöstlichen Türkei eine Rebellion aus. Tausende von Kurden erhoben die Waffen unter Führung eines Derwisches des Naqshbandi-Ordens und Stammesführers namens ,,Scheich Said" gegen die erst kürzlich errichtete Ankararer Regierung von Mustafa Kemal Atatürk. Der Ausbruch umfasste fast das ganze von Kurden besiedelte Gebiet in der Türkei. 
Dieser Artikel versucht die Gründe der Rebellion und seine Konsequenzen zu beleuchten unter besonderer Betonung ihrer Rolle in der weiteren Konsolidierung des türkischen Nationalismus, auf dem die Macht Mustafa Kemals gründete, und der Entwicklung der neuen Republik Türkei. Die Rebellion wirkte auch als Katalysator im beginnenden Anwachsen des kurdischen Nationalismus. Beide Entwicklungen trugen in den folgenden Jahren zu einer bis heute andauernden Entfremdung zwischen Türken und Kurden bei. 
Scheich Said war der Sohn von Scheich Ah Efendi von Palu und das ererbte Oberhaupt des Naqshbandi-Ordens, der in den kurdischen Gebieten außerordentlich mächtig war. Der Einfluss Scheich Saids war nicht nur deshalb groß, weil er das ererbte Oberhaupt bzw. Scheich eines einflussreichen religiösen Ordens war, sondern auch deshalb, weil er gleichzeitig Führer der Stämme in diesem Gebiet war. 

Er vereinigte beide Positionen dadurch, dass er ,,Medreuses", d.h. religiöse Schulen, in den Gebieten, wo seine Autorität anerkannt wurde, einrichtete. In seiner Rolle als Stammesführer war Scheich Said auch Regierungsbeamter; Stammesführer waren nämlich sowohl zur Vertretung der Istanbuler Regierung des Sultans als auch als offizielle Vertreter gegenüber den verschiedenen von Mustafa Kemal zwischen 1919 und 1923 aufgebauten nationalistischen Organisationen ausersehen. Es war sein Dienst in diesen drei Funktionen, der es Scheich Said erlaubte, eine so einflussreiche Figur und dadurch eine wirkliche Bedrohung für die Regierung in Ankara zu werden, als dieser einwilligte eine Rebellion anzuführen. 
Besikci betont die Bedeutung des Innehabens der o.g. drei Positionen für jedweden Rebellionsführer. Er hebt hervor, dass in den frühen Zwanziger Jahren Stammesführer und oder Scheichs mit der Regierung zusammenarbeiteten. Es sei die Verpflichtung der Ankararer Regierung zu einer Reihe säkularer Reformen, welche die traditionelle Regierungsmacht der Scheichs und/oder Stammesführer eingeschränkt hätten, gewesen, durch welche die Rebellion ausgelöst worden sei. 

Scheich Said - ein Agent der Briten? 

Die aktuellen Berichte sind uneins über die Gründe der Rebellion. 

Ein Argument, das ständig von den Türken und einigen kurdischen Historikern vorgebracht wird, beinhaltet britische Agitation unter den Kurden. Eine der hauptsächlichen Tatsachen, um diesen Vorwurf zu unterstützen, sei, dass Scheich Said während der ersten Tage der Rebellion eine Auswahl von Waffenkataloge verschiedener Munitionshersteller in London erhalten hätte. Zwar hatten die Briten schon seit dem Berliner Vertrag von 1878 ausgedehnte geheim-dienstliche Operationen in Ostanatolien unterhalten und hatten verschiedene Agenten während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg, doch gibt es keinen Beweis dafür, dass sie die Scheich-Said-Rebellion angestiftet hätten. Dieses Argument scheint von Mustafa Kemal zu stammen. Kemal behauptete, dass die Briten, die hinter den Ölreservoirs von Mossul her waren, anti-türkische Gefühle unter den Kurden anstacheln wollten, in der Hoffnung, dies als Mittel zu benutzen, um die Türkei zu erpressen, um Mossul aufzugeben. Einem ähnlichen Argument zufolge arbeitete Said.

Die Scheich-Said-Rebellion arbeitete in der Hoffnung mit den Briten zusammen, dass diese die Kontrolle über alle kurdischen Gebiete bekommen würden. Said habe offenbar geglaubt, dass, wenn die Briten die Beherrscher des Gebietes werden sollten, sie weniger unterdrückerisch als Ankara sein würden. Said habe geglaubt, dass dann die Privilegien der kurdischen Oberhäupter und religiöser Scheichs, nicht zuletzt seine eigenen, erhalten blieben. Diese Argumente lassen einiges zu wünschen übrig. 

Angesichts des Streits über Mossul ist es natürlich, dass Kemal den Briten alle Probleme in einem Gebiet so nahe der umstrittenen Provinz in die Schuhe schob. Die Denunzierung der Briten war auch eine gute Stimmungsmache, die helfen könnte die Unterstützung für einige von Kemals Reformen zu stärken, besonders angesichts des großen Reservoirs an Feindlichkeit gegenüber den Briten aufgrund ihrer Aktivitäten bei der sogenannten Aufteilung der Türkei und ihrer Unterstützung des griechischen Einfalls in Anatolien. Kemal zögerte, zuzugeben, dass die Hauptgründe für die Rebellion tatsächlich von der durch Ankara betriebenen Türkifizierung und den Verwestlichungsmaßnahmen herrührten. Die Abschaffung der religiösen Schulen mit der Maßgabe, dass von nun an die Unterrichtssprache Türkisch sein würde, wurde besonders übel genommen. Es gibt wenig Beweise, welche die Behauptung stützen würden, dass Said britische Herrschaft in der Region ermutigt hätte. Die Briten haben nie Ansprüche erhoben auf das Land oberhalb von Amed, dem Gebiet, wo Said lebte und seine Macht ausübte. Said mag versucht haben, die Briten gegen die Türkei auszuspielen, insofern, als er ihren Streit über Mossul ausnutzen konnte, und er mag Kontakt mit den Briten gehabt haben, aber es gibt keinen Beweis einer solchen Taktik, noch Zeugnis eines Kontakts zwischen Said und den Briten direkt, vor oder während der Erhebung. 

Die Hintergründe des Aufstandes 

Der Korrespondent der ,,Times" (London) stellte in einem Artikel vom 28. April 1925 vier Hauptgründe für die Revolte vor. 

Kurdistan war aufgrund seiner geographischen Lage ein idealer Zufluchtsort für Geächtete. Diese Elemente hätten eine wichtige Rolle bei Auslösung und Fortdauer des Konflikts gespielt. Als ein weiterer Grund wurde die Unzufriedenheit jener kurdischen Scheichs angeführt, die einen Sitz in der 1. Großen Nationalversammlung innehatten, aber nicht in die 2. gewählt worden waren. Dieser Reporter empfand sehr wohl, dass die Revolte eine Bewegung für kurdische Unabhängigkeit war. Der letzte Grund, der angeführt wurde, war die Angst einiger kurdischer Notablen angesichts der Abschaffung des Zehnten, des Einkassierens und In-die-Tasche-Steckens, was für sie sehr profitabel gewesen war. 
Die Rolle der Geächteten ist schwer einzuschätzen, aber wahrscheinlich war sie von geringerer Bedeutung. 
Auch zweitrangig war wohl, wenngleich dies eventuell eine Rolle gespielt haben mag, die Unzufriedenheit derjenigen Scheichs, die nicht in die 2. Große Nationalversammlung gewählt worden waren. Zweifellos war dies angesichts des Wunsches nach Unabhängigkeit bei manchen Kurden ein Faktor, aber es ist fraglich, wie weit verbreitet dieses Gefühl war angesichts dessen, dass eine Reihe von Oberhäuptern es ablehnten, sich der Rebellion anzuschließen. 
Wie schon erwähnt, waren viele der Stammesführer keine religiösen Scheichs und von daher noch in der Lage aus ihren Regierungspositionen Vorteile zu ziehen. Wenn es den Kurden wirklich um die Unabhängigkeit ginge, dann wäre, wie eine Quelle aufzeigt, 1922, als die Ankararer Regierung vor dem Niedergang stand, die ideale Zeit für eine Revolte gewesen. 1925 hätten die Kurden bereitwillig eine Autonomie, ja sogar eine nicht-offizielle, jenseits von Fragen einer Unabhängigkeit, akzeptiert. Ihr Hauptanliegen war die Bewahrung ihrer traditionellen Lebensweise. Da die Scheichs und Stammesführer sich selbst als Bewahrer der Tradition, als Regierungsbeamte, ansahen, wollten sie, dass die Regierung ihnen freie Hand ,,zu regieren" geben sollte. Aber Kemal war nicht Abdülhamit 11(1878-1908). Das Nationalempfinden der kurdischen Scheichs und Stammesführer war nicht ausgeprägt oder festgelegt, wenngleich sicherlich ein Gemeinschaftsbewusstsein existierte. 

Kurdische Historiker haben die gleiche Frage wie Paul Gentizon gestellt. Warum rebellierten die Kurden nicht 1922, als der Zusammenbruch Ankaras bevorstand? Warum unterstützten die kurdischen Führer tatsächlich Kemal während des Unabhängigkeitskrieges der ersten Tage der Republik? Und warum rebellierten sie nicht häufiger oder erfolgreicher in den ersten Jahren nach Ausrufung der Republik oder je-denfalls nach 1925? 
Die Antwort auf die erste Frage ist, dass 1923/1924 die kurdischen Scheichs und Stammesführer noch nicht die Zentralisierungsreformen Ankaras zu spüren bekommen haften und tatsächlich noch im festen Glauben waren, sie könnten weiterhin der verlängerte Arm Ankaras in den östlichen kurdischen Gebieten sein. 
Die Antwort auf die zweite Frage ist, dass Ankara die Armee einsetzte, um die Rebellion von Scheich Said niederzuschlagen. 

Der Einsatz der Armee gegen Scheich Said ist von großer Bedeutung. Seit der Entscheidung des Unabhängigkeitskrieges 1923 wurde die türkische Armee nur viermal eingesetzt. Einmal in Hatay 1938/1939, als die Türkei in der Lage war, die Provinz unter den günstigen Bedingungen des bevorstehenden 2. Weltkrieges zu annektieren. Ferner wurden 1974 türkische Streitkräfte nach Zypern geschickt und besetzen bis heute den nördlichen Teil dieser Insel. Die Streitkräfte waren während der Mossul- Krise zwar mobilisiert, jedoch bis 1974 nicht aktiv bzw. offiziell im Kampf eingesetzt. Allerdings wurde die Armee bei zwei Gelegenheiten gegen die Kurden eingesetzt. Einmal 1925 gegen Scheich Said und dann noch einmal 1930 gegen die Rebellion von Zeylan, Agri, Semdinli. 

Die Kurden waren zufrieden mit der Aussicht auf einen unabhängigen Staat, so wie sie im Vertrag von Sevres enthalten war; als die Alliierten diesen Vertrag nicht durchsetzten, waren sie jedoch enttäuscht. Dies mag ein Faktor sein, der den Aufstand hervorrief. Es ist die Auffassung der Autoren, dass die Mehrheit der an der Rebellion Scheich Saids teilnehmenden Führer Unabhängigkeit nicht um ihrer eigenen Vorteile willen suchte. 
Wirklicher Grund für die Rebellion scheint die Opposition der Mehrheit der Kurden gegen die Zentralisierungs- und Türkifizierungspolitik von Ankara gewesen zu sein. Hauptfaktor war der Groll der Stammesführer/Scheichs, die zu Recht Zentralisierung und verwestlichende Reformen als deutliche Bedrohung ihrer angestammten Privilegien und Rechtsprechungsgewalt fürchteten. 

Die Kurden verübelten Wehrpflicht und Besteuerung ebenso wie die Tatsache, dass sie sogar nicht einmal mehr als eigenes Volk angesehen wurden, sondern zunehmend als ,,Bergtürken" galten. 
Besikci vertritt, dass diese Theorie ebenso wie die Sonnensprachentheorie und die Theorie vom Ursprung der türkischen Geschichte eigens zu nationalistischen Zwecken geschaffen wurde. Sie waren die Hauptinstrumente, welche die türkische Bürokratie einsetzte, um die nationalistische Parole ,,Die (türkische) Nation ist Richter" (hakim ulus) umzusetzen. Besikci stellt weiter fest, dass, da die Regierung unfähig oder unwillig war, die ökonomischen Grundlagen der kurdischen Scheichs anzugreifen bzw. zu untergraben, sie lediglich die kurdische Sprache und Kultur angriff. Deutlich wird der Wandel in der türkischen Einstellung gegenüber den Kurden in den Handlungen von Mustafa Kemal Atatürk. Während des Unabhängigkeitskrieges (1919-1922) proklamierte er laut und oft das gemeinsame Interesse von Türken und Kurden. Als er jedoch 1937 in dem stark kurdischen Diyarbakir, wo 12 Jahre zuvor Scheich Said erhängt worden war, eine Rede hielt, erwähnte er nicht einmal die Kurden! 

Die zunehmend zentralisierte Verwaltung untergrub die Autorität der Stammesführer und/oder Scheichs, deren Funktionen neu geregelt oder an von der Zentralregierung ernannte Personen übertragen wurden.

Das meistgehasste Charakteristikum der neuen Türkei war die Entstaatlichung des Islams, der die Scheichs/Stammesführer mit den Grundlagen ihrer Macht ausgestattet hatte, besonders den Privilegien der Steuereintreibung. Durch diesen Angriff auf ihre überkommenen Rechte waren die Scheichs/Obernäupter zutiefst getroffen. Zusätzlich empfanden sie wie viele andere , dass die Regierung versuchte durch Abschaffung des Kalifats und Aufhebung des Senats (arab. Sharia) die Religion zu zerstören. 
Es überrascht nicht, dass bei Ausbruch der Rebellion als Ziel die Wiederherstellung des Kalifats und ausgehend davon des Islams als Staatskirche angegeben wurde. 

Vor seiner Abschaffung 1924 spielte das Kalifat eine wichtige Rolle als einigendes Band verschiedener ethnischer Gruppen im Osmanischen Reich. Kemal selbst zollte während der ersten Jahres des Unabhängigkeitskrieges seinem Einfluss Respekt. Darüber hinaus waren die Jahre 1923-25 die Zeit die Blütezeit der Kalifatbewegung, welche ihren Ursprung in Indien genommen hatte und den Versuch unternahm, das Kalifat aufrechtzuerhalten und, nachdem Kemal es abschaffte, es wieder zu errichten. Die Kalifat-Bewegung war für mehrere Jahre eine Quelle der Interesse für die indische Regierung und London. 
Indische Muslime und Ghandi selbst benutzten sie als zusätzliche Waffe in ihrem Kampf um Unabhängigkeit. Überall in muslimischen Gebieten, Kurdistan eingeschlossen, hallten die Stösse der Kalifat-Bewegung wider. Ein größeres Übel als die Taten der Regierung war vielleicht die Effizienz, mit der sie ausgeführt wurden. Unter den Osmanen waren gehässige Maßnahmen oft abgemildert durch die Laxheit oder Unfähigkeit der Regierung, ihren Willen auch machtvoll auszuführen. In der neuen Türkei war dies nicht der Fall; Ankara sparte keine Mühe, seine Programme umzusetzen. Solche Effizienz entfremdete viele Einwohner der Türkei. Die Kurden unter Scheich Said entschieden sich, ihre Unzufriedenheit in Aktion umzusetzen. 

Ablauf der Revolte 

Was die Revolte auslöste, steht nicht fest. Eine These geht davon aus, dass sich die Revolte folgendermassen abspielte: 

Einige Nestorianer in den Gebieten nahe Mossul, die während des Weltkrieges gegen die Türken gekämpft hatten, hatten nach Beendigung der Feindseligkeiten Zuflucht im Iran gesucht. Etwa Anfang 1925 hätten sie versucht in ihr Heimatgebiet, in der Region Hakkari in der südöstlichen Türkei, zurückzukehren und seien in Konflikt geraten mit der Regierung Anakras, die sie nicht wieder haben wollte. Umgehend seien türkische Truppen gegen sie ausgesandt worden. Mehrere kurdische Offiziere des türkischen Kontingents hätten sich den Rebellen angeschlossen, und es sei ihnen gelungen, einige der Soldaten auf ihre Seite zu bringen. Als Folge davon sei einer dieser Offiziere, Oberst Halit Bey, gefangengenommen und unter Arrest gestellt worden. Mehrere örtliche Kurdenführer hätten den Oberst befreit, und gemeinsam seien sie zu Scheich Said geflohen. 
Said war dafür bekannt, dass er der türkischen Regierung gegenüber besonders feindlich eingestellt war, deshalb schien er ein potentieller Verbündeter zu sein. 
Am 11. Februar 1925 sei ein Haftbefehl gegen zwei Mitglieder von Saids Gefolge, die wegen einiger Vergehen angeklagt waren, erlassen worden. Als Said sich geweigert habe, sie den Behörden auszuliefern, sei ein Kampf ausgebrochen und mehrere Polizisten verletzt worden. Dieser Vorfall sei das Signal für die Revolte gewesen. 
Eine andere Version geht davon aus, Said habe mit dem Rest der Kurdischen Liga, die 1922 gebildet worden war, um kurdische Kultur und Nationalgefühl zu propagieren, zusammengearbeitet. 1923 war diese Liga von Kemal aufgelöst worden, ein Zweig hatte jedoch in Erzurum fweiter existiert. Eine kurdische Revolte 1924 bei Nastun, nahe der irakischen Grenze, habe die türkische Regierung zu dem Versuch veranlasst, die Organisation aufzulösen. Die Mitglieder der Liga seien verhaftet und Said aufgefordert worden, gegen diese auszusagen. 

Said, der zu dieser Zeit im Dorf Kinis gewesen sei, habe es abgelehnt, zu erscheinen. Statt dessen habe er es vorgezogen nach Palu, seinem Heimatort, auf eine Wallfahrt zu gehen. Eine Reihe von Leuten habe sich ihm im Laufe der Reise angeschlossen. Als diese Gesellschaft die Stadt Piran erreicht hatte, seien mehrere aus der Gruppe aus einem nichtigen Grund verhaftet worden. Saids Männer hätten Vergeltung geübt, indem sie mehrere Polizisten getötet hätten. Nach dieser Quelle begann die Rebellion mit dem Datum des 7. März. 
Es fällt schwer, die Authentizität dieser Berichte festzustellen. Die Autoren geben keinen Hinweis auf das Beweismaterial, auf dem ihre Erörterungen beruhen. Keine der anderen Quellen, die in der Vorbereitung dieses Artikels herangezogen wurden, erwähnen solche Vorkommnisse. Die letztere der beiden Argumentationsketten ist fragwürdig wegen des Datums des 7. März, der für den Ausbruch der Rebellion genannt wurde. Es steht erwiesenermaßen fest, dass tatsächlich die Revolte am 13. Februar begann. Ein Irrtum von drei Wochen erweckt Zweifel an der Authentizität des Restes der Darstellung. Was auch immer der direkte Auslöser war, die Rebellion brach am 13. Februar aus. 

Die Unruhe breitete sich rapide aus. Am 23. Februar hatte sich die in Piran begonnene Rebellion in die Gebiete von Diyarbakir, Genc und Marmuretülaziz ausgedehnt. Es gab Hinweise, dass die Revolte bald auf andere Gebiete übergreifen würde. Die Rebellion rüttelte die türkische Regierung gründlich auf. Obwohl das Gebiet der Revolte zu Anfang ziemlich klein war, wurde befürchtet, dass die oppositionellen Kräfte des Landes sich um das von Rebellen erhobene Banner der Religion und Tradition sammeln würden. 
Am 23. Februar wurde in den Gebieten Genc, Mus, Argana, Dersim, Diyarbakir, Mardin, Urfa, Siverek, Surt, Bitlis, Van, Hakkari und teilweise Erzurum für einen Monat das Kriegsrecht verhängt und in der Folgezeit ausgeweitet. Die Erfolge der Rebellen waren zunächst zahlreich. Die Landbewohner, von religiösen Führern aufgerüttelt, schlossen sich in bedeutender Zahl Said an. Kurdische Soldaten, sogar einige Offiziere, desertierten aus der türkischen Armee und kämpften zusammen mit den Rebellen. Die Aufständischen nahmen Harput ein und erlangten rasch die Kontrolle über den Bezirk Mamuretülaziz. Sie überrannten auch Dersim, Argana, Cabakcur und Lice, die für einige Zeit besetzt wurden. 

Umbildung der türkischen Regierung und Unterdrückung der demokratischen Opposition in der Türkei Zwischenzeitlich hatte die Regierung gewechselt und eine neue Politik gegen die Rebellion setzte ein. Auf einem Treffen der Volkspartei, das in den ersten Märztagen stattfand, wurde Fethi Bey (Okyar), der Premierminister, fehlender Durchsetzungskraft im Umgang mit der Rebellion beschuldigt. Es fand eine Auseinandersetzung statt zwischen den Anhängern des Premierministers und dem militanten Flügel der Partei. Mustafa Kemal intervenierte auf der Seite des letzteren und Fethi Bey trat am 3. März zurück. Am 4. März kam ein neues Kabinett, angeführt von Ismet Pascha (Inönü), zustande. Dieser Machtwechsel führte zu einer agressiven Militärpolitik, die rigorose Kontrollen über die Zivilbevölkerung einführte. 

Ismet legte in der Nationalversammlung umgehend das strenge Gesetz zur Aufrechterhaltung der Öffentlichen Ordnung (Takrin Sükun) vor, das am 4. März verabschiedet wurde. Dieses Gesetz gab der Regierung das Recht jegliche Organisation, Publikation oder Institution, welche Aktion oder Agitation ermutigen könnte, zu unterdrücken. Die Ausführung des Gesetzes sollte den wiedererrichteten Unabhängigkeitstribunalen obliegen, die zumeist an die Stelle von Militärgerichten treten sollten und ermächtigt wurden, die Kriegsrechtsdekrete auszuführen. In Ankara sollte ein Obergericht sein, mit Rechtsprechungsgewalt über das ganze Land, jedoch in seinen Maßnahmen der Billigung der Nationalversammlung unterworfen sein. Die Regierung zögerte nicht, dieses neue Gesetz gegenüber den nichtkooperativen Teilen der Presse anzuwenden. Kurz nach Verabschiedung des Gesetzes wurden fünf der führenden Zeitungen Istanbuls geschlossen. Innerhalb einer Zeitspanne weniger Wochen blieben nur noch sechs von fünfzehn Zeitungen der Stadt offen, und diese verloren einen großen Teil ihrer Auflage, da sie nicht mehr in der Lage waren, neue Berichte zu veröffentlichen oder die Regierung zu kritisieren. Nach der Unterdrückung der Progressiven Partei, auf die später eingegangen wird, wurde eine Reihe von Journalisten verhaftet, und einige wurden bis nach Elazig und Diyarbakir vor Gericht geschickt. Die Regierung, deren Pflicht es war, sie mit den Bedingungen in den abgelegenen Gebieten Anatoliens vertraut zu machen, vergewisserte sich, dass sie von den örtlichen Beamten anständig behandelt wurden. Die Verfahren gegen die Journalisten wurden eingestellt, und sie durften nach Istanbul zurückkehren . 

Die Niederschlagung der Revolte 

Der Wendepunkt der Revolte kam am 7. oder 8. März. In der Nacht von Samstag, dem 7. März, stießen die Streitkräfte Saids in drei Kolonnen auf Diyarbakir zu. Die Einnahme dieser Stadt war wesentlich für die Rebellen, da sie die südöstliche Grenze der Türkei beherrschte und eine wichtige Verbindung war für Karawanen,die vom Süden und Osten kamen. Der Kampf tobte bis zum nächsten Morgen, Sonntag, den 8. März, aber den Rebellen gelang es nicht, die Stadt einzunehmen. Dieses Engagement war der kritische Punkt der Rebellion. Danach verhinderten die schweren Verluste der Rebellen und die steigende Zahl der türkischen Truppen (schätzungsweise 16 000), die zu den betroffenen Gebieten gesandt wurden, einen Sieg der Rebellen. Die hauptsächliche türkische Offensive begann Ende März. Trotz der rauen Gelände und erbärmlichen klimatischen Bedingungen gewannen die Regierungstruppen ständig an Boden. Am 8.April wurde der Hauptverband der Rebellen im Bezirk Capakcur geschlagen. In der zweiten Aprilwoche wurden Scheich Said und seine engsten Anhänger in dem Ort Carincur, zwischen Varto und Mus, gefangengenommen. Kurz darauf brach die Rebellion zusammen und die Rebellen begannen sich in großer Zahl zu ergeben. Said und sein Gefolge wurden gegen Ende Mai vor ein Unabhängigkeitstribunal in Diyarbakir gebracht. Said blieb während des Prozesses dabei, dass er rebelliert habe, weil er die religiösen Praktiken früherer Zeit wiedereinführen wollte. Er weigerte sich, anzuerkennen, dass er etwas falsch gemacht habe, und als es soweit war, plädierte er auf ,,nicht schuldig". 

Am 29. Juni wurden er und 46 seiner Anhänger zum Tode verurteilt und am nächsten Tag gehängt. Nach der Niederschlagung des Aufstandes: verstärkter türkischer Nationalismus, Zwangsmodernisierung, Verbannung der Kurdenführer und Vertiefung des Grabens zwischen Türken und Kurden. Eine der wichtigsten Konsequenzen der Revolte war die Vereinheitlichung der türkischen Bevölkerung zur Verteidigung der Republik. Die Türken sahen das Land, für das sie so viele Opfer gebracht hatten, von einer weiteren feindlichen Macht bedroht. Wie schon, als die Griechen die Republik bedrohten, so vereinigten sie sich jetzt in der Unterstützung der Regierung. 

Als eine Ironie der Geschichte stärkte die Rebellion in großem Masse die türkische nationalistische Regierung, gegen die sie sich gerichtet hatte. Eine der wichtigsten Ergebnisse der Rebellion war, dass sie Kemal die Gelegenheit verschaffte, seine Reformen mit einer verschärften Gangart durchzuführen.
 
Er war hierzu in der Lage, weil die Rebellion dazu dienen konnte, die Unterdrückung der abweichlerischen Elemente zu rechtfertigen. Auf die Einschränkung der Presse sind wir schon eingegangen. Eine ernsthaftere Bedrohung, wie sie durch die Rebellion deutlich geworden war, war die reaktionäre Agitation religiöser Führer, besonders der Derwische. Als die Rebellion endgültig niedergeworfen worden war, zögerte die Regierung nicht, gegen diese Gruppen vorzugehen. 

Am 2. September 1925 wurden drei Dekrete erlassen. Als erstes wurden alle religiösen Orden und ihre Stätten geschlossen. Das zweite Dekret klassifizierte alle, die zu den religiösen Institutionen gehörten, regelte ihre Kleidung und verbot allen, die nicht speziell religiöse Amtsträger waren, religiöse Tracht zu tragen. Nach dem dritten Dekret hatten alle Beamten westliche Kleidung und Hüte zu tragen, der Fes wurde wegen seiner Verbindung zur Religion geächtet. Die Dekrete waren ersonnen, um größere psychologische und kulturelle Hindernisse gegenüber einer Modernisierung aus dem Wege zu räumen. 

Ein anderes Ergebnis der Rebellion war die türkischen Fortsetzung der osmanischen Praxis, viele Rebellenführer nach Westanatolien zu verbannen. Viele der Verbannten konnten oder durften allerdings innerhalb von Monaten oder einigen Jahren wieder nach Hause zurückkehren. Laut Besikci konnten sie in zahlreichen Fällen ihre alten Positionen wieder einnehmen, soweit sie die Regierung in Ankara nicht anderweitig besetzt hatte. Wegen ihrer Rolle in der Rebellion und der erfolgreichen Rückkehr waren sie sogar höher angesehen als vor der Verbannung. Offen gesagt, nahmen mehrere verbannte Führer Sitze im Parlament ein, wo sie, indem sie mit der türkischen Bürokratie kollaborierten, in die Lage kamen, ihre eigenen ökonomischen Interessen, sehr zum Schaden der Entwicklung der östlichen Türkei, zu vertreten. Als Gegenleistung für den Schutz ihrer ökonomischen Interessen waren die kurdischen Führer zur Kollaboration mit dem Angriff der Türkischen Nationalversammlung auf die kurdische Sprache und Kultur bereit. Darüber hinaus arbeiteten sie, so Besikci, zwecks Schutzes ihrer ökonomischen Interessen mit ökonomischen und geschäftlichen Kreisen des entwickelten westlichen Anatoliens zusammen. Vieles von den Erträgen, von dem Kapital und den Anlagen des Ostens wurde genutzt, um die Entwicklung des Westens zu erleichtern. Diese Entwicklungen trugen bei zu einer steigenden wirtschaftlichen Ungleichheit zwischen der östlichen und der westlichen Türkei und zu einer Situation, in der die Kurden zunehmend bereit waren, Ankara die Schuld für alle ihre Probleme zuzuschieben. Dieses neuen Arrangement durchtränkte die türkisch-kurdischen Beziehungen mit ethnischen (irkcilik) Untertönen. Die gewaltsame Durchsetzung nationalistischer türkischen Parolen und Symbole vollendete die Entfremdung und konnte durch Ankaras Assimilationsversuche nicht verhindert werden. In der Folge schienen nur noch Argumente, die sich entlang kommunistischer, marxistischer oder ideologischer Klassenlinien präsentierten, in der Lage zu sein, den Graben zwischen Kurden und Türken zu überbrücken. 

Unterdrückung der ersten türkischen Oppositlonspartei 

Eine der auffälligsten Folgen des Aufstandes war die Unterdrückung der ersten Oppositionspartei, die in der türkischen Republik gebildet wurde: der Progressiven Partei (Terakkiperver Cumhuriyet Firkasi).  Die Progressive Partei war am 1 7. November 1924 von Refet (Bele) Pascha, Hüseyin Rauf (Orbay), Ah Fuad Pascha (Cebesoy), Adnan (Adivar), Ismail Canbulat und Kazim Karabekir gegründet worden. 

Diese Männer zählten zu den Anhängern der nationalen Idee und spielten eine wichtige Rolle bei der Gründung der Republik. Sie kamen jedoch mit Kemal in Konflikt, als kurz nach der Republikgründung klar wurde, dass er das Land selber regieren wollte. Die Entstehung und Zerschlagung der Progressiven Partei ist ein Beispiel der häufigen Zusammenstöße zwischen starken Persönlichkeiten, welche diese Periode der türkischen Geschichte charakterisierte. 

Hiervon abgesehen setzten die Führer der Progressiven Partei der drastischen Natur von Kemals Reformen, besonders bezüglich der Religion, Wiederstand entgegen. Laut Kemal Karpat zollte, wie auch immer der beschworene Liberalismus der Progressiven Partei zu werten war, einer ihrer Satzungsartikel der Religion Respekt und ,,zielte besonders auf den Schutz der Religion gegenüber dem Eingriff der Regierung, wo säkuläre Sichtweisen schon zu manifest waren." 

Die Progressiven gingen davon aus, dass dauerhafte Reformen nur allmählich und in Übereinstimmung mit den Forderungen des Volkes zustand gebracht werden konnten. 
Gleich zu Beginn strebte die Progressive Partei nach Begrenzung der Macht von Mustafa Kemal. Dabei war kein Gedanke daran, ihn durch einen anderen Regierungschef zu ersetzen. Die Partei beabsichtigte sogar zunächst nicht einmal, ihre eigenen Kandidaten für offene Posten auszuwählen, sondern suchte unabhängige Kandidaten. 

Jedenfalls rief sie in Istanbul und mehreren Provinzstädten Organisationen ins Leben, in der Vorwegnahme von Plänen, Kandidaten anzubieten. Anders als die Volkspartei hatte die Progressive Partei ein geschriebenes Programm sowie eine Parteisatzung, die festlegte, dass die Partei sich gegen Autokratie und Einschränkung individueller Freiheit einsetzen sollte. Wie bereits erwähnt, war ein ganzer Artikel dem Respekt und Schutz des religiösen Glaubens gewidmet. 

Andere Aspekte des Programms der Fortschrittspartei unterschieden sich wesentlich von der Volkspartei. An vorderer Stelle war die Forderung, dass der Präsident sich nach seiner Wahl von Parteipolitik lösen solle. Nur ein Mandat des Volkes sollte eine Verfassungsänderung legitimieren dürfen. Direkte Wahlen sollten durchgeführt werden, um dem Volk die Demokratie nahezubringen. Richter sollten unabsetzbar und das Recht die Grundlage sein, auf der die Entscheidungen getroffen würden. Andere Ziele waren nach dem Programm Pressefreiheit und Dezentralisation der Verwaltung. 

Die Gründe für die Bildung der Progressiven Partei waren eng verbunden mit dem Wunsch Mustafa Kemals nach einer ,,kontrollierten" Opposition, von welcher er hoffte, sie würde mehr Leben und Substanz in den politischen Prozess der Großen Nationalversammlung hineinbringen. Er fühlte sich als Führer der Volkspartei jedoch verpflichtet, die Progressiven und ihre Führer zu kritisieren. Während Kemals Kritik ausgewogen war, war die der Führung der Volkspartei scharf. Trotz heftiger Kontroverse mit letzterer erreichten die Progrossiven ihren Erzfeind Ismet Pascha durch Ah Fethi Bey (Okyar) zu ersetzen, einem Freund Mustafa Kemals aus Kindertagen, ein Liberaler mit einem unabhängigem Verstand. 

So war die Situation, als Scheich Said sein Gefolge in den Aufstand führte. Als die Nachricht über den Aufstand Ankara erreichte, wurde die Position der Progressiven unhaltbar. 

Mustafa Kemal zögerte nicht den Progressiven, insbesondere den Parteigründern, die Schuld für die Erhebung zu geben. Nach Weiker soll, als Saids Rebellion ausbrach, ein Ereignis, das unmittelbar der Existenz der neuen konservativen progressiven Partei und ihrer wachsenden Popularität sowohl in der Istanbuler Presse als auch generell unter anti-kemalistischen Kräftenzugeschneben wurde, Kemal den Ah Fethi Bey losgeschickt haben, um die Führer der Progressiven Partei zu treffen und zu überzeugen, ihre Partei aufzulösen. Während Said die Errichtung eines unabhängigen Kurdistans und die WiederhersteIlung des Kalifats als Hauptziel proklamierte, war die Rebellion auch eine Reaktion auf die Absicht der Regierung, die Macht der Feudalherrn (agas oder derebeys) zu brechen, indem sie ihre Amtsgewalt auf die landwirtschaftlichen Gebiete des Ostens ausdehnte. Die Führer der progressiven Partei verurteilten die Rebellion und kündeten ihre volle Unterstützung für die Schritte der Regierung an, einschließlich der Entsendung von 16 000 Truppen gegen die Rebellen. Dennoch drängte die Mehrheit der Abgeordneten in der Nationalversammlung auf Maßnahmen gegen die Progresstve Partei, deren bloße Existenz, vom Programm abgesehen, nach ihrem Empfinden direkt zu der Rebellion beitrug. Am 3. März ernannte Kemal Ismet Pascha zum Premierminister. Am 4. März wurde ein strenges Anti-Aufstands-Gesetz bzw. Gesetz zur Aufrechterhaltung der Öffentlichen Ordnung (Takrin Sükun) mit großer Mehrheit angenommen. Es wurde das Kriegsrecht verhängt. Diese Abstimmung besiegelte das Schicksal der Progressiven Partei. Die Unabhängigkeitstribunale, Gerichte, die 1920 während des Unabhängigkeitskrieges eingerichtet und mit höchster Amtsgewalt versehen worden waren, wurden wieder belebt. 

Die Rebellion wurde bald niedergeschlagen; mit den Aufständischen und ihren Unterstützern oder angeblichen Unterstützern, einschließlich einiger Zeitungen, wurde mit aller Strenge umgegangen. Anschließend ging die Regierung mit Hilfe der Unabhängkeitstribunale gegen die Mitglieder der Progressiven Partei vor, denen Zusammenarbeit mit Scheich Said vorgeworfen wurde. Die Anklage basierte weitgehend auf den Kontakten, die Kazim, als er während des Unabhängigkeitskrieges Unterstützung für Kemal in den östlichen Provinzen organisierte, zu den Kurden hatte. Ohne Nachweis behauptet Weiker, dass ,,zweifellos einige unbedeutendere Parteimitglieder mit den Kurden sympathisierten und sie ermutigen, obwohl dies niemals haben nachgewiesen werden können." Den gleichen Vorwurf erwähnt Irgan Orga. In den für diesen Artikel herangezogenen Quellen wird keine solche Verbindung erwähnt, und die Information in den Quellen, die sich auf eine Zusammenarbeit beziehen, ist vage und beruht auf Hörensagen. 

Die Zerschlagung der Progressiven Partei beendete damals Kemal als ,,Experiment', eine kontrollierte innere Opposition zu haben, was ironischerweise äußere Opposition ermutigt hatte. Die Türkei wurde wieder ohne Wenn und Aber ein rigider Ein-Parteien-Staat. Als Folge davon wurde es für Kemal schwieriger sein Regime bzw. seine Absichten als demokratisch hinzustellen. 

Ein Wendepunkt in der Türkei zugunsten der militärischen Lösung politischer Konflikte und seine verhängnisvollen Auswirkungen 

Ein anderes wichtiges Ergebnis des Aufstandes war, dass Kemal und die Große Nationalversammlung erklärten, dass militärisches Personal im aktiven Dienst keine Parlamentssitze einnehmen dürfe. Diese Entscheidung markierte den Beginn eines erfolglosen Politikversuches, die Rolle des Militärs in der Politik zu verringern. Eine andere bedeutende Frucht der Rebellion war das Gesetz zur Aufrechterhaltung der Öffentlichen Ordnung, das nach den Worten von Karpat als der ,,Beginn einer neuen Phase in der Geschichte der Republik" angesehen werden kann. Seitdem handelte die Regierung aus einer Position der Härte heraus mit der realen Möglichkeit, das Militärapparat einzusetzen, um auszurotten, was als innere Bedrohung oder Rebellion, wie die von Scheich Said, möglichen äußeren Widerhall haben könnte.

Die Regierung verfolgte diese Politik trotz ihrer Versuche, die politische Rolle des Militärs zu begrenzen. Die kemalistische Regierung hatte die Rebellion des kurdischen Führers Mahmut im Nordirak 192324 und die Aktivitäten des kurdischen Rebellen Simko in Persisch-Kurdistan 1920-21 vor Augen. Die Liquidierung der Progressiven Partei durch Maßnahmen, die in dem Gesetz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung angelegt waren, stärkte den Trend, politische Opposition, die sich in politischen Parteien ausdrückte, durch Militärgewalt zu zermalmen. Diese Entwicklung vernichtete die Möglichkeit zu einem irgendwie bedeutsamen Dialog hinsichtlich des richtigen ökonomischen Weges für die Türkei: ob nun die Regierung die Industrie kontrollieren sollte, wie in dem Wort "Etatismus" ausgedrückt wird oder eine Ökonomie dem privaten Sektor größeren Freiraum geben sollte. Als Kemal 1930 sein zweites Experiment mit kontrollierter Opposition durch Bildung der Freien (Serbest) Partei begann, war sein Hauptziel, die Debatte besonders im ökonomischen Bereich anzuregen, um die Wirtschaftspolitik der Regierung voranzutreiben. 

Die angeführten Handlungen der Regierung bestimmten, dass die politischen Entwicklungen in der Türkei nach 1925 anhand starker ideologischer Fronten stattfanden, was die politische Spannung erhöhte. Zwar kann nicht gesagt werden, dass die Konsequenzen der Rebellion von 1925 direkt zur nachfolgenden politischen Instabilität beitrugen, aber sie scheint doch eine entscheidende Rolle gespielt zu haben für die herbeigeführten Maßnahmen, welche ideologische Spannungen hervorriefen. Hier haben wir ein klassisches Beispiel dafür, wie die Reaktion eines nicht-institutionalisierten entwickelten Nationalismus (bezüglich der Türkischen Republik und Kemals Reformen von 1923-25) gegenüber einem beginnenden Nationalismus negative Effekte auf die politischen Institutionen des ersteren hervorrief, abgesehen von der Tatsache, dass nach 1925 die Reformen weiter getrieben wurden, als die zugrunde liegenden Reformen von 1923/24. Insofern Scheich Saids Rebellion Katalysator für die Beschleunigung von Reformen war, kann man sagen, dass die Rebellion in beträchtlichem Maße die kemalistischen Reformen und somit den türkischen Nationalismus konsolidierte. Aber sie zwang auch die Opposition sich in einem größeren Ausmaß mit der Reformen zu identifizieren, als sie vielleicht gewollt hat. 

Wer es nicht tat, konnte als Verräter gebrandmarkt werden, in dem Sinne, da das Wort die Verbindung zu einer Gruppe umfasst, die nicht als Teil des nationalistische Bereichs angesehen wurde. Die Unterdrückung der Rebellion trug dazu bei den beginnenden kurdischen Nationalismus zu artikulieren, kurdische Unzufriedenheit und kurdische Opposition gegenüber der türkischen Regierung anschwellen zu lassen. Der zahlenmäßig starke Einsatz der türkischen Armee scheint die kurdische separatistische Einstellung verstärkt zu haben. In den Erhebungen von Zeylan (1930) und Agri (1926-1932) wurden ausgiebig nationalistische Parolen gebraucht. 

Das Scheitern der Regierung von Ankara, bedeutende Schritte zu ergreifen, um die Ursachen der Unruhe auszugleichen, wenn nicht auszuräumen, besonders ökonomisch und politisch, sorgte für die fortdauernde Existenz gefährlicher Opposition gegenüber der Republik. Um Ruhe und Ordnung sicherzustellen, arbeitete die türkische Regierung mit solchen wirklich feudalen kurdischen Führern, ähnlich Scheich Said, zusammen, was wiederum die Unterentwicklung der östlichen Gebiete sicherte und ironischerweise die Entfremdung zwischen beiden Nationalitäten anwachsen ließ.

Quelle:
Robert W. Olson und William F. Tucker 

Publiziert am: Mittwoch, 28. Dezember 2011 (4179 mal gelesen)

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