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Scheich Mahmud Barzinji

Kurdische Aufstände

Das Fehlen eines kurdischen Staatsgebildes im Zeitalter der sogenannten Nationalstaaten läßt sich nicht bloß an der Struktur des kurdischen Volkes bzw. der geopolitischen Lage Kurdistans und/oder dem Nichtvorhandensein eines historischen Staates Kurdistan erklären. Vielmehr muß man den einschneidenden Ereignissen des Ersten Weltkrieges auf den Grund gehen. Die bekannteste Kultfigur, die diese Idee energisch vertrat, war Scheich Mahmud Barzinji, der genau vor vierzig Jahren starb. Dessen Andenken wird bis zur heutigen Zeit von den Kurden in Ehren gehalten.
Als Sohn einer der bekanntesten Scheich-Dynastien in Südkurdistan erblickte Scheich Mahmud im Jahre 1881 das Licht der Welt in der Stadt Suleymaniya, der ehemaligen Hauptstadt der Baban-Emirate, die um die Mitte des letzten Jahrhunderts durch die Osmanen gewaltsam unterworfen wurde. Scheich Mahmuds Dynastie hatte zuvor im 17. Jahrhundert einen internationalen Ruf als die einer Familie von Gelehrten erworben und repräsentierte die geistliche Führung der Region. Der religiöse bzw. politische Werdegang Scheich Mahmuds nahm bereits 1909 seinen Lauf: Nachdem sein 85 Jahre alter Vater und sein älterer Bruder in Mossul von einer aufgeputschten Masse ermordet worden waren, wurde er zusammen mit seinem jüngeren Bruder von den osmanischen Behörden festgenommen. Dieses Geschehen trieb das Land an den Rand des Aufruhrs, worauf die Osmanen mit seiner Freilassung reagierten. Er kehrte in seinen Heimatort zurück und wurde dort ehrenhaft empfangen. Seitdem war Scheich Mahmud in Südkurdistan eine bekannte und populäre Figur, der die Bevölkerung großen Respekt entgegenbrachte. Einige haben dieses Kurdenoberhaupt als ,,geistlicher sowie weltlicher Führer, amüsanter Plauderer, schlagfertig, vertraut mit der Literatur und Dichtung" charakterisiert. (Basri 1991:42)

Scheich Mahmud spielte während des Ersten Weltkriegs eine wichtige Rolle bei der Vertreibung der Russen über die iranische Grenze hinaus. Dennoch zeichnete sich eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihm und seinen Verbündeten, den Osmanen, ab, als diese einige seiner Gefolgsleute unter der Anschuldigung der ,,Plünderung" erschossen. Diese undankbare Haltung der Osmanen veranlaßte Scheich Mahmud, dem Reich gegenüber einen neuen Kurs einzuschlagen. Aktiv und voll Elan führte er nun seine Pläne durch. Der Fortgang dieser Pläne sind die wichtigsten Augenblicke in der schmerzlichen Geschichte der Kurden. Im Rahmen dieses Beitrags ist leider nur eine knappe Darstellung der damaligen Ereignisse möglich.

Mit sicherem Gespür für die Gunst der Stunde kam Scheich Mahmud nach der Okkupation der Stadt Kirkuk im April 1918 durch die britischen Streitkräfte mit den kurdischen Notabeln und Stammeshäuptunge des Gebietes in der Stadt Suleymaniya zusammen. Auf diesem Treffen wurde entschieden, eine provisorische kurdische Regierung unter britischem Protektorat zu bilden. Damit war ein gigantischer Schritt auf dem Weg zu einem Kurdenstaat gemacht. Scheich Mahmud suchte nun die Unterstützung Großbritanniens und bat die damalige Weltmacht in einem Brief herzlich, ,,Kurdistan von der Liste der zu befreienden Völker nicht auszunehmen." (Review of the Clvii Administration of Mesopotamia 1920:59)

Großbritannien kam ihm entgegen. Der britische Gesandte Noel gab in Suleymaniya bekannt, daß sein Land Scheich Mahmud zum Gouverneur, zum kurdischen ,Hukumdar', des Distrikts ernannt habe. An diesem Tag wurde Scheich Mahmuds Amt von den örtlichen NotabeIn, Stammesführern der Region und der Bevölkerung gehuldigt. Es wurde außerdem vereinbart, daß Noel auch in anderen kurdischen Gebieten entsprechende Maßnahmen für deren Anschluß an das neue Kurdistan treffen werde. Nicht nur für die Engländer, die nun ohne militärische Operationen eine große Provinz indirekt beherrschen konnten, war diese Verständigung mit den Kurden von Bedeutung, sondern auch für die Kurden. Die türkischen Kriegsmaßnahmen hatten in Suleymaniya Spuren der Not hinterlassen. Wirksame britische Hilfe linderte diese Notlage immens. In Südkurdistan funktionierte die britisch-kurdische Verwaltung solange erfolgreich, wie das gegebene Gleichgewicht konstant blieb und es zu keinen Intrigen kam.

Scheich Mahmuds Einfluß erstreckte sich jedoch schnell bis zu den Kleinstädten Raniya und Rawanduz im Nordwesten des Landes. Auch kurdische Stämme aus dem iranischen Teil von Kurdistan hatten sich seiner Führung anvertraut. Die Ausdehnung der Einflußsphäre Scheich Mahmuds konnte sich unglücklicherweise keineswegs im Einklang mit den seit Mai 1919 beschlossenen englischen Plänen befinden, lediglich eine autonome Kurdenregion innerhalb des mesopotamischen Staates Irak zu schaffen, also keinen souveränen Staat, worauf Scheich Mahmud abzielte. Mit anderen Worten, die Ziele Großbritanniens und Scheich Mahmuds gingen nicht konform. Die Spannung zwischen ihnen wuchs seitdem kontinuierlich.

Aus britischer Sicht war die erzielte Kooperation mit den Kurden lediglich eine Handlung auf Abruf und keine langfristige Entscheidung, denn die schweren Kriegsfolgen hatten stark an Großbritanniens Kräften gezehrt, so daß sie entgegen ihrem Wunsch Südkurdistan militärisch nicht vollständig besetzen konnte. Ausschlaggebend war die Haltung des Scheichs, der sich nicht an alle Bestimmungen der Briten hielt und sich weigerte, als bloßer Untertan nur englische Befehle auszuführen. Unter diesen Umständen dürfte es kaum überraschen, daß die Engländer anfingen, Komplotte zu schmieden, um Scheich Mahmuds ständig wachsendem Einfluß schrittweise Einhalt zu gebieten. Zu diesem Zweck führten sie als erstes einen Personalwechsel durch der willensstarke Major Soane, der für seinen Haß auf Scheich Mahmud bekannt war und fließend kurdisch sprach, trat als Berater an die Stelle von Major Noel. Darüber hinaus unterstützten sie nach dem Prinzip teile und herrsche verstärkt die Rivalen des Kurdenführers. Durch solche Maßnahmen wurde das frostige Klima noch eisiger.

Zwei weitere Faktoren verschlechterten das Verhältnis zwischen den Engländern und den Einheimischen immens: Die außerondentlich hohen Steuern belasteten alle Schichten der Gesellschaft. Im Vergleich zur Zeit der Osmanen hatten sie sich fast verdoppelt. Hinzu kam die massive und übertriebene Propaganda der protürkischen Kreise, die unter den Kurden ein Horrorbild von den Briten und den Christen zeichneten.

In dieser Atmosphäre des Mißtrauens zeichnete sich eine gravierende Eskalation ab, als Scheich Mahmud sich gezwungen sah, auf eigene Faust seine Ziele zu verwirklichen. Am 21. Mai gelang es seinem Verbündeten, Mahmud Khani Dizli, mit einer sorgfältig geplanten Aktion die Stadt Suleymaniya militärisch zu besetzen. Darüber hinaus ließ Scheich Mahmud eine Flagge mit einem Mond auf grünem Untergrund aufziehen, eigene Briefmarken drucken etc. DieserVorfall ist von historischer Bedeutung: Es wurde praktisch der erste Staat auf den Trümmern des asiatischen Teils des zusammengebrochenen Osmanischen Reiches gegründet.

Daß diese Erhebung mehr als eine lokale Erhebung war, geht aus einem 1931 erschienenen Buch des damahgen britischen Hochkommissars, Sir Arnold Wilson, mit dem Titel A Clash of Loyalties hervor:
,,[...] die Erhebung breitete sich jenseits des persischen Territorium aus, und mehrere Stämme erhoben sich gegen die Regierung Persiens, erklärten sich als Panisanen von Scheich Mahmud und für seinen Plan für ein Vereinigtes Freies Kurdistan." (S.137).

Das Kurdenoberhaupt suchte ebenfalls seine Position militärisch zu festigen. Eine Person, die ungestraft zu solchen Entscheidungen und Vorgehensweisen imstande war, konnte den Engländern, die vitale Interessen in Kurdistan hatten, nicht recht sein. Unverzüglich reagierten sie mit einer überraschenden Großoffensive, deren entscheidende Schlacht am 19. Juni 1919 am Paß von Baziyan stattfand. In dieser Schlacht wurde Scheich Mahmud, der wie gewöhnlich persönlich am Kampfteilnahm, schwerverwundet hinter einem großen Felsen festgenommen. Seitdem wird der Fels Barde Qaraman, ,der tapfere Stein', genannt.

Das Ende der ersten Erhebung Scheich Mahmuds kam tatsächlich unerwartet, und wie ein Schlag. Der Malik (König), wie die Kurden ihn nannten, verkalkulierte sich bei seinem Krieg gegen die kriegserfahrenen Briten. Was er nicht in seine Erwägung einbezogen hatte, trat ein: Die englischen Streitkräfte starteten ihre Offensive nicht durch den einzigen Paß von Baziyan, wie Scheich Mahmud erwartete, sondern überquerten vor Tagesanbruch das unwegsame KaradagGebirge und griffen die völlig überraschten Kurden von hinten an.

Der festgenommene Scheich wurde vor ein Militärgericht gestellt, das er allerdings nicht anerkannte. Wilson schildert anhand einer Begebenheit zwischen ihm und Scheich Mahmud, wie dieser seine politische Position durch Zitate der Freiheitsversprechungen der Siegermächte des Ersten Weltkrieges erklärt habe: ,,Ich hatte ihn im Krankenhaus gesehen", erzählt Wilson, als er mit prächtigen Gesten die Kompetenz jedes militärischen Gerichts abwies, ihn zu verurteilen. Er zitierte mir den zwölften Punkt von Präsident Wilson, sowie die anglo-französische Deklaration vom 8. November 1918. Deren Übersetzung im Kurdischen war auf dem Vorsatzpapier eines Korans geschrieben, das wie ein Talisman an seinem Arm festangeschnallt war." (Wilson 1931:139)

Das Militärgericht verurteilte Scheich Mahmud trotzdem zum Tode. Das Urteil wurde aber nicht vollzogen, sondern kurze Zeit später in zehn Jahre Haft umgewandelt. Wilson, eine der bekanntesten Vertechter der Eingliederung Südkurdistans in den Irak, opponierte offiziell gegen diese Urteilsänderung mit der Begründung: ,,Solange Scheich Mahmud lebt, leben seine Anhänger in Südkurdistan in der Hoffnung, und seine Feinde in Angst vor seiner eventuellen Rückkehr; sein Tod würde mehr als jeder andere einzelne Faktor zur Wiederherstellung der Ruhe beitragen." (Wilson 1931:139)

Die Hoffnung auf Ruhe und Frieden durch die Verbannung Scheich Mahmuds auf die indische Andaman-Insel im Indischen Ozean erfüllte sich jedoch in Südkurdistan 191920 nicht. Im Gegenteil, es mehrten sich die Zeichen neuer Unruhen und lokaler Aufstände traditioneller Art in verschiedenen Teilen Kurdistans, die zwar getrennt voneinander stattfanden, aber gleiche Hintergründe hatten: Sie waren oft Ausdruck der Unzufriedenheit der Einheimischen mit den Engländern, richteten sich genauer gesagt gegen jede aufgezwungene Fremdherrschaft, die verstärkt durch die Einführung des direkten Herrschaffssystems nach der erwähnten gescheiterten Erhebung in Erscheinung trat. Dieses System provozierte die Stämme, die in ihrer jüngeren Geschichte fast nie einer Staatsautorität unterstellt waren.

Offensichtlich hielten sich die Briten Scheich Mahmud als Geisel für den Fall, daß sie ihn doch einmal brauchen sollten. Denn die englische Kurdistan-Politik war in dieser Zeit unentschlossen und wirkte weitgehend diffus. Unter diesen schwer durchschaubaren Verhältnissen trugen die Bemühungen Scheich Mahmuds reiche Früchte. Dem britischen Hochkommissar in Bagdad wurde im Juli 1920 ein Memorandum, das die Unterschrift von allen 62 Stammeshäuptlmgen und Notabeln der Gebiete Suleymaniya, Erbil und Mossul trug, übergeben. In diesem Memorandum forderten die sich als Führer des kurdischen Volkes bezeichnendem Würdenträger die Gründung eines unabhängigen Staates Kurdistan unter britischem Protektorat gemäß den britischen Versprechungen während der Kriegszeit. Fernersahen die Unterzeichner dieses Memorandums die Ernennung von Repräsentanten des Volkes von Kurdistan für die Friedenskonferenz in Paris als notwendig an.

Die Briten befürchteten nach dem Kriegsende die Gefahr eines militärischen Einfalls der Türken in den noch nicht genügend gefestigten ,,Irak". Ihn hätten sie allein aus eigener militärischer Kraft nicht überstanden. Das war in einer Zeit, als sich das Land, wie bereits angedeutet, in offenem Aufruhr befand und die Türken Anspruch auf das Wilayet von Mossul erhoben, das ohne die arabisch besiedelte Jazira das ganze Südkurdistan umfaßte. Nachdem Großbritannien trotz des Einsatzes von Brandbomben die Unterwerfung der z.T. mit türkischer Unterstützung operierenden aufständischen kurdischen Stämme nicht erreichte, sah sich die damalige Weltmacht gezwungen, eine neue Politik zu verfolgen, um zumindest die antibritischen Kurden wieder im Zaum halten zu können. Viele Anhänger Scheich Mahmuds hatten auch in dieser Zeit den Engländern Petitionen für seine Rückkehr überreicht. Großbritannien erklärte schließlich unter Druck der militärischpolitischen Lage seine Zustimmung zur Rückkehr des Scheichs . Dieser positive Schritt erleichterte anscheinend nicht den Abbau des aufgebauten Mißtrauens, obgleich die Zeichen äußerlich günstig für die Verwirklichung der kurdischen Träume standen.

Die kurdische Flagge wurde in einer großen öffentlichen Feierstunde erneut gehißt. Am 30. September 1922 traf Scheich Mahmud in Suleymaniya ein und wurde in euphohscher Stimmung königlich empfangen. Am 10. Oktober 1922 bildete der zurückgekehrte Scheich als ,,Hukumdar or Ruler of Independent Kurdistan" (Herrscher des unabhängigen Kurdistan), wie Edmonds (Edmonds 1957:307) ihn nennt, ein achtköpfiges Kabinett. Kaum waren zwei Monate vergangen (18. November 1922), als Scheich Mahmud sich zum König von Kurdistan ernannte und den Anspruch auf alle kurdischen Städte erhob. Seinen Bemühungen aberwa ren nach wie vor große Schranken gesetzt. Der König von Kurdistan verbuchte keinen dauerhaffen Erfolg. Vor allem deshalb, weil die sichere Bürgschaft des Bestehens eines Königreiches Irak, das Großbritannien schaffen wollte, in der Eingliederung Südkurdistans lag. Höchstwahrscheinlich ahnte Scheich Mahmud diese Tatsache. Folglich setzte er weniger auf die Briten. Erschwerend kam die Frage der Kräffekonstellation hinzu. Nach der Rückkehr Scheich Mahmuds waren in Südkurdistan die Türken und nicht die Briten die einflußreichste Macht.

Die Anwesenheit der Engländer war zu dieser Zeit derartig begrenzt, daß die protürkischen Kreise weiter großen Einfluß hatten. Die drohenden Flugblätter der Türken wurden in vielen kurdischen Gebieten allerorten verteilt, genossen sie doch die Unterstützung einer Reihe von Stammeshäuptungen. Wahrscheinlich  traute  sich Scheich Mahmud deshalb nicht, gegen die Türken in die Offensive zu gehen. wie die Briten von ihm erwarteten bzw. verlangten.

Die Engländer handelten ebenfalls. In einem weiteren Versuch, die Unterstützung der Kurden gegen die Türken zu erlangen, gaben sie zusammen mit den Irakern ein Kommuniqu heraus, das zwar die Rechte der Kurden auf die Gründung einer kurdischen Regierung innerhalb des lraks anerkannte. Es wurde jedoch bekräftigt, daß Südkurdistan Teil des Irak sei. Bei den Verhandlungen zwischen Scheich Mahmud und den Briten gelang fast nie eine Annäherung der Standpunkte. Konsequenterweise wandte sich der Scheich im Geheimen auch an die Türken sowie an die Russen in der Hoffnung, die notwendige Unterstützung von ihnen zu erhalten. Faktisch blieb er aber in Kontakt mit den Briten. Er ließ offensichtlich kein Mittel unversucht.

Die Spannungen wuchsen mit dem britischen Ultimatum vom 21. Februar 1923, wonach Scheich Mahmud sich innerhalb von fünf Tagen zusammen mit seiner Verwaltung den Engländern ergeben sollte. Vergeblich forderte der Kurdenchef mehr Zeit und verlangte weitere Erklärungen. Er brachte allerdings den Zusicherungen der Engländer kein Vertrauen entgegen, ihn achtungsvoll zu behandeln, wenn er dem Ultimatum nachkomme. Britische Flugzeuge bombardierten Suleymaniya am 3. März 1923.

Mitte Mai 1923 gelang es den Briten, Suleymaniya, die Hauptstadt des kurdischen ,Königreichs',ohne Widerstand zu besetzen. Im Juni wurde sie allerdings erneut von Scheich Mahmuds Armee, die den Namen Nationale Armee Kurdistans trug und unter dem Kommando von Majid Mustafa stand, eingenommen.

Nach der Rückeroberung Suleymaniyas durch die Nationale Armee Kurdistans ignorierte Scheich Mahmud die Mahnungen der Engländer. Sein Hauptquartier in Suleymaniya, so berichtet Edmonds (Edmonds 1957:350), wurde am 16. August 1923 mit den zum ersten Mal eingesetzten 220 Pfund schweren britischen Bomben bombardiert. Die Vorgänge nahmen erschreckende Ausmaßean. Scheich Mahmud mußtes eitdem durch die Koordination der britischen und irakischen Bodenoffensive mit verstärkten Angriffen durch die Royal Air Force (RAF), vor allem im Dezember 1923 und Mai 1924, eine Kette von Niederlagen einstecken. Infolgedessen versuchte er noch intensiver auf Verhandlungen mit Großbritannien zu setzen.

Daß all seine friedlichen Bemühungen erfolglos blieben, ist eindeutig auf die starre Haltung und das Desinteresse der Engländer zurückzuführen, denen es gelungen war, das gesamte Kurdistan unter ihre Kontrolle zu bringen, und Suleymaniya, die Hochburg des nationalistischen kurdischen Widerstandes, am 19. Juli 1924 als irakische Provinz zu behaupten. Scheich Mahmuds Aktivitäten setzten sich auch in den Jahren 192526, also nach der Entscheidung des Völkerbundes, Mossul dem Irak zu zusprechen, in Südkurdistan und den grenznahen Gebieten zum Iran fort. Die Engländer mit ihren irakischen Verbündeten blieben und berieten oft unter Einbeziehung der iranischen Regierung über ihn, ohne ihm jedoch endgültig ein Ende bereiten zu können. Der Verhandlungsspielraum Scheich Mahmuds wurde immer enger. Erwähnenswert ist, daß Scheich Mahmud die erste Person im Irak war, auf dessen Tod und/oder Festnahme offiziell von den höchsten Gremien des Landes eine gewaltige Summe ausgesetzt wurde. Scheich Mahmud stellte bei den Verhandlungen immer wieder die Forderung, daß Großbritannien seine Versprechen gegenüber dem Völkerbund in Hinblick auf die kurdischen Forderungen und ihre legitimen politischen Rechte einlöse. Großbritannien verneinte permanent die Existenz solcher Rechte und erwiderte, daß der Völkerbund sich nicht für ein unabhängiges Kurdistan ausgesprochen habe. Erhabe lediglich festgelegt, daß Rücksicht darauf zu nehmen sei, daß die Beamten in Kurdistan Kurden sein sollen und Kurdisch die offizielle Sprache werde, was schon geschehen war.

Die militärische Unterlegenheit der kurdischen Seite brachte Scheich Mahmuds Bewegung in ausweglose Bedrängnis. Einmal verlangte er, ihm mindestens den Distrikt von Panjwin als Residenz für den Aufenthalt solcher Leute zu gewähren, die sich, wie er, für die kurdische Sache engagieren, Am 23. April 1927 kam es dort zu militärischen Gefechten zwischen den irakischen und britischen Streitkräften unterstützt von der RAF und Scheich Mahmuds Kämpfern, wo der Kurdenführer seine ,entscheidende Niederlage' durch den Verlust dieser Kleinstadt an der irakischiranischen Grenze erlitt. Mit dem Verlust Panjwins verlor er sein letztes Druckmittel. Spätestens seit diesem Zeitpunkt befand sich sein Stern im Sinken. Mine 1927 blieb ihm nichts anderes übrig, als sich den Behörden zu ergeben. Im Gewehrfeuervon Großbritannien und Irak zerplatzte letztendlich der Traum vom Königreich Kurdistan.

Doch die Gefahr der politischen Eskalation war keineswegs mit dem Ende der Bewegung Scheich Mahmuds gebannt, besonders als sich das britische Mandat über den Irak fristgerecht seinem Ende näherte. Gerade aus diesem Grund weiteten sich die Unruhen der Kurden außerordentlich aus. Sie fürchteten einen unabhängigen arabischen Staat, der ihre Rechte und Interessen nicht respektieren würde. Der Zweifel der Kurden war nicht durch die verschiedenen Versprechungen Großbritanniens auszuräumen. Die Kurden brachten ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck, indem sie versuchten, die bevorstehenden Parlamentswahlen zu boykottieren. Aus diesem Versuch entwikkelte sich am 6. September 1930 ein Volksaufstand in Suleymaniya, der blutig durch irakische Truppen und Polizei niedergeschlagen wurde. Infolge dieser Unterdrückung versuchte Scheich Mahmud, wieder auf die politische Bühne zurückzukehren. Seinerseits fordere ererneut die Mandatsmacht auf, eine kurdische Regierung von Zakho bis Chanaqin, also die natürlichen Grenen des heutigen Irakisch-Kurdistans, unter der Mandatsherrschaft des Völkerbundes zu installieren. Als Konsequenz flackerten die Kämpfe in den östlichen Teilen des Distrikts Suleymaiya, in Panjwin, wieder auf. Anders als bei seinen vorangegangenen Erhebungen konnte er dieses Mal nur mit einer ca. 200 Mann starken Truppe kämpfen. Nach heftigen Gefechten in Aui Barika am 5. April 1931 zogen sich die aufständischen Kurden am 20. des gleichen Monats über die iranische Grenze zurück, wo sie auch vom Iran unter Druck gesetzt wurden, Diese Bewegung geriet verstärkt in eine perspektivlose Situation, was eigentlich den Untergang der Ära Scheich Mahmuds bedeutete.

Der ewig friedlose Irak blieb nicht verschont von den Einflüssen und Folgen des Zweiten Weltkrieges. Ein Putschversuch prodeutscher irakischer Offiziere zwang Großbritannien, den Irak Mitte 1941 erneut zu besetzen. Diese Vorfälle ließen Scheich Mahmud, der in dieser Zeit in Bagdad unter Hausarrest stand, die kurdischen Forderungen erneut erheben. Obgleich die Regierung einen Ausnahmezustand über Suleymaniya verhängte, vermied Scheich Mahmud nach Beratungen der politischen und militärischen Lage mit der Führung der HiwaPartei zusammen mit einer Anzahl von Stammesführern der Region, mit militärischen Mitteln für die kurdische Sache zu kämpfen. Auf Drängen des britischen Beraters Edmonds im irakischen Innenministerium, nahm Bagdad Gespräche mit Scheich Mahmud auf, die in ihren Tendenzen und Oualität einer Privatverhandlung entsprachen. Scheich Mahmuds allerletzter und verzweifelter Versuch, die Forderungen der Kurden auf völlig friedlichem Wege durchzusetzen, endete im August 1941 ohne erwähnenswerte Ergebnisse.
 
In den Morgenstunden vom Dienstag, dem 9. Oktober 1956, starb Scheich Mahmud im Haidary-Krankenhaus in der irakischen Hauptstadt Bagdad.
Die Nachricht seines Todes breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Seine Beerdigung, die sich rasch zu einem nationalen Ereignis entwickelte, war von Protesten und großen Demonstrationen begleitet. Zehntausende Menschen geleiteten ihn zur letzten Ruhe.

Scheich Mahmud Barzinjie erlebte glorreiche und glänzende Augenblicke, sowie Iangwierige, leidvolle und traurige Zeiten. Seine Bewegung begann in einem recht bewegten Abschnitt der Weltgeschichte, dem Ersten Weltkrieg. In jenen Tagen war die Geschichte dabei, ihren Klammergriff um das umzingelte Volk der Kurden zu lockern. Darum waren die Erwartungen und Hoffnungen auf seinen Erfolg groß, so groß wie die Enttäuschung und Verbitterung danach.

Quelle:
Awat Asad

Publiziert am: Mittwoch, 28. Dezember 2011 (3097 mal gelesen)

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